14.6.2007
Von Shomernet, dem Website des amerikanisch-kanadischen Haschomer Hazair (jüdisch-zionistischer Jugendbund, dem Lea in Kanada und ich in der Schweiz angehörten), erhielt ich folgende wunderbare Story, die ich hier in Goethes Sprache und vor allem Stil weitergebe:
Was passiert, wenn eine Fliege in den Kaffee fällt? (Eine realistische politische Charakterisierung der heutigen Welt)
• Der Engländer: Schüttet die Kaffeetasse aus und verlässt das Kaffeehaus.
• Der Amerikaner: Nimmt die Fliege aus der Tasse und trinkt den Kaffee.
• Der Chinese: Isst die Fliege und schüttet den Kaffee weg.
• Der Japaner: Trinkt den Kaffee mit der Fliege, weil diese eine Gratiszugabe war.
• Der Israeli: Verkauft den Kaffee dem Amerikaner, die Fliege dem Chinesen und bestellt einen frischen Kaffee.
• Der Palästinenser: Beschuldigt den Israeli für den Gewaltakt eine Fliege in seinen Kaffee getan zu haben; beantragt bei der UNO Hilfe; bekommt von der EU ein Darlehen um einen frischen Kaffee zu bestellen; kauft mit diesem Geld jedoch Sprengstoff und jagt damit das Kaffeehaus in die Luft, in dem gerade der Engländer, der Amerikaner, der Chinese und der Japaner versuchen dem Israeli zu erklären, er sei zu aggressiv gewesen.
Es gibt auch Ernsthaftes und wirklich Wissenswertes:
Kürzlich habe ich Rabbiner Michel Serfaty kennen gelernt. Er hielt einen Vortrag über seine Arbeit. Nicht die des Gemeinderabbiners von Ris-Orangis, einem an der Seine gelegenen Vorort von Paris, sondern seinen Einsatz als Jude und Rabbiner, der das Gespräch mit der muslimischen Jugend Frankreichs sucht und findet. Nicht auf akademischer Ebene, denn Vorträge über Koexistenz halten oder sich auf öffentliche Diskussionen mit einem Imam einlassen – das kann jeder. Zwar ist er auch Direktor der Abteilung für jüdische Studien an der Universität Nancy und beratendes Mitglied des rabbinischen Konsistoriums von Paris – das ist schön so. Aber mit was mich Rabbiner Serfati beeindruckte, war etwas anderes.
Ich möchte in seinen eigenen Worten, wenn auch gekürzt, erzählen, um was es geht. Dazu muss ich etwas ausholen, doch das Thema ist es wert.
Erst 2002 entschied sich das rabbinische Konsistorium von Paris mit den französischen Muslims Kontakte aufzunehmen. Dazu gründeten sie die „Commission de Relations avec autre Religions“ (CRAR), etwas für das religiöse Judentum Frankreichs absolut Neues. Im Mai 2002 wurde der Entscheid Kontakte zur französischen muslimischen Gemeinde zu suchen, als Anliegen mit höchster Priorität bezeichnet. Schon im Juli desselben Jahres empfing CRAR über zwanzig der führenden Muslims aus der politischen, religiösen und intellektuellen muslimischen Szene. Doch der Einfluss der zweiten Intifada machte weitere Kontakte schwierig. In den folgenden zwei Jahren wurde die jüdische Gemeinschaft von einer enormen Zahl antisemitischer Vorfälle, ausgelöst durch einzelne Nordafrikaner, heimgesucht und war frustriert keine Kontakte zur muslimischen Seite zu gewinnen. Zudem wurde die Arbeit dadurch erschwert, dass ausser dem CRIF (dem französischen SIG), von keinen jüdischen Gremien Unterstützung zu erhalten war, vor allem nicht von den verschiedenen Rabbinaten des Landes. Die Gruppe gründete einen jüdisch-muslimischen Freundschaftsverband (AJMF), in einem gemeinsamen Text verkündete dieser seine Ziele: historische Missverständnisse durch gegenseitiges Wissen und Respekt ersetzen; sich um aktive Kooperation und Dialog bemühen und damit Ungerechtigkeiten und Diskrimination, von beiden Gemeinschaften in der Vergangenheit erlitten, aus dem Weg zu räumen; gemeinsam kulturelle, künstlerische, sportliche und touristische Aktivitäten als Weg zu bessere gegenseitigen Beziehungen einzuführen und als letztes und wichtigstes, zukünftigen Generationen durch alle möglichen Medien Wissen über Judentum, Islam und deren gemeinsame Vergangenheit, das glückliche und das schmerzliche, zu vermitteln. Am 21. November 2004 fand das erste gemeinsam durchgeführte Ereignis statt, 1500 Menschen fanden sich zu verschiedenen Aktivitäten ein. Es gab eine grosse Ausstellung in der Juden und Muslime über die „Anderen“ informiert wurden, es gab intellektuelle Diskussionen und Theateraufführungen. Obwohl Teile der Presse den Anlass überschwänglich als „turning point“ in den Beziehungen zwischen Juden und Muslims in Frankreich bezeichneten, war den Organisatoren klar, dass die eigentliche Arbeit noch gar nicht begonnen hatte. Es wurde eine „Tour de France der Freundschaft“ durchgeführt, eine fünfunddreissig Tage dauernde Reise in einem Bus, dessen inneres als kleines Museum gestaltet wurde. Diese Tour von über 7000 Kilometer Länge, in der vierzig Städte, sechzig Banlieues (das sind die trostlosen französischen Vorstädte, in denen muslimische Gewalt gegen Juden und andere gebraut worden war und wird) und nahmen an dreissig Treffen mit Muslimen jeder Altergruppe teil. Nach Abschluss dieser Reise kamen die Teilnehmer zum Schluss, dass sie erst den ersten Schritt getan hätten, den Islam in Frankreich kennen zu lernen, seine Vielfältigkeit, die politische und soziale Situation und die Herausforderung der Integration in ein grundsätzlich christliches Land und den Beziehungen zu dessen Juden. Die Aufruhr Ende 2005 und der Mord an Ilan Halimi, einem jungen Juden, der von afrikanischen Muslims entführt und ermordet worden war, überzeugte diese Gruppe, dass man nicht nur beobachten, sondern sich aktiv und ehrlich mit Muslimen, vor allem jungen Muslime, das Gespräch suchen und ihnen zuzuhören müsse. Es fanden im Frühjahr zwei weitere Tours de France statt, eine davon ausschliesslich in vierzig muslimischen Gemeinschaften innerhalb der Ile de France um Paris.
