Die Sache mit dem Zurückgeben
In den vergangen Monaten sind etwa 400 (das ist die herumgebotene Zahl, ob sie stimmt, bezweifle ich) sudanesische Flüchtlinge aus Ägypten nach Israel geflüchtet. Viele sind auf dem Weg umgekommen. Im Sudan werden diese Flüchtlinge schwarzer Farbe und vorwiegend Christen aber auch als Muslime von den arabischen Sudanesen gehasst, verfolgt und umgebracht. Auch in Ägypten sind sie in Gefahr. In Israel wurden sie, besonders die Männer eingesperrt, sudanesische Familien in irgend einer Stadt vor dem Stadthaus deponiert, in der Hoffnung von den lokalen Behörden betreut zu werden. Doch von denen wurden sie wieder verjagt – keine Behörde will Verantwortung für diese Menschen übernehmen. Die Regierung will sie nach Ägypten ausweisen, doch seit von israelischen Soldaten beobachtet worden ist, wie sudanesische Flüchtlinge erschossen wurden, wird weniger von Ausweisung geredet, das offizielle Israel schweigt. Inzwischen haben israelische Bürger einzelne sudanesische Familien bei sich aufgenommen, bis eine anständige Regelung getroffen wird. Die Reaktion vieler Israelis gegenüber der Behandlung dieser Menschen, hat immerhin dazu geführt, dass keine von ihnen bisher deportiert worden sind. Die gegenwärtige Stimmung zu diesem Problem ist ein Abklatsch der früheren (oder vielleicht noch bestehenden) Situation in der Schweiz. Von politisch rechten Reaktionären werden diese Flüchtlinge pauschal als „Wirtschaftsflüchtlinge“ dargestellt, während anständige Menschen sich empören und zu helfen suchen. Lea und ich denken wie die meisten Israelis, dass gerade Israel, das Land Juden, die Pflicht hat Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Denn kein Volk wurde in seiner langen Geschichte so verfolgt wie wir Juden, keinem Volk wurde so oft Asyl verweigert wie dem jüdischen. Man erinnere sich an die Evian Konferenz in 1938 in dem sämtliche 32 teilnehmenden Staaten aussagten, wie gerne sie jüdische Flüchtlinge aufnehmen würden, aber es leider nicht könnten. Das war der Auftakt zu den für Juden geschlossenen Grenzen der Schweiz (die immerhin doch rund 30'000 Flüchtlinge aufnahm) oder noch schlimmer, der USA, die obwohl territorial völlig unbedroht, weit weniger Juden aufnahmen und Schiffe gefüllt mit diesen Menschen zurück nach Deutschland in den Tod schickten. Wenn wir Juden daraus nicht die Pflicht gelernt haben, vom Tode bedrohten Flüchtlingen Schutz zu gewähren, dann, so denke ich und viele andere, hat Israel und das gesamte jüdische Volk ein Stück Glaubwürdigkeit verloren.
Das eigentliche Thema dieses Tagebucheintrags ist eine Redewendung, die oft in der ausländischen Presse zu sehen und zu hören ist. Es geht mir um den Satz, der in verschiedenen Variationen etwa so tönt: „wann wird Israel die besetzten Gebiete der Westbank an die Palästinenser zurückgeben?“.
Bevor ich mich darüber auslasse, will ich feststellen, was ich schon oft geschrieben und gesagt habe, dass wir in der Westbank (wie in Gaza) nichts zu suchen hätten und Siedlungen und Militär von dort abziehen müssen. In Gaza hat das stattgefunden, das Resultat war für die Gazaner (auch genannt Palästinenser) verheerend. Vielleicht lag das an der fehlenden Absprache mit den palästinensischen Behörden, aber am Prinzip ändert sich nichts. Wir müssen diese Gebiete den Palästinensern überlassen, nicht zurückgeben.
Überlassen ist nicht das Selbe wie zurückgeben. Das Wort „zurückgeben“ bedingt einen früheren Besitzer und beweist vom Benutzer dieses Wortes völlige Ignoranz über die Geschichte unserer Region. Ad nauseanum wird von wirklichen Fachleuten die Geschichte Palästinas erklärt – einen Staat Palästina hat es nie als arabisches Land gegeben hat. Ein Volk der Palästinenser gibt es etwa seit dem Sechstagekrieg in 1967, als diese Bezeichnung von Arafat eingeführt worden war. Bis dahin waren die heutigen Palästinenser einfach Araber oder bestenfalls Südsyrer. Heute sind sie Palästinenser und das ist eine Tatsache, die wir akzeptieren müssen. Aber einen eigenen Staat hatten sie nie, nie seit Araber im 7. Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel ausbrachen um anderen Völkern die Wonnen des Islams aufzuzwingen.
Nach dem Ende des türkischen Kalifats (die osmanischen (türkischen) Sultane betrachteten ihr Reich als Fortsetzung des bis anhin arabisch beherrschten Kalifats) in 1923, wurde Palästina zum britischen Mandatsgebiet, das das heutige Jordanien, die Westbank und Israel umfasste. Jordaniens Ansprüche auf die Westbank endeten als König Hussein einige Jahre nach der israelischen Eroberung dieses Gebiet als nicht mehr jordanisch deklarierte. Er war froh sich dessen ungebärdige Einwohner vom Hals schaffen zu können – eine Einstellung die durch den Umsturzversuch der PLO gegen ihn in 1970 unterstrichen worden ist.
Deshalb ist es keine Haarspalterei, sich die Frage zu stellen, was denn „zurückgeben“ an jemanden, der es nie besass, heissen soll. Denn das wäre Geschichtsfälschung. Nach 1967 haben sich die Araber des Gebietes Palästina zu einer eigenen Identität gemausert, sie sind heute Palästinenser. Sie sollen die Chance für einen Staat Palästina erhalten und beweisen, dass sie, entgegen allen bisherigen Erfahrungen, einen Staat auch aufbauen und friedlich und ohne Blutdurst betreiben können. Vielleicht werden die Kinder unserer Enkel dies erleben. Optimisten sind heute in Israel wenige zu finden, doch Wunder geschehen im Heiligen Land und vor allem dürfen wir die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben und nicht auf Hetzereien unserer eigenen Extremisten hereinfallen.

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