Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

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Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Donnerstag, März 15, 2007

Jimmy Carter und ich

14.3.2007
Von verschiedenen Seiten wurde ich um meine Meinung zu Jimmy Carters Buch „Palästina, Frieden nicht Apartheid“ gefragt und ich weigerte mich darüber eine Meinung zu haben, bevor ich das Buch gelesen hätte. Doch jetzt, endlich, nach Tagen sorgfältiger Lektüre gestatte ich mir über das Buch und seinen Autor eine Meinung zu haben.

Jimmy Carters Verhältnis zu Israel – sein Buch „Palästina, Frieden nicht Apartheid“

Ich denke, dass Schreiben, ob Bücher, Zeitungsartikel, religiöse Traktate oder Leserbriefe für viele Leute auch eine psychohygienische Funktion besitzt. Ich schliesse mich dabei nicht aus. Bei Ex-Präsident Jimmy Carter trifft das wohl auch zu, doch die vielen Vorwürfe von israelischer und jüdischer und die Lobhudeleien von arabischer Seite und ihrer Jünger messen „Palästina, Frieden nicht Apartheid“ sachlich zu viel Wichtigkeit zu. Vor allem bin ich mit der hysterischen Anklage des Antisemitismus Carters nicht einverstanden. Das ist billig und beweist, dass die meisten dieser Kritiker das Buch nicht gelesen haben.
Zu kritisieren ist bei Carters Buch vor allem der Titel „Palästina, Frieden nicht Apartheid“ (ich las allerdings die englische Originalversion, meine Rezension beruht darauf und ich weiss nicht einmal, ob es eine deutsche Ausgabe gibt) und die letzten Seiten des Buches, auf denen die „Apartheid“ breitgeschlagen wird. Zwar hat Carter inzwischen erklärt, dass es in Israel keinerlei Apartheid gäbe und er damit ausschliesslich die Zustände in den besetzten Gebieten meine. Der Schaden für Israel und zum Teil für die Juden im Rest der Welt ist nicht mehr zu reparieren. Trotz den bei Ausbruch der zweiten Intifada notwendig gewordenen Sicherheitsmassnahmen, die zu starken Einschränkungen der Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten geführt haben, sind diese nicht Ausdruck rassischer Überlegenheit oder ähnlichem, sondern wurden ausschliesslich durch die Israel weit über tausend ermordete Bürger kostende Gewalttätigkeit palästinensischer Terroristen (ich stehe zu diesem Wort) notwendig. Es geht um die Güterabwägung zwischen dem Gut israelischen Lebens (damit sind sämtliche israelischen Bürger gemeint) und dem Gut unbeschränkter Bewegungsfreiheit der Palästinenser. Carter unterstützt die palästinensische Seite, denn er ist stets auf Seite der „Armen“ und „Unterdrückten“. Damit beweist er, dass er über die Geschichte des arabisch-israelischen Konfliktes grundsätzlich wenig Ahnung hat. So fängt bei ihm der Beginn dieser Auseinandersetzung erst nach Israels Unabhängigkeiterklärung 1947/8 an. Frühere Judenverfolgungen im alten Palästina, wie der Massenmord an Juden in 1929 im Gush Etzion, das Pogrom in Safed in 1834, bei dem 2000 jüdische Bürger aus dieser Stadt fliehen mussten oder gar die Machenschaften des Muftis von Jerusalem, der sich mit Hitler verbündete und in Bosnien zwei muslimische SS-Einheiten – eine davon kommandiert von Arafats Onkel - auf die Beine stellte.
Andere Beweise seiner Unwissenheit – Lügen will ich Carter nicht unterstellen – ist seine vielfache Erwähnung der „Mauer“ (rund fünf Prozente des Sicherheitszaunes), das mehrfache Erwähnen der Sheba-Farm an der israelisch-syrisch-libanesischen Grenze, ohne von der offiziellen Bestätigung der UNO zu wissen, dass diese Farm zu Syrien und nicht dem Libanon gehört. Die Sheba-Farm wurde von der Hisbullah zur Ausrede erkoren, Israel auch weiterhin zu beschiessen, was inzwischen zu zahlreichen Opfern geführt hat. Ebenso wenig erwähnt Carter die etwa 800'000 jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern, die Ende der vierziger Jahre aus diesen Ländern gejagt worden sind und ihren Besitz zurücklassen mussten. Diese Zahl jüdischer Flüchtlinge entspricht etwa der Zahl arabischer Flüchtlinge, die durch den arabischen Angriff auf das soeben gegründete Israel in 1948 ihr Heim verliessen, zum Teil freiwillig, zum Teil nicht. (Im Gegensatz zu palästinensischen Flüchtlingen wurden sie nicht zum „Flüchtlingsproblem“ – sie sind integriert, die meisten in Israel, aber auch in den USA, Kanada und Frankreich).
