Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Sonntag, Januar 27, 2008

Heute 2

24.1.2007
Wer mich kennt weiss, dass ich in Sachen israelischer Politik in vielem äusserst kritisch bin und mir deswegen öfters Kritik von radikaler Seite verschiedener Varianten einhandle. Wenn das Thema nicht das Überleben des jüdischen Staates und des jüdischen Volkes wäre, hätte ich bestimmt viel Spass daran. Was bleibt ist Teilnehmer und Zeuge des grossartigsten Unternehmens der vergangenen hundert Jahre zu sein, einem Unternehmen, das mit der Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Herkunftsland und dem Errichten eines jüdischen Staates auf den Grundlagen modernen westlichen Demokratie noch nicht beendet ist. Das ging und geht nicht reibungslos, enorme Fehler wurden gemacht, unter denen die Illusion „eines Volkes ohne Land in einem Land ohne Volk“, geprägt von Israel Zangwill, nicht der Geringste ist. Doch wir Juden hatten in den ersten fünfzig Jahren des vergangenen Jahrhunderts keine andere Wahl, die Welt wollte keine Juden – man erinnere sich an die Evian-Konferenz von 1938, an der die Staaten der Welt sich weigerten, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland (und Österreich) aufzunehmen und so mit einen Grundstein für die Vernichtung der sechs Millionen legten. Heute lebt fast die Hälfte aller Juden in Israel, in der Region ihrer Herkunft, aber in einer Region, in der heute ein Volk lebt, das noch immer in einer mittelalterlichen Kultur existiert und die Moderne bestenfalls in der Anschaffung und mörderischen Anwendung von Waffen akzeptiert und nazistische antisemitische Theorien in ihrer vollen Perversion adoptiert hat und weiterführt.
Deshalb sticht der Unterschied zwischen den Aussagen und der Politik Israels gegenüber jenen der Hamas und der Hisbollah vermehrt ins Auge. Mit dem Ausbruch aus dem Gazastreifen hat Hamas enormen Respekt bei den muslimischen Massen gewonnen, dem sämtliche arabische Regierungen widerwillig beistimmen müssen - sie haben gar keine andere Wahl. Täten sie es nicht, würden sie von eben diesen Massen und deren religiösen Drahtziehern weggefegt, so wie der Zaun zwischen Gaza und Ägypten. Ich wage es mir nicht vorzustellen, wie Israel reagieren würde, wenn die Zäune zwischen ihm und Gaza ebenso weggefegt würden und palästinensische Massen zu Hunderttausenden nach Israel einfallen würden. Würde die Armee auf Zivilisten, unter denen sich bestimmt bewaffnete Hamas Terroristen verstecken würden, schiessen?
Unser Konflikt mit den Palästinensern, grundlegend ein politisch lösbarer Streit über ein kleines Stück Land, ist in den Jahren seit Oslo in einen politisch unlösbaren religiösen Streit degeneriert. Eine Lösung wird es erst möglich sein, wenn Religion, vor allem der heutige Islam, seinen aus den 1920er Jahren stammenden neu-reaktionären Antisemitismus ablegt und Anschluss an den Rest der Welt findet. Auch wenn es religiöse Gewalttätigkeiten im Judentum gibt, man denke an Herrn Dr. Goldstein, dem zum posthumen Guru gewordenen Massenmörder und die gewalttätigen Haredim in Israel, die mit brutalsten Methoden die Separierung zwischen Mann und Frau, ihre Art des Schabbateinhaltens und anderem dem Rest der Israelis aufzwingen wollen – sie haben längst nicht die völkermordende Visionen, die den Jihadismus heute antreiben.

