Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Donnerstag, Juli 26, 2007

Fortsetzung

25.7.2007

Auf meine Betrachtungen vom 12.7.2007 (Bibeltreuer Hass und linke Arroganz) erhielt ich, wie schon einmal festgestellt, eine beachtliche Menge von Reaktionen. Egal ob (meist) positiv oder nicht ist das sehr befriedigend, denn es zeigt, dass meine Anstösse andere zum Nachdenken bringt. Eine fundamentalistische und streng bibeltreue christliche Freundin aus einem Zürcher Vorort, findet, dass zwischen der von mir dargestellten extrem-nationalistischen Siedlerin und evangelikalen, auf den Messias wartenden Christen, eine grosse Ähnlichkeit besteht. Dass zwar die Mehrheit dieser jüdischen Siedler ein Käppchen tragen ist nicht zu bestreiten, doch gibt es auch eine Menge säkularer Siedler, die vielleicht nicht auf den Messias warten oder viel vom von Gott den Juden zugesprochenen biblischen Land halten. Die einen warten auf Armageddon, die anderen haben ihre Seele dem Recht des Stärkeren verkauft. Beide haben den Hass gemeinsam, der sich gegen alles richtet, das ihnen nicht gefällt.
Reinhard Meier, der für Israel zuständige Auslandredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, kommentierte wie folgt (er hat es mir erlaubt, ihn zu zitieren):

Lieber Herr Russak,

Ihren untenstehenden Tagebuch-Eintrag habe ich mit Interesse und viel innerer Zustimmung gelesen. Es freut mich, dass Sie den Extremismus und das Hardlinertum auf allen Seiten kritisch zur Kenntnis nehmen. Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die Begriffe Kolonialismus und Apartheid im Zusammenhang mit Israels Existenz polemisch und ahistorisch sind.

In Bezug auf die Entwicklung in Cisjordanien und Ostjerusalem (wo immerzu weiter besiedelt wird, trotz aller Lippenbekenntnisse zur Schaffung eines palästinensischen Staates) aber sind diese Begriffe leider nicht abwegig. Hier wird ein zugleich sehr realer und sehr wunder Punkt getroffen, der meiner Meinung nach in grossen Teilen der israelischen Öffentlichkeit zu wenig gründlich diskutiert wird - oder zu dem ganz einfach das Problembewusstsein fehlt, auch wenn es dabei viele und gewichtige löbliche Ausnahmen gibt.

Herzlich und mit guten Wünschen, Reinhard Meier

Teilweise muss ich mit Reinhard Meiers Schluss in Bezug auf die Westbank einig gehen. Das Problembewusstsein fehlt eindeutig, ich denke die Mehrheit der (jüdischen) Israelis filtern das Geschehen in der Westbank aus ihrem Bewusstsein aus. Es gibt Teile der Definition des Kolonialismus, die auf den Zustand der Besetzung der Westbank zutreffen, andere nicht.

Hier einige Argumente dafür und dagegen:

• Die Besetzung der Westbank ist das Resultat eines Verteidigungskrieges (Sechstagekrieg 1967) und nicht der Landname mit wirtschaftlichen Absichten – also nicht Kolonialismus
• Die Westbank gehört, historisch gesehen, zur jüdischen Geschichte und ist nicht ein fremdes Land ohne geschichtliche Verbindung zum jüdischen Volk – Kolonialismus oder nicht, darüber könnte man streiten. Ich denke nicht.
• Die harsche Behandlung der Westbank-Palästinenser ist vor allem das Resultat derer Terroraktivitäten. Doch der Überlegenheitswahn vieler ideologisch und religiös motivierter Siedler drückt sich in der Unterdrückung der dortigen Palästinenser aus – das ist Kolonialismus.
• Die Westbank hat keinen wirtschaftlichen Wert für Israel, sie ist eine Behinderung – also nicht Kolonialismus.
• Die Westbank versorgt Israel mit Wasser – das ist Kolonialismus.
• In der Westbank lebende Juden haben ein „Heimatland“, Israel, das sie unterstützt und in das sie zurückkehren können – ein Markenzeichen des Kolonialismus.
• Die jüdische Besiedlung der Westbank hat vor allem ideologische Gründe, auch wenn ein Teil der Siedler ausschliesslich aus wirtschaftlichen Gründen dort lebt – das Häuschenbauen ist halt weit billiger dort und wird von der israelischen Regierung subventioniert. Wirtschaftliche Gründe sind Kolonialismus.

