Augenöffner in Jordanien
Mein Freund Said Abu-Shakra, Gründer und Leiter der Kunstgalerie in Umm El-Fahm und seinen Sozialwerken, kam heute aus Jordanien zurück. Er war dort, um für die kommende Ausstellung einige historisch wertvolle arabische Frauenkleider auszuleihen, die ihm von einer Jordanierin zugesagt worden waren. Heute abends schon rief er mich an, er schien, wie man in der Schweiz sagt, am Boden zerstört. Er und Seham seien bei dieser Frau angekommen und sie habe ihnen gesagt, es falle ihr schwer diese Kleider nach Israel auszuleihen. Said und Seham waren entsetzt zu hören, dass israelische Araber für sie einfach Israelis seien, keine Palästinenser, sondern genau wie jeder jüdische Israeli. Und mit Israelis wolle sie nichts zu tun haben, denn das seien ihre Feinde. Said sagte mit einer mutlosen Stimme, die ich von ihm noch nie gehört hatte, in Jordanien herrsche offiziell Friede mit Israel, doch der König (in diesem Fall noch der verstorbene König Hussein, dessen Werk von seinem Sohn Abdullah fortgeführt wird) schliesse Frieden und unterhält normale Beziehungen mit Israel auf. Seine Regierung und die jordanische Elite machen mit, doch sein Volk habe sich dieser historischen Entwicklung nicht angeschlossen und hasse mit arabischer Inbrunst alles israelische, egal ob arabisch oder jüdisch. Zwar weiss ich seit langer Zeit, dass unsere arabischen Mitbürger, von den Palästinensern der Westbank gehasst werden, doch dass dieser Hass auch in arabischen Staaten solche Dimensionen besitzt, das wusste ich nicht. Eine ähnliche Situation herrscht in Ägypten, wenn sie dort auch vor allem Israel und seine Juden betrifft – das Volk lehnt auch dort Frieden und Kontakte mit Israel entschieden ab. In Jordanien jedoch, mit seinen 60 Prozent palästinensischer Bürgern, Palästinenser und ihre Nachkommen, die 1948 und einige in 1967 aus dem soeben von arabischen Staaten angegriffenen Israel „vorübergehend“ geflüchtet waren, hat dieser Hass auf die zurück gebliebenen Araber, denen es mit ihrem israelischen Lebensstandard, so viel besser geht als ihren geflüchteten Brüdern, einen persönlicheren Hintergrund. Es ist an Psychologen und Soziologen zu beurteilen, wieweit hier Neid, Rache und andere Gründe die Schlüsselrolle spielen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es genau diese Situation sein könnte, die arabische Knessetmitglieder veranlasst, ihre Stellung und Immunität zu missbrauchen, Länder wie Syrien und Libanon zu besuchen und dort extreme antiisraelische Erklärungen und Hasspolemiken abzugeben – etwas, das sie sich nur als Bürger und Parlamentsvertreter eines freiheitlichen Landes wie Israel, erlauben können. Diese arabischen Knessetmitglieder wollen sich, so scheint mir, in der arabischen Welt auf Kosten des Landes, das sie vertreten, einschmeicheln, gar in den Hintern kriechen. Ob sie damit die Situation unserer arabischen Bürger verbessern, bezweifle ich. Ich denke, dass sie im Gegenteil jüdische Ängste und Verdächtigungen gegenüber israelischen Araber verstärken und damit Friedenschancen noch weiter in die Ferne rücken. Da seit Beginn der zweiten Intifada sich politische rechte Ansichten im jüdischen Israel verstärkt haben, sind viele für Verdächtigungen dieser Art empfänglicher geworden – denn wie in der Schweiz sind auch hier die Unbedarfteren und einfache Gemüter weit mehr mit nationalistischen oder gar faschistoiden Vorurteilen befangen und bieten sich so politischen Rattenfängern an.
Einmal abgesehen von der mangelnden Kompetenz der heutigen israelischen Regierung, sollte das oben beschriebene den Gedanken aufkommen lassen, dass, selbst wenn die heutige Friedensbereitschaft jener von Saudi Arabien angeführten arabischen Staaten von Israel zu Kontakten und zu einem Friedensabkommen führen sollte – es wiederum nur diese Regierungen sind, die Frieden mit Israel wollen oder abschliessen würden. Ihre Völker, aus welch Gründen auch immer, dem Judenhass ergeben, werden trotz feierlich unterschriebenen Verträgen, keine Gelegenheit auslassen, diesem durch Demonstrationen und Gewalttaten Ausdruck zu verleihen – wie es heute in Ägypten und Jordanien zur Normalität gehört.
Said und Seham sind ohne diese Kleider zurückgekommen und versuchen als Alternative, solche vom Israel Museum in Jerusalem als Leihgabe zu erhalten.
