Familienehre
In der israelischen Stadt Ramle gibt es eine arabisch-muslimische Familie, deren Frauen zurzeit auf die Barrikaden gegen ihre Männer steigen. Nicht nur gegen die Ehemänner, sondern alle männlichen Familienmitglieder, deren Ehrgefühl bisher dazu geführt hat, dass in den vergangenen sechs Jahren acht ihrer Frauen wegen einer vermeintlichen Verletzung der Familienehre umgebracht worden sind. Im islamischen Familienleben befindet sich die Ehre der Männer zwischen den Beinen der Frauen, egal ob es die Ehefrau, die pubertierende Schwester oder eine Cousine ist. Dieselbe Situation gilt ebenso in europäischen Ländern bei türkischen und anderen Muslims, so lange sie nicht in der „Leitkultur“ ihres Gastlandes integriert sind, dem sich die Mehrheit, so lese ich, verweigern. An der Universität Erlangen in Deutschland ist ein interessantes Papier veröffentlich worden, das sich mit der Problematik der Morde zur Erhaltung der Familienehre befasst. In Israel werden im Durchschnitt jedes Jahr zwölf Frauen aus Gründen der Familienehre umgebracht, vom Vater, von Brüdern und Vettern, die verstimmt sind, weil sich die Frau nicht dem männlichen Ehrgefühl unterwirft. Sogar Mütter haben, so las ich, aus Gründen der Familienehre ihre Töchter umgebracht - eine Tatsache, die bezeugt, wie muslimische Frauen von verwerflichen Pseudo-Ehrgefühlen ihrer patriarchalischen Welt vergiftet werden. Aus diesem Grund gehört auch dazu, dass vergewaltigte Frauen nicht als Opfer gesehen werden, sondern als Täterinnen, die bestraft werden müssen, was einem Todesurteil gleichkommt. In Pakistan ist ein Fall bekannt, in dem ein Vater seiner Tochter, die sich weigerte den für sie bestimmten Mann zu heiraten, den Hals durchschnitt. Vorsichtshalber, denn sie könnten seiner Ehre in einigen Jahren das gleiche antun, tötete er weise voraussehend auch noch seine drei jüngeren Töchter.
Wie reagieren Apologeten der islamischen Kultur, jene aus der linken Szene, die in ihrer eigenen Welt, unbeeinflusst von den Realitäten des wirklichen Lebens, ihre ideologisch überlebten Vorstellungen politischer Korrektheit pflegen? Ich habe im Internet und in Schriften recherchiert und eigentlich wenige Argumente gefunden, die sich zudem fast überall wiederholen:
· Nur Neokolonialisten verurteilen Morde zur Erhaltung der Familienehre.
· Ausführlich werden kulturelle Geschichte und Hintergründe dargelegt, ganz ohne Bezug auf die heute Zeit, als befinde die arabische Gesellschaft noch immer in der Steinzeit. Zu dieser Einstellung gehört auch die wohl berechtigte Behauptung, Morde zur Erhaltung der Familienehre seien ein vorislamisches Phänomen. Sind Traditionen nur deshalb weiterzuführen, weil sie Jahrhunderte oder Jahrtausende alt sind?
· Apologeten nennen Morde zur Erhaltung der Familienehre eine Tat aus Leidenschaft. Das stimmt nicht, Taten aus Leidenschaft sind abrupt und unüberlegt, während es sich hier um wohlüberlegte und meist im Rat der Männer der Familie beschlossene Morde handelt, zu deren Ausführung jemand aus der Familie delegiert wird (siehe oben).
· Muslimische Reaktionäre definieren die Situation so: Unsere Frauen, unsere Familien, unsere Gesellschaften sind anders als die in den modernen westlichen Ländern. Und die Reihenfolge ist zugleich eine Kausalkette: Weil die Frauen anders sind, deshalb sind die Familien anders und deshalb sind die Gesellschaften besser. Die Frauen stehen am Anfang dieser Kette und stehen deshalb besonders unter dem Druck der muslimischen Rechten.
Vor allem in Jordanien scheint man sich bewusst zu sein, dass etwas geschehen müsse. In einem Bericht der Amnesty International habe ich folgenden Abschnitt über den heutigen Zustand gelesen:
Tötungen aus Gründen der »Familienehre«
Innerhalb des Jahres 2000 wurden mindestens 21 Personen aus Gründen der »Familienehre« getötet. Das Oberhaus stimmte für die Aufhebung des Paragraphen 340 des Strafgesetzbuches, der unter anderem vorsah, männliche Familienangehörige, die eine des Ehebruchs schuldige weibliche Angehörige töten, von Bestrafung auszunehmen oder ihr Strafmaß zu verkürzen, wenn das Opfer in einer »ehebrecherischen Situation« ertappt wurde. Das Unterhaus lehnte die Abschaffung des Paragraphen später jedoch ab.
Im Februar verurteilte ein Gericht in Amman den 34-jährigen Samir Ayed wegen Mordes an seiner 32-jährigen Schwester Hanan im Jahre 1999 zu einem Jahr Gefängnis. Das Gericht entschied, dass Paragraph 98 des Strafgesetzbuches in seinem Fall anzuwenden sei. Laut diesem Paragraphen wird ein geringeres Strafmaß für Verbrechen in den Fällen angesetzt, in denen die Tat, provoziert durch eine widerrechtliche oder gefährliche Handlung des Opfers, »im Affekt« begangen wurde. Nachdem die Familie des Opfers die Strafanzeige gegen den Angeklagten zurückgezogen hatte, wurde das Strafmaß auf die Hälfte reduziert.
Eigentumsdelikte werden weit schwerer bestraft als Morde zur Erhaltung der Familienehre. Das gilt auch für Länder des westlichen Kulturkreises wie Israel und Deutschland.
Abschliessend ein Link zur Stellung der Frau in der arabisch-islamischen Welt, der relativ kurz aus der Feder von Prof. Munir D. Ahmed (Universität Hamburg und Lahore) in deutscher Sprache Informationen zum Thema vermittelt.

1 Comments:
Da Sie auf eine Veröffentlichung von mir hingewiesen haben, möchte ich hiermit ein Link dazu beitragen, der noch gültig ist. Munir D. Ahmed
http://www.munirdahmed.netfirms.com
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