Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Sonntag, Januar 27, 2008

Heute 2

24.1.2007
Wer mich kennt weiss, dass ich in Sachen israelischer Politik in vielem äusserst kritisch bin und mir deswegen öfters Kritik von radikaler Seite verschiedener Varianten einhandle. Wenn das Thema nicht das Überleben des jüdischen Staates und des jüdischen Volkes wäre, hätte ich bestimmt viel Spass daran. Was bleibt ist Teilnehmer und Zeuge des grossartigsten Unternehmens der vergangenen hundert Jahre zu sein, einem Unternehmen, das mit der Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Herkunftsland und dem Errichten eines jüdischen Staates auf den Grundlagen modernen westlichen Demokratie noch nicht beendet ist. Das ging und geht nicht reibungslos, enorme Fehler wurden gemacht, unter denen die Illusion „eines Volkes ohne Land in einem Land ohne Volk“, geprägt von Israel Zangwill, nicht der Geringste ist. Doch wir Juden hatten in den ersten fünfzig Jahren des vergangenen Jahrhunderts keine andere Wahl, die Welt wollte keine Juden – man erinnere sich an die Evian-Konferenz von 1938, an der die Staaten der Welt sich weigerten, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland (und Österreich) aufzunehmen und so mit einen Grundstein für die Vernichtung der sechs Millionen legten. Heute lebt fast die Hälfte aller Juden in Israel, in der Region ihrer Herkunft, aber in einer Region, in der heute ein Volk lebt, das noch immer in einer mittelalterlichen Kultur existiert und die Moderne bestenfalls in der Anschaffung und mörderischen Anwendung von Waffen akzeptiert und nazistische antisemitische Theorien in ihrer vollen Perversion adoptiert hat und weiterführt.
Deshalb sticht der Unterschied zwischen den Aussagen und der Politik Israels gegenüber jenen der Hamas und der Hisbollah vermehrt ins Auge. Mit dem Ausbruch aus dem Gazastreifen hat Hamas enormen Respekt bei den muslimischen Massen gewonnen, dem sämtliche arabische Regierungen widerwillig beistimmen müssen - sie haben gar keine andere Wahl. Täten sie es nicht, würden sie von eben diesen Massen und deren religiösen Drahtziehern weggefegt, so wie der Zaun zwischen Gaza und Ägypten. Ich wage es mir nicht vorzustellen, wie Israel reagieren würde, wenn die Zäune zwischen ihm und Gaza ebenso weggefegt würden und palästinensische Massen zu Hunderttausenden nach Israel einfallen würden. Würde die Armee auf Zivilisten, unter denen sich bestimmt bewaffnete Hamas Terroristen verstecken würden, schiessen?
Unser Konflikt mit den Palästinensern, grundlegend ein politisch lösbarer Streit über ein kleines Stück Land, ist in den Jahren seit Oslo in einen politisch unlösbaren religiösen Streit degeneriert. Eine Lösung wird es erst möglich sein, wenn Religion, vor allem der heutige Islam, seinen aus den 1920er Jahren stammenden neu-reaktionären Antisemitismus ablegt und Anschluss an den Rest der Welt findet. Auch wenn es religiöse Gewalttätigkeiten im Judentum gibt, man denke an Herrn Dr. Goldstein, dem zum posthumen Guru gewordenen Massenmörder und die gewalttätigen Haredim in Israel, die mit brutalsten Methoden die Separierung zwischen Mann und Frau, ihre Art des Schabbateinhaltens und anderem dem Rest der Israelis aufzwingen wollen – sie haben längst nicht die völkermordende Visionen, die den Jihadismus heute antreiben.

23.1.2008 – Heute

23.1.2008
Seit dem Zweiten Libanonkrieg im Juni 2006 wird die Welt mit dem Hass der palästinensisch-arabisch-iranischen Propaganda gegen alles Jüdische und Israelische vermehrt konfrontiert. Realisiert haben das jene Menschen, die ihren Denkapparat nicht abgeschaltet haben. Aus Gaza wurden unsere in der Nähe des Gazastreifens wohnenden Bürger mit Raketen eingedeckt und es ist bestimmt nicht dem guten Willen der Raketenschützen zuzuschreiben, dass der Schaden bisher relativ beschränkt geblieben ist und, so weit mir bekannt, bisher „nur“ drei Israelis getötet worden sind. Der Frust der Urheber dieser Raketenangriffe muss enorm sein, denn ihre Strategie der Opfermaximierung unter Juden geht nicht auf. Deshalb ist es nicht akzeptabel, sich buchhalterisch mit der Zahl der Toten und Verwundeten auf israelischer gegenüber der palästinensischen Seite aufzuhalten. Der Unterschied ist völlig klar: Hamas und ihre lieben Freunde des islamischen Jihad versuchen so viele israelische Zivilisten wie nur möglich zu töten. Die israelische Armee versucht diese Terroristen auszuschalten, heute mit etwas mehr Erfolg als früher, doch da sich diese in bewährter Manier hinter Kindern und Frauenröcken in Orten wie Beth Lahiah verbergen, sind zivile Opfer vorprogrammiert – auch wenn deren Zahl heute relativ gering ist – aber eben nur relativ.
Wenn in Saudiarabien die Frauen Menschenrechte erhalten, ein Christ, ein Jude oder ein Buddhist einen Gottesdienst abhalten darf, wenn in arabischen Moscheen und Schulen das Predigen und Lehren von Judenhass verschwindet, wenn die blutdürstige Anwendung der Shariah abgeschafft wird, wenn Leichenfledderei (soeben durch Nasrallah vordemonstriert) verurteilt, das Erbe nationalsozialistischer Lehren statt gefeiert abgelehnt und Saudiarabien und der Rest der totalitären arabischen Welt zu einer freien Gesellschaft wird – dann, erst dann, wird sich, so scheint es dem durchschnittlichen, weder von linkem unreflektiertem Gutmenschentum oder rechtsreligiösem Faschismus (getarnt als bibeltreuen Patriotismus) fanatisierten Israeli möglich, genügend Vertrauen in diese Welt des realen Mittelalters zu einem wirklichen Friedensschluss aufzubringen. So verstehe ich die Mehrheit meiner nicht nur jüdischen Freunde, mit denen ich rede und diskutiere und so fühle ich die Stimmung im Land. Aber trotzdem dürfen wir nicht aufgeben Partner für den Frieden zu suchen, auch wenn es Leute gibt, die finden wir hätten schon welche. Mag sein, doch die, die wir zu haben scheinen, haben weder die Kraft, noch den Einfluss, noch die Macht in ihrer Bevölkerung die herrschende Stimmung zu ändern.
Das alles heisst bei weitem nicht, dass Israel alles richtig macht, eine jedem verständliche Friedenspolitik betreibt und sich nicht von fanatischen Siedlern die eigene Politik vorschreiben lässt, eine Politik, die weitergeführt, letztendlich nur im Abgrund endet. Auf der anderen Seite haben wir es zwei Politikern zu verdanken, etwas Klarheit in Israels aussen- und sicherheitspolitische Lage gebracht zu haben. Ehud Barak enthüllte im Herbst 2000 die wirklichen „Friedensabsichten“ Arafats und Arik Sharon klärte mit dem völligen und bedingungslosen Abzug aus Gaza in 2005 den Irrtum, das palästinensische Volk und seine religiösen und weniger religiösen Vertreter seien an einer eigenen freien Gesellschaft und dem Aufbau einer selbstständigen Wirtschaft für ihr Volk interessiert.
Viele von uns sind ratlos, wie es weitergehen soll. Auf der einen Seite können wir uns zur Zeit nicht leisten aus der besetzten Westbank abzuziehen, obwohl wir dort eigentlich nicht hingehören – auch wenn wir einen geschichtlichen Anspruch darauf hätten. Doch über eine so grosse uns nicht akzeptierende Mehrheit kolonialistisch zu herrschen, ist ethisch nicht vertretbar, würde das Weiterführen eines demokratischen jüdischen Staates verunmöglichen, denn Apartheid wollen und dürfen wir nicht einführen, es wäre, kurz gesagt, nationaler Selbstmord. Das ist das Eine. Das Andere ist die Tatsache, dass nach einem israelischen Abzug auch aus der Westbank Raketen und nach kurzer Zeit bestimmt noch bösartigere Waffen gegen Israel eingesetzt würden. Darüber sind wir uns einig. Was bleibt ist der Status Quo und auch der macht niemanden, ausser Terroristen, glücklich. Wie soll es weiter gehen?

Der Unterschied: Carlos Chavez s.A. versus Rachel Corrie

16.1.2008
Gestern wurde Carlos Chavez aus Ecuador feige und kaltblütig durch einen Scharfschützen erschossen. Im Gegensatz zu Rachel Corrie, die ein Opfer eigener antiisraelischer Hysterie (manche würden Dummheit sagen) wurde und sich vor einen israelischen Bulldozer warf um ein Haus vor dem Abbruch zu retten, das für Terroraktivitäten und Waffenschmuggel benutzt worden war, tat Carlos Chafez etwas äusserst Normales und Positives: er arbeitete auf dem Feld und bereitete es fürs Kartoffelstecken vor. Es ist zu bezweifeln, dass sein Tod ebenso zu einer Heiligsprechung wie der Tod von Corrie führen wird. Im Gegensatz zu ihr war Chafez kein fanatischer „Anti-Zionist“. Sicherlich war er auch kein reaktionärer imperialistischer Kriegshetzer und Siedler – er wollte, so verstehe ich – nur eine interessante Zeit in einem Kibbuz und dessen egalitärer Gesellschaft verbringen. In den Augen einiger ist sein Tod vielleicht weniger bedeutend, als der einer verwirrten „Friedensaktivistin“, die genau das Gegenteil dessen erreicht hat, was unter Friedensaktivismus zu verstehen ist.
Aus den Medien ist der Mord an Carlos Chavez schon verschwunden und abgehackt, sein Tod wird anscheinend nicht zu antiisraelischen Demonstrationen und Terror unterstützenden Massnahmen aus dem Gutmenschmilieu missbraucht werden. Er wollte Israel erleben und bei seinem Aufbau mithelfen und wurde dafür ermordet. Vergessen wir Carlos Chavez Opfer nicht vergessen, so wie wir all die anderen Terroropfer im Land nicht vergessen dürfen.

Ein arabischer Fussballsieg und eine Vernissage

12.1.2008
Eigentlich soll dieser Tagebucheintrag ausschliesslich der heutigen Vernissage in der Galerie in Umm El-Fahm gelten, doch kann ich mir nicht verkneifen die sportliche Sensation des Tages zu erwähnen. Bnei Sachnin, die Nationalliga A Fussballelf der arabischen Stadt Sachnin besiegte Betar Jerusalem. Betar Jerusalem führt die Liga mit grösserem Abstand, seine Spieler sind anständige Leute, aber die Betar Fans sind bekannt als üble Rassisten, die besonders mit Angriffen auf arabische und afrikanische Spieler immer wieder auffallen. Dies führte dazu, dass der Eigentümer dieses Fussballklubs, der umstrittene russische Milliardär Gaydamak, seine Mannschaft mit der Leibchenaufschrift „Genug der Gewalt!“ spielen lässt. Genützt hat das wenig, heute verlor sein Team gegen Bnei Sachnin (in dem übrigens nicht nur Araber, sondern auch Juden tschutten) in seinem eigenen und völlig leeren Stadion 1:0 – leer, weil der Klub als Strafe für das Benehmen seiner Fans zu Heimspielen ohne Publikum verurteilt worden ist.
Nun zur Vernissage. Die heute eröffnete Ausstellung heisst „Avak VeMa’avak“, ein Wortspiel, in Deutsch etwa „Staub und Konflikt“. Die Künstler Bashir Makhoul, Oded Shimshon und Aissa Deebi präsentieren Landschafts- und Stadtphotographien, zum Teil als Hologramme. Alle drei sind im Galil geboren und leben heute im Ausland, wenn auch der Jude Oded Shimshon in Israel einen Wohnsitz hat. Eigentlich hätte es eine der bescheideneren Vernissagen in unserer Galerie sein sollen – doch es kam anders. Es waren schätzungsweise zweihundert Teilnehmer da um die Eröffnung einer Photoausstellung zu feiern. Doch das zum Teil unerwartete Erscheinen einiger VIPs veränderte den Charakter des Anlasses. Nicht nur Lea und ich mit Enkel Eran (9 Jahre alt) waren präsent, es erschien noch der Bürgermeister Scheich Aghbaria, Minister Majadele (erster arabischer Minister Israels, zuständig für Wissenschaft, Kultur und Sport), der australische Botschafter James Larsen, Nadia Hilou, christlich-arabisches Knessetmitglied der Arbeitspartei, die bekannten Journalisten Gideon Levy und Ari Shavit, beide bei der Zeitung Haaretz tätig und sich ständig in den Haaren liegend, denn Gideon Levy hat sich, ähnlich wie die Schriftstellerin Sumaya Farhat-Naser im deutschen Sprachgebiet, eine Marktnische erobert, aus der er ausschliesslich palästinensisches Leid beschreibt. Nur, im Unterschied zu Farhat-Naser, lügt er nicht, sondern übersieht bestenfalls was nicht in sein Konzept passt. Gideon hat Humor, etwas, das wer ihn nicht kennt, nicht zutrauen würde. Gefeiert wurde auch James Snyder, Chef des Israel Museum.
Ich vernahm Interessantes. Scheich Aghbaria, schwer krank, scheint seinen Respekt und Anerkennung für Said Abu-Shakras Werk für den gesamten arabischen Sektor im Land noch stärker zu empfinden als bisher. Der Minister erklärte den Anwesenden offen seine Kulturpolitik. In der bisherigen Regierung war Kultur Teil des Erziehungsministeriums, das von Limor Livnat geleitet wurde. Livnat kürzte Kulturausgaben ganz allgemein und für das von Natur aus darbende Kulturbewusstsein der arabischen Bürger ganz besonders. Das ist nicht neu und jedem, der sich dafür interessiert vollauf bekannt. Majadele unterstützt heute vermehrt auch israelisch-arabische Kulturwerke und bezweckt damit das geknickte Selbstbewusstsein seiner arabischen Mitbürger zu fördern. Das könnte ihm aus antiarabischen Kreisen den Vorwurf der illegalen Bevorteilung seiner Volksgruppe eintragen, doch tut er es offen und ohne es verheimlichen zu wollen. Es sei sein Recht als Minister dies zu tun. Dies unterstrich er, als er als Anerkennung ein wunderschönes Mosaik aus Olivenholz erhielt und dazu sagte, er werde es in seinem Büro aufhängen, doch wenn er einmal dieses Büro verlassen werde, werde das Geschenk dort bleiben, denn er wolle sich nicht Probleme einhandeln wie seinerzeit Bibi Netanyahu, der, als er seine Ministerpräsidentschaft verlor, solche Geschenke als Privatbesitz sah und mit nach Haus nahm. So jedenfalls wird es erzählt.
Ich erzählte Gideon Levy mein Gespräch mit dem Finanzbeamten des Kulturministeriums (in meinem Tagebucheintrag vom 24.12.2007 beschrieben), in dem dieser (mit Recht) fand, dass das Sozialwerk der Galerie „gut für die Juden“ sei und deshalb mehr Mittel erhalten sollte. Levy lachte sich halb krank und wiederholte mehrere Male „gut für die Juden“. Diese Aussage ist aber in diesem Zusammenhang eine sehr wichtige Erkenntnis und ich wünschte mir, dass andere die Problematik des arabischen Selbstbewusstseins als israelische Bürger auch so betrachten würden wie der Beamte des Ministeriums, auch wenn es im ersten Augenblick nur amüsant wirkt. Denn dieser Beamte hat, wohl unbewusst, die Philosophie des „win-win“ für sich entdeckt, in dem beide Seiten eines Konflikts gewinnen sollen, im Gegensatz zum traditionellen „lose-lose“ unserer Breitengrade, in dem beide Seiten zum ständigen Verlieren verdammt sind. Denn nur wenn in einem grundsätzlich berechtigten Konflikt wie der unsere beide Seiten bei allen gegenseitigen Verzichten zufrieden gestellt sind, wird Ruhe einkehren.
Beim Abschied hielt Minister Majadele Erans Händchen lange fest und hielt ihm einen Vortrag über das Glück Grosseltern zu haben. Viele Kinder hätten das nicht. Eran fragte später seine Mutter Dvorit, ob es viele Kinder in seinem Alter gäbe, die solch lange und für ihn wichtige Gespräche mit einem Minister führten. Ihre Antwort weiss ich nicht.