23.1.2008 – Heute

23.1.2008
Seit dem Zweiten Libanonkrieg im Juni 2006 wird die Welt mit dem Hass der palästinensisch-arabisch-iranischen Propaganda gegen alles Jüdische und Israelische vermehrt konfrontiert. Realisiert haben das jene Menschen, die ihren Denkapparat nicht abgeschaltet haben. Aus Gaza wurden unsere in der Nähe des Gazastreifens wohnenden Bürger mit Raketen eingedeckt und es ist bestimmt nicht dem guten Willen der Raketenschützen zuzuschreiben, dass der Schaden bisher relativ beschränkt geblieben ist und, so weit mir bekannt, bisher „nur“ drei Israelis getötet worden sind. Der Frust der Urheber dieser Raketenangriffe muss enorm sein, denn ihre Strategie der Opfermaximierung unter Juden geht nicht auf. Deshalb ist es nicht akzeptabel, sich buchhalterisch mit der Zahl der Toten und Verwundeten auf israelischer gegenüber der palästinensischen Seite aufzuhalten. Der Unterschied ist völlig klar: Hamas und ihre lieben Freunde des islamischen Jihad versuchen so viele israelische Zivilisten wie nur möglich zu töten. Die israelische Armee versucht diese Terroristen auszuschalten, heute mit etwas mehr Erfolg als früher, doch da sich diese in bewährter Manier hinter Kindern und Frauenröcken in Orten wie Beth Lahiah verbergen, sind zivile Opfer vorprogrammiert – auch wenn deren Zahl heute relativ gering ist – aber eben nur relativ.
Wenn in Saudiarabien die Frauen Menschenrechte erhalten, ein Christ, ein Jude oder ein Buddhist einen Gottesdienst abhalten darf, wenn in arabischen Moscheen und Schulen das Predigen und Lehren von Judenhass verschwindet, wenn die blutdürstige Anwendung der Shariah abgeschafft wird, wenn Leichenfledderei (soeben durch Nasrallah vordemonstriert) verurteilt, das Erbe nationalsozialistischer Lehren statt gefeiert abgelehnt und Saudiarabien und der Rest der totalitären arabischen Welt zu einer freien Gesellschaft wird – dann, erst dann, wird sich, so scheint es dem durchschnittlichen, weder von linkem unreflektiertem Gutmenschentum oder rechtsreligiösem Faschismus (getarnt als bibeltreuen Patriotismus) fanatisierten Israeli möglich, genügend Vertrauen in diese Welt des realen Mittelalters zu einem wirklichen Friedensschluss aufzubringen. So verstehe ich die Mehrheit meiner nicht nur jüdischen Freunde, mit denen ich rede und diskutiere und so fühle ich die Stimmung im Land. Aber trotzdem dürfen wir nicht aufgeben Partner für den Frieden zu suchen, auch wenn es Leute gibt, die finden wir hätten schon welche. Mag sein, doch die, die wir zu haben scheinen, haben weder die Kraft, noch den Einfluss, noch die Macht in ihrer Bevölkerung die herrschende Stimmung zu ändern.
Das alles heisst bei weitem nicht, dass Israel alles richtig macht, eine jedem verständliche Friedenspolitik betreibt und sich nicht von fanatischen Siedlern die eigene Politik vorschreiben lässt, eine Politik, die weitergeführt, letztendlich nur im Abgrund endet. Auf der anderen Seite haben wir es zwei Politikern zu verdanken, etwas Klarheit in Israels aussen- und sicherheitspolitische Lage gebracht zu haben. Ehud Barak enthüllte im Herbst 2000 die wirklichen „Friedensabsichten“ Arafats und Arik Sharon klärte mit dem völligen und bedingungslosen Abzug aus Gaza in 2005 den Irrtum, das palästinensische Volk und seine religiösen und weniger religiösen Vertreter seien an einer eigenen freien Gesellschaft und dem Aufbau einer selbstständigen Wirtschaft für ihr Volk interessiert.
Viele von uns sind ratlos, wie es weitergehen soll. Auf der einen Seite können wir uns zur Zeit nicht leisten aus der besetzten Westbank abzuziehen, obwohl wir dort eigentlich nicht hingehören – auch wenn wir einen geschichtlichen Anspruch darauf hätten. Doch über eine so grosse uns nicht akzeptierende Mehrheit kolonialistisch zu herrschen, ist ethisch nicht vertretbar, würde das Weiterführen eines demokratischen jüdischen Staates verunmöglichen, denn Apartheid wollen und dürfen wir nicht einführen, es wäre, kurz gesagt, nationaler Selbstmord. Das ist das Eine. Das Andere ist die Tatsache, dass nach einem israelischen Abzug auch aus der Westbank Raketen und nach kurzer Zeit bestimmt noch bösartigere Waffen gegen Israel eingesetzt würden. Darüber sind wir uns einig. Was bleibt ist der Status Quo und auch der macht niemanden, ausser Terroristen, glücklich. Wie soll es weiter gehen?