Als ehemaliger Präsident des mächtigsten Landes der Erde sollte Carter wissen, das es zwar friedenswillige arabische Staatsführer gibt, deren Volk (Marokko sei vielleicht ausgenommen) hingegen noch immer in einer antijüdischen und antiisraelischen Massenhysterie verharrt, verursacht nicht zuletzt durch die offizielle Erziehung zum Judenhass. Dieses Phänomen ist beim Friedenspartner Ägypten beispielhaft zu beobachten: israelische Politiker gehen bei Mubarak ein und aus, während das Volk, die Berufsverbände, der Klerus und andere den Krieg gegen Israel fordern und dafür mit viel Hass demonstrieren. Aus demselben Grund feiern arabische Mobs jeden erfolgreichen jihadistischen Anschlag auf Israel und andere westliche Länder, tanzen auf Strassen und Dächern und verteilen Bonbons. Carter verurteilt eindeutig den Terror, ohne Einschränkungen. Seine Aussage, dass arabische Terroranschläge bei wachsenden Friedenshoffnungen abflauen ist jedoch falsch – das Gegenteil ist der Fall, wie die Geschichte der letzten Jahrzehnte beweist. Zudem ist zu beobachten, dass fast jedes Mal wenn Verhandlungen zwischen Israel und Palästinensern stattfinden, illustrativ einer oder mehrere Selbstmordanschläge stattfinden.
Einer der zahlreichen Mängel in Carters Wissensschatz ist seine Begeisterung für Jassir Arafat und dessen soziale Ader. Entweder hat Carter die PLO-Charta nie gelesen oder er will sie nicht verstehen. Arafats soziale Ader bestand, wie inzwischen jedem bekannt sein sollte, aus seiner persönlichen Korruption und dem Charme, mit dem er seine Besucher becircte. Auf die Gegenwart übertragen ist es schwierig zu verstehen, dass mit der islamistischen Hamas Friedensverhandlungen gefordert werden, ohne deren Charta gelesen zu haben, die eindeutig die völlige Zerstörung Israels fordert.
Neben dem „Apartheid“ Titel und dem Apartheid-Vergleich der Zustände in den besetzten Gebieten – die in meinen Augen die einzigen wirklich böswilligen Aussagen sind, gibt es die zahlreichen falschen Behauptungen und noch mehr, die Auslassungen, die dem Buch den Anspruch ein seriöses Werk zu sein absprechen. Falsche Fakten (oder Irrtümer) sind, so denke ich wohlwollend, auf mangelndes oder auf Vorurteilen beruhendes Wissen Carters zurückzuführen. Das darf von einem Mann von seiner Statur nicht toleriert werden.
Ich möchte hier einige dieser Falschheiten und der Auslassungen auflisten und gleichzeitig die Seitennummer angeben, auf der sie in der englischen Ausgabe (Simon & Schuster, 2006) darauf Bezug haben:
· Carter schreibt ausführlich über die palästinensischen Flüchtlinge (S. 58), während er die jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern in einem Nebensatz fast völlig unterschlägt (S. 67), obwohl ihre Zahl mindestens ebenso hoch war, als diejenige der Palästinenser. Der Unterschied war, dass sämtliche jüdischen Flüchtlinge aus ihren ehemaligen Heimatländern, nach Beschlagnahme ihres Besitzes, ausgewiesen worden waren, was nur für einen Teil der Palästinenser zutrifft, da sie teilweise von arabischen Regierungen aufgefordert worden waren, ihre Dörfer zu verlassen, mit dem Versprechen nach dem Sieg über die Juden dorthin zurückkehren zu können.
· Carters Buch vermittelt den Eindruck, dass in 1967 Israel die Westbank nur eroberte, weil sie diese annektieren wollte. Dass Jordaniens König Hussein auf eine (telefonische) Lüge von Ägyptens Präsident Nasser hereingefallen war und den Krieg gegen Israel eröffnete scheint Carter nicht zu wissen. Als dokumentiertes Detail sei erwähnt, dass Israel den jordanischen König bekniet hatte, sich aus dem Sechstagekrieg herauszuhalten – wie wir wissen, ohne Erfolg.
· Den Massenmord an Palästinensern in Sabra und Shatila durch christliche Milizen lastet er ausschliesslich Ariel Sharon an (S. 95). Die mordenden Christen bleiben unerwähnt.
· Über den palästinensischen Hass, der durch die palästinensischen Schulen, Medien und Regierungsstellen dem Volk eingebläut wird, verliert Carter im ganzen Buch kein Wort.
· Einen von Israel verursachten Schiessunfall in einem UNO-Posten, in dem in 1996 Libanesen Zuflucht gefunden hatten und über hundert Tote verursacht hatte, nennt Carter einen „Angriff“ (S. 98). Israel hatte sich umgehend entschuldigt und Wiedergutmachung angeboten.
· Die Verfolgung der christlichen Bevölkerung im Libanon und in der Westbank durch Islamisten und muslimische Behörden wird nirgends erwähnt. Stattdessen wird sie Israel angelastet (S. 127). Ein Exodus der Christen Israels findet nicht statt, ganz im Gegensatz zur Westbank, Libanon, Irak und anderen arabischen Ländern.
