Tachles und verkehrte Welt 2
Gestern Nachmittag heulten in Zichron Ya’akov die Sirenen. Wenige Minuten später klingelte das Telefon – Said Abu-Shakra wollte wissen, ob wir in Ordnung seien. Scheich Nasrallah, der Welt prominentester Israelfan, habe soeben gesagt, die "Siedlung" Zichron Ya’akov sei von seinen Langstreckenraketen zum grössten Teil zerstört worden. (Nebenbei bemerkt, ist Zichron Ya'akov wesentlich älter als eine sehr grosse Zahl arabischer Dörfer und Städtchen in Israel). Hiermit teile ich offiziell mit, dass in unserer Stadt und ihrer näheren Umgebung keinerlei Raketen gesichtet worden sind. Später vernahm ich, eine Langstreckenrakete sei auf dem Weg zu seinem Ziel über dem Wasser der Bucht von Haifa explodiert. Neu an dem ganzen ist nur, dass wir nun „Siedler“ sind. In der Realität eines Judenhassers wie Nasrallah ist das nur logisch, denn jeder Jude in Israel ist für ihn ein „Siedler“, ob in Tel Aviv, Zichron Ya’akov, Jerusalem oder in der Westbank.
Im Tachles Newsletter fand ich heute unter dem Titel „Schweizer denken schlecht über Israel“ einen Bericht über das Ansehen Israels unter den Schweizern. Wir kommen da sehr schlecht weg. Was sind die Gründe dafür? Eine davon ist die professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Hisb’allah und ihr erfolgreiches Motivieren aller als Antiisraelismus getarnten antisemitischen Gesinnungen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese PR-Arbeit nicht auf fruchtbaren Boden fällt, eine Neigung zum Israelhass muss latent vorhanden sein. Hisb’allah hat zur Zeit die Palästinenser abgelöst, von denen man kaum noch spricht. Das Wissen über die Fakten des Libanonkrieges und ihre Manipulation sind, so denke wenigstens ich, inzwischen genügend bekannt, um von allen zur Kenntnis genommen zu werden. Es sei denn, man will einfach nicht.
Interessanter an dieser Umfrage und ihrem Resultat ist die Frage, wie Schweizer Juden damit umgehen werden. Wird es weiterhin alles ignorieren, diskret dicht den Wänden entlang gehen, um ja nicht aufzufallen und Gott behüte, keine Wellen zu verursachen? Oder wird es sich dieser Herausforderung stellen, denn auch nicht zionistische Juden (es soll einige geben) sind dazu aufgefordert, denn auch sie werden doppelter Loyalität bezichtigt, auch wenn ihnen das weh tut und sie alles unternehmen das Gegenteil zu demonstrieren. Alles schon da gewesen, besonders die Erfolglosigkeit dieses Benehmens. Es gibt sogar in Amerika schon prominente Juden, die das Ende des goldenen Zeitalters der Juden eingeläutet sehen, was mir jedoch stark übertrieben scheint.
Verkehrte Welt 2
Am 10.7.2006 widmete ich meinen Tagebucheintrag dem Titel „Verkehrte Welt“. Jetzt, nachdem der 8. Krieg (wie ihn die arabische Welt heute nennt) schon ein Monat alt ist, steht eine kleine Zusammenfassung an.
Es ist eher amüsant, statt ärgerlich oder traurig, mitzuverfolgen welche Purzelbäume amerikanischen und europäischen Medien machen um eine moralische Rechtfertigung der Hisb’allah für die momentane Krise zu fabrizieren. Alle sind sich zwar einig, dass die Ermordung und Entführung von Soldaten auf israelischem Territorium unzulässig sei. Doch dann werden auf verschlungenen Wegen moralische Prinzipien bemüht um zu beweisen, wie Israel eine Gräueltat nach der anderen vollbringt, während die Anstifter des Kriegs entschuldigt werden.
