Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Montag, Juli 31, 2006

Tachles, Familiäres und der Krieg

28.7.2006

Ich muss Yves Kugelmann, dem Chefredaktor des „Tachles“, gratulieren. Mutig und als einer der seltenen repräsentativen Schweizer Juden, hat er in seinem Editorial der heutigen Ausgabe die Apathie, Furcht oder Feigheit der offiziellen Organisationen des „jüdischen Schweizertums“ blossgestellt. Hoffentlich bewirkt es ein, wenn auch zögerliches. vielleicht ein wenig furchtsames Aufrichten des kollektiven jüdischen Rückengrates der SIG, ICZ, JLG, IGB und anderer. In Hebräisch kann ich ihnen nur zurufen: „Toziu et haEzba!“. Sind Hackenkreuze in der Schweiz nicht Warnung genug.
Eines am Editorial stört mich. Nach dem Untertitel „Solidarität“ steht: Man muss nicht für diesen Krieg sein, ...... . Wenn man in diesem Fall gegen diesen Krieg ist, wofür ist man denn? Was ist die Alternative? Genau so wenig wie man von sechzig Jahren nicht gegen den Krieg sein konnte, denn was wäre in 1939 die Alternative gewesen? Pazifismus habe ich vor Jahren abgestreift, denn es gibt eigentlich, so scheint mir, bei Kriegen nur die Wahl zwischen einem gerechten, notwendigen Krieg wie der heutige Israels gegen die Hisb’allah (nicht gegen Libanon) und einem ungerechten oder unnötigen Krieg, wenigstens was Israel betrifft. Von verbrecherischen Kriegen wollen wir hier nicht reden, da gibt es nichts zu diskutieren. Aber um die Wahl Stellung zu beziehen, statt die Augen geschlossen zu halten, kommt man nicht herum.
Von Yves und inzwischen von einigen anderen habe ich vernommen, dass es diskrete aber hervorragende Aktionen von privater Seite gibt. Ich habe einige Freunde mit meinen Beschimpfungen im Tagebuch dazu gebracht selbst zu denken, zu schreiben und zu tun. Ein wirklich hervorragender Brief wurde an Frau Calvi-Rey geschrieben – ich will diesen Freunden ein Kränzchen winden, ich bin stolz auf sie. Sie retten die Ehre des Schweizer Judentums, solange sich jüdische Offizielle nicht als Juden outen.
Genug damit. Heute holten wir unseren ältesten Enkel Adam vom Bahnhof Binjamina (zur Zeit die nördlichste Bahnstation des Landes) ab. Vor einer Woche begann er seine Rekrutenschule und hat seinen ersten Urlaub. Sein Opa fotografierte ihn sofort und voller Stolz gebe ich hier das Bild wieder. Auch wenn er am momentanen Feldzug nicht teilnehmen wird (so hoffe ich wenigstens), sorgen wir uns und haben gelegentlich ein wenig Angst um ihn.
Ich wünsche allen meinen christlichen und jüdischen Freunden ein schönes und erholsames Wochenende. In der Schweiz ohne Hitze, in Israel ohne Raketen. Ich hoffe, dass die Million israelischer Flüchtlinge bald nach Hause in den Norden zurückkehren können.