Der Unterschied: Carlos Chavez s.A. versus Rachel Corrie

16.1.2008
Gestern wurde Carlos Chavez aus Ecuador feige und kaltblütig durch einen Scharfschützen erschossen. Im Gegensatz zu Rachel Corrie, die ein Opfer eigener antiisraelischer Hysterie (manche würden Dummheit sagen) wurde und sich vor einen israelischen Bulldozer warf um ein Haus vor dem Abbruch zu retten, das für Terroraktivitäten und Waffenschmuggel benutzt worden war, tat Carlos Chafez etwas äusserst Normales und Positives: er arbeitete auf dem Feld und bereitete es fürs Kartoffelstecken vor. Es ist zu bezweifeln, dass sein Tod ebenso zu einer Heiligsprechung wie der Tod von Corrie führen wird. Im Gegensatz zu ihr war Chafez kein fanatischer „Anti-Zionist“. Sicherlich war er auch kein reaktionärer imperialistischer Kriegshetzer und Siedler – er wollte, so verstehe ich – nur eine interessante Zeit in einem Kibbuz und dessen egalitärer Gesellschaft verbringen. In den Augen einiger ist sein Tod vielleicht weniger bedeutend, als der einer verwirrten „Friedensaktivistin“, die genau das Gegenteil dessen erreicht hat, was unter Friedensaktivismus zu verstehen ist.
Aus den Medien ist der Mord an Carlos Chavez schon verschwunden und abgehackt, sein Tod wird anscheinend nicht zu antiisraelischen Demonstrationen und Terror unterstützenden Massnahmen aus dem Gutmenschmilieu missbraucht werden. Er wollte Israel erleben und bei seinem Aufbau mithelfen und wurde dafür ermordet. Vergessen wir Carlos Chavez Opfer nicht vergessen, so wie wir all die anderen Terroropfer im Land nicht vergessen dürfen.

