Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Montag, August 14, 2006

Die jüdische Linke heute

13.8.2006 – Die jüdische Linke heute

Die politische Linke der Juden in Israel und im Ausland hat ein Problem, das sie nicht zu lösen weiss. Mit Ausnahme einiger weniger, die mit ihrem mangelnden Sinn für Rationalität sogar die Realität von heute nicht begreifen wollen oder können, ist die grosse Mehrheit bisheriger friedensbewegter in eine Depression gefallen. Sie versteht die Welt nicht mehr und begreift, dass die ideologische Untermauerung ihres Gewissens und ihres Einsatzes neu überdacht werden muss. Ich zähle mich auch dazu.

Der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden, Wohlstand für alle, Gleichberechtigung der Geschlechter, der Religion und Volkszugehörigkeit sind Grundbedingungen friedlichen Zusammenlebens. Sich dafür einzusetzen zeigt Menschlichkeit und Sinn für Gerechtigkeit. Nur – wie für alles, das wir für die menschliche Gesellschaft unternehmen - braucht es einen Partner, der ähnlich denkt, ähnlich funktioniert und bereit ist uns zu akzeptieren. Das ist nicht immer der Fall und die Grundlage des westlichen Gutmenschentums, dass alle Menschen grundsätzlich identische Ansichten und Ansprüche besitzen, stellt sich als Fehleinschätzung heraus. So wie es uns in den letzten Jahren der Jihadismus lehrt. Gemerkt haben das allerdings noch lange nicht alle. Sie wollen warten, bis uns die Tatsache im Gesicht explodiert. Der Vergleich mit den bürgerlichen Idealen der dreissiger Jahre in Deutschland bietet sich an – Ideale, die den Nazis nichts entgegenzusetzen hatten.

Um was geht es? Hier ein Beispiel: Viele von uns Linken haben erkannt, dass die arabische Welt, besonders nach dem 11. September, sich geoutet hat. Die arabische Welt von heute identifiziert sich mit Bomben und Köpfungen, mit der demokratischen Wahl von Mordbanden wie Hamas und Hisb’allah, die paradoxerweise, das erste Prinzip einer Demokratie, nämlich die
Volkssouveränität als verfassungsrechtliches Prinzip ablehnen, denn die islamische Welt ist für sie eine Welt der Menschen als Objekte ihrer Religion. Es tut ebenso weh, seine Welt humanistischer Ideale zusammenbrechen zu sehen, als seine Naivität zu erkennen. Das kann plötzlich geschehen, ausgelöst wie durch den momentanen Krieg gegen die Hisb’allah, oder über längere Zeit hinweg, durch die fast täglichen Enttäuschungen mit der arabischen Welt und ihren hysterischen Massen.

Für politisch aufgeklärte Linke war Antisemitismus ein Ding des irren Rechtsextremismus. In unseren Tagen, Monaten und Jahren ist nun ein Antisemitismus entstanden, mit dem Jihadismus grossgeworden oder wieder erwacht – ob Zufall oder nicht – ein Teil der westlichen Welt hat sich davon anstecken lassen. Es ist uns klar geworden, dass nicht alle unserer Nachbarvölker das selbe Ideal in sich tragen, wie wir es uns fälschlicherweise mit Überzeugung vorgestellt hatten, nämlich ihre Gesellschaft verbessern und ihre Kinder erziehen, statt ihnen Bomben um den Leib zu binden.

Es ist uns klar geworden, dass in einer Region, in der Israel wohl Frieden mit Regierungen geschlossen hat, der aber von ihren Völkern nicht geteilt wird, es schon lange nicht mehr – wenn überhaupt jemals – es nicht um die Gleichung Land gegen Frieden geht, sondern um arabische Animosität, die zusammen mit einem gewissen spirituellen Niedergang in Israel (der Pionierstaat und seine Mentalität durch extremen Materialismus ersetzt), durch die Besatzung und die ununterbrochenen Angriffe durch negative Schlagzeilen uns in diese Situation geführt hat.

Israel ist heute durch diese Umstände ein Staat der Zyniker geworden. Ohne Nationalist oder gar ein Hurrapatriot zu sein, müssen wir uns eingestehen, dass sich die Einstellung der arabischen Welt um nichts geändert hat. Der Mittlere Osten ist nur für Araber. Punkt.

Politische Parteien wie Meretz, Friedensorganisationen wie „Frieden Jetzt“, Peaceniks der Arbeitspartei sind aufgewacht und stehen nicht mehr für Frieden um jeden Preis, auch dem der eigenen Selbstaufgabe. Juden in der Diaspora, ob Zionisten oder nicht, müssen sich mit der neuen, durch den Krieg in Gaza und im Libanon erkennbarer und klarer gewordenen Situation abfinden, sie akzeptieren und sich, statt den Kopf in den Sand zu stecken, damit auseinandersetzen. Die zwei katastrophalen Kriege in Gaza und im Libanon, der eine mit den Palästinensern, der andere gegen Iran, bietet immerhin die Chance das jüdische Volk zu vereinigen, Linke und Rechte einander näher zubringen und den wachsenden Zynismus, der das Leben in Israel gefährdet, zu unterbrechen. Das Land und besonders seine Bürger sollten wieder in den Mittelpunkt rücken und sich nicht in Ideologien, vom Faschismus bis zum Stalinismus und Religion, die sich nur mit sich selbst beschäftigen, verzetteln. Es sind diese Kreise, die sich – leider – besonders gut dem in unserer Region prävalenten autoritären, manchmal totalitären, Herrschaftsstil angepasst haben.

Wir müssen uns wieder auf uns selbst besinnen.