Versöhnliches vor Weihnachten

24.12.2007
Heute ist Weihnachtstag und wir merken höchsten bei hören und sehen der Nachrichten etwas – etwa den Touristenrummel in Bethlehem oder die Mitternachtsmesse in dieser Stadt. Leas Physiotherapeut, ein griechisch-orthodoxer Araber mit Namen Hana, erklärte ihr, dass seine Weihnachten erst in zwei Wochen stattfinden werden. Ich wiederum erklärte meiner Frau, dass die christlich-orthodoxe Kirche ihre Feiertage zwei Wochen nach der römisch-katholischen Kirche feiert. Unterschiede müssen sein. Vor einem Jahr war unser Chanukka zur selben Zeit wie Weihnachten, womit auch uns Juden eine festliche Atmosphäre geschenkt wurde, doch dieses Jahr war Chanukka mehrere Wochen vor Weihnachten – man kann nicht alles immer haben.
Den Schabbat vom 15. Dezember verbrachte ich in der Kunstgalerie in Umm El-Fahm. Said Abu-Shakras drittes Projekt, das arabische Museum für zeitgenössische Kunst, nimmt nun wirklich Gestalt an. Für diesen Schabbat waren Architekten eingeladen, die sich für die Ausschreibung interessiert hatten. Das Museumsprojekt, Saids Drittes nach der Galerie und der Kinderkunstschule mit ihrer Sozialarbeit, hat ungleich grössere Dimensionen. Es stehen für die Anlage 15'000 m² Land zur Verfügung, auf über 500 m Höhe mit Aussicht über das Emek Jesreel in die Berge Galiläas. Das Museum soll unter anderem Abteilungen für zeitgenössische Kunst, für Ethnographie, Lagerräume für die ständige Sammlung, ein Geschichtsarchiv der Stadt Umm El-Fahm (die gemäss Unterlagen schon seit 1265 bestehen soll) und auch Schulräume haben. Das ganze Projekt ist einmalig, bestenfalls kann sich das Museum für zeitgenössische Kunst im Golfscheichtum Shariah damit vergleichen.
Wir erwarteten gemäss Einladungen und deren Bestätigungen etwas sechzig Teilnehmer und stellten im Auditorium der Galerie sicherheitshalber hundert Stühle bereit. Es trafen etwa dreihundert Architekten ein, viele mit Ehefrau, Sekretärin und einige wenige sogar mit Kindern. Irgendwie fanden alle einen Sitz-, Steh- oder Liegeplatz im Saal (der, nebenbei erwähnt, der Stadt als einziges Kino dient). Natürlich wurde auch der vorgesehene Bauplatz besichtigt.
Die Ausschreibung findet anonym statt. Jede Bewerbung wird von einem pensionierten Richter Israels oberstem Gericht mit einer Nummer versehen. Die Identität des hinter dieser Nummer verborgenen Architekten oder Architekturbüros bleiben nur ihm bekannt. In der Jury sitzen unter anderem der CEO des Israelmuseums, James Snyder, Dr. Hansa’a Diab, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin (eine faszinierenden Frau, mit der ich lange in Saids Haus auf dem Sofa sitzend diskutierte), dem Bürgermeister der Stadt Scheich Abd el-Rahman Zuabi und als Vorsitzenden, den Präsidenten des israelischen Architektenverbandes, Jossi Parhi. Am Treffen nahm auch teil der Verantwortliche des Kulturministeriums für Beiträge an kulturelle Institutionen, mit dem ich ein langes Gespräch führte und ihm die Tätigkeiten der Galerie im Einzelnen erklärte. Darunter war auch die Sozialarbeit die im Zusammenhang mit der Kinder- und Jugendkunstschule stattfindet. Als er davon hörte und die Erfolgsrate von weit über Tausend Jugendlichen, die von der Strasse geholt und vor Drogen, religiösem und anderem Extremismus, vor Kriminalität und ähnlichen gerettet worden sind, war er nicht nur beeindruckt, sondern gab zu, davon nichts gewusst zu haben. „Das ist“, meinte er, „gut für uns Juden“, womit er genau meine Auffassung teilt, die diesen Aspekt von Saids Tätigkeit noch vor den Aspekt der Kunst setzt, der zwar im Mittelpunkt steht, doch nicht den gleichen sozialen und arabisch-jüdisches Zusammenleben in Israel fördernden Einfluss besitzt, den die Sozialarbeit der Galerie in sich trägt. „Dafür gebührt Saids Organisation eigentlich mehr staatliche Unterstützung, als er heute bekommt“, meinte dieser Regierungsbeamte. Das war interessant zu hören, denn in den vergangenen Jahren, besonders in den Zeiten der Erziehungsministerin Limor Livnat, wurde Kultur vom Staat möglichst sparsam unterstützt, es sei denn sie förderte zionistischen „Patriotismus“, was jede kulturelle Anstrengung arabischer Israelis von vornherein fast völlig ausschloss.
Zwei Tage nach diesem Beispiel überwältigenden Interesses an der Galerie und ihren weiteren Plänen, fand ein zweites Treffen mit Architekten statt, für jene Architekten nämlich, die am Schabbat nicht Auto fahren. Es sollen nochmals rund zwanzig erschienen sein – das Interesse am Projekt ist gross, sogar aus dem Ausland erhielten wir Anfragen.
Das Ganze war das Resultat eines kleinen Skandals. Zu Beginn der Projektplanung hätte die weltbekannte irakische (im englischen Asyl lebende) Architektin Zaha Hadid, die jedoch aus Angst vor muslimischen Racheakten den Auftrag zurückgeben musste. Vor allem Said Abu-Shakra war deswegen traurig, doch muss auch er gelegentlich den Realitäten ins Auge blicken. Jetzt ist der Wettbewerb allen offen, im Frühling werden wir mehr wissen.

Die Seele der arabischen Welt*

15.12.2007

Folgender Dialog ist ein Telefongespräch eines Radiomoderators mit einem Ägypter, der es vorzieht in Israel zu leben. Es wurde aufgezeichnet von Adel Darwish, einem bekannten britisch-arabischen Publizisten, dessen Beiträge auch in der israelischen Presse zu lesen sind, wiedergibt hier ein Gespräch, das er live miterlebt hat. Das Gespräch ist Teil einer Radioshow. P steht für Präsentator (Moderator) und E für den Ägypter in Haifa.

P: Was tust du dort?
E: Was denkst du was ich tue? Das Gleiche, was du und andere tun, nämlich arbeiten. Deshalb wohne ich hier.
P: Hast du keine Schuldgefühle, weil du in Israel lebst?
E. Warum sollte ich Schuldgefühle haben? Ich hätte welche, wenn ich nicht Arbeit suchen würde und von Almosen lebte.
P: Ich meine Schuldgefühle wegen den Palästinensern und wie Israel diese angreift und deren Häuser zerstört und sie tötet.
E: Das ist eine Sache zwischen den Israelis und den Palästinenser, die Abkommen und Frieden haben, du solltest die Tausenden Palästinenser sehen, die in israelischen Geschäften arbeiten und gut verdienen; warum sollte ich meine Nase in ihre Angelegenheiten stecken?
P: Viele Leute würden sagen, dass du sie verrätst.
E. Das ist deren Problem und nicht meines. Ägyptische Offizielle und sogar der Präsident besuchen Israel und arbeiten mit den Israelis, warum belastet ihr stets den kleinen Mann, der versucht anständig über die Runden zu kommen. Ich mache niemandem Probleme, weder Ägyptern, Israelis oder Palästinensern.
P: Hättest du keinen Job in einem arabischen Land finden können?
E. Du meinst, ob ich als Sklave arbeiten wolle? Einen Kaffeel (ein Subunternehmer, der Fremdarbeiter vermittelt), der mich unterdrückt, meinen Pass in seinem Schreibtisch einschliesst und bei dem ich keinerlei Rechte oder Schutz hätte?
P: (Unterbricht ihn) Araber sind unsere Brüder und Cousins, vielleicht gibt es schlechte Beispiele unter ihnen, Tausende Ägypter arbeiten doch in arabischen Ländern.
E: Denen wünsche ich viel Glück und hoffe, sie werden anständig behandelt, aber hier (in Israel) bin ich Gewerkschaftsmitglied, es gibt Gesetze, ich habe Rechte und ich kann meinen Arbeitsgeber einklagen und mein Recht erhalten.
P: Ist das genug um deine Prinzipien zu opfern und den Zorn der Familie und der Gesellschaft auf dich zu laden?
E: Wer erzählt dir das? Ich telefoniere mit meinen Verwandten in Ägypten, meine Prinzipien sind für meine Familie, meine Frau und Kinder zu sorgen.
P: Aber dein Kind wird nie ein vollständiger Araber sein.
E. Richtig. Mein Kind ist nicht Araber, es ist Ägypter und israelischer Staatsbürger. Wir haben ihn in Ägypten registriert (damit ist das ägyptische Konsulat gemeint) und gemäss Gesetz besitzt es auch ägyptische Staatsbürgerschaft und wir sind stolz darauf. Darf ich dich daran erinnern, dass unser Herr Moses, Prophet Gottes, Ägypter war. Wenn es gut für den Propheten Moses dem Ägypter war mit Gottes Hilfe die See zu durchqueren und nach Palästina zu gehen, dann ist Israel auch gut genug für mich.

Adel Darwish schrieb im Website „Middle East-World Media“ unter dem Titel „Ägyptische Journalisten sind „alarmiert“ über Mischehen mit Israelis“. Adel berichtet über ein Serienfeature in der ägyptischen Zeitung Al-Ahram. Obenstehendes Telefoninterview ist Teil dieses Artikels. Da ich ungern übersetze hier eine kurzes Zusammenfassung.

Dieser Feature-Artikel in Al-Ahram bezeichnet Ägypter, die in Israel leben und arbeiten als Verräter, geächtet von ihren Familien, Freunden und der gesamten ägyptischen Nation. Der Artikel vergisst zu erwähnen, dass ägyptische Politiker und Offizielle der Polizei, Armee, Sicherheitskräften, vom Premierminister und Präsidenten an, Israel besuchen und dort verhandeln und ihren Geschäften nachgehen. Ebenso, schreibt Darwish, wird unterschlagen, dass Tausende israelischer Touristen Ägypten besuchen – und viele ägyptische Juden in Ägypten beerdigte Familienangehörige besuchen und in alten ägyptischen Synagogen beten. Ebenso wird vergessen zu erwähnen, dass ägyptische und israelische Geschäftsleute mit direkten Flügen zwischen den zwei Ländern, ihren Geschäften im jeweiligen Nachbarsland nachgehen.

In Israel lebende Ägypter werden als werden als sozial oder psychisch geschädigte Menschen dargestellt, ja sie werden der Apostasie beschuldigt.
Mit keinem Wort wird der bestehende Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel erwähnt, als wäre dieser ausschliesslich eine Sache zwischen Regierungen und nicht Sache des Volkes. [Nüchtern betrachtet ist dieser Schluss tatsächlich mindestens teilweise richtig].

Die Schreiber des von Adel Darwish beschriebenen Artikels beschreiben Gefahren, denen diese Israel-Ägypter in Israel ausgesetzt seien. Sie würden in die israelische Armee eingezogen oder gar in den Mossad, um in Ägypten zu spionieren. Diese blühende arabische Fantasie ignoriert die Frage, wie ein Ägypter mit einer israelischen Frau, tätig als Restaurant-Manager, als Buschauffeur, Buchhalter oder Bewässerungsingenieur dem Mossad die gewünschten Geheimnisse verschaffen könnte.
Eine weitere überzeugende Gefahr für die nationale Sicherheit Ägyptens ist die, dass die Kinder eines Israelis ägyptischer Herkunft, das Land und den Familienbesitz in Ägypten erben könnten und so ägyptisches Land „stehlen“ würden. Wieder wird vergessen, dass israelische Firmen und Aktionäre in Ägypten investieren und zahlreiche ägyptische Juden ihren von Nasser konfiszierten Besitz durch Gerichtsbeschlüsse zurückerhalten haben.