Ein arabischer Fussballsieg und eine Vernissage

12.1.2008
Eigentlich soll dieser Tagebucheintrag ausschliesslich der heutigen Vernissage in der Galerie in Umm El-Fahm gelten, doch kann ich mir nicht verkneifen die sportliche Sensation des Tages zu erwähnen. Bnei Sachnin, die Nationalliga A Fussballelf der arabischen Stadt Sachnin besiegte Betar Jerusalem. Betar Jerusalem führt die Liga mit grösserem Abstand, seine Spieler sind anständige Leute, aber die Betar Fans sind bekannt als üble Rassisten, die besonders mit Angriffen auf arabische und afrikanische Spieler immer wieder auffallen. Dies führte dazu, dass der Eigentümer dieses Fussballklubs, der umstrittene russische Milliardär Gaydamak, seine Mannschaft mit der Leibchenaufschrift „Genug der Gewalt!“ spielen lässt. Genützt hat das wenig, heute verlor sein Team gegen Bnei Sachnin (in dem übrigens nicht nur Araber, sondern auch Juden tschutten) in seinem eigenen und völlig leeren Stadion 1:0 – leer, weil der Klub als Strafe für das Benehmen seiner Fans zu Heimspielen ohne Publikum verurteilt worden ist.
Nun zur Vernissage. Die heute eröffnete Ausstellung heisst „Avak VeMa’avak“, ein Wortspiel, in Deutsch etwa „Staub und Konflikt“. Die Künstler Bashir Makhoul, Oded Shimshon und Aissa Deebi präsentieren Landschafts- und Stadtphotographien, zum Teil als Hologramme. Alle drei sind im Galil geboren und leben heute im Ausland, wenn auch der Jude Oded Shimshon in Israel einen Wohnsitz hat. Eigentlich hätte es eine der bescheideneren Vernissagen in unserer Galerie sein sollen – doch es kam anders. Es waren schätzungsweise zweihundert Teilnehmer da um die Eröffnung einer Photoausstellung zu feiern. Doch das zum Teil unerwartete Erscheinen einiger VIPs veränderte den Charakter des Anlasses. Nicht nur Lea und ich mit Enkel Eran (9 Jahre alt) waren präsent, es erschien noch der Bürgermeister Scheich Aghbaria, Minister Majadele (erster arabischer Minister Israels, zuständig für Wissenschaft, Kultur und Sport), der australische Botschafter James Larsen, Nadia Hilou, christlich-arabisches Knessetmitglied der Arbeitspartei, die bekannten Journalisten Gideon Levy und Ari Shavit, beide bei der Zeitung Haaretz tätig und sich ständig in den Haaren liegend, denn Gideon Levy hat sich, ähnlich wie die Schriftstellerin Sumaya Farhat-Naser im deutschen Sprachgebiet, eine Marktnische erobert, aus der er ausschliesslich palästinensisches Leid beschreibt. Nur, im Unterschied zu Farhat-Naser, lügt er nicht, sondern übersieht bestenfalls was nicht in sein Konzept passt. Gideon hat Humor, etwas, das wer ihn nicht kennt, nicht zutrauen würde. Gefeiert wurde auch James Snyder, Chef des Israel Museum.
Ich vernahm Interessantes. Scheich Aghbaria, schwer krank, scheint seinen Respekt und Anerkennung für Said Abu-Shakras Werk für den gesamten arabischen Sektor im Land noch stärker zu empfinden als bisher. Der Minister erklärte den Anwesenden offen seine Kulturpolitik. In der bisherigen Regierung war Kultur Teil des Erziehungsministeriums, das von Limor Livnat geleitet wurde. Livnat kürzte Kulturausgaben ganz allgemein und für das von Natur aus darbende Kulturbewusstsein der arabischen Bürger ganz besonders. Das ist nicht neu und jedem, der sich dafür interessiert vollauf bekannt. Majadele unterstützt heute vermehrt auch israelisch-arabische Kulturwerke und bezweckt damit das geknickte Selbstbewusstsein seiner arabischen Mitbürger zu fördern. Das könnte ihm aus antiarabischen Kreisen den Vorwurf der illegalen Bevorteilung seiner Volksgruppe eintragen, doch tut er es offen und ohne es verheimlichen zu wollen. Es sei sein Recht als Minister dies zu tun. Dies unterstrich er, als er als Anerkennung ein wunderschönes Mosaik aus Olivenholz erhielt und dazu sagte, er werde es in seinem Büro aufhängen, doch wenn er einmal dieses Büro verlassen werde, werde das Geschenk dort bleiben, denn er wolle sich nicht Probleme einhandeln wie seinerzeit Bibi Netanyahu, der, als er seine Ministerpräsidentschaft verlor, solche Geschenke als Privatbesitz sah und mit nach Haus nahm. So jedenfalls wird es erzählt.
Ich erzählte Gideon Levy mein Gespräch mit dem Finanzbeamten des Kulturministeriums (in meinem Tagebucheintrag vom 24.12.2007 beschrieben), in dem dieser (mit Recht) fand, dass das Sozialwerk der Galerie „gut für die Juden“ sei und deshalb mehr Mittel erhalten sollte. Levy lachte sich halb krank und wiederholte mehrere Male „gut für die Juden“. Diese Aussage ist aber in diesem Zusammenhang eine sehr wichtige Erkenntnis und ich wünschte mir, dass andere die Problematik des arabischen Selbstbewusstseins als israelische Bürger auch so betrachten würden wie der Beamte des Ministeriums, auch wenn es im ersten Augenblick nur amüsant wirkt. Denn dieser Beamte hat, wohl unbewusst, die Philosophie des „win-win“ für sich entdeckt, in dem beide Seiten eines Konflikts gewinnen sollen, im Gegensatz zum traditionellen „lose-lose“ unserer Breitengrade, in dem beide Seiten zum ständigen Verlieren verdammt sind. Denn nur wenn in einem grundsätzlich berechtigten Konflikt wie der unsere beide Seiten bei allen gegenseitigen Verzichten zufrieden gestellt sind, wird Ruhe einkehren.
Beim Abschied hielt Minister Majadele Erans Händchen lange fest und hielt ihm einen Vortrag über das Glück Grosseltern zu haben. Viele Kinder hätten das nicht. Eran fragte später seine Mutter Dvorit, ob es viele Kinder in seinem Alter gäbe, die solch lange und für ihn wichtige Gespräche mit einem Minister führten. Ihre Antwort weiss ich nicht.

