Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Dienstag, September 04, 2007

Die Jungen

1.9.2007

Gestern Freitag Abend führte unsere Gemeinde Sulam Ya’akov den Gottesdienst im Freien durch. Zweihundert Meter vom Strand entfernt, in einem Park, der vom Kohlekraftwerk Caesarea, Israels grösstem Elektrizitätswerk, geschmackvoll angelegt worden ist. Zwischen dem Park und dem Kraftwerk fliesst der Haderafluss, in den, für alle sichtbar, das Kühlwasser fliesst. Wäre es ein Atomkraftwerk, hätte ich vielleicht Bedenken gehabt dort zu sitzen. Luftverschmutzung war keine zu sehen, was nicht heisst, dass wir mit unsichtbarem Aschestaub aus den drei Kaminen unberieselt geblieben sind. Trotzdem, wir sassen auf mitgebrachten Stühlen und Strohmatten auf einem prachtvollen Rasen und führten unseren Freitagabend-Gottesdienst durch. Nur auf das Anzünden der Schabbatkerzen mussten wir verzichten, der Wind blies und die Streichhölzer gingen aus.

Es nahmen viele Kinder und Jugendliche teil. Nach Abschluss des Gottesdienstes kam unsere Präsidentin Esti auf die Idee den etwa vierzig anwesenden Gemeindemitgliedern den Nachwuchs vorzustellen. Da am kommenden Sonntag die Schule beginnt, erfuhren wir von jedem Kind und von jedem Jugendlichen in welche Klasse er kommt. Ich verglich dies mit unseren Enkeln hier in Israel und in Zürich. Einer der Jungen, Esti’s Sohn Lior, hat die Mittelschule abgeschlossen. Er müsste zum Militär, zog es aber, wie viele andere vor, erst ein Jahr Shnat Sherut (Sozialdienst, man könnte es auch Zivildienst nennen) zu absolvieren, genau wie unser Enkel Jonathan. Das heisst vor allem, dass diese Jugendlichen statt „nur“ die drei Jahre Militärdienst, vier Jahre ihres Lebens dem Land geben. Sie tun das freiwillig und meist im Rahmen ihrer Jugendorganisation. Jonathan mit der sozialistischen Noar Oved VeLomed, Lior mit Telem, die zur israelischen Bewegung für progressives Judentum gehört. Beide werden als Sozialarbeiter und Jugendleiter in Freizeitzentren arbeiten, doch gibt es auch Sozialdienstler, die in Spitälern, Schulen, Landwirtschaft und ähnlichem tätig sind.

Leider haben auch nationalreligiöse Gruppierungen den Sozialdienst entdeckt, ohne ihn jedoch anschliessend mit dem Militärdienst zu verbinden. Im Gegenteil, sie benutzen diese Möglichkeit, sich davor zu drücken. Nationalreligiöse Mädchen, so war kürzlich in Haaretz zu lesen, missbrauchen diese Gelegenheit um in staatlichen Schulen in den Stunden der Staatskunde, ihre Art von Patriotismus zu verbreiten. Das beinhaltet Behauptungen wie zum Beispiel, es hätte zu Beginn des zionistischen Aufbaus in Eretz Israel (d.h. noch vor der Staatsgründung) keine Araber gegeben, denn diese seien erst später, angezogen durch von Juden ermöglichten Arbeitsplätzen, nach Palästina gekommen. Vor einigen Jahren hörte ich Nethanyahu persönlich an einem Zionistenkongress in Jerusalem, diesen Unsinn verbreiten. Diese freiwilligen Töchter haben heute fast ein Monopol, diese Art von Zionismus und Judentum in Schulen zu vermitteln. Ein Judentum, welches das Land über den Menschen heiligt, welches das Land der Urväter besiedelt und Menschen für Judäa und Samaria opfert. Sie vermitteln, so der Artikel in Haaretz, ein extremistisches und grausames Judentum, welches das Motto „alles ist mein“ vertritt. Judentum und Zionismus müssten, so derselbe Artikel, dem ich beistimme, von den besten und erfahrensten Lehrern auf neutrale Art gelehrt werden, die jede ideologische Neigung nach extrem links oder extrem rechts ausschliesst.

