Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Sonntag, Juli 01, 2007

Avrum Burg hat nicht in allem unrecht

1.7.2007
Auf Avrum Burg hatte ich vor Jahren eine Wut, als er Vorfälle der Holocaustgelder in der Schweiz kommentierte und mit Schüssen aus der Hüfte zu erkennen gab, nichts davon zu wissen oder zu verstehen – ganz im Gegensatz zu seinen Vater Josef Burg, der die Schweiz kannte, liebte und dort fast jährlich kurte.
Nun hat sich Avrum Burg verändert, er denkt und mit seinem Buch über die Ghettoisierung der israelischen Gesellschaft und des hiesigen Judentums hat er eigene Erkenntnisse unter die Leute gebracht, die wenig Beifall finden. Er will an der Welt teilhaben und dem israelischen Partikularismus ein wenig entfliehen und wenigsten einen Teil des jüdischen Universalismus, der die westliche Welt mitprägte, zurückbringen und miterleben. Warum auch nicht. Auch wenn er damit den Begriff des Weltbürgertum anspricht, der, so dachte ich, von Garry Davis 1948 begründet und mit diesem wieder gestorben sei (was nicht stimmt, er lebt noch immer und will Präsident der Welt werden. Auch kann man sich heute als Weltbürger registrieren lassen. Soweit zu dieser Trivialität).

Burg hat zusätzlich zu seiner israelischen auch die französische Bürgerschaft angenommen. Als Sohn eines Jecken (Josef Burg kam aus Dresden) hätte er auch problemlos einen deutschen Pass erhalten können, wie viele andere Israelis der zweiten Generation auch. Vor allem daraus versucht nun die durch die Medien vertretene Öffentlichkeit ihm einen Strick zu drehen, in dem suggeriert wird, er wolle sich damit einen Rettungsring für den allfälligen Untergang Israels anschaffen. Das ist unfein und ich war Zeuge bei einigen Fernsehinterviews, wie gerade sein zweiter Pass zum Mittelpunkt des Gespräch empor stilisiert wurde und wenn man Burg gerade reden liess ihm pausenlos ins Wort fiel. Die gesellschaftliche Ghettoisierung Israels, vor allem durch verstärkten Einfluss der Religion, sowie durch die feindliche Umgebung verursacht und meiner Meinung nur einen Teil der israelischen Gesellschaft betrifft, wurde zum Nebenthema. Dabei sind Zweitpässe und sogar Drittpässe in Israel verbreitet und Teil der weltweiten Globalisierung, die nicht nur die Wirtschaft betrifft. Israel ist ein Land der Immigranten, aber nicht mehr ausschliesslich staatenloser Flüchtlinge.

Ein weiterer von ihm thematisierter Punkt, ist seine Ablehnung des „jüdischen demokratischen“ Staates, ein Oxymoron, über das ich mich schon vor Jahren ausgelassen habe. Ich gebe ihm ich natürlich recht, denn eine Demokratie bleibt Israel nur, wenn sie sich als demokratischen Staat der Juden bezeichnet, denn es liegt an den Bürgern dieses Staates mit demokratischen Mitteln dafür zu sorgen, dass er so bleibt, wie ihn seine Bürger mehrheitlich wollen. So geschieht es in den Staaten der westlichen Welt, in der die Demokratie bestimmt wie „französisch“, „schweizerisch“ oder was immer, der Staat zu sein hat. Ein jüdischer Staat wäre eine Theokratie à la Iran, ein Albtraum erster Güte.
Ich habe Burgs Buch nicht gelesen, doch im Unterschied zu anderen Diskussion, und auf Grund der intensiven Interviews Avrum Burgs in den Medien, drängt sich dessen Lektüre weniger auf. Wichtig ist hingegen an Burgs neu entdeckter Philosophie nicht sein in Frage gestellter Nationalismus. Dieser hielt sich, wie es einem der Mitbegründer der Bewegung „Peace Now“ nicht anders zu erwarten ist, in gesunden Grenzen. Dass er mit seinem neu erworbenen französischen Pass viele Israelis beleidigt, ist deren Problem und stört mich nicht. Aber mit seinen Aussagen verunsichert und schwächt er den Überlebenswillen vieler israelischer Bürger, die sich aus wirtschaftlichen und anderen Gründen schon genügend unsicher fühlen und deren Gefühl nationaler Sicherheit durch den Zweiten Libanonkrieg erschüttert worden ist. Ähnlich wie Ernest Goldberger mit seiner gestörten Fibel „Die Seele Israels“, bringt Burg unsere Feinde und Zweifler in die Lage zu sagen: „Wenn es nun auch dieser Jude Burg bestätigt, dann ist unsere grundsätzliche „Kritik“ berechtigt, ja sogar beglaubigt“. Denn wenn der frühere Vorsitzende der zionistischsten aller Organisationen, der Jewish Agency, so denkt, muss doch mehr als nur etwas dran sein! Mit solchen Gedanken, obwohl missverstanden, fühlen sich manche legitimiert.
Vielleicht will Avrum Burg die Nachfolge von Yeshayahu Leibowitz antreten, dem grossen Kritiker und originellen Denker, und wie es sich heute herausstellt, Propheten des heutigen Israel. Leibowitz hat nach seinem Tod keinen Nachfolger gefunden. Ob Avrum Burg die Qualitäten dazu hat, wage ich zu bezweifeln.