Versöhnliches vor Weihnachten

24.12.2007
Heute ist Weihnachtstag und wir merken höchsten bei hören und sehen der Nachrichten etwas – etwa den Touristenrummel in Bethlehem oder die Mitternachtsmesse in dieser Stadt. Leas Physiotherapeut, ein griechisch-orthodoxer Araber mit Namen Hana, erklärte ihr, dass seine Weihnachten erst in zwei Wochen stattfinden werden. Ich wiederum erklärte meiner Frau, dass die christlich-orthodoxe Kirche ihre Feiertage zwei Wochen nach der römisch-katholischen Kirche feiert. Unterschiede müssen sein. Vor einem Jahr war unser Chanukka zur selben Zeit wie Weihnachten, womit auch uns Juden eine festliche Atmosphäre geschenkt wurde, doch dieses Jahr war Chanukka mehrere Wochen vor Weihnachten – man kann nicht alles immer haben.
Den Schabbat vom 15. Dezember verbrachte ich in der Kunstgalerie in Umm El-Fahm. Said Abu-Shakras drittes Projekt, das arabische Museum für zeitgenössische Kunst, nimmt nun wirklich Gestalt an. Für diesen Schabbat waren Architekten eingeladen, die sich für die Ausschreibung interessiert hatten. Das Museumsprojekt, Saids Drittes nach der Galerie und der Kinderkunstschule mit ihrer Sozialarbeit, hat ungleich grössere Dimensionen. Es stehen für die Anlage 15'000 m² Land zur Verfügung, auf über 500 m Höhe mit Aussicht über das Emek Jesreel in die Berge Galiläas. Das Museum soll unter anderem Abteilungen für zeitgenössische Kunst, für Ethnographie, Lagerräume für die ständige Sammlung, ein Geschichtsarchiv der Stadt Umm El-Fahm (die gemäss Unterlagen schon seit 1265 bestehen soll) und auch Schulräume haben. Das ganze Projekt ist einmalig, bestenfalls kann sich das Museum für zeitgenössische Kunst im Golfscheichtum Shariah damit vergleichen.
Wir erwarteten gemäss Einladungen und deren Bestätigungen etwas sechzig Teilnehmer und stellten im Auditorium der Galerie sicherheitshalber hundert Stühle bereit. Es trafen etwa dreihundert Architekten ein, viele mit Ehefrau, Sekretärin und einige wenige sogar mit Kindern. Irgendwie fanden alle einen Sitz-, Steh- oder Liegeplatz im Saal (der, nebenbei erwähnt, der Stadt als einziges Kino dient). Natürlich wurde auch der vorgesehene Bauplatz besichtigt.
Die Ausschreibung findet anonym statt. Jede Bewerbung wird von einem pensionierten Richter Israels oberstem Gericht mit einer Nummer versehen. Die Identität des hinter dieser Nummer verborgenen Architekten oder Architekturbüros bleiben nur ihm bekannt. In der Jury sitzen unter anderem der CEO des Israelmuseums, James Snyder, Dr. Hansa’a Diab, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin (eine faszinierenden Frau, mit der ich lange in Saids Haus auf dem Sofa sitzend diskutierte), dem Bürgermeister der Stadt Scheich Abd el-Rahman Zuabi und als Vorsitzenden, den Präsidenten des israelischen Architektenverbandes, Jossi Parhi. Am Treffen nahm auch teil der Verantwortliche des Kulturministeriums für Beiträge an kulturelle Institutionen, mit dem ich ein langes Gespräch führte und ihm die Tätigkeiten der Galerie im Einzelnen erklärte. Darunter war auch die Sozialarbeit die im Zusammenhang mit der Kinder- und Jugendkunstschule stattfindet. Als er davon hörte und die Erfolgsrate von weit über Tausend Jugendlichen, die von der Strasse geholt und vor Drogen, religiösem und anderem Extremismus, vor Kriminalität und ähnlichen gerettet worden sind, war er nicht nur beeindruckt, sondern gab zu, davon nichts gewusst zu haben. „Das ist“, meinte er, „gut für uns Juden“, womit er genau meine Auffassung teilt, die diesen Aspekt von Saids Tätigkeit noch vor den Aspekt der Kunst setzt, der zwar im Mittelpunkt steht, doch nicht den gleichen sozialen und arabisch-jüdisches Zusammenleben in Israel fördernden Einfluss besitzt, den die Sozialarbeit der Galerie in sich trägt. „Dafür gebührt Saids Organisation eigentlich mehr staatliche Unterstützung, als er heute bekommt“, meinte dieser Regierungsbeamte. Das war interessant zu hören, denn in den vergangenen Jahren, besonders in den Zeiten der Erziehungsministerin Limor Livnat, wurde Kultur vom Staat möglichst sparsam unterstützt, es sei denn sie förderte zionistischen „Patriotismus“, was jede kulturelle Anstrengung arabischer Israelis von vornherein fast völlig ausschloss.
Zwei Tage nach diesem Beispiel überwältigenden Interesses an der Galerie und ihren weiteren Plänen, fand ein zweites Treffen mit Architekten statt, für jene Architekten nämlich, die am Schabbat nicht Auto fahren. Es sollen nochmals rund zwanzig erschienen sein – das Interesse am Projekt ist gross, sogar aus dem Ausland erhielten wir Anfragen.
Das Ganze war das Resultat eines kleinen Skandals. Zu Beginn der Projektplanung hätte die weltbekannte irakische (im englischen Asyl lebende) Architektin Zaha Hadid, die jedoch aus Angst vor muslimischen Racheakten den Auftrag zurückgeben musste. Vor allem Said Abu-Shakra war deswegen traurig, doch muss auch er gelegentlich den Realitäten ins Auge blicken. Jetzt ist der Wettbewerb allen offen, im Frühling werden wir mehr wissen.

