Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Sonntag, Januar 27, 2008

Versöhnliches vor Weihnachten

24.12.2007
Heute ist Weihnachtstag und wir merken höchsten bei hören und sehen der Nachrichten etwas – etwa den Touristenrummel in Bethlehem oder die Mitternachtsmesse in dieser Stadt. Leas Physiotherapeut, ein griechisch-orthodoxer Araber mit Namen Hana, erklärte ihr, dass seine Weihnachten erst in zwei Wochen stattfinden werden. Ich wiederum erklärte meiner Frau, dass die christlich-orthodoxe Kirche ihre Feiertage zwei Wochen nach der römisch-katholischen Kirche feiert. Unterschiede müssen sein. Vor einem Jahr war unser Chanukka zur selben Zeit wie Weihnachten, womit auch uns Juden eine festliche Atmosphäre geschenkt wurde, doch dieses Jahr war Chanukka mehrere Wochen vor Weihnachten – man kann nicht alles immer haben.
Den Schabbat vom 15. Dezember verbrachte ich in der Kunstgalerie in Umm El-Fahm. Said Abu-Shakras drittes Projekt, das arabische Museum für zeitgenössische Kunst, nimmt nun wirklich Gestalt an. Für diesen Schabbat waren Architekten eingeladen, die sich für die Ausschreibung interessiert hatten. Das Museumsprojekt, Saids Drittes nach der Galerie und der Kinderkunstschule mit ihrer Sozialarbeit, hat ungleich grössere Dimensionen. Es stehen für die Anlage 15'000 m² Land zur Verfügung, auf über 500 m Höhe mit Aussicht über das Emek Jesreel in die Berge Galiläas. Das Museum soll unter anderem Abteilungen für zeitgenössische Kunst, für Ethnographie, Lagerräume für die ständige Sammlung, ein Geschichtsarchiv der Stadt Umm El-Fahm (die gemäss Unterlagen schon seit 1265 bestehen soll) und auch Schulräume haben. Das ganze Projekt ist einmalig, bestenfalls kann sich das Museum für zeitgenössische Kunst im Golfscheichtum Shariah damit vergleichen.
Wir erwarteten gemäss Einladungen und deren Bestätigungen etwas sechzig Teilnehmer und stellten im Auditorium der Galerie sicherheitshalber hundert Stühle bereit. Es trafen etwa dreihundert Architekten ein, viele mit Ehefrau, Sekretärin und einige wenige sogar mit Kindern. Irgendwie fanden alle einen Sitz-, Steh- oder Liegeplatz im Saal (der, nebenbei erwähnt, der Stadt als einziges Kino dient). Natürlich wurde auch der vorgesehene Bauplatz besichtigt.
Die Ausschreibung findet anonym statt. Jede Bewerbung wird von einem pensionierten Richter Israels oberstem Gericht mit einer Nummer versehen. Die Identität des hinter dieser Nummer verborgenen Architekten oder Architekturbüros bleiben nur ihm bekannt. In der Jury sitzen unter anderem der CEO des Israelmuseums, James Snyder, Dr. Hansa’a Diab, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin (eine faszinierenden Frau, mit der ich lange in Saids Haus auf dem Sofa sitzend diskutierte), dem Bürgermeister der Stadt Scheich Abd el-Rahman Zuabi und als Vorsitzenden, den Präsidenten des israelischen Architektenverbandes, Jossi Parhi. Am Treffen nahm auch teil der Verantwortliche des Kulturministeriums für Beiträge an kulturelle Institutionen, mit dem ich ein langes Gespräch führte und ihm die Tätigkeiten der Galerie im Einzelnen erklärte. Darunter war auch die Sozialarbeit die im Zusammenhang mit der Kinder- und Jugendkunstschule stattfindet. Als er davon hörte und die Erfolgsrate von weit über Tausend Jugendlichen, die von der Strasse geholt und vor Drogen, religiösem und anderem Extremismus, vor Kriminalität und ähnlichen gerettet worden sind, war er nicht nur beeindruckt, sondern gab zu, davon nichts gewusst zu haben. „Das ist“, meinte er, „gut für uns Juden“, womit er genau meine Auffassung teilt, die diesen Aspekt von Saids Tätigkeit noch vor den Aspekt der Kunst setzt, der zwar im Mittelpunkt steht, doch nicht den gleichen sozialen und arabisch-jüdisches Zusammenleben in Israel fördernden Einfluss besitzt, den die Sozialarbeit der Galerie in sich trägt. „Dafür gebührt Saids Organisation eigentlich mehr staatliche Unterstützung, als er heute bekommt“, meinte dieser Regierungsbeamte. Das war interessant zu hören, denn in den vergangenen Jahren, besonders in den Zeiten der Erziehungsministerin Limor Livnat, wurde Kultur vom Staat möglichst sparsam unterstützt, es sei denn sie förderte zionistischen „Patriotismus“, was jede kulturelle Anstrengung arabischer Israelis von vornherein fast völlig ausschloss.
Zwei Tage nach diesem Beispiel überwältigenden Interesses an der Galerie und ihren weiteren Plänen, fand ein zweites Treffen mit Architekten statt, für jene Architekten nämlich, die am Schabbat nicht Auto fahren. Es sollen nochmals rund zwanzig erschienen sein – das Interesse am Projekt ist gross, sogar aus dem Ausland erhielten wir Anfragen.
Das Ganze war das Resultat eines kleinen Skandals. Zu Beginn der Projektplanung hätte die weltbekannte irakische (im englischen Asyl lebende) Architektin Zaha Hadid, die jedoch aus Angst vor muslimischen Racheakten den Auftrag zurückgeben musste. Vor allem Said Abu-Shakra war deswegen traurig, doch muss auch er gelegentlich den Realitäten ins Auge blicken. Jetzt ist der Wettbewerb allen offen, im Frühling werden wir mehr wissen.