Es lohnt sich diesen nicht allzu langen Artikel zu lesen – er gibt einmal mehr, Einblick in die uns verborgene „Rationalität“ arabischen Denkens.
Was Adel Darwish nicht weiss, dass bis vor wenigen Jahren, Israelis, die in anderen Ländern zu leben wagen, als „Jordim“ verachtet worden sind. Doch mit der dämlichen Fantasie wie hier geschildert, lässt sich das schwerlich vergleichen, auch wenn es Parallelen gibt.

*sehr frei nach dem Buch „Die Seele Israels“ von Ernest Goldberger

Dienstag, September 04, 2007

Die Jungen

1.9.2007

Gestern Freitag Abend führte unsere Gemeinde Sulam Ya’akov den Gottesdienst im Freien durch. Zweihundert Meter vom Strand entfernt, in einem Park, der vom Kohlekraftwerk Caesarea, Israels grösstem Elektrizitätswerk, geschmackvoll angelegt worden ist. Zwischen dem Park und dem Kraftwerk fliesst der Haderafluss, in den, für alle sichtbar, das Kühlwasser fliesst. Wäre es ein Atomkraftwerk, hätte ich vielleicht Bedenken gehabt dort zu sitzen. Luftverschmutzung war keine zu sehen, was nicht heisst, dass wir mit unsichtbarem Aschestaub aus den drei Kaminen unberieselt geblieben sind. Trotzdem, wir sassen auf mitgebrachten Stühlen und Strohmatten auf einem prachtvollen Rasen und führten unseren Freitagabend-Gottesdienst durch. Nur auf das Anzünden der Schabbatkerzen mussten wir verzichten, der Wind blies und die Streichhölzer gingen aus.

Es nahmen viele Kinder und Jugendliche teil. Nach Abschluss des Gottesdienstes kam unsere Präsidentin Esti auf die Idee den etwa vierzig anwesenden Gemeindemitgliedern den Nachwuchs vorzustellen. Da am kommenden Sonntag die Schule beginnt, erfuhren wir von jedem Kind und von jedem Jugendlichen in welche Klasse er kommt. Ich verglich dies mit unseren Enkeln hier in Israel und in Zürich. Einer der Jungen, Esti’s Sohn Lior, hat die Mittelschule abgeschlossen. Er müsste zum Militär, zog es aber, wie viele andere vor, erst ein Jahr Shnat Sherut (Sozialdienst, man könnte es auch Zivildienst nennen) zu absolvieren, genau wie unser Enkel Jonathan. Das heisst vor allem, dass diese Jugendlichen statt „nur“ die drei Jahre Militärdienst, vier Jahre ihres Lebens dem Land geben. Sie tun das freiwillig und meist im Rahmen ihrer Jugendorganisation. Jonathan mit der sozialistischen Noar Oved VeLomed, Lior mit Telem, die zur israelischen Bewegung für progressives Judentum gehört. Beide werden als Sozialarbeiter und Jugendleiter in Freizeitzentren arbeiten, doch gibt es auch Sozialdienstler, die in Spitälern, Schulen, Landwirtschaft und ähnlichem tätig sind.

Leider haben auch nationalreligiöse Gruppierungen den Sozialdienst entdeckt, ohne ihn jedoch anschliessend mit dem Militärdienst zu verbinden. Im Gegenteil, sie benutzen diese Möglichkeit, sich davor zu drücken. Nationalreligiöse Mädchen, so war kürzlich in Haaretz zu lesen, missbrauchen diese Gelegenheit um in staatlichen Schulen in den Stunden der Staatskunde, ihre Art von Patriotismus zu verbreiten. Das beinhaltet Behauptungen wie zum Beispiel, es hätte zu Beginn des zionistischen Aufbaus in Eretz Israel (d.h. noch vor der Staatsgründung) keine Araber gegeben, denn diese seien erst später, angezogen durch von Juden ermöglichten Arbeitsplätzen, nach Palästina gekommen. Vor einigen Jahren hörte ich Nethanyahu persönlich an einem Zionistenkongress in Jerusalem, diesen Unsinn verbreiten. Diese freiwilligen Töchter haben heute fast ein Monopol, diese Art von Zionismus und Judentum in Schulen zu vermitteln. Ein Judentum, welches das Land über den Menschen heiligt, welches das Land der Urväter besiedelt und Menschen für Judäa und Samaria opfert. Sie vermitteln, so der Artikel in Haaretz, ein extremistisches und grausames Judentum, welches das Motto „alles ist mein“ vertritt. Judentum und Zionismus müssten, so derselbe Artikel, dem ich beistimme, von den besten und erfahrensten Lehrern auf neutrale Art gelehrt werden, die jede ideologische Neigung nach extrem links oder extrem rechts ausschliesst.

Trotz solchen Ausnahmen ist das Shnat Sherut ein Beispiel dafür, dass Israels Jugend ohne Fanatismus ein Pflichtgefühl gegenüber dem Land und der israelischen Gesellschaft besitzt. Weit nicht alle sind Drückeberger, wie es den egoistischen und wohlstandsgeschädigten Schulabgängern von Nord Tel Aviv nachgesagt wird. Oder den parasitären Ultraorthodoxen, deren Männer sich nicht nur vor nationaler Verantwortung (Militärdienst), sondern auch vor produktiver Arbeit drücken. Ebenso könnte das Shnat Sherut arabischen Jugendlichen eine Möglichkeit bieten, Solidarität mit dem Staat, in dem sie leben, zu zeigen ohne zu den Waffen gezwungen zu werden.

Raketen, die Selbstgerechten und Jenin

31.8.2007

Wieder einmal hat sich der üble Trick arabischer Terroristen, sich hinter Zivilisten ihres eigenen Volkes zu verstecken und ihre Angriffe von dort aus zu führen, ausbezahlt. Drei Kinder, die neben einer Abschussrampe von Kassamraketen spielten, kamen dabei zu Tode, weil diese Abschussrampe von der israelischen Armee ausgemacht und zerstört worden war. Das geschah gestern in Gaza. Wahrscheinlich spielten diese Kinder „Judentöten“. Vor einem Jahr, im Zweiten Libanonkrieg, kamen aus ähnlichen Gründen noch weit mehr libanesische Zivilisten um und ganze Dörfer wurden zerstört, weil die Hisbullah ihre Stellungen mitten in Bevölkerungszentren aufgestellt hatte. Mit diesem System der Geiselnahme der eigenen Bevölkerung erreichen Hisbullah, Hamas und ihre Geistesverwandten in Irak und Afghanistan vor allem zwei Ziele: es werden Märtyrer produziert und Israel oder die Amerikaner und ihre Verbündeten können vor der Weltöffentlichkeit des Mordes an Zivilisten, möglichst Frauen und Kindern, angeklagt werden. Diese Ziele werden erreicht, denn die westliche Presse berichtet meist nur über das Endprodukt, d.h. über die Opfer, aber nicht über die oben geschilderten Hintergründe. Die einzige Alternative für Israel, wäre, sich nicht gegen Raketenangriffe zu verteidigen und Terroristen freie Hand für Angriffe auf israelische Ziele wie Sderot zu lassen. Obwohl israelische Bürger über unschuldige Opfer trauern, sind die Schuldigen unter jenen zu finden, die sich oben geschilderte Taktik zu eigen gemacht haben, philosophisch abgesichert mit ihrer Verachtung für Leben und ihre Sucht andere mit in den Tod zu reissen.

Mit Freude habe ich auf der Seite „Familiennachrichten“ des Tachles eine bescheidenes Inserat entdeckt, mit dem die von mir so geschätzten Jüdinnen und Juden für einen Gerechten Frieden (warum der Buchstabe G des Wortes Gerechten gross sein soll ist mir nicht klar) unseren Theodor Herzl mit der Besetzung der Westbank in Verbindung bringen. Einmal mehr beweisen diese Jüdinnen und Juden für Selbstgerechtigkeit, ihre völlige Unkenntnis neuerer jüdischer Geschichte. Sie bereiten ein Durcheinander falsch verstandener historischer und politischer Begriffe zu, die nichts miteinander zu tun haben. All das, weil es sie stört, dass Israel sich nicht für sie opfert. Übrigens, Uri Avneri und sein Gush Shalom in Israel publizieren ähnliche Anzeigen in der israelischen Presse. Doch vor Uri und dem Gush Shalom habe ich Achtung, auch wenn ich ihre heutige politische Einstellung nicht teile. Sie übernehmen für sich Verantwortung und werden allfällige Folgen davon existenziell tragen müssen. Sie sind ein denkender Teil unserer Demokratie. Die Jüdinnen und Juden für friedliche Selbstgerechtigkeit bürden nicht nur ihre eigene Verantwortung anderen auf, sie stehlen auch Ideen.

Wie meine Freunde und Leser wissen, bin ich der Meinung, dass Israel aus der Westbank abziehen soll. Obwohl das jüdische Volk gerade dort viele seiner geschichtlichen und religiösen Wurzeln hat, leben wir heute im Jahre 2007 und es gehört sich nicht, dass Juden über ein fremdes Volk herrschen. Die Tatsache, dass dieses fremde Volk heute unfähig erscheint, sich selbst zu regieren ist in diesem Zusammenhang unwesentlich. Inzwischen haben wir durch die Vorgänge in Gaza gelernt, dass palästinensisches Territoriums nicht einseitig und ohne Abstimmung mit den dort lebenden Palästinensern, diesen überlassen werden kann. Die Gründe dafür, in Gaza gelernt, liegen auf der Hand: es kommt zu Bürgerkrieg und Anarchie, die Feindschaft und die Angriffe auf Israel nehmen nicht ab sondern zu, der Abzug Israels aus besetzten Gebieten wird nicht geschätzt, sondern als vermeintlicher Sieg der „befreiten“ Palästinenser gefeiert, der Wille des erstmals in seiner kurzen Geschichte wirklich freien palästinensischen Volkes einen funktionierenden Staat zu errichten, ist trotz grosszügiger fremder Hilfe ist nicht zu erkennen. Zerstörung und Gewalt treten an Stelle von Aufbau und Selbstverantwortung.

Trotzdem besteht wieder einmal Hoffnung. In den vergangenen Tagen haben sich in Jenin Dinge zugetragen, die aufhorchen lassen. Palästinensische Polizisten retteten einen israelischen Major davor gelyncht zu werden und der Gradmesser israelischer-palästinensischer Liebe schnellte in die Höhe. Abbas und Olmert reden, wie es heisst, intensiv miteinander, es scheint etwas in Bewegung geraten zu sein – was es genau ist, werden wir sehen. Die palästinensische Polizei und die Regierung feiern sich selbst und reden von einem völlig neuen und positiven Verhältnis zu Israel, dass aber von Israel bisher nicht erwidert worden ist. Es liegt an Olmert und seinen Mannen diesen Olivenzweig aus palästinensischen Händen entgegenzunehmen und, falls dieser neue Prozess wirklich echt ist, daraus ein vernünftiges Verhältnis mit unseren Nachbarn zu entwickeln. Falls dies tatsächlich geschehen sollte, würden sich Israels und der westlichen Welt wirkliche Feinde, die islamistischen Terrororganisationen angeführt vom Iran, Hisbullah, Al Kaida, Hamas und andere, vor neue Tatsachen gestellt sehen – der israelisch-palästinensische Konflikt könnte nicht mehr als Vorwand für ihren Hass auf Nichtislamisches verwendet werden. Doch keine Bange, es gibt noch andere Ausreden und sie werden sie finden oder erfinden.

Die Sache mit dem Zurückgeben

10.8.2007

In den vergangen Monaten sind etwa 400 (das ist die herumgebotene Zahl, ob sie stimmt, bezweifle ich) sudanesische Flüchtlinge aus Ägypten nach Israel geflüchtet. Viele sind auf dem Weg umgekommen. Im Sudan werden diese Flüchtlinge schwarzer Farbe und vorwiegend Christen aber auch als Muslime von den arabischen Sudanesen gehasst, verfolgt und umgebracht. Auch in Ägypten sind sie in Gefahr. In Israel wurden sie, besonders die Männer eingesperrt, sudanesische Familien in irgend einer Stadt vor dem Stadthaus deponiert, in der Hoffnung von den lokalen Behörden betreut zu werden. Doch von denen wurden sie wieder verjagt – keine Behörde will Verantwortung für diese Menschen übernehmen. Die Regierung will sie nach Ägypten ausweisen, doch seit von israelischen Soldaten beobachtet worden ist, wie sudanesische Flüchtlinge erschossen wurden, wird weniger von Ausweisung geredet, das offizielle Israel schweigt. Inzwischen haben israelische Bürger einzelne sudanesische Familien bei sich aufgenommen, bis eine anständige Regelung getroffen wird. Die Reaktion vieler Israelis gegenüber der Behandlung dieser Menschen, hat immerhin dazu geführt, dass keine von ihnen bisher deportiert worden sind. Die gegenwärtige Stimmung zu diesem Problem ist ein Abklatsch der früheren (oder vielleicht noch bestehenden) Situation in der Schweiz. Von politisch rechten Reaktionären werden diese Flüchtlinge pauschal als „Wirtschaftsflüchtlinge“ dargestellt, während anständige Menschen sich empören und zu helfen suchen. Lea und ich denken wie die meisten Israelis, dass gerade Israel, das Land Juden, die Pflicht hat Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Denn kein Volk wurde in seiner langen Geschichte so verfolgt wie wir Juden, keinem Volk wurde so oft Asyl verweigert wie dem jüdischen. Man erinnere sich an die Evian Konferenz in 1938 in dem sämtliche 32 teilnehmenden Staaten aussagten, wie gerne sie jüdische Flüchtlinge aufnehmen würden, aber es leider nicht könnten. Das war der Auftakt zu den für Juden geschlossenen Grenzen der Schweiz (die immerhin doch rund 30'000 Flüchtlinge aufnahm) oder noch schlimmer, der USA, die obwohl territorial völlig unbedroht, weit weniger Juden aufnahmen und Schiffe gefüllt mit diesen Menschen zurück nach Deutschland in den Tod schickten. Wenn wir Juden daraus nicht die Pflicht gelernt haben, vom Tode bedrohten Flüchtlingen Schutz zu gewähren, dann, so denke ich und viele andere, hat Israel und das gesamte jüdische Volk ein Stück Glaubwürdigkeit verloren.

