Ein arabischer Fussballsieg und eine Vernissage
Eigentlich soll dieser Tagebucheintrag ausschliesslich der heutigen Vernissage in der Galerie in Umm El-Fahm gelten, doch kann ich mir nicht verkneifen die sportliche Sensation des Tages zu erwähnen. Bnei Sachnin, die Nationalliga A Fussballelf der arabischen Stadt Sachnin besiegte Betar Jerusalem. Betar Jerusalem führt die Liga mit grösserem Abstand, seine Spieler sind anständige Leute, aber die Betar Fans sind bekannt als üble Rassisten, die besonders mit Angriffen auf arabische und afrikanische Spieler immer wieder auffallen. Dies führte dazu, dass der Eigentümer dieses Fussballklubs, der umstrittene russische Milliardär Gaydamak, seine Mannschaft mit der Leibchenaufschrift „Genug der Gewalt!“ spielen lässt. Genützt hat das wenig, heute verlor sein Team gegen Bnei Sachnin (in dem übrigens nicht nur Araber, sondern auch Juden tschutten) in seinem eigenen und völlig leeren Stadion 1:0 – leer, weil der Klub als Strafe für das Benehmen seiner Fans zu Heimspielen ohne Publikum verurteilt worden ist.
Nun zur Vernissage. Die heute eröffnete Ausstellung heisst „Avak VeMa’avak“, ein Wortspiel, in Deutsch etwa „Staub und Konflikt“. Die Künstler Bashir Makhoul, Oded Shimshon und Aissa Deebi präsentieren Landschafts- und Stadtphotographien, zum Teil als Hologramme. Alle drei sind im Galil geboren und leben heute im Ausland, wenn auch der Jude Oded Shimshon in Israel einen Wohnsitz hat. Eigentlich hätte es eine der bescheideneren Vernissagen in unserer Galerie sein sollen – doch es kam anders. Es waren schätzungsweise zweihundert Teilnehmer da um die Eröffnung einer Photoausstellung zu feiern. Doch das zum Teil unerwartete Erscheinen einiger VIPs veränderte den Charakter des Anlasses. Nicht nur Lea und ich mit Enkel Eran (9 Jahre alt) waren präsent, es erschien noch der Bürgermeister Scheich Aghbaria, Minister Majadele (erster arabischer Minister Israels, zuständig für Wissenschaft, Kultur und Sport), der australische Botschafter James Larsen, Nadia Hilou, christlich-arabisches Knessetmitglied der Arbeitspartei, die bekannten Journalisten Gideon Levy und Ari Shavit, beide bei der Zeitung Haaretz tätig und sich ständig in den Haaren liegend, denn Gideon Levy hat sich, ähnlich wie die Schriftstellerin Sumaya Farhat-Naser im deutschen Sprachgebiet, eine Marktnische erobert, aus der er ausschliesslich palästinensisches Leid beschreibt. Nur, im Unterschied zu Farhat-Naser, lügt er nicht, sondern übersieht bestenfalls was nicht in sein Konzept passt. Gideon hat Humor, etwas, das wer ihn nicht kennt, nicht zutrauen würde. Gefeiert wurde auch James Snyder, Chef des Israel Museum.
Ich vernahm Interessantes. Scheich Aghbaria, schwer krank, scheint seinen Respekt und Anerkennung für Said Abu-Shakras Werk für den gesamten arabischen Sektor im Land noch stärker zu empfinden als bisher. Der Minister erklärte den Anwesenden offen seine Kulturpolitik. In der bisherigen Regierung war Kultur Teil des Erziehungsministeriums, das von Limor Livnat geleitet wurde. Livnat kürzte Kulturausgaben ganz allgemein und für das von Natur aus darbende Kulturbewusstsein der arabischen Bürger ganz besonders. Das ist nicht neu und jedem, der sich dafür interessiert vollauf bekannt. Majadele unterstützt heute vermehrt auch israelisch-arabische Kulturwerke und bezweckt damit das geknickte Selbstbewusstsein seiner arabischen Mitbürger zu fördern. Das könnte ihm aus antiarabischen Kreisen den Vorwurf der illegalen Bevorteilung seiner Volksgruppe eintragen, doch tut er es offen und ohne es verheimlichen zu wollen. Es sei sein Recht als Minister dies zu tun. Dies unterstrich er, als er als Anerkennung ein wunderschönes Mosaik aus Olivenholz erhielt und dazu sagte, er werde es in seinem Büro aufhängen, doch wenn er einmal dieses Büro verlassen werde, werde das Geschenk dort bleiben, denn er wolle sich nicht Probleme einhandeln wie seinerzeit Bibi Netanyahu, der, als er seine Ministerpräsidentschaft verlor, solche Geschenke als Privatbesitz sah und mit nach Haus nahm. So jedenfalls wird es erzählt.
Ich erzählte Gideon Levy mein Gespräch mit dem Finanzbeamten des Kulturministeriums (in meinem Tagebucheintrag vom 24.12.2007 beschrieben), in dem dieser (mit Recht) fand, dass das Sozialwerk der Galerie „gut für die Juden“ sei und deshalb mehr Mittel erhalten sollte. Levy lachte sich halb krank und wiederholte mehrere Male „gut für die Juden“. Diese Aussage ist aber in diesem Zusammenhang eine sehr wichtige Erkenntnis und ich wünschte mir, dass andere die Problematik des arabischen Selbstbewusstseins als israelische Bürger auch so betrachten würden wie der Beamte des Ministeriums, auch wenn es im ersten Augenblick nur amüsant wirkt. Denn dieser Beamte hat, wohl unbewusst, die Philosophie des „win-win“ für sich entdeckt, in dem beide Seiten eines Konflikts gewinnen sollen, im Gegensatz zum traditionellen „lose-lose“ unserer Breitengrade, in dem beide Seiten zum ständigen Verlieren verdammt sind. Denn nur wenn in einem grundsätzlich berechtigten Konflikt wie der unsere beide Seiten bei allen gegenseitigen Verzichten zufrieden gestellt sind, wird Ruhe einkehren.
Beim Abschied hielt Minister Majadele Erans Händchen lange fest und hielt ihm einen Vortrag über das Glück Grosseltern zu haben. Viele Kinder hätten das nicht. Eran fragte später seine Mutter Dvorit, ob es viele Kinder in seinem Alter gäbe, die solch lange und für ihn wichtige Gespräche mit einem Minister führten. Ihre Antwort weiss ich nicht.

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