Trotz solchen Ausnahmen ist das Shnat Sherut ein Beispiel dafür, dass Israels Jugend ohne Fanatismus ein Pflichtgefühl gegenüber dem Land und der israelischen Gesellschaft besitzt. Weit nicht alle sind Drückeberger, wie es den egoistischen und wohlstandsgeschädigten Schulabgängern von Nord Tel Aviv nachgesagt wird. Oder den parasitären Ultraorthodoxen, deren Männer sich nicht nur vor nationaler Verantwortung (Militärdienst), sondern auch vor produktiver Arbeit drücken. Ebenso könnte das Shnat Sherut arabischen Jugendlichen eine Möglichkeit bieten, Solidarität mit dem Staat, in dem sie leben, zu zeigen ohne zu den Waffen gezwungen zu werden.

Raketen, die Selbstgerechten und Jenin

31.8.2007

Wieder einmal hat sich der üble Trick arabischer Terroristen, sich hinter Zivilisten ihres eigenen Volkes zu verstecken und ihre Angriffe von dort aus zu führen, ausbezahlt. Drei Kinder, die neben einer Abschussrampe von Kassamraketen spielten, kamen dabei zu Tode, weil diese Abschussrampe von der israelischen Armee ausgemacht und zerstört worden war. Das geschah gestern in Gaza. Wahrscheinlich spielten diese Kinder „Judentöten“. Vor einem Jahr, im Zweiten Libanonkrieg, kamen aus ähnlichen Gründen noch weit mehr libanesische Zivilisten um und ganze Dörfer wurden zerstört, weil die Hisbullah ihre Stellungen mitten in Bevölkerungszentren aufgestellt hatte. Mit diesem System der Geiselnahme der eigenen Bevölkerung erreichen Hisbullah, Hamas und ihre Geistesverwandten in Irak und Afghanistan vor allem zwei Ziele: es werden Märtyrer produziert und Israel oder die Amerikaner und ihre Verbündeten können vor der Weltöffentlichkeit des Mordes an Zivilisten, möglichst Frauen und Kindern, angeklagt werden. Diese Ziele werden erreicht, denn die westliche Presse berichtet meist nur über das Endprodukt, d.h. über die Opfer, aber nicht über die oben geschilderten Hintergründe. Die einzige Alternative für Israel, wäre, sich nicht gegen Raketenangriffe zu verteidigen und Terroristen freie Hand für Angriffe auf israelische Ziele wie Sderot zu lassen. Obwohl israelische Bürger über unschuldige Opfer trauern, sind die Schuldigen unter jenen zu finden, die sich oben geschilderte Taktik zu eigen gemacht haben, philosophisch abgesichert mit ihrer Verachtung für Leben und ihre Sucht andere mit in den Tod zu reissen.

Mit Freude habe ich auf der Seite „Familiennachrichten“ des Tachles eine bescheidenes Inserat entdeckt, mit dem die von mir so geschätzten Jüdinnen und Juden für einen Gerechten Frieden (warum der Buchstabe G des Wortes Gerechten gross sein soll ist mir nicht klar) unseren Theodor Herzl mit der Besetzung der Westbank in Verbindung bringen. Einmal mehr beweisen diese Jüdinnen und Juden für Selbstgerechtigkeit, ihre völlige Unkenntnis neuerer jüdischer Geschichte. Sie bereiten ein Durcheinander falsch verstandener historischer und politischer Begriffe zu, die nichts miteinander zu tun haben. All das, weil es sie stört, dass Israel sich nicht für sie opfert. Übrigens, Uri Avneri und sein Gush Shalom in Israel publizieren ähnliche Anzeigen in der israelischen Presse. Doch vor Uri und dem Gush Shalom habe ich Achtung, auch wenn ich ihre heutige politische Einstellung nicht teile. Sie übernehmen für sich Verantwortung und werden allfällige Folgen davon existenziell tragen müssen. Sie sind ein denkender Teil unserer Demokratie. Die Jüdinnen und Juden für friedliche Selbstgerechtigkeit bürden nicht nur ihre eigene Verantwortung anderen auf, sie stehlen auch Ideen.