Das eigentliche Thema dieses Tagebucheintrags ist eine Redewendung, die oft in der ausländischen Presse zu sehen und zu hören ist. Es geht mir um den Satz, der in verschiedenen Variationen etwa so tönt: „wann wird Israel die besetzten Gebiete der Westbank an die Palästinenser zurückgeben?“.
Bevor ich mich darüber auslasse, will ich feststellen, was ich schon oft geschrieben und gesagt habe, dass wir in der Westbank (wie in Gaza) nichts zu suchen hätten und Siedlungen und Militär von dort abziehen müssen. In Gaza hat das stattgefunden, das Resultat war für die Gazaner (auch genannt Palästinenser) verheerend. Vielleicht lag das an der fehlenden Absprache mit den palästinensischen Behörden, aber am Prinzip ändert sich nichts. Wir müssen diese Gebiete den Palästinensern überlassen, nicht zurückgeben.
Überlassen ist nicht das Selbe wie zurückgeben. Das Wort „zurückgeben“ bedingt einen früheren Besitzer und beweist vom Benutzer dieses Wortes völlige Ignoranz über die Geschichte unserer Region. Ad nauseanum wird von wirklichen Fachleuten die Geschichte Palästinas erklärt – einen Staat Palästina hat es nie als arabisches Land gegeben hat. Ein Volk der Palästinenser gibt es etwa seit dem Sechstagekrieg in 1967, als diese Bezeichnung von Arafat eingeführt worden war. Bis dahin waren die heutigen Palästinenser einfach Araber oder bestenfalls Südsyrer. Heute sind sie Palästinenser und das ist eine Tatsache, die wir akzeptieren müssen. Aber einen eigenen Staat hatten sie nie, nie seit Araber im 7. Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel ausbrachen um anderen Völkern die Wonnen des Islams aufzuzwingen.

Nach dem Ende des türkischen Kalifats (die osmanischen (türkischen) Sultane betrachteten ihr Reich als Fortsetzung des bis anhin arabisch beherrschten Kalifats) in 1923, wurde Palästina zum britischen Mandatsgebiet, das das heutige Jordanien, die Westbank und Israel umfasste. Jordaniens Ansprüche auf die Westbank endeten als König Hussein einige Jahre nach der israelischen Eroberung dieses Gebiet als nicht mehr jordanisch deklarierte. Er war froh sich dessen ungebärdige Einwohner vom Hals schaffen zu können – eine Einstellung die durch den Umsturzversuch der PLO gegen ihn in 1970 unterstrichen worden ist.

Deshalb ist es keine Haarspalterei, sich die Frage zu stellen, was denn „zurückgeben“ an jemanden, der es nie besass, heissen soll. Denn das wäre Geschichtsfälschung. Nach 1967 haben sich die Araber des Gebietes Palästina zu einer eigenen Identität gemausert, sie sind heute Palästinenser. Sie sollen die Chance für einen Staat Palästina erhalten und beweisen, dass sie, entgegen allen bisherigen Erfahrungen, einen Staat auch aufbauen und friedlich und ohne Blutdurst betreiben können. Vielleicht werden die Kinder unserer Enkel dies erleben. Optimisten sind heute in Israel wenige zu finden, doch Wunder geschehen im Heiligen Land und vor allem dürfen wir die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben und nicht auf Hetzereien unserer eigenen Extremisten hereinfallen.

Hamas schwitzt in Gaza

4.8.2007

Bevor ich zum Thema komme, möchte ich auf einen Artikel in der Wochenendausgabe der Zeitung Haaretz hinweisen, den ich als Gegensatz zur in meinem Kommentar vom 12.7.2007 über die „Philosophie“ des Hasses gewisser jüdischer Siedlerkreise in Verbindung bringe. Im ersten Teil des Artikels „Olive Branch“ schreibt Daniel Ben Simon über den Drusen Amin Saliman Hassan, dessen zwei Töchter in einem Autobus durch einen palästinensischen Selbstmordattentäter zu Schaden kamen. Die eine Tochter wurde getötet, die andere schwer verletzt. Doch statt in Hass oder Selbstmitleid zu verfallen, beweist Hassan menschliche Grösse und setzt sich nun für Versöhnung zwischen Israel und Palästina ein. Im Allgemeinen mögen israelische Drusen Muslime nicht, etwas das den Vorgang in Amin Saliman Hassan umso bemerkenswerter macht. Der Gegensatz zwischen Hassan, der eine wirkliche Tragödie erlitt und ideologisch beknackten Siedlertypen der Westbank ist augenfällig.


In einer mir sonst nicht sympathischen jüdischen Website aus der rechtsextremistischen Szene Israels fand ich diese Karikatur, die sehr trefflich die Situation der Hamas in Gaza wiedergibt. Jetzt, nachdem sie es in einem Blutbad fertig gebracht hatten die alleinige Kontrolle über Gaza und seine Bewohner zu erobern, ist sie wirklich für alles in Gaza verantwortlich. Für die Versorgung mit allem, das Bürger von ihrer Regierung und deren Ämtern erwarten, besonders in einer Gesellschaft die, wie in der arabischen Kultur üblich, wenig Sinn für Zivilgesellschaftliches hat und dazu erst noch keine objektive Möglichkeiten besitzt über die von Hamas ausgeübte Politik mitzuentscheiden. Nur eben kann oder will Hamas nicht liefern, keine Arbeit, keine Nahrungsmittel, keine Sicherheit und keine Freiheit – obwohl Gaza von der israelischen Besetzung befreit ist. Das wird zwar von Apologeten und Gutmenschen der palästinensischen Sache bestritten, denn diese erwarten grundsätzlich keine palästinensische Eigeninitiative (denn dann könnte Israel nicht mehr für alles, das in dieser palästinensischen Gesellschaft schief läuft angeklagt werden), ausser zum Abschuss von Raketen und anderem Terror, offiziell deklariert als Widerstand gegen die (seit langem beendete) israelische Besatzung, auch wenn es in diesem Fall nichts als islamische Blutdurst ist. Inzwischen liefert Israel weiter Strom, Wasser und Lebensmittel an die Gazaner.
Wir haben uns mit einer Familie aus dem nachbarlichen Faradis ein wenig angefreundet. Fadiah pflegt Lea nach ihrer Operation und kommt wöchentlich und auf Kosten des Staates zu uns. Inzwischen war auch schon Ehemann Rhiad bei uns zum Kaffee, wie auch die zwei Söhne Shaheen und Mohammed. Ich erzählte Shaheen, dass ich einen Direktor der Caterpilar in Peoria (USA) kennen gelernt hätte, der den gleichen Namen führe, jedoch irischer Abstammung sei. Übrigens, so belehrte mich Shaheen (der Israeli), sei Shaheen das arabische Wort für eine Adlerart und er sei sehr stolz darauf. Die Familie ist religiös observant und Shaheen hält die fünf täglichen Gebete ein. Fadiah erscheint bei uns im Kopftuch und langem arabischem Kleid (genannt Abaya), legt aber beides ab, solange sie in unserem Haus ist. Ihr Mann Rhiad erklärte mir bei seinem ersten Besuch bei uns, dass sein Name „Paradies“ bedeute, ein recht alltäglicher Name, obwohl mir dessen Bedeutung eigentümlich vorkommt, Bei uns gibt es das als Namen verwendete Wort „Eden“, das zusammen mit dem Wort „Gan“ (Garten) – also „Gan Eden“- die selbe Bedeutung wie Rhiad, aber nicht als Namen verwendet wird. Rhiad ist Schlosser und besitzt eine sehr gut gehende Schlosserei und Fabrik im jüdischen Nachbarort Pardess Hanna. Unter anderem stellt er serienmässig feinmechanische Teile für einen Kunden in Deutschland her. Das neueste Produkt ist eine Pistole, die Gummikugeln abfeuert. Sie soll ein Verkaufsschlager für Frauen werden, die sich damit vor Überfällen und Vergewaltigungen schützen sollen. Statt Pfefferspray, Tränengas oder einem Tritt in die Eier. Die Idee stammt nicht von Rhiad, er wird diese „Waffe“ im Auftrag des Erfinders herstellen. Ob man dafür einen Waffenstein brauche, vergass ich zu fragen.
Fadiah und Rhiad leben zuoberst auf dem Hügel hinter Faradis in einem wunderschönen sehr grossen und geräumigen Haus. Daneben steht auch schon fix und fertig das Haus ihres Sohnes Shaheen, der bald heiraten wird. Für uns sind dies Herrschaftshäuser, um die wir sie beneiden. Was, wie meist, fehlt, ist der Garten, etwas das bei Juden und heute auch bei Drusen, durchaus zur Norm gehört. Wir sind zur Hochzeit eingeladen. Ich schlug Lea vor, zu diesem Anlass ihre neue (und einzige) festlich aussehende Abaya anzuziehen, doch sie will nicht. Sie will als jüdische Israelin mitmachen und sich weder verkleiden noch anbiedern. Womit sie hundert Prozent recht hat und mir wieder einmal Charakterstärke beweist.

Bei Rhiads erstem Besuch bei uns, sagte ich ihm, dass wir seine Frau äusserst schätzen und ich sie toll finde. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass man Ehefrauen gegenüber ihrem muslimischen Ehemann nicht loben soll, das könne diesem in den falschen Hals geraten. Ich tat es trotzdem und schilderte ihm mein „Dilemma“. Er aber lachte sich krank und fragte ob ich denn glaube, sie (die Araber von Faradis) seien Barbaren.

Donnerstag, Juli 26, 2007

Fortsetzung

25.7.2007

Auf meine Betrachtungen vom 12.7.2007 (Bibeltreuer Hass und linke Arroganz) erhielt ich, wie schon einmal festgestellt, eine beachtliche Menge von Reaktionen. Egal ob (meist) positiv oder nicht ist das sehr befriedigend, denn es zeigt, dass meine Anstösse andere zum Nachdenken bringt. Eine fundamentalistische und streng bibeltreue christliche Freundin aus einem Zürcher Vorort, findet, dass zwischen der von mir dargestellten extrem-nationalistischen Siedlerin und evangelikalen, auf den Messias wartenden Christen, eine grosse Ähnlichkeit besteht. Dass zwar die Mehrheit dieser jüdischen Siedler ein Käppchen tragen ist nicht zu bestreiten, doch gibt es auch eine Menge säkularer Siedler, die vielleicht nicht auf den Messias warten oder viel vom von Gott den Juden zugesprochenen biblischen Land halten. Die einen warten auf Armageddon, die anderen haben ihre Seele dem Recht des Stärkeren verkauft. Beide haben den Hass gemeinsam, der sich gegen alles richtet, das ihnen nicht gefällt.
Reinhard Meier, der für Israel zuständige Auslandredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, kommentierte wie folgt (er hat es mir erlaubt, ihn zu zitieren):

Lieber Herr Russak,

Ihren untenstehenden Tagebuch-Eintrag habe ich mit Interesse und viel innerer Zustimmung gelesen. Es freut mich, dass Sie den Extremismus und das Hardlinertum auf allen Seiten kritisch zur Kenntnis nehmen. Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Begriffe Kolonialismus und Apartheid im Zusammenhang mit Israels Existenz polemisch und ahistorisch sind.

In Bezug auf die Entwicklung in Cisjordanien und Ostjerusalem (wo immerzu weiter besiedelt wird, trotz aller Lippenbekenntnisse zur Schaffung eines palästinensischen Staates) aber sind diese Begriffe leider nicht abwegig. Hier wird ein zugleich sehr realer und sehr wunder Punkt getroffen, der meiner Meinung nach in grossen Teilen der israelischen Öffentlichkeit zu wenig gründlich diskutiert wird - oder zu dem ganz einfach das Problembewusstsein fehlt, auch wenn es dabei viele und gewichtige löbliche Ausnahmen gibt.

Herzlich und mit guten Wünschen, Reinhard Meier

Teilweise muss ich mit Reinhard Meiers Schluss in Bezug auf die Westbank einig gehen. Das Problembewusstsein fehlt eindeutig, ich denke die Mehrheit der (jüdischen) Israelis filtern das Geschehen in der Westbank aus ihrem Bewusstsein aus. Es gibt Teile der Definition des Kolonialismus, die auf den Zustand der Besetzung der Westbank zutreffen, andere nicht.

Hier einige Argumente dafür und dagegen:

• Die Besetzung der Westbank ist das Resultat eines Verteidigungskrieges (Sechstagekrieg 1967) und nicht der Landname mit wirtschaftlichen Absichten – also nicht Kolonialismus
• Die Westbank gehört, historisch gesehen, zur jüdischen Geschichte und ist nicht ein fremdes Land ohne geschichtliche Verbindung zum jüdischen Volk – Kolonialismus oder nicht, darüber könnte man streiten. Ich denke nicht.
• Die harsche Behandlung der Westbank-Palästinenser ist vor allem das Resultat derer Terroraktivitäten. Doch der Überlegenheitswahn vieler ideologisch und religiös motivierter Siedler drückt sich in der Unterdrückung der dortigen Palästinenser aus – das ist Kolonialismus.
• Die Westbank hat keinen wirtschaftlichen Wert für Israel, sie ist eine Behinderung – also nicht Kolonialismus.
• Die Westbank versorgt Israel mit Wasser – das ist Kolonialismus.
• In der Westbank lebende Juden haben ein „Heimatland“, Israel, das sie unterstützt und in das sie zurückkehren können – ein Markenzeichen des Kolonialismus.
• Die jüdische Besiedlung der Westbank hat vor allem ideologische Gründe, auch wenn ein Teil der Siedler ausschliesslich aus wirtschaftlichen Gründen dort lebt – das Häuschenbauen ist halt weit billiger dort und wird von der israelischen Regierung subventioniert. Wirtschaftliche Gründe sind Kolonialismus.

Abschliessend: die Zeit des Kolonialismus ist schon lange vorbei – ersetzt durch die Globalisierung. Deshalb ist die Besiedlung der Westbank gegen den Willen seiner Bewohner ein Anachronismus. Das zionistische Israel ist nicht nur das Resultat religiöser Sehnsüchte und der viertausend Jahre alten Geschichte des jüdischen Volkes, sondern und leider auch ein Resultat des Antisemitismus. Der Holocaust hat dann die kritische Masse geschaffen, dem politischen Zionismus die bisher geschaffenen sehr konkreten Vorbereitungen in einen Staat der Juden umzuwandeln. Die meisten Israelis (neue Einwanderer aus westlichen Ländern sind die Ausnahme) haben kein Land, in das sie zurückkehren können, ihre Heimat ist Israel. Eine andere Heimat haben sie nicht.