Abschliessend: die Zeit des Kolonialismus ist schon lange vorbei – ersetzt durch die Globalisierung. Deshalb ist die Besiedlung der Westbank gegen den Willen seiner Bewohner ein Anachronismus. Das zionistische Israel ist nicht nur das Resultat religiöser Sehnsüchte und der viertausend Jahre alten Geschichte des jüdischen Volkes, sondern und leider auch ein Resultat des Antisemitismus. Der Holocaust hat dann die kritische Masse geschaffen, dem politischen Zionismus die bisher geschaffenen sehr konkreten Vorbereitungen in einen Staat der Juden umzuwandeln. Die meisten Israelis (neue Einwanderer aus westlichen Ländern sind die Ausnahme) haben kein Land, in das sie zurückkehren können, ihre Heimat ist Israel. Eine andere Heimat haben sie nicht.

Sonntag, Juli 15, 2007

Der Gutmensch v. Shimon Peres, der träumende Realist

15.7.2007

Die Zahl und Qualität der Reaktionen auf meinen Tagebucheintrag vom 12.7.07 ist bemerkenswert. Bis auf einen, unterstützen sie meine Sicht der Dinge. Roger Guth sandte mir ein Zitat aus einem der von mir sonst verpönten Diskussionsforen unter dem Titel „Der gute Mensch“. Woher es ursprünglich stammt weiss ich nicht, aber es passt so schön. Das mit dem Balken im Auge stammt aus dem Neuen Testament, Matthäus 7.3. bis 7.5. Hier die gekürzte Wiedergabe des Zitats:

„Der Gutmensch ist einer, der sich einbildet gut zu sein, es aber nicht ist. Es ist der Pharisäer, der Gott dankt, dass er nicht ist wie andere. Es ist derjenige, der den Splitter im Auge des anderen sieht, den Balken im eigenen Auge aber nicht. Es ist derjenige, der das Gute will und dabei alles schlechter macht. Er ist eingebildet und realitätsfern. Er ist ja so edel, selbstlos und menschfreundlich – aber nur in seiner eigenen Vorstellung. Tatsächlich verachtet er Mensche (nur eben die, die er als „menschenverachtend“ oder „rassistisch“ diffamiert – das ist sein persönlicher Rassismus), erblickt von seiner hohen Warte herunter auf den primitiven Pöbel seines eigenen Volkes und ist der Fürsprecher des Lumpenproletariats aus Herren Länder“…..

Dann schaute ich doch noch im Neuen Testament nach, in Matthäus 7.3. bis 7.5. Da steht folgendes:

"Was siehst du ausser den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie kannst du zu seinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen – und siehe, der Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge und dann siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruder Auge ziehest!"

Man beachte wer in diesem Zitat den Splitter und wer den Balken im Auge hat. Nie hätte ich gedacht im Neuen Testament zu wühlen, aber man nimmt grosse Aussagen von dort, wo man sie findet. Rabbi Jehoshua, war einer der gescheiteren Rabbiner seiner Zeit und ist eben eminent zitierbar und das wird weidlich ausgenutzt. Man braucht nicht sehr gescheit zu sein um den Bezug zu den Gutmenschen unserer Zeit herzustellen – lest einfach nochmals, was ich vor zwei Tagen über das Thema geschrieben habe.

Heute Abend wurde Shimon Peres als neuer Staatspräsident eingeschworen. Teile davon hörten wir im Auto auf dem Weg nach und von Haifa. Es wurde von der Krönung (haktara) des neuen Präsidenten gesprochen, nicht nur vom Einschwören (hashba’a), wie man es in einer Republik erwarten sollte. Das Monarchische aus König Davids Zeiten hat unseren Staat halt doch noch fest im Griff. Teile des Radioprogramms, eine Übersicht über die früheren acht Präsidenten, in der die noch Lebenden selbst sprechen durften (es war, glaube ich, nur Itzchak Navon, über die anderen wurden von deren Kindern oder Mitarbeitern erzählt. Der Vorgänger von Peres, Mosche Katzav, wurde so erwähnt: seine Amtzeit habe mit einem Handel über teilweise Straffreiheit geendet. Punkt.