Wie meine Freunde und Leser wissen, bin ich der Meinung, dass Israel aus der Westbank abziehen soll. Obwohl das jüdische Volk gerade dort viele seiner geschichtlichen und religiösen Wurzeln hat, leben wir heute im Jahre 2007 und es gehört sich nicht, dass Juden über ein fremdes Volk herrschen. Die Tatsache, dass dieses fremde Volk heute unfähig erscheint, sich selbst zu regieren ist in diesem Zusammenhang unwesentlich. Inzwischen haben wir durch die Vorgänge in Gaza gelernt, dass palästinensisches Territoriums nicht einseitig und ohne Abstimmung mit den dort lebenden Palästinensern, diesen überlassen werden kann. Die Gründe dafür, in Gaza gelernt, liegen auf der Hand: es kommt zu Bürgerkrieg und Anarchie, die Feindschaft und die Angriffe auf Israel nehmen nicht ab sondern zu, der Abzug Israels aus besetzten Gebieten wird nicht geschätzt, sondern als vermeintlicher Sieg der „befreiten“ Palästinenser gefeiert, der Wille des erstmals in seiner kurzen Geschichte wirklich freien palästinensischen Volkes einen funktionierenden Staat zu errichten, ist trotz grosszügiger fremder Hilfe ist nicht zu erkennen. Zerstörung und Gewalt treten an Stelle von Aufbau und Selbstverantwortung.

Trotzdem besteht wieder einmal Hoffnung. In den vergangenen Tagen haben sich in Jenin Dinge zugetragen, die aufhorchen lassen. Palästinensische Polizisten retteten einen israelischen Major davor gelyncht zu werden und der Gradmesser israelischer-palästinensischer Liebe schnellte in die Höhe. Abbas und Olmert reden, wie es heisst, intensiv miteinander, es scheint etwas in Bewegung geraten zu sein – was es genau ist, werden wir sehen. Die palästinensische Polizei und die Regierung feiern sich selbst und reden von einem völlig neuen und positiven Verhältnis zu Israel, dass aber von Israel bisher nicht erwidert worden ist. Es liegt an Olmert und seinen Mannen diesen Olivenzweig aus palästinensischen Händen entgegenzunehmen und, falls dieser neue Prozess wirklich echt ist, daraus ein vernünftiges Verhältnis mit unseren Nachbarn zu entwickeln. Falls dies tatsächlich geschehen sollte, würden sich Israels und der westlichen Welt wirkliche Feinde, die islamistischen Terrororganisationen angeführt vom Iran, Hisbullah, Al Kaida, Hamas und andere, vor neue Tatsachen gestellt sehen – der israelisch-palästinensische Konflikt könnte nicht mehr als Vorwand für ihren Hass auf Nichtislamisches verwendet werden. Doch keine Bange, es gibt noch andere Ausreden und sie werden sie finden oder erfinden.