Sonntag, Juli 15, 2007

Der Gutmensch v. Shimon Peres, der träumende Realist

15.7.2007

Die Zahl und Qualität der Reaktionen auf meinen Tagebucheintrag vom 12.7.07 ist bemerkenswert. Bis auf einen, unterstützen sie meine Sicht der Dinge. Roger Guth sandte mir ein Zitat aus einem der von mir sonst verpönten Diskussionsforen unter dem Titel „Der gute Mensch“. Woher es ursprünglich stammt weiss ich nicht, aber es passt so schön. Das mit dem Balken im Auge stammt aus dem Neuen Testament, Matthäus 7.3. bis 7.5. Hier die gekürzte Wiedergabe des Zitats:

„Der Gutmensch ist einer, der sich einbildet gut zu sein, es aber nicht ist. Es ist der Pharisäer, der Gott dankt, dass er nicht ist wie andere. Es ist derjenige, der den Splitter im Auge des anderen sieht, den Balken im eigenen Auge aber nicht. Es ist derjenige, der das Gute will und dabei alles schlechter macht. Er ist eingebildet und realitätsfern. Er ist ja so edel, selbstlos und menschfreundlich – aber nur in seiner eigenen Vorstellung. Tatsächlich verachtet er Mensche (nur eben die, die er als „menschenverachtend“ oder „rassistisch“ diffamiert – das ist sein persönlicher Rassismus), erblickt von seiner hohen Warte herunter auf den primitiven Pöbel seines eigenen Volkes und ist der Fürsprecher des Lumpenproletariats aus Herren Länder“…..

Dann schaute ich doch noch im Neuen Testament nach, in Matthäus 7.3. bis 7.5. Da steht folgendes:

"Was siehst du ausser den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie kannst du zu seinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen – und siehe, der Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge und dann siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruder Auge ziehest!"

Man beachte wer in diesem Zitat den Splitter und wer den Balken im Auge hat. Nie hätte ich gedacht im Neuen Testament zu wühlen, aber man nimmt grosse Aussagen von dort, wo man sie findet. Rabbi Jehoshua, war einer der gescheiteren Rabbiner seiner Zeit und ist eben eminent zitierbar und das wird weidlich ausgenutzt. Man braucht nicht sehr gescheit zu sein um den Bezug zu den Gutmenschen unserer Zeit herzustellen – lest einfach nochmals, was ich vor zwei Tagen über das Thema geschrieben habe.

Heute Abend wurde Shimon Peres als neuer Staatspräsident eingeschworen. Teile davon hörten wir im Auto auf dem Weg nach und von Haifa. Es wurde von der Krönung (haktara) des neuen Präsidenten gesprochen, nicht nur vom Einschwören (hashba’a), wie man es in einer Republik erwarten sollte. Das Monarchische aus König Davids Zeiten hat unseren Staat halt doch noch fest im Griff. Teile des Radioprogramms, eine Übersicht über die früheren acht Präsidenten, in der die noch Lebenden selbst sprechen durften (es war, glaube ich, nur Itzchak Navon, über die anderen wurden von deren Kindern oder Mitarbeitern erzählt. Der Vorgänger von Peres, Mosche Katzav, wurde so erwähnt: seine Amtzeit habe mit einem Handel über teilweise Straffreiheit geendet. Punkt.

Wir sind alle glücklich über Shimon Peres’ Wahl zum Präsidenten. Seine Antrittsrede habe wir verpasst, doch auf English hörten wir ihn sagen, Israel müsse aus den besetzten Gebieten heraus, denn die Besetzung sei gegen alle ethischen Auffassungen des Judentums. Jetzt schon liegt er im Beschuss der Rechtsextremen – wer mehr über diese und ihre Existenzphilosophie wissen will, lese nochmals meinen Tagebucheintrag von vorgestern. Lea und ich sind nun noch zufriedener über ihn in seinem neuen Amt, den seine Sicht der Dinge, die er nun endlich ganz offen ausspricht, ist die unsere. Teil unserer Zufriedenheit ist, das ist uns klar, die Nostalgie nach den historisch Grossen unseres Staates, von denen er nun wohl der letzte ist. Denn genau solche Menschentypen wie Ben Gurion, Sapir, Josef Burg, Eshkol, Rabin, Begin (jawoll, dazu stehe ich, denn Begin war ein ehrenwerter Mann) fehlen heute und es ist uns klar, dass unser Staat, so wie er heute geführt wird, keine Licht für die Welt sein kann.

Donnerstag, Juli 12, 2007

Bibeltreuer Hass und linke Arroganz

12.7.2007

Gestern Abend traf ich Schweizerfreunde in einem Café am Strand von Tel Aviv. Zwei Ehepaare mit denen wir recht engen Kontakt hegen und offen miteinander sprechen. Dazu gesellte sich eine mir bisher unbekannte Israelschweizerin der sehr nationalreligiösen und orthodoxen Konfession. Während ich einer Freundin, die kürzlich die Galerie in Umm El-Fahm besucht hat, mehr über dieses Projekt und dessen Ziele, Hintergründe und Geschichte erklärte, hörte ich mit halbem Ohr der politischen Stammtischdiskussion der andern zu und mir wurde zunehmend ungemütlicher. Die mir bisher unbekannte Dame erklärte, wir Israelis würden nie in Frieden leben, als wäre es normal, wenn nicht sogar erwünscht, müssen uns damit abfinden und darauf einstellen. Der Hass auf alles Arabische (und manchmal auch auf alles Nichtjüdische) schimmert durch und ebenso der Hass auf universalistisches Gedankengut, das doch den grossen Teil des jüdischen Beitrags zur westlichen Kultur darstellt, wie auf alles, das nicht dem engsten jüdischen Partikularismus entsprach. Ich bin entsetzt über diese in verschiedenen Kreisen verbreitete Einstellung, Kreise die sich nicht vorstellen können, dass man ein Leben in Frieden leben könnte, auch wenn es zur Zeit, so denke ich, nicht darnach aussieht. Aber es gibt die Zukunft und es gibt Hoffnung, die Energie verleihen sollte, diese zu Friedensförderung zu nutzen. Wie trostlos ist ein Leben ohne Hoffnung, ein Leben, in dem Krieg und Gewalt als selbstverständlich, ja als unersetzlich gelten, das Wort „Schalom“ zur blossen Grussformel verkommen ist und man sich nicht vorstellen kann, ein „normales“ Leben zu führen. Denn für solch bittere und ideologisch deformierte Menschen sind „normale Zeiten“ 1:1 auf heute projizierte Perioden der Bibel, in denen heute Palästinenser und Araber die Rolle der damaligen Amalekiter zugewiesen wird, dem biblischen Urfeind der Juden. Eine Bezeichnung, die mitunter von jüdischen Rechtsextremisten in öffentlichen Hassaktionen verwendet wird, an denen „Amalek, Amalek“ geschrieen wird. Auch ich bin der Meinung, dass die momentane Situation nicht zu Frieden führt – aber vielleicht stimmt das überhaupt nicht. Schon Ben Gurion sagte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Die iranisch-schiitische Gefahr, die für die sunnitisch-arabische Welt weit grösser ist als für uns, hat dieser eine Friedensbereitschaft verliehen, deren Motivation kaum die neu entdeckte Liebe zu Israel und den Juden ist. Doch aus ideologischen Gründen grundsätzlich der Idee des Friedens abschwören? Das wäre eine jüdische Art des islamistischen Todeskults und wir wären damit auf dem Niveau der Islamisten jihadistischer Couleur angekommen.

Als ideologischer Gegenpol des jüdischen Rechtsextremismus finden ich unter Bekannten und Freunden in Israel und in der Schweiz gelegentlich eine Art Scham über Israels Willen zu überleben. Diese Scham drückt sich aus in der Scheu grundsätzlich und öffentlich für Israel einzutreten. Er drückt sich aus in der Fixierung auf durchaus vorhandenes Fehlverhalten Israels, im Gebrauch eines Doppelstandards in der Beurteilung der Leistungen und Fehlleistungen unseres Staates gegenüber den Leistungen und Fehlleistungen seiner Feinde, in dümmlichen unausgegorenen Vergleichen, die auf Vorurteile, mangelndes Wissen und lädierte Bildung schliessen lasse und, als dieses Paket zusammenhaltende Schnur, eine Portion fehlender Zivilcourage, die man auch als Feigheit bezeichneten darf. Es gibt den Ausdruck des „Rosinenpickers“, der in diesem Zusammenhang heisst, dass aus einem Gesamtwerk (um ein pompöses Wort für den Staat der Juden zu verwenden) nur das herausgepickt wird, das in den ideologischen oder den im Unterbewusstsein bestehenden Kram passt und dabei das ausgesuchte Detail mit dem Ganzen verwechselt.

Ein von mir vielfach angetroffenes Beispiel ist der Gebrauch der Worte Kolonialismus oder auch Apartheid, mit denen Unbedarfte (lassen wir die Böswilligen einmal auf der Seite) unseren Staat der Juden mundtot machen wollen. Dies ohne die geringste Ahnung über den Sinn dieser zwei Begriffe. Ohne Verstand stellen solche sich clever dünkende, sich oft vordergründig als Zionisten bezeichnende Freunde z.B. die Behauptung auf, Israel sei eine kolonialistische Kreation des Westens. Oder Israel sei ein Apartheid-Staat ohne eine gute und allgemein anerkannte und wissenschaftlich gültige Definition dieser beiden Begriffe zu haben. Dazu gehört auch die Unfähigkeit Zeit- und Kulturperioden auseinander zuhalten und die Vorliebe alles ohne Unterschied als Eintopf zu sehen. Mein Tagebuch ist nicht der Ort, Unterricht zu erteilen, doch wer es unbedingt wissen will, dem bin ich bereit diese zwei Begriffe auf Anfrage zu erklären.

Eine mir verschiedentlich angetragene Meinung ist die, dass nur aus dem fernen Ausland, weit weg vom Nahen Osten und seinem Geschehen, es möglich sei, den Israel-Palästina Konflikt wirklich zu beurteilen. Das ist arrogant, egoistisch und verzichtet völlig auf den emotionellen Aspekt des Konfliktes, überlässt die gesamte Information in den Händen der Medien und, was besonders aufstösst, bedingt Null Empathie für die Beteiligten und verlangt Befugnisse und Anerkennung ohne wirklich Verantwortung übernehmen zu wollen (oder zu können) oder gar Folgen des eigenen Tuns zu tragen.

Sonntag, Juli 01, 2007

Avrum Burg hat nicht in allem unrecht

1.7.2007
Auf Avrum Burg hatte ich vor Jahren eine Wut, als er Vorfälle der Holocaustgelder in der Schweiz kommentierte und mit Schüssen aus der Hüfte zu erkennen gab, nichts davon zu wissen oder zu verstehen – ganz im Gegensatz zu seinen Vater Josef Burg, der die Schweiz kannte, liebte und dort fast jährlich kurte.
Nun hat sich Avrum Burg verändert, er denkt und mit seinem Buch über die Ghettoisierung der israelischen Gesellschaft und des hiesigen Judentums hat er eigene Erkenntnisse unter die Leute gebracht, die wenig Beifall finden. Er will an der Welt teilhaben und dem israelischen Partikularismus ein wenig entfliehen und wenigsten einen Teil des jüdischen Universalismus, der die westliche Welt mitprägte, zurückbringen und miterleben. Warum auch nicht. Auch wenn er damit den Begriff des Weltbürgertum anspricht, der, so dachte ich, von Garry Davis 1948 begründet und mit diesem wieder gestorben sei (was nicht stimmt, er lebt noch immer und will Präsident der Welt werden. Auch kann man sich heute als Weltbürger registrieren lassen. Soweit zu dieser Trivialität).

Burg hat zusätzlich zu seiner israelischen auch die französische Bürgerschaft angenommen. Als Sohn eines Jecken (Josef Burg kam aus Dresden) hätte er auch problemlos einen deutschen Pass erhalten können, wie viele andere Israelis der zweiten Generation auch. Vor allem daraus versucht nun die durch die Medien vertretene Öffentlichkeit ihm einen Strick zu drehen, in dem suggeriert wird, er wolle sich damit einen Rettungsring für den allfälligen Untergang Israels anschaffen. Das ist unfein und ich war Zeuge bei einigen Fernsehinterviews, wie gerade sein zweiter Pass zum Mittelpunkt des Gespräch empor stilisiert wurde und wenn man Burg gerade reden liess ihm pausenlos ins Wort fiel. Die gesellschaftliche Ghettoisierung Israels, vor allem durch verstärkten Einfluss der Religion, sowie durch die feindliche Umgebung verursacht und meiner Meinung nur einen Teil der israelischen Gesellschaft betrifft, wurde zum Nebenthema. Dabei sind Zweitpässe und sogar Drittpässe in Israel verbreitet und Teil der weltweiten Globalisierung, die nicht nur die Wirtschaft betrifft. Israel ist ein Land der Immigranten, aber nicht mehr ausschliesslich staatenloser Flüchtlinge.

