Die Jungen
Gestern Freitag Abend führte unsere Gemeinde Sulam Ya’akov den Gottesdienst im Freien durch. Zweihundert Meter vom Strand entfernt, in einem Park, der vom Kohlekraftwerk Caesarea, Israels grösstem Elektrizitätswerk, geschmackvoll angelegt worden ist. Zwischen dem Park und dem Kraftwerk fliesst der Haderafluss, in den, für alle sichtbar, das Kühlwasser fliesst. Wäre es ein Atomkraftwerk, hätte ich vielleicht Bedenken gehabt dort zu sitzen. Luftverschmutzung war keine zu sehen, was nicht heisst, dass wir mit unsichtbarem Aschestaub aus den drei Kaminen unberieselt geblieben sind. Trotzdem, wir sassen auf mitgebrachten Stühlen und Strohmatten auf einem prachtvollen Rasen und führten unseren Freitagabend-Gottesdienst durch. Nur auf das Anzünden der Schabbatkerzen mussten wir verzichten, der Wind blies und die Streichhölzer gingen aus.
Es nahmen viele Kinder und Jugendliche teil. Nach Abschluss des Gottesdienstes kam unsere Präsidentin Esti auf die Idee den etwa vierzig anwesenden Gemeindemitgliedern den Nachwuchs vorzustellen. Da am kommenden Sonntag die Schule beginnt, erfuhren wir von jedem Kind und von jedem Jugendlichen in welche Klasse er kommt. Ich verglich dies mit unseren Enkeln hier in Israel und in Zürich. Einer der Jungen, Esti’s Sohn Lior, hat die Mittelschule abgeschlossen. Er müsste zum Militär, zog es aber, wie viele andere vor, erst ein Jahr Shnat Sherut (Sozialdienst, man könnte es auch Zivildienst nennen) zu absolvieren, genau wie unser Enkel Jonathan. Das heisst vor allem, dass diese Jugendlichen statt „nur“ die drei Jahre Militärdienst, vier Jahre ihres Lebens dem Land geben. Sie tun das freiwillig und meist im Rahmen ihrer Jugendorganisation. Jonathan mit der sozialistischen Noar Oved VeLomed, Lior mit Telem, die zur israelischen Bewegung für progressives Judentum gehört. Beide werden als Sozialarbeiter und Jugendleiter in Freizeitzentren arbeiten, doch gibt es auch Sozialdienstler, die in Spitälern, Schulen, Landwirtschaft und ähnlichem tätig sind.
Leider haben auch nationalreligiöse Gruppierungen den Sozialdienst entdeckt, ohne ihn jedoch anschliessend mit dem Militärdienst zu verbinden. Im Gegenteil, sie benutzen diese Möglichkeit, sich davor zu drücken. Nationalreligiöse Mädchen, so war kürzlich in Haaretz zu lesen, missbrauchen diese Gelegenheit um in staatlichen Schulen in den Stunden der Staatskunde, ihre Art von Patriotismus zu verbreiten. Das beinhaltet Behauptungen wie zum Beispiel, es hätte zu Beginn des zionistischen Aufbaus in Eretz Israel (d.h. noch vor der Staatsgründung) keine Araber gegeben, denn diese seien erst später, angezogen durch von Juden ermöglichten Arbeitsplätzen, nach Palästina gekommen. Vor einigen Jahren hörte ich Nethanyahu persönlich an einem Zionistenkongress in Jerusalem, diesen Unsinn verbreiten. Diese freiwilligen Töchter haben heute fast ein Monopol, diese Art von Zionismus und Judentum in Schulen zu vermitteln. Ein Judentum, welches das Land über den Menschen heiligt, welches das Land der Urväter besiedelt und Menschen für Judäa und Samaria opfert. Sie vermitteln, so der Artikel in Haaretz, ein extremistisches und grausames Judentum, welches das Motto „alles ist mein“ vertritt. Judentum und Zionismus müssten, so derselbe Artikel, dem ich beistimme, von den besten und erfahrensten Lehrern auf neutrale Art gelehrt werden, die jede ideologische Neigung nach extrem links oder extrem rechts ausschliesst.
Trotz solchen Ausnahmen ist das Shnat Sherut ein Beispiel dafür, dass Israels Jugend ohne Fanatismus ein Pflichtgefühl gegenüber dem Land und der israelischen Gesellschaft besitzt. Weit nicht alle sind Drückeberger, wie es den egoistischen und wohlstandsgeschädigten Schulabgängern von Nord Tel Aviv nachgesagt wird. Oder den parasitären Ultraorthodoxen, deren Männer sich nicht nur vor nationaler Verantwortung (Militärdienst), sondern auch vor produktiver Arbeit drücken. Ebenso könnte das Shnat Sherut arabischen Jugendlichen eine Möglichkeit bieten, Solidarität mit dem Staat, in dem sie leben, zu zeigen ohne zu den Waffen gezwungen zu werden.

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