Die Sache mit dem Zurückgeben

10.8.2007

In den vergangen Monaten sind etwa 400 (das ist die herumgebotene Zahl, ob sie stimmt, bezweifle ich) sudanesische Flüchtlinge aus Ägypten nach Israel geflüchtet. Viele sind auf dem Weg umgekommen. Im Sudan werden diese Flüchtlinge schwarzer Farbe und vorwiegend Christen aber auch als Muslime von den arabischen Sudanesen gehasst, verfolgt und umgebracht. Auch in Ägypten sind sie in Gefahr. In Israel wurden sie, besonders die Männer eingesperrt, sudanesische Familien in irgend einer Stadt vor dem Stadthaus deponiert, in der Hoffnung von den lokalen Behörden betreut zu werden. Doch von denen wurden sie wieder verjagt – keine Behörde will Verantwortung für diese Menschen übernehmen. Die Regierung will sie nach Ägypten ausweisen, doch seit von israelischen Soldaten beobachtet worden ist, wie sudanesische Flüchtlinge erschossen wurden, wird weniger von Ausweisung geredet, das offizielle Israel schweigt. Inzwischen haben israelische Bürger einzelne sudanesische Familien bei sich aufgenommen, bis eine anständige Regelung getroffen wird. Die Reaktion vieler Israelis gegenüber der Behandlung dieser Menschen, hat immerhin dazu geführt, dass keine von ihnen bisher deportiert worden sind. Die gegenwärtige Stimmung zu diesem Problem ist ein Abklatsch der früheren (oder vielleicht noch bestehenden) Situation in der Schweiz. Von politisch rechten Reaktionären werden diese Flüchtlinge pauschal als „Wirtschaftsflüchtlinge“ dargestellt, während anständige Menschen sich empören und zu helfen suchen. Lea und ich denken wie die meisten Israelis, dass gerade Israel, das Land Juden, die Pflicht hat Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Denn kein Volk wurde in seiner langen Geschichte so verfolgt wie wir Juden, keinem Volk wurde so oft Asyl verweigert wie dem jüdischen. Man erinnere sich an die Evian Konferenz in 1938 in dem sämtliche 32 teilnehmenden Staaten aussagten, wie gerne sie jüdische Flüchtlinge aufnehmen würden, aber es leider nicht könnten. Das war der Auftakt zu den für Juden geschlossenen Grenzen der Schweiz (die immerhin doch rund 30'000 Flüchtlinge aufnahm) oder noch schlimmer, der USA, die obwohl territorial völlig unbedroht, weit weniger Juden aufnahmen und Schiffe gefüllt mit diesen Menschen zurück nach Deutschland in den Tod schickten. Wenn wir Juden daraus nicht die Pflicht gelernt haben, vom Tode bedrohten Flüchtlingen Schutz zu gewähren, dann, so denke ich und viele andere, hat Israel und das gesamte jüdische Volk ein Stück Glaubwürdigkeit verloren.

Das eigentliche Thema dieses Tagebucheintrags ist eine Redewendung, die oft in der ausländischen Presse zu sehen und zu hören ist. Es geht mir um den Satz, der in verschiedenen Variationen etwa so tönt: „wann wird Israel die besetzten Gebiete der Westbank an die Palästinenser zurückgeben?“.
Bevor ich mich darüber auslasse, will ich feststellen, was ich schon oft geschrieben und gesagt habe, dass wir in der Westbank (wie in Gaza) nichts zu suchen hätten und Siedlungen und Militär von dort abziehen müssen. In Gaza hat das stattgefunden, das Resultat war für die Gazaner (auch genannt Palästinenser) verheerend. Vielleicht lag das an der fehlenden Absprache mit den palästinensischen Behörden, aber am Prinzip ändert sich nichts. Wir müssen diese Gebiete den Palästinensern überlassen, nicht zurückgeben.
Überlassen ist nicht das Selbe wie zurückgeben. Das Wort „zurückgeben“ bedingt einen früheren Besitzer und beweist vom Benutzer dieses Wortes völlige Ignoranz über die Geschichte unserer Region. Ad nauseanum wird von wirklichen Fachleuten die Geschichte Palästinas erklärt – einen Staat Palästina hat es nie als arabisches Land gegeben hat. Ein Volk der Palästinenser gibt es etwa seit dem Sechstagekrieg in 1967, als diese Bezeichnung von Arafat eingeführt worden war. Bis dahin waren die heutigen Palästinenser einfach Araber oder bestenfalls Südsyrer. Heute sind sie Palästinenser und das ist eine Tatsache, die wir akzeptieren müssen. Aber einen eigenen Staat hatten sie nie, nie seit Araber im 7. Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel ausbrachen um anderen Völkern die Wonnen des Islams aufzuzwingen.