Die Seele der arabischen Welt*

15.12.2007

Folgender Dialog ist ein Telefongespräch eines Radiomoderators mit einem Ägypter, der es vorzieht in Israel zu leben. Es wurde aufgezeichnet von Adel Darwish, einem bekannten britisch-arabischen Publizisten, dessen Beiträge auch in der israelischen Presse zu lesen sind, wiedergibt hier ein Gespräch, das er live miterlebt hat. Das Gespräch ist Teil einer Radioshow. P steht für Präsentator (Moderator) und E für den Ägypter in Haifa.

P: Was tust du dort?
E: Was denkst du was ich tue? Das Gleiche, was du und andere tun, nämlich arbeiten. Deshalb wohne ich hier.
P: Hast du keine Schuldgefühle, weil du in Israel lebst?
E. Warum sollte ich Schuldgefühle haben? Ich hätte welche, wenn ich nicht Arbeit suchen würde und von Almosen lebte.
P: Ich meine Schuldgefühle wegen den Palästinensern und wie Israel diese angreift und deren Häuser zerstört und sie tötet.
E: Das ist eine Sache zwischen den Israelis und den Palästinenser, die Abkommen und Frieden haben, du solltest die Tausenden Palästinenser sehen, die in israelischen Geschäften arbeiten und gut verdienen; warum sollte ich meine Nase in ihre Angelegenheiten stecken?
P: Viele Leute würden sagen, dass du sie verrätst.
E. Das ist deren Problem und nicht meines. Ägyptische Offizielle und sogar der Präsident besuchen Israel und arbeiten mit den Israelis, warum belastet ihr stets den kleinen Mann, der versucht anständig über die Runden zu kommen. Ich mache niemandem Probleme, weder Ägyptern, Israelis oder Palästinensern.
P: Hättest du keinen Job in einem arabischen Land finden können?
E. Du meinst, ob ich als Sklave arbeiten wolle? Einen Kaffeel (ein Subunternehmer, der Fremdarbeiter vermittelt), der mich unterdrückt, meinen Pass in seinem Schreibtisch einschliesst und bei dem ich keinerlei Rechte oder Schutz hätte?
P: (Unterbricht ihn) Araber sind unsere Brüder und Cousins, vielleicht gibt es schlechte Beispiele unter ihnen, Tausende Ägypter arbeiten doch in arabischen Ländern.
E: Denen wünsche ich viel Glück und hoffe, sie werden anständig behandelt, aber hier (in Israel) bin ich Gewerkschaftsmitglied, es gibt Gesetze, ich habe Rechte und ich kann meinen Arbeitsgeber einklagen und mein Recht erhalten.
P: Ist das genug um deine Prinzipien zu opfern und den Zorn der Familie und der Gesellschaft auf dich zu laden?
E: Wer erzählt dir das? Ich telefoniere mit meinen Verwandten in Ägypten, meine Prinzipien sind für meine Familie, meine Frau und Kinder zu sorgen.
P: Aber dein Kind wird nie ein vollständiger Araber sein.
E. Richtig. Mein Kind ist nicht Araber, es ist Ägypter und israelischer Staatsbürger. Wir haben ihn in Ägypten registriert (damit ist das ägyptische Konsulat gemeint) und gemäss Gesetz besitzt es auch ägyptische Staatsbürgerschaft und wir sind stolz darauf. Darf ich dich daran erinnern, dass unser Herr Moses, Prophet Gottes, Ägypter war. Wenn es gut für den Propheten Moses dem Ägypter war mit Gottes Hilfe die See zu durchqueren und nach Palästina zu gehen, dann ist Israel auch gut genug für mich.