Wir sind alle glücklich über Shimon Peres’ Wahl zum Präsidenten. Seine Antrittsrede habe wir verpasst, doch auf English hörten wir ihn sagen, Israel müsse aus den besetzten Gebieten heraus, denn die Besetzung sei gegen alle ethischen Auffassungen des Judentums. Jetzt schon liegt er im Beschuss der Rechtsextremen – wer mehr über diese und ihre Existenzphilosophie wissen will, lese nochmals meinen Tagebucheintrag von vorgestern. Lea und ich sind nun noch zufriedener über ihn in seinem neuen Amt, den seine Sicht der Dinge, die er nun endlich ganz offen ausspricht, ist die unsere. Teil unserer Zufriedenheit ist, das ist uns klar, die Nostalgie nach den historisch Grossen unseres Staates, von denen er nun wohl der letzte ist. Denn genau solche Menschentypen wie Ben Gurion, Sapir, Josef Burg, Eshkol, Rabin, Begin (jawoll, dazu stehe ich, denn Begin war ein ehrenwerter Mann) fehlen heute und es ist uns klar, dass unser Staat, so wie er heute geführt wird, keine Licht für die Welt sein kann.

Donnerstag, Juli 12, 2007

Bibeltreuer Hass und linke Arroganz

12.7.2007

Gestern Abend traf ich Schweizerfreunde in einem Café am Strand von Tel Aviv. Zwei Ehepaare mit denen wir recht engen Kontakt hegen und offen miteinander sprechen. Dazu gesellte sich eine mir bisher unbekannte Israelschweizerin der sehr nationalreligiösen und orthodoxen Konfession. Während ich einer Freundin, die kürzlich die Galerie in Umm El-Fahm besucht hat, mehr über dieses Projekt und dessen Ziele, Hintergründe und Geschichte erklärte, hörte ich mit halbem Ohr der politischen Stammtischdiskussion der andern zu und mir wurde zunehmend ungemütlicher. Die mir bisher unbekannte Dame erklärte, wir Israelis würden nie in Frieden leben, als wäre es normal, wenn nicht sogar erwünscht, müssen uns damit abfinden und darauf einstellen. Der Hass auf alles Arabische (und manchmal auch auf alles Nichtjüdische) schimmert durch und ebenso der Hass auf universalistisches Gedankengut, das doch den grossen Teil des jüdischen Beitrags zur westlichen Kultur darstellt, wie auf alles, das nicht dem engsten jüdischen Partikularismus entsprach. Ich bin entsetzt über diese in verschiedenen Kreisen verbreitete Einstellung, Kreise die sich nicht vorstellen können, dass man ein Leben in Frieden leben könnte, auch wenn es zur Zeit, so denke ich, nicht darnach aussieht. Aber es gibt die Zukunft und es gibt Hoffnung, die Energie verleihen sollte, diese zu Friedensförderung zu nutzen. Wie trostlos ist ein Leben ohne Hoffnung, ein Leben, in dem Krieg und Gewalt als selbstverständlich, ja als unersetzlich gelten, das Wort „Schalom“ zur blossen Grussformel verkommen ist und man sich nicht vorstellen kann, ein „normales“ Leben zu führen. Denn für solch bittere und ideologisch deformierte Menschen sind „normale Zeiten“ 1:1 auf heute projizierte Perioden der Bibel, in denen heute Palästinenser und Araber die Rolle der damaligen Amalekiter zugewiesen wird, dem biblischen Urfeind der Juden. Eine Bezeichnung, die mitunter von jüdischen Rechtsextremisten in öffentlichen Hassaktionen verwendet wird, an denen „Amalek, Amalek“ geschrieen wird. Auch ich bin der Meinung, dass die momentane Situation nicht zu Frieden führt – aber vielleicht stimmt das überhaupt nicht. Schon Ben Gurion sagte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Die iranisch-schiitische Gefahr, die für die sunnitisch-arabische Welt weit grösser ist als für uns, hat dieser eine Friedensbereitschaft verliehen, deren Motivation kaum die neu entdeckte Liebe zu Israel und den Juden ist. Doch aus ideologischen Gründen grundsätzlich der Idee des Friedens abschwören? Das wäre eine jüdische Art des islamistischen Todeskults und wir wären damit auf dem Niveau der Islamisten jihadistischer Couleur angekommen.