Nach dem Ende des türkischen Kalifats (die osmanischen (türkischen) Sultane betrachteten ihr Reich als Fortsetzung des bis anhin arabisch beherrschten Kalifats) in 1923, wurde Palästina zum britischen Mandatsgebiet, das das heutige Jordanien, die Westbank und Israel umfasste. Jordaniens Ansprüche auf die Westbank endeten als König Hussein einige Jahre nach der israelischen Eroberung dieses Gebiet als nicht mehr jordanisch deklarierte. Er war froh sich dessen ungebärdige Einwohner vom Hals schaffen zu können – eine Einstellung die durch den Umsturzversuch der PLO gegen ihn in 1970 unterstrichen worden ist.

Deshalb ist es keine Haarspalterei, sich die Frage zu stellen, was denn „zurückgeben“ an jemanden, der es nie besass, heissen soll. Denn das wäre Geschichtsfälschung. Nach 1967 haben sich die Araber des Gebietes Palästina zu einer eigenen Identität gemausert, sie sind heute Palästinenser. Sie sollen die Chance für einen Staat Palästina erhalten und beweisen, dass sie, entgegen allen bisherigen Erfahrungen, einen Staat auch aufbauen und friedlich und ohne Blutdurst betreiben können. Vielleicht werden die Kinder unserer Enkel dies erleben. Optimisten sind heute in Israel wenige zu finden, doch Wunder geschehen im Heiligen Land und vor allem dürfen wir die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben und nicht auf Hetzereien unserer eigenen Extremisten hereinfallen.

Hamas schwitzt in Gaza

4.8.2007

Bevor ich zum Thema komme, möchte ich auf einen Artikel in der Wochenendausgabe der Zeitung Haaretz hinweisen, den ich als Gegensatz zur in meinem Kommentar vom 12.7.2007 über die „Philosophie“ des Hasses gewisser jüdischer Siedlerkreise in Verbindung bringe. Im ersten Teil des Artikels „Olive Branch“ schreibt Daniel Ben Simon über den Drusen Amin Saliman Hassan, dessen zwei Töchter in einem Autobus durch einen palästinensischen Selbstmordattentäter zu Schaden kamen. Die eine Tochter wurde getötet, die andere schwer verletzt. Doch statt in Hass oder Selbstmitleid zu verfallen, beweist Hassan menschliche Grösse und setzt sich nun für Versöhnung zwischen Israel und Palästina ein. Im Allgemeinen mögen israelische Drusen Muslime nicht, etwas das den Vorgang in Amin Saliman Hassan umso bemerkenswerter macht. Der Gegensatz zwischen Hassan, der eine wirkliche Tragödie erlitt und ideologisch beknackten Siedlertypen der Westbank ist augenfällig.