Ein weiterer von ihm thematisierter Punkt, ist seine Ablehnung des „jüdischen demokratischen“ Staates, ein Oxymoron, über das ich mich schon vor Jahren ausgelassen habe. Ich gebe ihm ich natürlich recht, denn eine Demokratie bleibt Israel nur, wenn sie sich als demokratischen Staat der Juden bezeichnet, denn es liegt an den Bürgern dieses Staates mit demokratischen Mitteln dafür zu sorgen, dass er so bleibt, wie ihn seine Bürger mehrheitlich wollen. So geschieht es in den Staaten der westlichen Welt, in der die Demokratie bestimmt wie „französisch“, „schweizerisch“ oder was immer, der Staat zu sein hat. Ein jüdischer Staat wäre eine Theokratie à la Iran, ein Albtraum erster Güte.
Ich habe Burgs Buch nicht gelesen, doch im Unterschied zu anderen Diskussion, und auf Grund der intensiven Interviews Avrum Burgs in den Medien, drängt sich dessen Lektüre weniger auf. Wichtig ist hingegen an Burgs neu entdeckter Philosophie nicht sein in Frage gestellter Nationalismus. Dieser hielt sich, wie es einem der Mitbegründer der Bewegung „Peace Now“ nicht anders zu erwarten ist, in gesunden Grenzen. Dass er mit seinem neu erworbenen französischen Pass viele Israelis beleidigt, ist deren Problem und stört mich nicht. Aber mit seinen Aussagen verunsichert und schwächt er den Überlebenswillen vieler israelischer Bürger, die sich aus wirtschaftlichen und anderen Gründen schon genügend unsicher fühlen und deren Gefühl nationaler Sicherheit durch den Zweiten Libanonkrieg erschüttert worden ist. Ähnlich wie Ernest Goldberger mit seiner gestörten Fibel „Die Seele Israels“, bringt Burg unsere Feinde und Zweifler in die Lage zu sagen: „Wenn es nun auch dieser Jude Burg bestätigt, dann ist unsere grundsätzliche „Kritik“ berechtigt, ja sogar beglaubigt“. Denn wenn der frühere Vorsitzende der zionistischsten aller Organisationen, der Jewish Agency, so denkt, muss doch mehr als nur etwas dran sein! Mit solchen Gedanken, obwohl missverstanden, fühlen sich manche legitimiert.
Vielleicht will Avrum Burg die Nachfolge von Yeshayahu Leibowitz antreten, dem grossen Kritiker und originellen Denker, und wie es sich heute herausstellt, Propheten des heutigen Israel. Leibowitz hat nach seinem Tod keinen Nachfolger gefunden. Ob Avrum Burg die Qualitäten dazu hat, wage ich zu bezweifeln.

Montag, Juni 25, 2007

Fragt den Psychologen

24.6.2007
Soeben sah ich den Film „Whatreallyhappened“ (was wirklich geschah) von David Horowitz (http://www.terrorismawareness.org/what-really-happened/), in dem er die von der arabischen Welt und ihrer Fans verfälschte Geschichte der Juden und Israel so darstellt wie sie wirklich war und ist. Zwar ist Horowitz nicht mein Favorit unter den Publizisten, er nimmt es nicht immer sehr genau und hat eine zu nationalistische Ader, doch für einmal hat er etwas, mit wenigen unwesentlichen Ausnahmen, Gutes produziert. Die vier kurzen Teile des Films sind es wert angesehen zu werden und ich möchte meine Tagebuchfreunde dazu animieren, in auch weiter zu verteilen. Per e-mail ist das keine Sache.

Anfangs vergangener Woche wurden bei einem Flugzeugangriff in Afghanistan gegen al-Quaeda Terroristen, die sich in einem religiösen Quartier versteckt hatten, sieben Kinder getötet. Ein gewaltiger Aufruhr fand in der islamischen Presse statt, es gab wundervoll organisierte spontane Demonstrationen, denn niemand dürfe das Töten von Frauen und Kindern akzeptieren, das sei gegen den Islam und gegen internationales Recht. Womit sie recht haben. So war es auch geplant, die Islamisten hatten nur auf den richtigen Augenblick gewartet.

Augenzeugen erzählten, die Terroristen hätten die Kinder am Verlassen des Quartiers gehindert. Als die Kinder fliehen wollten, wurden sie geschlagen. Der Brauch, sich hinter Kindern und Frauen zu verstecken, wird vermehrt zum Trend. Vor drei Monaten in Bagdad, hätten amerikanische Soldaten ein Auto durch eine Strassensperre gelassen, nachdem sie zwei Kinder auf dem Rücksitz gesehen hatten. Dann seien die zwei Erwachsenen aus dem Auto geflohen, hätten es in die Luft gesprengt und so die zwei Kinder und noch drei in der Nähe stehende erwachsene Zivilisten getötet.
Das scheint neu bei den Talibans in Afghanistan zu sein, in unserer Region ist das eine Jahrzehnte alte Tradition. Es wird viel von asymmetrischem Krieg gesprochen und damit die armen und schwachen Palästinenser, die von den so schrecklich starken Israelis vereinnahmt werden, gemeint. Doch es ist, so denke ich, gerade umgekehrt. Wir (und auch andere, wie die NATO-Soldaten in Afghanistan und Irak), kämpfen mit Sinn für eine gewisse Moral, die uns Grenzen auferlegt. Die anderen, Hamas, Hisbollah, Taliban oder al-Quaeda kennen solche Einschränkungen nicht. Ihr Ziel ist das Töten von Menschen, egal, ob eigene oder andere. Sie sind in einem Wahn verbunden, der auf einer verzerrten Religion beruht, die sie in einen rasenden Mordwahn versetzt, in dem alles erlaubt ist, besonders der Mord Unschuldiger und Unbeteiligter.

Machen wir uns nichts vor. Die Besetzung der Westbank muss beendet werden. Gaza ist „befreit“, das Resultat für die ganze Welt zu sehen. Ob die Palästinenser fähig sind oder nicht, ein geordnetes Staatswesen zu führen oder auch nur in Angriff zu nehmen, ist an Hand der Erfahrung mit Gaza stark zu bezweifeln. Doch darf das nicht zum Problem Israels werden. Die Besetzung ist ein Stein um den Hals Israels, der den Zionismus behindert und auf die Länge auch die heute blühende Wirtschaft bedrohen wird.

Trotzdem stelle ich fest: die grösste Bedrohung des Friedens ist nicht Israel, sind nicht die Palästinenser, sondern eine Sammlung von Ideen, die sich global breitmacht. Ihre Grundlage ist ein amoralischer Gott, der sogar Mord an Kindern rechtfertigt, um seine Lehre zu verbreiten. Religion ist das schon lange nicht mehr, sondern ein als Spiritualismus getarnter Nihilismus, kalt, ohne Mitgefühl und ohne Mitleid. Er kennt keine Grenzen und könnte bald in der Lage sein über Atomwaffen zu verfügen.

Inzwischen erwacht sogar das palästinensische Volk. Nur 12% behaupten heute, dass die Vorgänge in Gaza die volle Verantwortung Israels seien. Des palästinensischen Umfragengurus Kahlil Shikakis Umfrage ergab, dass die Schuld dafür die inneren Kämpfe und das Fehlen von Recht und Ordnung in Gaza gewesen seien, 56% denken so. Es gibt sogar einige Gazaner, allerdings ohne Prozentangabe, die sich über eine Rückkehr der Israelis nach Gaza glücklich schätzen würden. Das ist schlimm und kein Kompliment, denn es zeigt vor allem einen völligen Mangel von Vertrauen in die eigene politische Landschaft und die eigene Gesellschaft auf.

Als Jude sage ich unzweideutig nein zu anachronistischen Verfälschungen des Judentums, das denkt, die Zeiten Josuas wären zurückgekommen und Gott verlange von den Juden, sich im gesamten Erez Israel, also auch in besetztem palästinensischem Gebiet anzusiedeln. Wir müssen dankbar sein, dass diese Ideologie in Israel nicht dominant ist. Die grosse Mehrheit der Israelis lehnt dies ab und ist nicht bereit, seine Kinder als Märtyrer Gott zu opfern oder die gesamt Welt zu bedrohen.
Wäre ich Muslim, wäre ich beschämt über die nihilistischen islamischen Bewegungen, die den Namen des Islam beschmutzen. Ich würde mich so schnell wie nur möglich davon distanzieren. Doch warum geschieht nichts dergleichen? Wurden alle Muslime als Geisel ihrer Extremisten mundtot gemacht? Es gibt viele gescheite und weniger gescheite (wie ich selbst) Schreiber, die die Antwort zu dieser Frage suchen – gefunden hat sie noch keiner, was zwar nicht alle zuzugeben bereit sind. Schlussendlich wird es eine Aufgabe der Psychologie sein, dem bedrohten Westen zu erklären, was zu tun sei. Sind nicht wir Juden in der Psychologie und Psychiatrie führend?
(Teile obiger Gedanken sind einem englischen Artikel "The Real Danger: Middle East and Beyond von Carlos entnommen)

Samstag, Juni 23, 2007

Die beleidigten Massen, eine Vernissage und israelisch humanitäres

23.6.2007
Schon wieder ist es passiert. Salman Rushdie, nun Sir Salman und vor etwa zwanzig Jahren von einem der bösartigsten Menschen der neueren Geschichte, Ayatollah Khomeini, per Fatwa zum Tode verurteilt, wurde zum Ritter geschlagen und die muslimischen Massen dadurch zum kochen manipuliert. Diese Massen, von Armut, Ignoranz und Diktatur geschlagen, werden von ihren Mächtigen, egal ob sekulär oder fromm, instrumentalisiert, es finden sorgfältig organisierte spontane Massendemonstrationen mit Teilnehmerzahlen statt, von denen wir israelischen Linken für unsere Friedensdemos und ähnlichem nur träumen können.

Das hat Methode und ist Ausdruck übelster Manipulation von Menschen, die mehrheitlich weder Lesen noch Schreiben können (bestenfalls kennen sie den Koran auswendig), die zu einer Obrigkeitshörigkeit erzogen worden sind, die an den Hauptmann von Köpenick erinnert, nur eben statt Witz, Hass und Gewalt ausstrahlend. Keiner dieser Demonstranten und die meisten der Manipulierten haben vom Thema auf das sie gehetzt werden nicht die geringste Ahnung – einzig wird ihnen vorgegaukelt, der Islam werde beleidigt. Nebenbei werden oft noch Menschen im Namen Allahs umgebracht, Opfer, die sich oft gerade für ihre hysterischen Mörder einsetzen. Ich denke da an die Nonnen, denen die Worte Benedikts dem XVI, das Leben gekostet haben.
Sir Salman war meines Wissens der erste solche Fall, später gab es die Karikaturen aus Dänemark, da gab es den Papst, der byzantinische Geschichte zitierte, da gab es Oriana Fallaci sel., die etwas gegen den heutigen Islam hatte und sogar vor ein amerikanisches Gericht kam, da ist Shirin Ebadi, die iranische Menschrechtsanwältin, da ist die Feministin Taslima Nasrin aus Bangladesh, die aus ihrem Heimatland fliehen musste, nachdem ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt wurde, da ist der zweite oben beschriebene Sir Salman Rushdie Streich, wegen seiner Adelung durch die britische Königin (deren Bildnisse und Puppen inzwischen in progressiven muslimischen Ländern auch schon verbrannt werden). Das genügt, die Liste könnte fortgesetzt werden.

Heute fand in unserer Galerie für zeitgenössische Kunst in Umm El-Fahm die Vernissage einer Ausstellung von Sharif Walid statt, für einmal eine Einzelausstellung. Sharif Walid malt grosse dekorative Bilder und ist, wie an der Ausstellung zu sehen, auch als Modedesigner tätig. Er stellt praktische Kleidung für Passanten von Strassensperren in der Westbank vor, die den inspizierenden Soldaten und den inspizierten Palästinensern Zeit und Arbeit spart. Durch cleveren Gebrauch von Reiss- und Klettverschlüssen und auch modisch-eleganten Öffnungen in Hemd, Jacke oder Mantel, kann sich die israelische Sicherheitsbehörde versichern, dass keine Sprengstoffgürtel durchgeschmuggelt werden. Das Thema, traurig wie es für alle ist, wird von Sharif Walid mit Humor angegangen. Es verstärkt meine Meinung, dass das Problem nur durch die Aufhebung dieser heute ziemlich nutzlosen Anlagen, gelöst werden kann (siehe Tagebucheintrag vom 24.4.2007).

Noch etwas ganz aktuelles. Wie vorauszusehen, wird Israel nun beschuldigt, es habe eine vollständige Sperre über Gaza verhängt, mit dem Ziel es auszuhungern. Wie immer, ist das erlogen. Am Beispiel des 21. Juni 2007, also vor zwei Tagen, sei hier demonstriert, wie so eine Sperre aussieht, während die Welt noch darüber diskutiert, was zu unternehmen sei, um den Gazabewohnern zu helfen, falls das überhaupt opportun sei. Das hauptsächliche Problem ist die Tatsache, dass die Palästinenser sich weigern, israelische Inspektionen zuzulassen. Trotzdem, vor zwei Tagen fanden folgende Lieferungen und Durchgänge in beide Richtungen durch die Keren Hashalom und Erez Durchgänge nach und von Gaza statt:

• Über 400 Tonnen Nahrungsmittel: 130 Tonnen Mehr, 49 Tonnen Reis, 49 Tonnen Zucker, 5 Tonnen Tee, 8 Tonnen Milchpulver, 33 Tonnen Linsen, 19,7 Tonnen Margarine, 18,5 Tonnen Gerste, 34 Tonnen Makkaroni, 20 Tonnen Bohnen, 15 Tonnen Humus und 2 Tonnen Suppe.
• 7 Tonnen Desinfektionsmittel
• 160'000 Liter Dieselöl, 40'000 Liter Benzin vom Nahal Oz Treibstoffterminal
• 8 verletzte Palästinenser wurden von Gaza Spitälern zu ärztlicher Behandlung in Israeli Spitäler überführt
• Nachts wurde am Erez Durchgang Palästinensern geholfen, die nach Ägypten ausreisen wollten
• Etwa 100 Palästinenser mit Doppelbürgerschaft durften durch den Erez Eingang nach Israel einreisen
• 2 Ärzte des Roten Kreuzes kamen durch den Erez Eingang nach Gaza, um in Spitälern zu helfen.

Das geschah am 21. Juni 2007. Ich nehme an, dass täglich ähnliches passiert. Diese Information wurde von der israelischen Armee veröffentlicht und ich habe keinen Grund, mich an irgendwelchen reflexartigen Zweifeln daran zu beteiligen.

Montag, Juni 18, 2007

Lieber ohne Kommentar

20.6.2007
Die beeindruckenden Vorgänge der vergangenen Tage in Gaza zeigen dem, der es zur Kenntnis nehmen will, was uns Israelis, egal ob Juden oder nicht, blühen wird, falls Israel nur einmal einen Krieg verlieren würde. Denn ein gewonnener Krieg erhält uns bis zum nächsten gewonnenen Krieg am Leben.

Deshalb kommentarlos eine Auswahl von in arabischen Kreisen beliebten Umgangsmethoden mit besiegten Feinden – oder wer als Feind gehalten wird. Gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Ich will betonen, dass es sich in keinem Fall um Schiess- oder andere Unfälle handelt, sondern um kühl geplante und vielleicht in einem Hass- oder Drogenrausch ausgeführte Handlungen. Ebenso gilt die Tatsache, dass die aufgeführten Handlungen nicht nur auf eine der palästinensischen Parteien beschränkt sind.