Reaktionen der besuchten Muslime waren sehr gemischt. Auf der einen Seite äusserten viele ihre Freundschaft und Sympathien zu Juden, den Wunsch in Frieden zu leben, einige lehnten den Antisemitismus ab und äusserten Sympathien für Israel und sprachen über ihre Gefühle, als sie über die Shoah lernten. Auf der anderen Seite wurden wir mit klassischen Stereotypen über das jüdische Volks, seiner Religion und Geschichte konfrontiert, einer antijüdischen Einstellung, die oft und leichtfertig in verschiedenen Milieus der muslimischen Gesellschaft geäussert wird. Vielen führenden Mitglieder lokaler Regierungen, Nachbarschaften, Schulen und kulturellen und sportlichen Organisationen scheint es nichts auszumachen, mit Ausdrücken von Misstrauen, Verdächtigungen und sogar Hass und Gewalt zu leben, die sich frei in Sportstadien, Schulklassen, Märkten und gewissen Moscheen in den Banlieues breitmachen.
Bei Gesprächen mit Juden der Pariser Region wurden ähnliche Stereotypen über Muslime geäussert. Der wichtigste Unterschied besteht jedoch darin, dass Gewalttätigkeit und Hass auf jüdischer Seite nicht zu finden sind.
Zusammenfassend, bezeichnet Rabbi Serfaty, die Erfahrungen mit der muslimischen Gemeinschaft als sehr gemischt. Sie wurden von Funktionären verschiedener Moscheen empfangen und es wurde ihnen versichert, dass es in gerade ihrer Moschee keinerlei Antisemitismus und Gewalt gegen Juden gäbe. Am Beispiel des Repräsentanten der Grand Mosque in Paris, der mutig den israelischen Botschafter und eine jüdische Delegation aus den USA empfing und dafür von Führern der antijüdischen Opposition beschimpft und bedroht worden war ist muslimischer Mut zu erkennen. CRAR, die sich hauptsächlich auf die Beziehungen zwischen Juden und Muslims in Frankreich beschränken wollte, kam nicht darum herum, über Israel zu sprechen und entdeckte, dass man mit guten Argumenten Meinungen, sogar bei radikalen Anti-Zionisten, beeinflussen könne. Die Hilfe jüdischer Organisationen war, ausser von CRIF, dürftig, der Oberrabbiner von Paris versuchte sogar die Touren zu stoppen und zu desavouieren. Besonders der Besuch in Bagneux, der Stadt in der Ilan Halimi entführt, gequält und ermordet worden war, missfiel vielen Juden, die Gruppe jedoch fand, dass man nicht die gesamt muslimische Bevölkerung von Bagneux dafür verantwortlich machen könne.
Rabbi Serfaty selbst ist auch Streetworker, ein Sozialarbeiter, der den Kontakt zu muslimischen Menschen sucht, sich allein auf die Suche von Gesprächen auf Märkten, Geschäften, Kaffeehäuser und sogar bei Familien macht und findet.
Die Aktivitäten von CRAR, die sich auch gegen Widerstände in den eigenen Reihen durchsetzt, setzen einen jüdischen Mut voraus, der mir im heutigen Europa bemerkenswert erschient. In England, wo die Situation nicht viel besser ist als in Frankreich, gibt es meines Wissens nichts Vergleichbares. In anderen europäischen Ländern sind die Verhältnisse (noch) recht friedlich – vielleicht gerade deshalb sollte darüber nachgedacht werden, ob es nicht sinnvoll wäre vorbeugend ähnliches zu unternehmen. Schweizer Juden haben heute Freunde in der Schweiz, die sich für uns einsetzen und oft genug die Arbeit tun, die den Juden vorbehalten wäre. Das ist natürlich schön, beruhigend, aber auch einschläfernd. Zudem auch unfair unseren nichtjüdischen Freunden gegenüber.