Der Gutmensch v. Shimon Peres, der träumende Realist
Die Zahl und Qualität der Reaktionen auf meinen Tagebucheintrag vom 12.7.07 ist bemerkenswert. Bis auf einen, unterstützen sie meine Sicht der Dinge. Roger Guth sandte mir ein Zitat aus einem der von mir sonst verpönten Diskussionsforen unter dem Titel „Der gute Mensch“. Woher es ursprünglich stammt weiss ich nicht, aber es passt so schön. Das mit dem Balken im Auge stammt aus dem Neuen Testament, Matthäus 7.3. bis 7.5. Hier die gekürzte Wiedergabe des Zitats:
„Der Gutmensch ist einer, der sich einbildet gut zu sein, es aber nicht ist. Es ist der Pharisäer, der Gott dankt, dass er nicht ist wie andere. Es ist derjenige, der den Splitter im Auge des anderen sieht, den Balken im eigenen Auge aber nicht. Es ist derjenige, der das Gute will und dabei alles schlechter macht. Er ist eingebildet und realitätsfern. Er ist ja so edel, selbstlos und menschfreundlich – aber nur in seiner eigenen Vorstellung. Tatsächlich verachtet er Mensche (nur eben die, die er als „menschenverachtend“ oder „rassistisch“ diffamiert – das ist sein persönlicher Rassismus), erblickt von seiner hohen Warte herunter auf den primitiven Pöbel seines eigenen Volkes und ist der Fürsprecher des Lumpenproletariats aus Herren Länder“…..
Dann schaute ich doch noch im Neuen Testament nach, in Matthäus 7.3. bis 7.5. Da steht folgendes:
"Was siehst du ausser den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie kannst du zu seinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen – und siehe, der Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge und dann siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruder Auge ziehest!"
Man beachte wer in diesem Zitat den Splitter und wer den Balken im Auge hat. Nie hätte ich gedacht im Neuen Testament zu wühlen, aber man nimmt grosse Aussagen von dort, wo man sie findet. Rabbi Jehoshua, war einer der gescheiteren Rabbiner seiner Zeit und ist eben eminent zitierbar und das wird weidlich ausgenutzt. Man braucht nicht sehr gescheit zu sein um den Bezug zu den Gutmenschen unserer Zeit herzustellen – lest einfach nochmals, was ich vor zwei Tagen über das Thema geschrieben habe.
Heute Abend wurde Shimon Peres als neuer Staatspräsident eingeschworen. Teile davon hörten wir im Auto auf dem Weg nach und von Haifa. Es wurde von der Krönung (haktara) des neuen Präsidenten gesprochen, nicht nur vom Einschwören (hashba’a), wie man es in einer Republik erwarten sollte. Das Monarchische aus König Davids Zeiten hat unseren Staat halt doch noch fest im Griff. Teile des Radioprogramms, eine Übersicht über die früheren acht Präsidenten, in der die noch Lebenden selbst sprechen durften (es war, glaube ich, nur Itzchak Navon, über die anderen wurden von deren Kindern oder Mitarbeitern erzählt. Der Vorgänger von Peres, Mosche Katzav, wurde so erwähnt: seine Amtzeit habe mit einem Handel über teilweise Straffreiheit geendet. Punkt.
Wir sind alle glücklich über Shimon Peres’ Wahl zum Präsidenten. Seine Antrittsrede habe wir verpasst, doch auf English hörten wir ihn sagen, Israel müsse aus den besetzten Gebieten heraus, denn die Besetzung sei gegen alle ethischen Auffassungen des Judentums. Jetzt schon liegt er im Beschuss der Rechtsextremen – wer mehr über diese und ihre Existenzphilosophie wissen will, lese nochmals meinen Tagebucheintrag von vorgestern. Lea und ich sind nun noch zufriedener über ihn in seinem neuen Amt, den seine Sicht der Dinge, die er nun endlich ganz offen ausspricht, ist die unsere. Teil unserer Zufriedenheit ist, das ist uns klar, die Nostalgie nach den historisch Grossen unseres Staates, von denen er nun wohl der letzte ist. Denn genau solche Menschentypen wie Ben Gurion, Sapir, Josef Burg, Eshkol, Rabin, Begin (jawoll, dazu stehe ich, denn Begin war ein ehrenwerter Mann) fehlen heute und es ist uns klar, dass unser Staat, so wie er heute geführt wird, keine Licht für die Welt sein kann.

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