Fortsetzung
Auf meine Betrachtungen vom 12.7.2007 (Bibeltreuer Hass und linke Arroganz) erhielt ich, wie schon einmal festgestellt, eine beachtliche Menge von Reaktionen. Egal ob (meist) positiv oder nicht ist das sehr befriedigend, denn es zeigt, dass meine Anstösse andere zum Nachdenken bringt. Eine fundamentalistische und streng bibeltreue christliche Freundin aus einem Zürcher Vorort, findet, dass zwischen der von mir dargestellten extrem-nationalistischen Siedlerin und evangelikalen, auf den Messias wartenden Christen, eine grosse Ähnlichkeit besteht. Dass zwar die Mehrheit dieser jüdischen Siedler ein Käppchen tragen ist nicht zu bestreiten, doch gibt es auch eine Menge säkularer Siedler, die vielleicht nicht auf den Messias warten oder viel vom von Gott den Juden zugesprochenen biblischen Land halten. Die einen warten auf Armageddon, die anderen haben ihre Seele dem Recht des Stärkeren verkauft. Beide haben den Hass gemeinsam, der sich gegen alles richtet, das ihnen nicht gefällt.
Reinhard Meier, der für Israel zuständige Auslandredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, kommentierte wie folgt (er hat es mir erlaubt, ihn zu zitieren):
Lieber Herr Russak,
Ihren untenstehenden Tagebuch-Eintrag habe ich mit Interesse und viel innerer Zustimmung gelesen. Es freut mich, dass Sie den Extremismus und das Hardlinertum auf allen Seiten kritisch zur Kenntnis nehmen. Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Begriffe Kolonialismus und Apartheid im Zusammenhang mit Israels Existenz polemisch und ahistorisch sind.
In Bezug auf die Entwicklung in Cisjordanien und Ostjerusalem (wo immerzu weiter besiedelt wird, trotz aller Lippenbekenntnisse zur Schaffung eines palästinensischen Staates) aber sind diese Begriffe leider nicht abwegig. Hier wird ein zugleich sehr realer und sehr wunder Punkt getroffen, der meiner Meinung nach in grossen Teilen der israelischen Öffentlichkeit zu wenig gründlich diskutiert wird - oder zu dem ganz einfach das Problembewusstsein fehlt, auch wenn es dabei viele und gewichtige löbliche Ausnahmen gibt.
Herzlich und mit guten Wünschen, Reinhard Meier
Teilweise muss ich mit Reinhard Meiers Schluss in Bezug auf die Westbank einig gehen. Das Problembewusstsein fehlt eindeutig, ich denke die Mehrheit der (jüdischen) Israelis filtern das Geschehen in der Westbank aus ihrem Bewusstsein aus. Es gibt Teile der Definition des Kolonialismus, die auf den Zustand der Besetzung der Westbank zutreffen, andere nicht.
Hier einige Argumente dafür und dagegen:
• Die Besetzung der Westbank ist das Resultat eines Verteidigungskrieges (Sechstagekrieg 1967) und nicht der Landname mit wirtschaftlichen Absichten – also nicht Kolonialismus
• Die Westbank gehört, historisch gesehen, zur jüdischen Geschichte und ist nicht ein fremdes Land ohne geschichtliche Verbindung zum jüdischen Volk – Kolonialismus oder nicht, darüber könnte man streiten. Ich denke nicht.
• Die harsche Behandlung der Westbank-Palästinenser ist vor allem das Resultat derer Terroraktivitäten. Doch der Überlegenheitswahn vieler ideologisch und religiös motivierter Siedler drückt sich in der Unterdrückung der dortigen Palästinenser aus – das ist Kolonialismus.
• Die Westbank hat keinen wirtschaftlichen Wert für Israel, sie ist eine Behinderung – also nicht Kolonialismus.
• Die Westbank versorgt Israel mit Wasser – das ist Kolonialismus.
• In der Westbank lebende Juden haben ein „Heimatland“, Israel, das sie unterstützt und in das sie zurückkehren können – ein Markenzeichen des Kolonialismus.
• Die jüdische Besiedlung der Westbank hat vor allem ideologische Gründe, auch wenn ein Teil der Siedler ausschliesslich aus wirtschaftlichen Gründen dort lebt – das Häuschenbauen ist halt weit billiger dort und wird von der israelischen Regierung subventioniert. Wirtschaftliche Gründe sind Kolonialismus.
Abschliessend: die Zeit des Kolonialismus ist schon lange vorbei – ersetzt durch die Globalisierung. Deshalb ist die Besiedlung der Westbank gegen den Willen seiner Bewohner ein Anachronismus. Das zionistische Israel ist nicht nur das Resultat religiöser Sehnsüchte und der viertausend Jahre alten Geschichte des jüdischen Volkes, sondern und leider auch ein Resultat des Antisemitismus. Der Holocaust hat dann die kritische Masse geschaffen, dem politischen Zionismus die bisher geschaffenen sehr konkreten Vorbereitungen in einen Staat der Juden umzuwandeln. Die meisten Israelis (neue Einwanderer aus westlichen Ländern sind die Ausnahme) haben kein Land, in das sie zurückkehren können, ihre Heimat ist Israel. Eine andere Heimat haben sie nicht.

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