Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Sonntag, Januar 27, 2008

23.1.2008 – Heute

23.1.2008
Seit dem Zweiten Libanonkrieg im Juni 2006 wird die Welt mit dem Hass der palästinensisch-arabisch-iranischen Propaganda gegen alles Jüdische und Israelische vermehrt konfrontiert. Realisiert haben das jene Menschen, die ihren Denkapparat nicht abgeschaltet haben. Aus Gaza wurden unsere in der Nähe des Gazastreifens wohnenden Bürger mit Raketen eingedeckt und es ist bestimmt nicht dem guten Willen der Raketenschützen zuzuschreiben, dass der Schaden bisher relativ beschränkt geblieben ist und, so weit mir bekannt, bisher „nur“ drei Israelis getötet worden sind. Der Frust der Urheber dieser Raketenangriffe muss enorm sein, denn ihre Strategie der Opfermaximierung unter Juden geht nicht auf. Deshalb ist es nicht akzeptabel, sich buchhalterisch mit der Zahl der Toten und Verwundeten auf israelischer gegenüber der palästinensischen Seite aufzuhalten. Der Unterschied ist völlig klar: Hamas und ihre lieben Freunde des islamischen Jihad versuchen so viele israelische Zivilisten wie nur möglich zu töten. Die israelische Armee versucht diese Terroristen auszuschalten, heute mit etwas mehr Erfolg als früher, doch da sich diese in bewährter Manier hinter Kindern und Frauenröcken in Orten wie Beth Lahiah verbergen, sind zivile Opfer vorprogrammiert – auch wenn deren Zahl heute relativ gering ist – aber eben nur relativ.
Wenn in Saudiarabien die Frauen Menschenrechte erhalten, ein Christ, ein Jude oder ein Buddhist einen Gottesdienst abhalten darf, wenn in arabischen Moscheen und Schulen das Predigen und Lehren von Judenhass verschwindet, wenn die blutdürstige Anwendung der Shariah abgeschafft wird, wenn Leichenfledderei (soeben durch Nasrallah vordemonstriert) verurteilt, das Erbe nationalsozialistischer Lehren statt gefeiert abgelehnt und Saudiarabien und der Rest der totalitären arabischen Welt zu einer freien Gesellschaft wird – dann, erst dann, wird sich, so scheint es dem durchschnittlichen, weder von linkem unreflektiertem Gutmenschentum oder rechtsreligiösem Faschismus (getarnt als bibeltreuen Patriotismus) fanatisierten Israeli möglich, genügend Vertrauen in diese Welt des realen Mittelalters zu einem wirklichen Friedensschluss aufzubringen. So verstehe ich die Mehrheit meiner nicht nur jüdischen Freunde, mit denen ich rede und diskutiere und so fühle ich die Stimmung im Land. Aber trotzdem dürfen wir nicht aufgeben Partner für den Frieden zu suchen, auch wenn es Leute gibt, die finden wir hätten schon welche. Mag sein, doch die, die wir zu haben scheinen, haben weder die Kraft, noch den Einfluss, noch die Macht in ihrer Bevölkerung die herrschende Stimmung zu ändern.
Das alles heisst bei weitem nicht, dass Israel alles richtig macht, eine jedem verständliche Friedenspolitik betreibt und sich nicht von fanatischen Siedlern die eigene Politik vorschreiben lässt, eine Politik, die weitergeführt, letztendlich nur im Abgrund endet. Auf der anderen Seite haben wir es zwei Politikern zu verdanken, etwas Klarheit in Israels aussen- und sicherheitspolitische Lage gebracht zu haben. Ehud Barak enthüllte im Herbst 2000 die wirklichen „Friedensabsichten“ Arafats und Arik Sharon klärte mit dem völligen und bedingungslosen Abzug aus Gaza in 2005 den Irrtum, das palästinensische Volk und seine religiösen und weniger religiösen Vertreter seien an einer eigenen freien Gesellschaft und dem Aufbau einer selbstständigen Wirtschaft für ihr Volk interessiert.
Viele von uns sind ratlos, wie es weitergehen soll. Auf der einen Seite können wir uns zur Zeit nicht leisten aus der besetzten Westbank abzuziehen, obwohl wir dort eigentlich nicht hingehören – auch wenn wir einen geschichtlichen Anspruch darauf hätten. Doch über eine so grosse uns nicht akzeptierende Mehrheit kolonialistisch zu herrschen, ist ethisch nicht vertretbar, würde das Weiterführen eines demokratischen jüdischen Staates verunmöglichen, denn Apartheid wollen und dürfen wir nicht einführen, es wäre, kurz gesagt, nationaler Selbstmord. Das ist das Eine. Das Andere ist die Tatsache, dass nach einem israelischen Abzug auch aus der Westbank Raketen und nach kurzer Zeit bestimmt noch bösartigere Waffen gegen Israel eingesetzt würden. Darüber sind wir uns einig. Was bleibt ist der Status Quo und auch der macht niemanden, ausser Terroristen, glücklich. Wie soll es weiter gehen?