Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Donnerstag, Juli 12, 2007

Bibeltreuer Hass und linke Arroganz

12.7.2007

Gestern Abend traf ich Schweizerfreunde in einem Café am Strand von Tel Aviv. Zwei Ehepaare mit denen wir recht engen Kontakt hegen und offen miteinander sprechen. Dazu gesellte sich eine mir bisher unbekannte Israelschweizerin der sehr nationalreligiösen und orthodoxen Konfession. Während ich einer Freundin, die kürzlich die Galerie in Umm El-Fahm besucht hat, mehr über dieses Projekt und dessen Ziele, Hintergründe und Geschichte erklärte, hörte ich mit halbem Ohr der politischen Stammtischdiskussion der andern zu und mir wurde zunehmend ungemütlicher. Die mir bisher unbekannte Dame erklärte, wir Israelis würden nie in Frieden leben, als wäre es normal, wenn nicht sogar erwünscht, müssen uns damit abfinden und darauf einstellen. Der Hass auf alles Arabische (und manchmal auch auf alles Nichtjüdische) schimmert durch und ebenso der Hass auf universalistisches Gedankengut, das doch den grossen Teil des jüdischen Beitrags zur westlichen Kultur darstellt, wie auf alles, das nicht dem engsten jüdischen Partikularismus entsprach. Ich bin entsetzt über diese in verschiedenen Kreisen verbreitete Einstellung, Kreise die sich nicht vorstellen können, dass man ein Leben in Frieden leben könnte, auch wenn es zur Zeit, so denke ich, nicht darnach aussieht. Aber es gibt die Zukunft und es gibt Hoffnung, die Energie verleihen sollte, diese zu Friedensförderung zu nutzen. Wie trostlos ist ein Leben ohne Hoffnung, ein Leben, in dem Krieg und Gewalt als selbstverständlich, ja als unersetzlich gelten, das Wort „Schalom“ zur blossen Grussformel verkommen ist und man sich nicht vorstellen kann, ein „normales“ Leben zu führen. Denn für solch bittere und ideologisch deformierte Menschen sind „normale Zeiten“ 1:1 auf heute projizierte Perioden der Bibel, in denen heute Palästinenser und Araber die Rolle der damaligen Amalekiter zugewiesen wird, dem biblischen Urfeind der Juden. Eine Bezeichnung, die mitunter von jüdischen Rechtsextremisten in öffentlichen Hassaktionen verwendet wird, an denen „Amalek, Amalek“ geschrieen wird. Auch ich bin der Meinung, dass die momentane Situation nicht zu Frieden führt – aber vielleicht stimmt das überhaupt nicht. Schon Ben Gurion sagte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Die iranisch-schiitische Gefahr, die für die sunnitisch-arabische Welt weit grösser ist als für uns, hat dieser eine Friedensbereitschaft verliehen, deren Motivation kaum die neu entdeckte Liebe zu Israel und den Juden ist. Doch aus ideologischen Gründen grundsätzlich der Idee des Friedens abschwören? Das wäre eine jüdische Art des islamistischen Todeskults und wir wären damit auf dem Niveau der Islamisten jihadistischer Couleur angekommen.

Als ideologischer Gegenpol des jüdischen Rechtsextremismus finden ich unter Bekannten und Freunden in Israel und in der Schweiz gelegentlich eine Art Scham über Israels Willen zu überleben. Diese Scham drückt sich aus in der Scheu grundsätzlich und öffentlich für Israel einzutreten. Er drückt sich aus in der Fixierung auf durchaus vorhandenes Fehlverhalten Israels, im Gebrauch eines Doppelstandards in der Beurteilung der Leistungen und Fehlleistungen unseres Staates gegenüber den Leistungen und Fehlleistungen seiner Feinde, in dümmlichen unausgegorenen Vergleichen, die auf Vorurteile, mangelndes Wissen und lädierte Bildung schliessen lasse und, als dieses Paket zusammenhaltende Schnur, eine Portion fehlender Zivilcourage, die man auch als Feigheit bezeichneten darf. Es gibt den Ausdruck des „Rosinenpickers“, der in diesem Zusammenhang heisst, dass aus einem Gesamtwerk (um ein pompöses Wort für den Staat der Juden zu verwenden) nur das herausgepickt wird, das in den ideologischen oder den im Unterbewusstsein bestehenden Kram passt und dabei das ausgesuchte Detail mit dem Ganzen verwechselt.

Ein von mir vielfach angetroffenes Beispiel ist der Gebrauch der Worte Kolonialismus oder auch Apartheid, mit denen Unbedarfte (lassen wir die Böswilligen einmal auf der Seite) unseren Staat der Juden mundtot machen wollen. Dies ohne die geringste Ahnung über den Sinn dieser zwei Begriffe. Ohne Verstand stellen solche sich clever dünkende, sich oft vordergründig als Zionisten bezeichnende Freunde z.B. die Behauptung auf, Israel sei eine kolonialistische Kreation des Westens. Oder Israel sei ein Apartheid-Staat ohne eine gute und allgemein anerkannte und wissenschaftlich gültige Definition dieser beiden Begriffe zu haben. Dazu gehört auch die Unfähigkeit Zeit- und Kulturperioden auseinander zuhalten und die Vorliebe alles ohne Unterschied als Eintopf zu sehen. Mein Tagebuch ist nicht der Ort, Unterricht zu erteilen, doch wer es unbedingt wissen will, dem bin ich bereit diese zwei Begriffe auf Anfrage zu erklären.

Eine mir verschiedentlich angetragene Meinung ist die, dass nur aus dem fernen Ausland, weit weg vom Nahen Osten und seinem Geschehen, es möglich sei, den Israel-Palästina Konflikt wirklich zu beurteilen. Das ist arrogant, egoistisch und verzichtet völlig auf den emotionellen Aspekt des Konfliktes, überlässt die gesamte Information in den Händen der Medien und, was besonders aufstösst, bedingt Null Empathie für die Beteiligten und verlangt Befugnisse und Anerkennung ohne wirklich Verantwortung übernehmen zu wollen (oder zu können) oder gar Folgen des eigenen Tuns zu tragen.