Adel Darwish schrieb im Website „Middle East-World Media“ unter dem Titel „Ägyptische Journalisten sind „alarmiert“ über Mischehen mit Israelis“. Adel berichtet über ein Serienfeature in der ägyptischen Zeitung Al-Ahram. Obenstehendes Telefoninterview ist Teil dieses Artikels. Da ich ungern übersetze hier eine kurzes Zusammenfassung.

Dieser Feature-Artikel in Al-Ahram bezeichnet Ägypter, die in Israel leben und arbeiten als Verräter, geächtet von ihren Familien, Freunden und der gesamten ägyptischen Nation. Der Artikel vergisst zu erwähnen, dass ägyptische Politiker und Offizielle der Polizei, Armee, Sicherheitskräften, vom Premierminister und Präsidenten an, Israel besuchen und dort verhandeln und ihren Geschäften nachgehen. Ebenso, schreibt Darwish, wird unterschlagen, dass Tausende israelischer Touristen Ägypten besuchen – und viele ägyptische Juden in Ägypten beerdigte Familienangehörige besuchen und in alten ägyptischen Synagogen beten. Ebenso wird vergessen zu erwähnen, dass ägyptische und israelische Geschäftsleute mit direkten Flügen zwischen den zwei Ländern, ihren Geschäften im jeweiligen Nachbarsland nachgehen.

In Israel lebende Ägypter werden als werden als sozial oder psychisch geschädigte Menschen dargestellt, ja sie werden der Apostasie beschuldigt.
Mit keinem Wort wird der bestehende Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel erwähnt, als wäre dieser ausschliesslich eine Sache zwischen Regierungen und nicht Sache des Volkes. [Nüchtern betrachtet ist dieser Schluss tatsächlich mindestens teilweise richtig].

Die Schreiber des von Adel Darwish beschriebenen Artikels beschreiben Gefahren, denen diese Israel-Ägypter in Israel ausgesetzt seien. Sie würden in die israelische Armee eingezogen oder gar in den Mossad, um in Ägypten zu spionieren. Diese blühende arabische Fantasie ignoriert die Frage, wie ein Ägypter mit einer israelischen Frau, tätig als Restaurant-Manager, als Buschauffeur, Buchhalter oder Bewässerungsingenieur dem Mossad die gewünschten Geheimnisse verschaffen könnte.
Eine weitere überzeugende Gefahr für die nationale Sicherheit Ägyptens ist die, dass die Kinder eines Israelis ägyptischer Herkunft, das Land und den Familienbesitz in Ägypten erben könnten und so ägyptisches Land „stehlen“ würden. Wieder wird vergessen, dass israelische Firmen und Aktionäre in Ägypten investieren und zahlreiche ägyptische Juden ihren von Nasser konfiszierten Besitz durch Gerichtsbeschlüsse zurückerhalten haben.

Es lohnt sich diesen nicht allzu langen Artikel zu lesen – er gibt einmal mehr, Einblick in die uns verborgene „Rationalität“ arabischen Denkens.
Was Adel Darwish nicht weiss, dass bis vor wenigen Jahren, Israelis, die in anderen Ländern zu leben wagen, als „Jordim“ verachtet worden sind. Doch mit der dämlichen Fantasie wie hier geschildert, lässt sich das schwerlich vergleichen, auch wenn es Parallelen gibt.

*sehr frei nach dem Buch „Die Seele Israels“ von Ernest Goldberger