• Exekution vor der Familie, mit anschliessender Exekution der Familie selbst.
• Wurf aus dem Fenster vom 15. Stockwerk eines Hochhauses.
• Kreuzigung, eine besonders für Christen beliebte Behandlung.
• Enthauptung, möglichst vor laufender Kamera.
• Erstechen mit anschliessendem Bauchaufschlitzen.
• Lynch.
• Zerstückelung des Opfers, dann Überreichen der Teile an die Familie.
• Ermorden der Kinder eines „Feindes“.
• Abschneiden geschminkter Frauenlippen vor der Steinigung.
• Zerschiessen eines Hauses samt Bewohnern.
• Überfall auf Spitäler, Ermordung von Ärzten und Patienten.

Keine der genannten Mordmethoden sind neu, die meisten wurden und werden besonders seit Beginn der zweiten Intifada an Israelis und Arabern ausgeübt, werden aber auch im Irak, Sudan, Afghanistan etc, gerne benutzt. Nur sind sie in den vergangenen Woche verstärkt zwischen den Palästinensern, besonders in Gaza, geübt worden. Sämtliche der oben erwähnten Prozeduren sind in den Medien dokumentiert und leicht zu finden. Die Liste ist nicht vollständig, aber repräsentativ.

Um nicht ganz dem Trübsinn zu verfallen, hier eine Idee zur Abhilfe:
In Amerika gibt es eine Friedensorganisation jüdischer Besserwisser mit dem Namen Brit Tzedek v'Shalom (BTvS), the Jewish Alliance for Justice and Peace, geleitet unter anderem von Diane Balser, die dem Altlinken und Neurealisten Ami Isseroff gewaltig auf den Geist geht. Gerade in den heutigen Tagen innerpalästinensischer Gewalt scheint Frau Balser ebenso gewaltig in Schwung gekommen zu sein. Ami behauptet – und da er 24 Stunden im Tag lesend und schreibend vor dem PC sitzt, wird er wohl wissen von was er redet – dass gerade dieser Tage Frau Balser von einem Dialog Israels mit Hamas spricht. Ami hat nun einen Plan entwickelt, wie Frau Balsers Drang entsprochen werden könnte, unter Mitwirkung von Frau Balser und ihren Damen des BTvS. Ami schlägt vor, dass BTvS einen Friedenspreis von $ 10 Millionen für Herrn Haniye und $ 1 Million für jedes Mitglied seiner Regierung verleihen soll. Haniye und seine Mannen werden in die USA geflogen und an einer speziellen Zeremonie mit dem Preis bedacht. Sie werden zusammen mit den Damen des BTvS auf dem Podium sitzen, die Damen mit wunderbaren Décolletés mit einem goldenen Davidstern am Hals. Sie werden alle „Hatikva“ und „Heveinu Shalom aleichem“ singen und vielleicht kann sich Präsident Bush freimachen und zum persönlich gratulieren kommen, zusammen mit Abe Foxman vom ADL. Haniye wird fotografiert beim Essen von Gefillte Fisch. Über dem Podium werden Banner hängen, beschriftet in englischer Sprache mit „Juden lieben Haniye, Haniye liebt Juden“ und all das wird vom Fernsehsender Al-Jazeera übertragen. Wenn Haniye und seine Regierungsmitglieder zu Hause ankommen, werden sie vor den Augen ihrer Familien exekutiert. Ami scherzt, dass damit das Hamasproblem gelöst wäre. Ohne Humor kommt man beim Betrachten und Erleben der Weltpolitik nicht über die Runden und Ami hat fürs phantasievolle Sinnieren meine volle Unterstützung. Ob’s was hilft, werden wir sehen. Ich denke nicht, aber immerhin ist es gut für die eigene Psyche.

Sonntag, Juni 17, 2007

Letzte Worte eines Fatah-Aktivisten

15.6.2007
In Gaza hat Hamas die Fatah besiegt. Im Bericht des Daily Telegraph ist etwas zu lesen, das uns Juden eigentlich einfahren sollte: Hamas stürmte das Haus von Jamal Abu Jediyan, Generalsekretär der Fatah in Nordgaza und ermordeten ihn. Zwanzig Minuten früher hörte der Reporter des Daily Telegraph im palästinensischen Radiosender „Sawt Al Hurriya“ den Bruder Jediyans, der panisch den Sender anrief: „Die schiessen auf uns mit RPGs, Minenwerfern. Wir sind keine Juden!“, während im Hintergrund Gewehrfeuer zu hören war. Kurz darauf war er tot.
„Wir sind keine Juden“, sagte der Fatahkämpfer und meinte „deshalb sollte er eigentlich nicht sterben“. Palästinenser, inklusive Fatah, waren so fixiert auf ihre Idee des „Widerstands“ und so fasziniert mit ihrem nationalen Genozid-Projekt, dass sie gar nicht auf den Gedanken kamen, Hamas Waffen könnten auf sie gerichtet werden. Hamas ist auf Islamisierung des palästinensischen Volkes aus, das Projekt eines palästinensischen Staates ist für sie kein Thema. Jetzt wird es das erste Opfer dieser von Iran gesteuerten Islamisierung, noch vor den Juden. Die Palästinenser verinnerlichten nie die Idee eigener Souveränität und was es eigentlich heisst einen eigenen Staat aufzubauen. Dazu hätten sie ihr Völkermordprojekt und ihren Rassismus für den Aufbau eines eigenen Staatswesens aufgeben müssen.
Islam Shahawan, Sprecher der Hamas Miliz gab am Hamas Radio bekannt: „Wir sagen unserem Volk, die Vergangenheit ist beendet und die Zeit der Gerechtigkeit und islamischer Herrschaft hat begonnen“.
Ebenso interessant ist mein eigenes Erlebnis vor wenigen Tagen. Ich machte Bekanntschaft mit Yael Kaynan, einer hübschen blonden Amerikanerin, etwa 30 Jahre alt und, das gab bei mir den Ausschlag, aus New Orleans. Yael (früher trug sie den typisch jüdischen Namen Katelyn Y.A. McKenna) hat Israel ihr Heim gemacht hat. Sie promovierte an der Ohio University und arbeitet heute an der Ben Gurion Universität in Sde Boker und am Interdisciplinary Center (IDC) in Herzliya. Ihre Fachgebiete sind Kommunikation und Sozialwissenschaften. Yaeli spricht Deutsch, weil sie einige Zeit an der Universität Konstanz verbracht hat.
Von ihr hörte ich, dass in der palästinensischen Gesellschaft, vor allem in der Westbank, das Thema eines föderativen Zusammenschlusses des dahinsiechenden Planes eines Staates Palästina an das Königreich Jordanien immer mehr diskutiert wird. Das wäre die einzig mögliche Alternative zum Kleinstaat Palästinas neben Israel. Die Einstaatenlösung ist ein feuchter Traum extremistischer Pelästinenser, der ausschliesslich das Ziel hat den jüdischen Staat Israel zu liquidieren. Die Diskussion über eine Föderation begann auf Initiative von Abdul Salam Majali, ehemaliger Premierminister Jordaniens. Er rief Anfang 2007 etwa siebzig palästinensische Professoren, Geschäftsleute und Parlamentarier nach Akaba zu einer Konferenz zusammen. Das Datum fiel ungefähr auf den vierzigsten Jahrestag von Jordaniens Verlust der bisher von ihr besetzten Westbank. Die Idee einer Föderation oder Konföderation würde, so denkt zum Beispiel Bibi Netanyahu, grosser Fan dieser Idee, würde die Friedensaussichten der Region enorm verbessern. Einige Jordanier sind besorgt um die Stabilität des Königreiches. Jetzt schon hat Jordanien über eine Million irakischer Flüchtlinge aufgenommen. Palästinenser waren und sind ein Unruhefaktor für denen Staat, der sich mit ihnen abgibt. Ein Palästinenser findet die Idee israelische Panzer gegen jordanische Panzer auszutauschen einen Unsinn und erinnert, vielleicht unbewusst, an den palästinensischen Hass gegen das Königreich Jordanien und seine Armee, die gefürchtete arabische Legion. Einige Jordanier finden, dass Jordanien zwar mit der Westbank historische Verbindungen habe, doch Gaza unregierbar sei. Zudem wäre es interessant darüber von der Hamas zu hören, sind doch seine Beziehungen zu Jordanien, einem relativ modernen arabischen Staat mit einer vernünftigen Regierung, nicht die Besten.
Bis jetzt ist die offizielle Stellung Jordaniens, dass eine föderative Regelung mit Palästina erst nach dem Entstehen des offiziellen Staates Palästina zur Diskussion gebracht werde. Doch, wie im Mittleren Osten üblich, sagt keiner was er meint und meint keiner was er sagt.
Warum kommt die Idee einer Föderation gerade heute zur Sprache? Die frühere Verbindung zwischen den beiden Völkern endete in Scheidung, als König Hussein 1984 die Westbank aufgab, obwohl die arabische Welt und die Palästinenser dies schon seit 1974 verlangt hatten, als sich die Letzteren als eigenes Volk entdeckten. Deswegen ist es recht interessant, dass die Idee der Wiedervereinigung mehr Zustimmung auf der palästinensischen Seite findet. Sie könnte mit wirtschaftlichen Erwägungen zusammenhängen, denn wirtschaftlich hat Israel zu Jordanien gute Beziehungen.
Meine erste Reaktion zu dieser Idee war reflexartig: „Das wäre doch Selbstmord für das Königreich!“ Vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise wird Jordanien sich wirklich erst für eine Partnerschaft mit den Palästinensern erwähnen, falls Israel sich wirklich aus der Westbank zurückziehen sollte und in der Folge die heutigen Zustände Gazas auch dort ausbrechen würden – was aus heutiger Sicht nicht anders zu erwarten wäre.
Immerhin, es werden Alternativen diskutiert, über die leider in den Medien kaum etwas zu lesen oder zu hören i

Freitag, Juni 15, 2007

Jüdisch-arabische Suche nach Verständnis in Frankreich

14.6.2007
Von Shomernet, dem Website des amerikanisch-kanadischen Haschomer Hazair (jüdisch-zionistischer Jugendbund, dem Lea in Kanada und ich in der Schweiz angehörten), erhielt ich folgende wunderbare Story, die ich hier in Goethes Sprache und vor allem Stil weitergebe:
Was passiert, wenn eine Fliege in den Kaffee fällt? (Eine realistische politische Charakterisierung der heutigen Welt)
• Der Engländer: Schüttet die Kaffeetasse aus und verlässt das Kaffeehaus.
• Der Amerikaner: Nimmt die Fliege aus der Tasse und trinkt den Kaffee.
• Der Chinese: Isst die Fliege und schüttet den Kaffee weg.
• Der Japaner: Trinkt den Kaffee mit der Fliege, weil diese eine Gratiszugabe war.
• Der Israeli: Verkauft den Kaffee dem Amerikaner, die Fliege dem Chinesen und bestellt einen frischen Kaffee.
• Der Palästinenser: Beschuldigt den Israeli für den Gewaltakt eine Fliege in seinen Kaffee getan zu haben; beantragt bei der UNO Hilfe; bekommt von der EU ein Darlehen um einen frischen Kaffee zu bestellen; kauft mit diesem Geld jedoch Sprengstoff und jagt damit das Kaffeehaus in die Luft, in dem gerade der Engländer, der Amerikaner, der Chinese und der Japaner versuchen dem Israeli zu erklären, er sei zu aggressiv gewesen.

Es gibt auch Ernsthaftes und wirklich Wissenswertes:
Kürzlich habe ich Rabbiner Michel Serfaty kennen gelernt. Er hielt einen Vortrag über seine Arbeit. Nicht die des Gemeinderabbiners von Ris-Orangis, einem an der Seine gelegenen Vorort von Paris, sondern seinen Einsatz als Jude und Rabbiner, der das Gespräch mit der muslimischen Jugend Frankreichs sucht und findet. Nicht auf akademischer Ebene, denn Vorträge über Koexistenz halten oder sich auf öffentliche Diskussionen mit einem Imam einlassen – das kann jeder. Zwar ist er auch Direktor der Abteilung für jüdische Studien an der Universität Nancy und beratendes Mitglied des rabbinischen Konsistoriums von Paris – das ist schön so. Aber mit was mich Rabbiner Serfati beeindruckte, war etwas anderes.

