Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Sonntag, Januar 27, 2008

Heute 2

24.1.2007
Wer mich kennt weiss, dass ich in Sachen israelischer Politik in vielem äusserst kritisch bin und mir deswegen öfters Kritik von radikaler Seite verschiedener Varianten einhandle. Wenn das Thema nicht das Überleben des jüdischen Staates und des jüdischen Volkes wäre, hätte ich bestimmt viel Spass daran. Was bleibt ist Teilnehmer und Zeuge des grossartigsten Unternehmens der vergangenen hundert Jahre zu sein, einem Unternehmen, das mit der Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Herkunftsland und dem Errichten eines jüdischen Staates auf den Grundlagen modernen westlichen Demokratie noch nicht beendet ist. Das ging und geht nicht reibungslos, enorme Fehler wurden gemacht, unter denen die Illusion „eines Volkes ohne Land in einem Land ohne Volk“, geprägt von Israel Zangwill, nicht der Geringste ist. Doch wir Juden hatten in den ersten fünfzig Jahren des vergangenen Jahrhunderts keine andere Wahl, die Welt wollte keine Juden – man erinnere sich an die Evian-Konferenz von 1938, an der die Staaten der Welt sich weigerten, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland (und Österreich) aufzunehmen und so mit einen Grundstein für die Vernichtung der sechs Millionen legten. Heute lebt fast die Hälfte aller Juden in Israel, in der Region ihrer Herkunft, aber in einer Region, in der heute ein Volk lebt, das noch immer in einer mittelalterlichen Kultur existiert und die Moderne bestenfalls in der Anschaffung und mörderischen Anwendung von Waffen akzeptiert und nazistische antisemitische Theorien in ihrer vollen Perversion adoptiert hat und weiterführt.
Deshalb sticht der Unterschied zwischen den Aussagen und der Politik Israels gegenüber jenen der Hamas und der Hisbollah vermehrt ins Auge. Mit dem Ausbruch aus dem Gazastreifen hat Hamas enormen Respekt bei den muslimischen Massen gewonnen, dem sämtliche arabische Regierungen widerwillig beistimmen müssen - sie haben gar keine andere Wahl. Täten sie es nicht, würden sie von eben diesen Massen und deren religiösen Drahtziehern weggefegt, so wie der Zaun zwischen Gaza und Ägypten. Ich wage es mir nicht vorzustellen, wie Israel reagieren würde, wenn die Zäune zwischen ihm und Gaza ebenso weggefegt würden und palästinensische Massen zu Hunderttausenden nach Israel einfallen würden. Würde die Armee auf Zivilisten, unter denen sich bestimmt bewaffnete Hamas Terroristen verstecken würden, schiessen?
Unser Konflikt mit den Palästinensern, grundlegend ein politisch lösbarer Streit über ein kleines Stück Land, ist in den Jahren seit Oslo in einen politisch unlösbaren religiösen Streit degeneriert. Eine Lösung wird es erst möglich sein, wenn Religion, vor allem der heutige Islam, seinen aus den 1920er Jahren stammenden neu-reaktionären Antisemitismus ablegt und Anschluss an den Rest der Welt findet. Auch wenn es religiöse Gewalttätigkeiten im Judentum gibt, man denke an Herrn Dr. Goldstein, dem zum posthumen Guru gewordenen Massenmörder und die gewalttätigen Haredim in Israel, die mit brutalsten Methoden die Separierung zwischen Mann und Frau, ihre Art des Schabbateinhaltens und anderem dem Rest der Israelis aufzwingen wollen – sie haben längst nicht die völkermordende Visionen, die den Jihadismus heute antreiben.

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