Akzeptiert ist, um das erst einmal festzustellen, dass eine Privatmiliz, deren erklärtes Ziel es ist ein benachbartes Land und UNO-Mitglied zu zerstören, die Grenze zu diesem Land überschritten hat und dessen Soldaten entführte und tötete. Es scheint mir wichtig zu sein, ebenso festzustellen, dass im Gegensatz zur PLO, Hisb’allah kein Volk unter Besetzung repräsentiert, sondern ausschliesslich eine Filiale iranischer Machtansprüche und Kriegstreiberei ist. Deshalb kann es keinen Anspruch auf irgendwelche legitime Ansprüche erheben.
Es ist wahr, dass Israels Verteidigungsmassnahmen im Libanon mehr zivile Opfer als Hisb’allahs Angriffe in Israel kosten. Wäre Hisb’allah in der Lage die Zahl seiner Opfer in Israel zu vergrössern, würde es dies liebend gerne tun. Israel versucht zwar, die Zahl libanesischer Opfer möglichst niedrig zu halten, aber es ist gar nicht klar, wie das, ausser mit abgeworfenen Flugblättern, die 24 Stunden vor der Aktion die Menschen auffordern ihre Häuser zu verlassen, zu tun ist.
Dann wird von israelfeindlichen Kreisen (die gar nicht hisb’allahfreundlich zu sein brauchen) vorgebracht, die armen Hisb’allahs hätten doch keine andere Wahl, als „nur“ Raketen nach Israel zu schicken, denn sie seien nicht mächtig genug mit schwererem Geschütz aufzufahren.
Gutmenschen, die Schuld überall suchen, ausser beim Täter, haben eine Anschauung entwickelt, die sich mit der Verarbeitung des pathologischen Hasses beschäftigen, der durch den 11.9. der Welt nahe gebracht worden ist. Der 11.9. war nur die bisher mächtigste Demonstration dieses Hasses, der sich schon seit Jahrzehnten entwickelt hat und sich weiter entwickeln wird. Nach dem Motto, wo Rauch ist muss auch Feuer sein, wird angenommen, dass für diesen allumfassenden psychotischen Hass auf alles jüdische und schlussendlich westliche es einen guten Grund geben muss. Jetzt, da sich Israel gegen diese Hasser verteidigt, wird vorgebracht, Israels machtvolle (aber nicht genügend machtvolle) Aktion werde diesen Hass noch weiter vergrössern. Damit wird die alte Leier angetönt: das Opfer ist schuld.
Womit wir wieder bei der „Verhältnismässigkeit“ der Mittel angekommen sind, dem Lieblingsthema des Schweizers grössten Staatsmännin, MCR. Womit für diesen Tag der Tagebuchschluss erreicht ist, denn mir geht der Laden runter.
Doch noch ein Nachtrag: Das inzwischen jedes Inhalts entleerte Wort „Verhältnismässigkeit“ könnte, so ist mir eingefallen, auf das weltweite Interesse der Medien auf die verschiedenen Krisenregionen dieser Welt angewandt werden, von den der unsere an Grösse und Zahl der Opfer weit unten rangiert. Es sind die Medien, die durch ihre Gewichtung das Interesse des Publikums bestimmen. Rein objektive betrachtet, sollte doch das, was in Darfur im Sudan, im Irak, Afghanistan, Algerien, Tschetschenien und Zentralafrika passiert weit mehr Interesse wecken, als der Hass der islamischen Welt auf das kleine Israel. Das Interesse am israelischen-arabischen Konflikt wäre nur dann in diesem Umfang berechtigt, wenn die Medien endlich den Zusammenhang zwischen ihm und dem weltweiten Jihadismus erklären würden, ein Zusammenhang, der den meisten Medienkonsumenten noch immer vorenthalten wird. Eine „Verhältnismässigkeit“ der Medienaufmerksamkeit wäre nicht nur fair, sondern eine Erfordernis der Zeit.

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