Ich möchte in seinen eigenen Worten, wenn auch gekürzt, erzählen, um was es geht. Dazu muss ich etwas ausholen, doch das Thema ist es wert.
Erst 2002 entschied sich das rabbinische Konsistorium von Paris mit den französischen Muslims Kontakte aufzunehmen. Dazu gründeten sie die „Commission de Relations avec autre Religions“ (CRAR), etwas für das religiöse Judentum Frankreichs absolut Neues. Im Mai 2002 wurde der Entscheid Kontakte zur französischen muslimischen Gemeinde zu suchen, als Anliegen mit höchster Priorität bezeichnet. Schon im Juli desselben Jahres empfing CRAR über zwanzig der führenden Muslims aus der politischen, religiösen und intellektuellen muslimischen Szene. Doch der Einfluss der zweiten Intifada machte weitere Kontakte schwierig. In den folgenden zwei Jahren wurde die jüdische Gemeinschaft von einer enormen Zahl antisemitischer Vorfälle, ausgelöst durch einzelne Nordafrikaner, heimgesucht und war frustriert keine Kontakte zur muslimischen Seite zu gewinnen. Zudem wurde die Arbeit dadurch erschwert, dass ausser dem CRIF (dem französischen SIG), von keinen jüdischen Gremien Unterstützung zu erhalten war, vor allem nicht von den verschiedenen Rabbinaten des Landes. Die Gruppe gründete einen jüdisch-muslimischen Freundschaftsverband (AJMF), in einem gemeinsamen Text verkündete dieser seine Ziele: historische Missverständnisse durch gegenseitiges Wissen und Respekt ersetzen; sich um aktive Kooperation und Dialog bemühen und damit Ungerechtigkeiten und Diskrimination, von beiden Gemeinschaften in der Vergangenheit erlitten, aus dem Weg zu räumen; gemeinsam kulturelle, künstlerische, sportliche und touristische Aktivitäten als Weg zu bessere gegenseitigen Beziehungen einzuführen und als letztes und wichtigstes, zukünftigen Generationen durch alle möglichen Medien Wissen über Judentum, Islam und deren gemeinsame Vergangenheit, das glückliche und das schmerzliche, zu vermitteln. Am 21. November 2004 fand das erste gemeinsam durchgeführte Ereignis statt, 1500 Menschen fanden sich zu verschiedenen Aktivitäten ein. Es gab eine grosse Ausstellung in der Juden und Muslime über die „Anderen“ informiert wurden, es gab intellektuelle Diskussionen und Theateraufführungen. Obwohl Teile der Presse den Anlass überschwänglich als „turning point“ in den Beziehungen zwischen Juden und Muslims in Frankreich bezeichneten, war den Organisatoren klar, dass die eigentliche Arbeit noch gar nicht begonnen hatte. Es wurde eine „Tour de France der Freundschaft“ durchgeführt, eine fünfunddreissig Tage dauernde Reise in einem Bus, dessen inneres als kleines Museum gestaltet wurde. Diese Tour von über 7000 Kilometer Länge, in der vierzig Städte, sechzig Banlieues (das sind die trostlosen französischen Vorstädte, in denen muslimische Gewalt gegen Juden und andere gebraut worden war und wird) und nahmen an dreissig Treffen mit Muslimen jeder Altergruppe teil. Nach Abschluss dieser Reise kamen die Teilnehmer zum Schluss, dass sie erst den ersten Schritt getan hätten, den Islam in Frankreich kennen zu lernen, seine Vielfältigkeit, die politische und soziale Situation und die Herausforderung der Integration in ein grundsätzlich christliches Land und den Beziehungen zu dessen Juden. Die Aufruhr Ende 2005 und der Mord an Ilan Halimi, einem jungen Juden, der von afrikanischen Muslims entführt und ermordet worden war, überzeugte diese Gruppe, dass man nicht nur beobachten, sondern sich aktiv und ehrlich mit Muslimen, vor allem jungen Muslime, das Gespräch suchen und ihnen zuzuhören müsse. Es fanden im Frühjahr zwei weitere Tours de France statt, eine davon ausschliesslich in vierzig muslimischen Gemeinschaften innerhalb der Ile de France um Paris.

Reaktionen der besuchten Muslime waren sehr gemischt. Auf der einen Seite äusserten viele ihre Freundschaft und Sympathien zu Juden, den Wunsch in Frieden zu leben, einige lehnten den Antisemitismus ab und äusserten Sympathien für Israel und sprachen über ihre Gefühle, als sie über die Shoah lernten. Auf der anderen Seite wurden wir mit klassischen Stereotypen über das jüdische Volks, seiner Religion und Geschichte konfrontiert, einer antijüdischen Einstellung, die oft und leichtfertig in verschiedenen Milieus der muslimischen Gesellschaft geäussert wird. Vielen führenden Mitglieder lokaler Regierungen, Nachbarschaften, Schulen und kulturellen und sportlichen Organisationen scheint es nichts auszumachen, mit Ausdrücken von Misstrauen, Verdächtigungen und sogar Hass und Gewalt zu leben, die sich frei in Sportstadien, Schulklassen, Märkten und gewissen Moscheen in den Banlieues breitmachen.

Bei Gesprächen mit Juden der Pariser Region wurden ähnliche Stereotypen über Muslime geäussert. Der wichtigste Unterschied besteht jedoch darin, dass Gewalttätigkeit und Hass auf jüdischer Seite nicht zu finden sind.

Zusammenfassend, bezeichnet Rabbi Serfaty, die Erfahrungen mit der muslimischen Gemeinschaft als sehr gemischt. Sie wurden von Funktionären verschiedener Moscheen empfangen und es wurde ihnen versichert, dass es in gerade ihrer Moschee keinerlei Antisemitismus und Gewalt gegen Juden gäbe. Am Beispiel des Repräsentanten der Grand Mosque in Paris, der mutig den israelischen Botschafter und eine jüdische Delegation aus den USA empfing und dafür von Führern der antijüdischen Opposition beschimpft und bedroht worden war ist muslimischer Mut zu erkennen. CRAR, die sich hauptsächlich auf die Beziehungen zwischen Juden und Muslims in Frankreich beschränken wollte, kam nicht darum herum, über Israel zu sprechen und entdeckte, dass man mit guten Argumenten Meinungen, sogar bei radikalen Anti-Zionisten, beeinflussen könne. Die Hilfe jüdischer Organisationen war, ausser von CRIF, dürftig, der Oberrabbiner von Paris versuchte sogar die Touren zu stoppen und zu desavouieren. Besonders der Besuch in Bagneux, der Stadt in der Ilan Halimi entführt, gequält und ermordet worden war, missfiel vielen Juden, die Gruppe jedoch fand, dass man nicht die gesamt muslimische Bevölkerung von Bagneux dafür verantwortlich machen könne.

Rabbi Serfaty selbst ist auch Streetworker, ein Sozialarbeiter, der den Kontakt zu muslimischen Menschen sucht, sich allein auf die Suche von Gesprächen auf Märkten, Geschäften, Kaffeehäuser und sogar bei Familien macht und findet.
Die Aktivitäten von CRAR, die sich auch gegen Widerstände in den eigenen Reihen durchsetzt, setzen einen jüdischen Mut voraus, der mir im heutigen Europa bemerkenswert erschient. In England, wo die Situation nicht viel besser ist als in Frankreich, gibt es meines Wissens nichts Vergleichbares. In anderen europäischen Ländern sind die Verhältnisse (noch) recht friedlich – vielleicht gerade deshalb sollte darüber nachgedacht werden, ob es nicht sinnvoll wäre vorbeugend ähnliches zu unternehmen. Schweizer Juden haben heute Freunde in der Schweiz, die sich für uns einsetzen und oft genug die Arbeit tun, die den Juden vorbehalten wäre. Das ist natürlich schön, beruhigend, aber auch einschläfernd. Zudem auch unfair unseren nichtjüdischen Freunden gegenüber.

Demokratie aus israelisch - Demokratie aus palästinensisch

13.6.2007
Lea und ich hatten heute Fernsehtag. Grund dazu war die Präsidentenwahl in der Knesset. Wir zitterten für Shimon Peres, obwohl ich mit einem Teil meines Herzens auch Colette Avital den Daumen hielt. Doch was geschah hat unseren Glauben in die israelische Demokratie gestärkt und eine Knesset präsentiert, die mich die Augen reiben liess. Bei soviel Höflichkeit, gegenseitiger Rücksichtsnahme, Altruismus und der fehlenden Demonstration politischen und persönlichen Egoismus und Autismus, machte uns glauben, wir wären auf einem anderen Stern.
Die drei Kandidaten waren Shimon Peres, Colette Avital und Rubi Rivlin, wobei Avital als Aussenseiterin ohne Chancen galt. Während der geheimen Abstimmung, in der ein Parlamentarier nach dem anderen hinter einer Wand verschwand und seinen Wahlzettel ins Wahlcouvert legte, sass Peres ganz allein und kreidebleich am Regierungstisch, fürs schlimmste gewappnet. Für den Wahlgewinn wären 61 Stimmen der insgesamt 120 Abgeordneten nötig. Im ersten Durchgang erhielt Peres 58, Rivlin 37 und Avital 21 Stimmen. Dann geschah etwas unerwartetes. In der Pause vor dem zweiten Durchgang gaben Rivlin und Avital bekannt, dass sie ihre Kandidatur zu Gunsten Shimon Peres zurückziehen würden. Besonders Rivlin, der im zweiten Durchgang vielleicht eine Chance gehabt hätte, dieser Rivlin weinte, ich beinahe auch und die Wahl von Peres wurde zur einen Formalität. Es war die Art und Weise, mit der diese zwei Kandidaten, Avital eine Linke der Arbeitspartei, Rivlin ein Rechter des Likud, sich entschieden, dass der neue Präsident Shimon Peres heissen sollte. Sie taten es mit grosser Würde und gaben so der angeschlagenen israelischen Politik ein wenig ihrer eigenen verlorenen Ehre zurück. Wer weiss, vielleicht leitete das eine Wendung zu Besserem ein. Wenn man sich erinnert, wie vor sieben Jahren Shimon Peres entgegen allen Erwartungen, Aussagen und Versprechungen, besonders frommer Abgeordneter, von Moshe Katzav, dem Mann mit dem offenen Hosenladen (was in politischen Kreisen damals durchaus schon bekannt war), geschlagen worden war – es wurde dann als Rassismus kommentiert, denn Shimon Peres ist ein weisser Aschkenase, während Katzav orientalischer Abstammung ist. Die von ihrem Rabbiner Ovadia Josef gesteuerte und damals noch mächtigere Schas-Partei wollte das nicht dulden, sie, die Frommen und Gesetzestreuen zogen es vor, einen der „ihren“ als Präsident zu haben und so geschah es dann auch. Heute jedoch, als Peres plötzlich als alleiniger Kandidat feststand, bekam er die Unterstützung von Bibi Netanyahu und dessen Likud und den Frommen. Es scheint, dass vor allem standfeste Rechtsextremisten, die Peres das Oslo-Debakel nicht verzeihen wollen, gegen ihn stimmten. Für uns war diese Präsidentenwahl eine gelungene Demonstration guten Demokratieverständnisses und wir fühlten uns gut wie schon lange nicht.
Genau das Gegenteil davon wird uns von den Palästinensern vor unserer Haustür, in Gaza vordemonstriert. Die Palästinenser hatten freie demokratische Wahlen und wählten ihr Parlament und eine islamistische Regierung der Hamas. Damit glauben sie (und werden von westlichen Friedensneurotikern darin bestärkt), sie seien der Demokratie verpflichtet. In der arabischen Welt wird Demokratie auf Wahlen reduziert. Es wird vergessen, dass Demokratie weit mehr ist als nur freie Wahlen, Prinzipien wie Rücksichtnahme auf Minderheiten, Freiheit für und von Religion, Gedankenfreiheit und das Recht, sich frei auszudrücken und noch einiges mehr. Weil es in Syrien, Irak und Ägypten Wahlen gibt, sind diese Länder noch lange keine Demokratien, sondern bleiben Diktaturen. Jetzt bringen sich die Anhänger der Fatah und der Hamas mit grausamer Begeisterung gegenseitig um, werfen Menschen aus Hochhäuser, erschiessen Ärzte und Patienten in Spitälern, erschiessen Kinder politischer Gegner und jeden, der sie schief oder nicht schief ansieht. Man hört und liest gelegentlich, dass sich verschiedene Gazapalästinenser nach der israelischen Besetzung zurücksehnen. Ich hoffe, unsere Regierung lässt sich davon nicht zu dummen Taten beeinflussen. Heute sah ich in den Nachrichten, wie sich palästinensische Männer und Frauen auf schwer bewaffnete „Widerstandskämpfer“ stürzten, versuchten ihnen die Waffen abzunehmen um diesen Bürgerkrieg und Massenmord zu beenden. Einer dieser tapferen Zivilisten sei erschossen und viele verwundet worden. Ähnliches findet zurzeit im Libanon, Afghanistan und Irak statt, jeder gegen jeden. UNO-Soldaten und amerikanische, englische und andere Soldaten, die dort eigentlich helfen sollten, sind Publikum, zum Zuschauen verurteilt und verlieren oft ihr Leben. In der perversen Welt der Friedensjünger unserer, der westlichen Welt und natürlich bei den Arabern selbst, wird für all das Israel und die USA in die Zange genommen.
Wir sind heute Zeuge, wie sich die Tragödie des Zusammenbruchs der palästinensischen Gesellschaft in Gaza und vielleicht der gesamten palästinensischen und arabischen Gesellschaft in Religion und Barbarei zusammenbraut. Wir erhalten eine Lektion mittelöstlicher Demokratie. Es stimmt, die Palästinenser hatten frei Wahlen und wähnen sich Demokraten. Doch, zusätzlich zum oben erwähnten, Demokratie ist eine Unmöglichkeit, wenn sich eine der Parteien – und ihn diesem Fall die regierende Partei Hamas – sich dem Völkermord verschrieben hat. 1933 fand ähnliches in Deutschland statt. Demokratie wächst nicht aus einem Gewehrlauf, das Monopol der Gewalt und entsprechend des Waffengebrauchs, darf nur in den Händen der Regierung liegen. In Gaza hat jede Partei und jede Grossfamilie eine eigene Armee. Es finden private Abrechnungen zwischen Clans und Banden unter dem Deckmantel eines „Freiheitskampfes“ gegen Israel oder eines Kampfes für den „Shariahstaat“ statt. In diesem Zusammenhang fällt mir die Geschichte der „Altalena“ ein, in der Ben-Gurion in 1948 ein Schiff dieses Namens, voller Waffen für Menachem Begins Privatarmee „Lehi“ versenken liess, um das Prinzip des staatlichen Gewaltmonopols durchzusetzen.
Israel soll schuld daran sein, dass in Gaza Fatah, Hamas und verschiedene Grossfamilien sich im gegenseitigen Killen zu übertreffen suchen, statt ihr Land aufzubauen. Dazu hatten sie nach dem Abzug Israels aus dem Ausland Milliardenhilfe erhalten, sich stattdessen aber Waffen angeschafft. Im Irak findet dasselbe statt, Schiiten gegen Sunniten, in Afghanistan Steinzeitislamisten gegen solche aus der Juraperiode. Minderheiten werden ver- und gejagt und umgebracht, Frauen, rechtlos wie Vieh, ebenso.
Der Zustand in Gaza ist das Resultat unrealistischen Denkens, das voraussetzt, dass eine sekuläre Weltsicht (Fatah) und islamistischer, jihadistischer Fundamentalismus (Hamas, Islamischer Jihad) koexistieren können. Weiter verlieren bewaffnete Gruppierungen in einem geordneten Staat ihr Existenzrecht. Die Palästinenser müssen wählen: entweder ein eigener Staat oder „Widerstandsgruppen“. Beides zusammen führt zu Zuständen wie in Gaza heute und möglicherweise in der Westbank morgen. Diese Sicht der Dinge ist auf andere Konfliktherde der arabischen Welt weitgehend übertragbar. Israel hat die Wahl: entweder zuschauen und vielleicht den Raketenhagel auf Sderot eindämmen oder durch Eingehen auf die arabische Friedensinitiative eine politische Regelung anzustreben. Einfach Publikum spielen - das geht auf die Dauer nicht.