In einer mir sonst nicht sympathischen jüdischen Website aus der rechtsextremistischen Szene Israels fand ich diese Karikatur, die sehr trefflich die Situation der Hamas in Gaza wiedergibt. Jetzt, nachdem sie es in einem Blutbad fertig gebracht hatten die alleinige Kontrolle über Gaza und seine Bewohner zu erobern, ist sie wirklich für alles in Gaza verantwortlich. Für die Versorgung mit allem, das Bürger von ihrer Regierung und deren Ämtern erwarten, besonders in einer Gesellschaft die, wie in der arabischen Kultur üblich, wenig Sinn für Zivilgesellschaftliches hat und dazu erst noch keine objektive Möglichkeiten besitzt über die von Hamas ausgeübte Politik mitzuentscheiden. Nur eben kann oder will Hamas nicht liefern, keine Arbeit, keine Nahrungsmittel, keine Sicherheit und keine Freiheit – obwohl Gaza von der israelischen Besetzung befreit ist. Das wird zwar von Apologeten und Gutmenschen der palästinensischen Sache bestritten, denn diese erwarten grundsätzlich keine palästinensische Eigeninitiative (denn dann könnte Israel nicht mehr für alles, das in dieser palästinensischen Gesellschaft schief läuft angeklagt werden), ausser zum Abschuss von Raketen und anderem Terror, offiziell deklariert als Widerstand gegen die (seit langem beendete) israelische Besatzung, auch wenn es in diesem Fall nichts als islamische Blutdurst ist. Inzwischen liefert Israel weiter Strom, Wasser und Lebensmittel an die Gazaner.
Wir haben uns mit einer Familie aus dem nachbarlichen Faradis ein wenig angefreundet. Fadiah pflegt Lea nach ihrer Operation und kommt wöchentlich und auf Kosten des Staates zu uns. Inzwischen war auch schon Ehemann Rhiad bei uns zum Kaffee, wie auch die zwei Söhne Shaheen und Mohammed. Ich erzählte Shaheen, dass ich einen Direktor der Caterpilar in Peoria (USA) kennen gelernt hätte, der den gleichen Namen führe, jedoch irischer Abstammung sei. Übrigens, so belehrte mich Shaheen (der Israeli), sei Shaheen das arabische Wort für eine Adlerart und er sei sehr stolz darauf. Die Familie ist religiös observant und Shaheen hält die fünf täglichen Gebete ein. Fadiah erscheint bei uns im Kopftuch und langem arabischem Kleid (genannt Abaya), legt aber beides ab, solange sie in unserem Haus ist. Ihr Mann Rhiad erklärte mir bei seinem ersten Besuch bei uns, dass sein Name „Paradies“ bedeute, ein recht alltäglicher Name, obwohl mir dessen Bedeutung eigentümlich vorkommt, Bei uns gibt es das als Namen verwendete Wort „Eden“, das zusammen mit dem Wort „Gan“ (Garten) – also „Gan Eden“- die selbe Bedeutung wie Rhiad, aber nicht als Namen verwendet wird. Rhiad ist Schlosser und besitzt eine sehr gut gehende Schlosserei und Fabrik im jüdischen Nachbarort Pardess Hanna. Unter anderem stellt er serienmässig feinmechanische Teile für einen Kunden in Deutschland her. Das neueste Produkt ist eine Pistole, die Gummikugeln abfeuert. Sie soll ein Verkaufsschlager für Frauen werden, die sich damit vor Überfällen und Vergewaltigungen schützen sollen. Statt Pfefferspray, Tränengas oder einem Tritt in die Eier. Die Idee stammt nicht von Rhiad, er wird diese „Waffe“ im Auftrag des Erfinders herstellen. Ob man dafür einen Waffenstein brauche, vergass ich zu fragen.
Fadiah und Rhiad leben zuoberst auf dem Hügel hinter Faradis in einem wunderschönen sehr grossen und geräumigen Haus. Daneben steht auch schon fix und fertig das Haus ihres Sohnes Shaheen, der bald heiraten wird. Für uns sind dies Herrschaftshäuser, um die wir sie beneiden. Was, wie meist, fehlt, ist der Garten, etwas das bei Juden und heute auch bei Drusen, durchaus zur Norm gehört. Wir sind zur Hochzeit eingeladen. Ich schlug Lea vor, zu diesem Anlass ihre neue (und einzige) festlich aussehende Abaya anzuziehen, doch sie will nicht. Sie will als jüdische Israelin mitmachen und sich weder verkleiden noch anbiedern. Womit sie hundert Prozent recht hat und mir wieder einmal Charakterstärke beweist.

Bei Rhiads erstem Besuch bei uns, sagte ich ihm, dass wir seine Frau äusserst schätzen und ich sie toll finde. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass man Ehefrauen gegenüber ihrem muslimischen Ehemann nicht loben soll, das könne diesem in den falschen Hals geraten. Ich tat es trotzdem und schilderte ihm mein „Dilemma“. Er aber lachte sich krank und fragte ob ich denn glaube, sie (die Araber von Faradis) seien Barbaren.