Als ideologischer Gegenpol des jüdischen Rechtsextremismus finden ich unter Bekannten und Freunden in Israel und in der Schweiz gelegentlich eine Art Scham über Israels Willen zu überleben. Diese Scham drückt sich aus in der Scheu grundsätzlich und öffentlich für Israel einzutreten. Er drückt sich aus in der Fixierung auf durchaus vorhandenes Fehlverhalten Israels, im Gebrauch eines Doppelstandards in der Beurteilung der Leistungen und Fehlleistungen unseres Staates gegenüber den Leistungen und Fehlleistungen seiner Feinde, in dümmlichen unausgegorenen Vergleichen, die auf Vorurteile, mangelndes Wissen und lädierte Bildung schliessen lasse und, als dieses Paket zusammenhaltende Schnur, eine Portion fehlender Zivilcourage, die man auch als Feigheit bezeichneten darf. Es gibt den Ausdruck des „Rosinenpickers“, der in diesem Zusammenhang heisst, dass aus einem Gesamtwerk (um ein pompöses Wort für den Staat der Juden zu verwenden) nur das herausgepickt wird, das in den ideologischen oder den im Unterbewusstsein bestehenden Kram passt und dabei das ausgesuchte Detail mit dem Ganzen verwechselt.

Ein von mir vielfach angetroffenes Beispiel ist der Gebrauch der Worte Kolonialismus oder auch Apartheid, mit denen Unbedarfte (lassen wir die Böswilligen einmal auf der Seite) unseren Staat der Juden mundtot machen wollen. Dies ohne die geringste Ahnung über den Sinn dieser zwei Begriffe. Ohne Verstand stellen solche sich clever dünkende, sich oft vordergründig als Zionisten bezeichnende Freunde z.B. die Behauptung auf, Israel sei eine kolonialistische Kreation des Westens. Oder Israel sei ein Apartheid-Staat ohne eine gute und allgemein anerkannte und wissenschaftlich gültige Definition dieser beiden Begriffe zu haben. Dazu gehört auch die Unfähigkeit Zeit- und Kulturperioden auseinander zuhalten und die Vorliebe alles ohne Unterschied als Eintopf zu sehen. Mein Tagebuch ist nicht der Ort, Unterricht zu erteilen, doch wer es unbedingt wissen will, dem bin ich bereit diese zwei Begriffe auf Anfrage zu erklären.

Eine mir verschiedentlich angetragene Meinung ist die, dass nur aus dem fernen Ausland, weit weg vom Nahen Osten und seinem Geschehen, es möglich sei, den Israel-Palästina Konflikt wirklich zu beurteilen. Das ist arrogant, egoistisch und verzichtet völlig auf den emotionellen Aspekt des Konfliktes, überlässt die gesamte Information in den Händen der Medien und, was besonders aufstösst, bedingt Null Empathie für die Beteiligten und verlangt Befugnisse und Anerkennung ohne wirklich Verantwortung übernehmen zu wollen (oder zu können) oder gar Folgen des eigenen Tuns zu tragen.

Sonntag, Juli 01, 2007

Avrum Burg hat nicht in allem unrecht

1.7.2007
Auf Avrum Burg hatte ich vor Jahren eine Wut, als er Vorfälle der Holocaustgelder in der Schweiz kommentierte und mit Schüssen aus der Hüfte zu erkennen gab, nichts davon zu wissen oder zu verstehen – ganz im Gegensatz zu seinen Vater Josef Burg, der die Schweiz kannte, liebte und dort fast jährlich kurte.
Nun hat sich Avrum Burg verändert, er denkt und mit seinem Buch über die Ghettoisierung der israelischen Gesellschaft und des hiesigen Judentums hat er eigene Erkenntnisse unter die Leute gebracht, die wenig Beifall finden. Er will an der Welt teilhaben und dem israelischen Partikularismus ein wenig entfliehen und wenigsten einen Teil des jüdischen Universalismus, der die westliche Welt mitprägte, zurückbringen und miterleben. Warum auch nicht. Auch wenn er damit den Begriff des Weltbürgertum anspricht, der, so dachte ich, von Garry Davis 1948 begründet und mit diesem wieder gestorben sei (was nicht stimmt, er lebt noch immer und will Präsident der Welt werden. Auch kann man sich heute als Weltbürger registrieren lassen. Soweit zu dieser Trivialität).