· In seinen Zeilen über Israels Verhältnis zu Jordanien heute (S. 123) verliert Carter kein Wort darüber, dass es seit dem 25. Juli 1994 einen Friedensvertrag zwischen den zwei Ländern gibt, der im Vergleich zum erkalteten Friedensabkommen mit Ägypten zu einem guten Verhältnis auch in wirtschaftlicher Beziehung geführt hat.
· In Carters Buch ist keine Erwähnung der relativ neuen religiösen Komponente im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu finden – obwohl diese Komponente in den letzten Jahren sämtliche Konflikte in Mittleren Osten überschattet.
· In seinen Beschreibungen von Gaza (S. 175) werden die Raketen, die von den Palästinensern auf Israel geschossen werden, mit keinem Wort erwähnt.
· Endlich auf Seite 187 ist eine negative Einschätzung palästinensischer Gewalt, die in ein „dead end“ führen werde, zu lesen.
Ich bin es leid obige Aufzählung der Unterlassungen und missverstandenen Fakten weiterzuführen und denke, dass Carters Buch das oberflächliche Werk eines Mannes ist, der den Kredit für den bisher einzigen erfolgreichen Handel von Frieden für Land zwischen Israel und Ägypten beansprucht. Etwas recherchieren ergab, dass die hauptsächlichen Abmachungen geheim zwischen Moshe Dayan und Sadats Delegierten Dr. Hassan Tuhami, im marokkanischen Rabat festgelegt worden waren, zwei Monate vor Sadats Besuch in Jerusalem und ohne Carters Wissen – worüber er äusserst beleidigt gewesen sein soll. Eine leider nicht verifizierbare Aussage lautet, dass Sadat im Entwurf seiner Memoiren geschrieben habe: „Ich muss mit den Israelis sprechen bevor dieser idiotische amerikanische Präsident alles ruiniert“. Diese Aussage erhielt ich von einem mit der Materie bestens bekannten Freund, der zu jener Zeit als Presseoffizier bei der Pressestelle der israelischen Armee gearbeitet hatte. Verifizierbar macht sich Sadat in seinen Memoiren über Carters Naivität gegenüber dem damaligen syrischen Machthaber lustig. Er schrieb: „Carter wusste nicht wie mit den Syrern umzugehen. Er glaubte, sie seien vertrauenswürdig und war bestürzt herausfinden, dass das Wort eines Syrers eigentlich Tausend und ein Wort ist und das was von ihnen an einem Tag akzeptiert worden sei, am nächsten Tag von ihnen zurückgewiesen werde“.
Zusammenfassend denke ich, dass man Jimmy Carter nicht den Vorwurf machen soll Antisemit zu sein. Ein inzwischen schon traditioneller Trick vieler Israelkritiker ist es Israel mit erlogenen Behauptungen zu provozieren und dann zu behaupten: „Aha! Niemand kann Israel kritisieren, ohne umgehend als Antisemit angeklagt zu werden“. Auch Carter tut dies auf seine Art, indem er falsche Palästinenserpropaganda wiederholt und anschliessend seine Liebe zum jüdischen Volk bekundet. Aber wir sollten darauf nicht hereinfallen und uns nicht provozieren lassen.
Auf der anderen Seite ist er, nicht nur seit heute, ein politisches und geistiges Leichtgewicht, das wegen seiner vierjährigen und wenig erfolgreichen Amtszeit als Präsident der USA von den Medien viel zu ernst genommen wird. Regierungen geben ihm Ehre, aber mehr nicht. Carter fehlt das Wissen politischer und geschichtlicher Zusammenhänge, er sieht das meiste durch die Brille eines wiedergeborenen Christen. Wie oben gezeigt, wurde er nicht einmal von Sadat ernst genommen. Seine Wahrnehmung ist selektiv. Was mich sehr stört ist Carters, dem praktizierenden Christen, nicht existente Solidarität mit den verfolgten Christen der arabisch-muslimischen Welt, bei der er nicht nur mangelndes Wissen beweist. Hätte er heute wirklichen Einfluss, könnte er hier viel unternehmen. Doch sein Einsatz für das nahöstliche Christentum, hunderte von Jahren älter als der Islam, ist nicht auszumachen.
Die von Carters Buch verursachte Aufregung ist ein Propagandafeldzug für den Autor. Es stört mich, dass sich vor allem jüdische Kreise so stark aufregen, auf die Barrikaden steigen, von Antisemitismus reden und wertlose Wellen schlagen, statt einfach festzustellen, dass das Buch schlecht recherchiert und fachlich, wie sein Autor, ein nicht ernst zu nehmendes Leichtgewicht ist. Sogar wenn da und dort ein Ansatz, vielleicht als Alibi, von Sympathie für Israel zu finden ist. Denn wer für Israel Antipathien hegt, wird sich von Carters Buch bestätigt fühlen, andere, die sich in der Materie auskennen, werden den Bluff durchschauen.