Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Dienstag, September 04, 2007

Raketen, die Selbstgerechten und Jenin

31.8.2007

Wieder einmal hat sich der üble Trick arabischer Terroristen, sich hinter Zivilisten ihres eigenen Volkes zu verstecken und ihre Angriffe von dort aus zu führen, ausbezahlt. Drei Kinder, die neben einer Abschussrampe von Kassamraketen spielten, kamen dabei zu Tode, weil diese Abschussrampe von der israelischen Armee ausgemacht und zerstört worden war. Das geschah gestern in Gaza. Wahrscheinlich spielten diese Kinder „Judentöten“. Vor einem Jahr, im Zweiten Libanonkrieg, kamen aus ähnlichen Gründen noch weit mehr libanesische Zivilisten um und ganze Dörfer wurden zerstört, weil die Hisbullah ihre Stellungen mitten in Bevölkerungszentren aufgestellt hatte. Mit diesem System der Geiselnahme der eigenen Bevölkerung erreichen Hisbullah, Hamas und ihre Geistesverwandten in Irak und Afghanistan vor allem zwei Ziele: es werden Märtyrer produziert und Israel oder die Amerikaner und ihre Verbündeten können vor der Weltöffentlichkeit des Mordes an Zivilisten, möglichst Frauen und Kindern, angeklagt werden. Diese Ziele werden erreicht, denn die westliche Presse berichtet meist nur über das Endprodukt, d.h. über die Opfer, aber nicht über die oben geschilderten Hintergründe. Die einzige Alternative für Israel, wäre, sich nicht gegen Raketenangriffe zu verteidigen und Terroristen freie Hand für Angriffe auf israelische Ziele wie Sderot zu lassen. Obwohl israelische Bürger über unschuldige Opfer trauern, sind die Schuldigen unter jenen zu finden, die sich oben geschilderte Taktik zu eigen gemacht haben, philosophisch abgesichert mit ihrer Verachtung für Leben und ihre Sucht andere mit in den Tod zu reissen.

Mit Freude habe ich auf der Seite „Familiennachrichten“ des Tachles eine bescheidenes Inserat entdeckt, mit dem die von mir so geschätzten Jüdinnen und Juden für einen Gerechten Frieden (warum der Buchstabe G des Wortes Gerechten gross sein soll ist mir nicht klar) unseren Theodor Herzl mit der Besetzung der Westbank in Verbindung bringen. Einmal mehr beweisen diese Jüdinnen und Juden für Selbstgerechtigkeit, ihre völlige Unkenntnis neuerer jüdischer Geschichte. Sie bereiten ein Durcheinander falsch verstandener historischer und politischer Begriffe zu, die nichts miteinander zu tun haben. All das, weil es sie stört, dass Israel sich nicht für sie opfert. Übrigens, Uri Avneri und sein Gush Shalom in Israel publizieren ähnliche Anzeigen in der israelischen Presse. Doch vor Uri und dem Gush Shalom habe ich Achtung, auch wenn ich ihre heutige politische Einstellung nicht teile. Sie übernehmen für sich Verantwortung und werden allfällige Folgen davon existenziell tragen müssen. Sie sind ein denkender Teil unserer Demokratie. Die Jüdinnen und Juden für friedliche Selbstgerechtigkeit bürden nicht nur ihre eigene Verantwortung anderen auf, sie stehlen auch Ideen.

Wie meine Freunde und Leser wissen, bin ich der Meinung, dass Israel aus der Westbank abziehen soll. Obwohl das jüdische Volk gerade dort viele seiner geschichtlichen und religiösen Wurzeln hat, leben wir heute im Jahre 2007 und es gehört sich nicht, dass Juden über ein fremdes Volk herrschen. Die Tatsache, dass dieses fremde Volk heute unfähig erscheint, sich selbst zu regieren ist in diesem Zusammenhang unwesentlich. Inzwischen haben wir durch die Vorgänge in Gaza gelernt, dass palästinensisches Territoriums nicht einseitig und ohne Abstimmung mit den dort lebenden Palästinensern, diesen überlassen werden kann. Die Gründe dafür, in Gaza gelernt, liegen auf der Hand: es kommt zu Bürgerkrieg und Anarchie, die Feindschaft und die Angriffe auf Israel nehmen nicht ab sondern zu, der Abzug Israels aus besetzten Gebieten wird nicht geschätzt, sondern als vermeintlicher Sieg der „befreiten“ Palästinenser gefeiert, der Wille des erstmals in seiner kurzen Geschichte wirklich freien palästinensischen Volkes einen funktionierenden Staat zu errichten, ist trotz grosszügiger fremder Hilfe ist nicht zu erkennen. Zerstörung und Gewalt treten an Stelle von Aufbau und Selbstverantwortung.

Trotzdem besteht wieder einmal Hoffnung. In den vergangenen Tagen haben sich in Jenin Dinge zugetragen, die aufhorchen lassen. Palästinensische Polizisten retteten einen israelischen Major davor gelyncht zu werden und der Gradmesser israelischer-palästinensischer Liebe schnellte in die Höhe. Abbas und Olmert reden, wie es heisst, intensiv miteinander, es scheint etwas in Bewegung geraten zu sein – was es genau ist, werden wir sehen. Die palästinensische Polizei und die Regierung feiern sich selbst und reden von einem völlig neuen und positiven Verhältnis zu Israel, dass aber von Israel bisher nicht erwidert worden ist. Es liegt an Olmert und seinen Mannen diesen Olivenzweig aus palästinensischen Händen entgegenzunehmen und, falls dieser neue Prozess wirklich echt ist, daraus ein vernünftiges Verhältnis mit unseren Nachbarn zu entwickeln. Falls dies tatsächlich geschehen sollte, würden sich Israels und der westlichen Welt wirkliche Feinde, die islamistischen Terrororganisationen angeführt vom Iran, Hisbullah, Al Kaida, Hamas und andere, vor neue Tatsachen gestellt sehen – der israelisch-palästinensische Konflikt könnte nicht mehr als Vorwand für ihren Hass auf Nichtislamisches verwendet werden. Doch keine Bange, es gibt noch andere Ausreden und sie werden sie finden oder erfinden.