Burg hat zusätzlich zu seiner israelischen auch die französische Bürgerschaft angenommen. Als Sohn eines Jecken (Josef Burg kam aus Dresden) hätte er auch problemlos einen deutschen Pass erhalten können, wie viele andere Israelis der zweiten Generation auch. Vor allem daraus versucht nun die durch die Medien vertretene Öffentlichkeit ihm einen Strick zu drehen, in dem suggeriert wird, er wolle sich damit einen Rettungsring für den allfälligen Untergang Israels anschaffen. Das ist unfein und ich war Zeuge bei einigen Fernsehinterviews, wie gerade sein zweiter Pass zum Mittelpunkt des Gespräch empor stilisiert wurde und wenn man Burg gerade reden liess ihm pausenlos ins Wort fiel. Die gesellschaftliche Ghettoisierung Israels, vor allem durch verstärkten Einfluss der Religion, sowie durch die feindliche Umgebung verursacht und meiner Meinung nur einen Teil der israelischen Gesellschaft betrifft, wurde zum Nebenthema. Dabei sind Zweitpässe und sogar Drittpässe in Israel verbreitet und Teil der weltweiten Globalisierung, die nicht nur die Wirtschaft betrifft. Israel ist ein Land der Immigranten, aber nicht mehr ausschliesslich staatenloser Flüchtlinge.

Ein weiterer von ihm thematisierter Punkt, ist seine Ablehnung des „jüdischen demokratischen“ Staates, ein Oxymoron, über das ich mich schon vor Jahren ausgelassen habe. Ich gebe ihm ich natürlich recht, denn eine Demokratie bleibt Israel nur, wenn sie sich als demokratischen Staat der Juden bezeichnet, denn es liegt an den Bürgern dieses Staates mit demokratischen Mitteln dafür zu sorgen, dass er so bleibt, wie ihn seine Bürger mehrheitlich wollen. So geschieht es in den Staaten der westlichen Welt, in der die Demokratie bestimmt wie „französisch“, „schweizerisch“ oder was immer, der Staat zu sein hat. Ein jüdischer Staat wäre eine Theokratie à la Iran, ein Albtraum erster Güte.
Ich habe Burgs Buch nicht gelesen, doch im Unterschied zu anderen Diskussion, und auf Grund der intensiven Interviews Avrum Burgs in den Medien, drängt sich dessen Lektüre weniger auf. Wichtig ist hingegen an Burgs neu entdeckter Philosophie nicht sein in Frage gestellter Nationalismus. Dieser hielt sich, wie es einem der Mitbegründer der Bewegung „Peace Now“ nicht anders zu erwarten ist, in gesunden Grenzen. Dass er mit seinem neu erworbenen französischen Pass viele Israelis beleidigt, ist deren Problem und stört mich nicht. Aber mit seinen Aussagen verunsichert und schwächt er den Überlebenswillen vieler israelischer Bürger, die sich aus wirtschaftlichen und anderen Gründen schon genügend unsicher fühlen und deren Gefühl nationaler Sicherheit durch den Zweiten Libanonkrieg erschüttert worden ist. Ähnlich wie Ernest Goldberger mit seiner gestörten Fibel „Die Seele Israels“, bringt Burg unsere Feinde und Zweifler in die Lage zu sagen: „Wenn es nun auch dieser Jude Burg bestätigt, dann ist unsere grundsätzliche „Kritik“ berechtigt, ja sogar beglaubigt“. Denn wenn der frühere Vorsitzende der zionistischsten aller Organisationen, der Jewish Agency, so denkt, muss doch mehr als nur etwas dran sein! Mit solchen Gedanken, obwohl missverstanden, fühlen sich manche legitimiert.
Vielleicht will Avrum Burg die Nachfolge von Yeshayahu Leibowitz antreten, dem grossen Kritiker und originellen Denker, und wie es sich heute herausstellt, Propheten des heutigen Israel. Leibowitz hat nach seinem Tod keinen Nachfolger gefunden. Ob Avrum Burg die Qualitäten dazu hat, wage ich zu bezweifeln.