Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Samstag, Juni 23, 2007

Die beleidigten Massen, eine Vernissage und israelisch humanitäres

23.6.2007
Schon wieder ist es passiert. Salman Rushdie, nun Sir Salman und vor etwa zwanzig Jahren von einem der bösartigsten Menschen der neueren Geschichte, Ayatollah Khomeini, per Fatwa zum Tode verurteilt, wurde zum Ritter geschlagen und die muslimischen Massen dadurch zum kochen manipuliert. Diese Massen, von Armut, Ignoranz und Diktatur geschlagen, werden von ihren Mächtigen, egal ob sekulär oder fromm, instrumentalisiert, es finden sorgfältig organisierte spontane Massendemonstrationen mit Teilnehmerzahlen statt, von denen wir israelischen Linken für unsere Friedensdemos und ähnlichem nur träumen können.

Das hat Methode und ist Ausdruck übelster Manipulation von Menschen, die mehrheitlich weder Lesen noch Schreiben können (bestenfalls kennen sie den Koran auswendig), die zu einer Obrigkeitshörigkeit erzogen worden sind, die an den Hauptmann von Köpenick erinnert, nur eben statt Witz, Hass und Gewalt ausstrahlend. Keiner dieser Demonstranten und die meisten der Manipulierten haben vom Thema auf das sie gehetzt werden nicht die geringste Ahnung – einzig wird ihnen vorgegaukelt, der Islam werde beleidigt. Nebenbei werden oft noch Menschen im Namen Allahs umgebracht, Opfer, die sich oft gerade für ihre hysterischen Mörder einsetzen. Ich denke da an die Nonnen, denen die Worte Benedikts dem XVI, das Leben gekostet haben.
Sir Salman war meines Wissens der erste solche Fall, später gab es die Karikaturen aus Dänemark, da gab es den Papst, der byzantinische Geschichte zitierte, da gab es Oriana Fallaci sel., die etwas gegen den heutigen Islam hatte und sogar vor ein amerikanisches Gericht kam, da ist Shirin Ebadi, die iranische Menschrechtsanwältin, da ist die Feministin Taslima Nasrin aus Bangladesh, die aus ihrem Heimatland fliehen musste, nachdem ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt wurde, da ist der zweite oben beschriebene Sir Salman Rushdie Streich, wegen seiner Adelung durch die britische Königin (deren Bildnisse und Puppen inzwischen in progressiven muslimischen Ländern auch schon verbrannt werden). Das genügt, die Liste könnte fortgesetzt werden.

Heute fand in unserer Galerie für zeitgenössische Kunst in Umm El-Fahm die Vernissage einer Ausstellung von Sharif Walid statt, für einmal eine Einzelausstellung. Sharif Walid malt grosse dekorative Bilder und ist, wie an der Ausstellung zu sehen, auch als Modedesigner tätig. Er stellt praktische Kleidung für Passanten von Strassensperren in der Westbank vor, die den inspizierenden Soldaten und den inspizierten Palästinensern Zeit und Arbeit spart. Durch cleveren Gebrauch von Reiss- und Klettverschlüssen und auch modisch-eleganten Öffnungen in Hemd, Jacke oder Mantel, kann sich die israelische Sicherheitsbehörde versichern, dass keine Sprengstoffgürtel durchgeschmuggelt werden. Das Thema, traurig wie es für alle ist, wird von Sharif Walid mit Humor angegangen. Es verstärkt meine Meinung, dass das Problem nur durch die Aufhebung dieser heute ziemlich nutzlosen Anlagen, gelöst werden kann (siehe Tagebucheintrag vom 24.4.2007).

Noch etwas ganz aktuelles. Wie vorauszusehen, wird Israel nun beschuldigt, es habe eine vollständige Sperre über Gaza verhängt, mit dem Ziel es auszuhungern. Wie immer, ist das erlogen. Am Beispiel des 21. Juni 2007, also vor zwei Tagen, sei hier demonstriert, wie so eine Sperre aussieht, während die Welt noch darüber diskutiert, was zu unternehmen sei, um den Gazabewohnern zu helfen, falls das überhaupt opportun sei. Das hauptsächliche Problem ist die Tatsache, dass die Palästinenser sich weigern, israelische Inspektionen zuzulassen. Trotzdem, vor zwei Tagen fanden folgende Lieferungen und Durchgänge in beide Richtungen durch die Keren Hashalom und Erez Durchgänge nach und von Gaza statt:

• Über 400 Tonnen Nahrungsmittel: 130 Tonnen Mehr, 49 Tonnen Reis, 49 Tonnen Zucker, 5 Tonnen Tee, 8 Tonnen Milchpulver, 33 Tonnen Linsen, 19,7 Tonnen Margarine, 18,5 Tonnen Gerste, 34 Tonnen Makkaroni, 20 Tonnen Bohnen, 15 Tonnen Humus und 2 Tonnen Suppe.
• 7 Tonnen Desinfektionsmittel
• 160'000 Liter Dieselöl, 40'000 Liter Benzin vom Nahal Oz Treibstoffterminal
• 8 verletzte Palästinenser wurden von Gaza Spitälern zu ärztlicher Behandlung in Israeli Spitäler überführt
• Nachts wurde am Erez Durchgang Palästinensern geholfen, die nach Ägypten ausreisen wollten
• Etwa 100 Palästinenser mit Doppelbürgerschaft durften durch den Erez Eingang nach Israel einreisen
• 2 Ärzte des Roten Kreuzes kamen durch den Erez Eingang nach Gaza, um in Spitälern zu helfen.

Das geschah am 21. Juni 2007. Ich nehme an, dass täglich ähnliches passiert. Diese Information wurde von der israelischen Armee veröffentlicht und ich habe keinen Grund, mich an irgendwelchen reflexartigen Zweifeln daran zu beteiligen.