Apartheid ?
Ich habe Jimmy Carters Buch noch nicht gelesen – der Freund, der es mir aus der Schweiz gebracht hat (in Israel konnte ich es nicht finden), liest es zur Zeit noch selbst. Immerhin den Titel „Palestine: Peace Not Apartheid“ (vier Worte) habe ich mitgekriegt und ist es wert, Gedanken darüber zu verlieren.
Erst wollen wir Ordnung schaffen: was meint Carter damit? Apartheid in den besetzten Gebieten oder Apartheid gegenüber Israels arabischer Bevölkerung. Ich möchte hier über angebliche Apartheid in Israel selbst schreiben, denn was in den besetzten Gebieten passiert, passiert unter einer Kriegs- oder Besatzungsrecht, das Rechte eines grossen Teiles der Bevölkerung begrenzt. Apartheid ist das nicht, es ist simpler Selbstschutz – vielleicht übertrieben (darüber kann diskutiert werden), aber er beruht nicht auf Rassismus, sondern auf dem Überlebenswillen Israels. Vor dem Ausbruch der zweiten Intifada war die Westbank offen, Israelis fuhren dorthin, Palästinenser kamen nach Israel – beide um Geschäfte zu tätigen oder Freunde zu besuchen. Arafats Politik der Gewalt schob dem im Herbst 2000 einen Riegel und als Resultat davon, leidet die die palästinensische Bevölkerung.
Apartheid ist etwas, das gegen Teile der eigenen Bevölkerung gerichtet ist. Apartheid beruht auf rassistischen Gesetzen, die einem Teil der Bevölkerung Rechte verwehren, die für den anderen Teil dieser Bevölkerung gelten. Der diskriminierte Bevölkerungsteil wird als minderwertig deklariert. Dazu gehören sämtliche Rechte, die in einer Demokratie selbstverständlich sind, wie volle politische Rechte, volle Bewegungsfreiheit und Meinungsfreiheit. All dies ist in Israel gesichert, sie werden von allen Bürgern, Juden und Arabern, wahrgenommen – oft auch bis zum Exzess ausgenützt. Unsere Minderheiten sind im Parlament (Knesset) vertreten, geniessen den Schutz des israelischen Sozialwesens, wählen wen sie wollen, wobei, das muss festgestellt werden, kaum die Hälfte der arabischen Bevölkerung arabische Parteien wählt, viele wählen traditionelle israelische Parteien.
Die inhärente Meinungsfreiheit der israelischen Demokratie wird missbraucht. Das geschieht in der Knesset, wo Vertreter extremistischer Parteien, Juden, Araber, fromme und unfromme Nationalisten, sich oft unflätig benehmen, dessen arabische Vertreter (nicht alle) im arabischen Ausland Israel beschimpfen und zum Krieg gegen den Staat der Juden ausrufen, obwohl sie dessen gewählte Vertreter sind. Es geschieht ihnen nichts, das westlich-demokratische Konzept der Meinungsfreiheit schützt sie – und das ist gut so.
Was es gibt, wen man so will, ist eine freiwillige Apartheid der Pflichten. Wie die israelische Bürgerpflicht, das Land zu verteidigen, also Militärdienst zu leisten, dem nur ein kleiner Teil muslimischen Bürger nachkommt. Oder auch in anderen Dingen, wie sich öffentlich für den Staat einzusetzen – etwas das von vielen jüdischen Bürgern kritisch beobachtet wird und seinen Teil dazu beiträgt, dass unsere arabischen Bürger (ungerechterweise und oft pauschal) von vielen Juden (und Drusen) mit Argwohn angesehen werden.
Im Gush Segev, im westlichen Galiläa, gibt zur Zeit ein Fall antiarabischer Diskriminierung zu reden. Es ist, meines Wissens, der zweite Fall dieser Art in Israel. Ein arabisches Ehepaar, beide Architekten, die in der berühmten Schule Bezalel in Jerusalem studiert hatten, wollen in Rakefet ein Haus kaufen. Dazu mussten sie sich bei einem Auswahl-Komitee dieses Dorfes interviewen lassen und wurden abgewiesen. Der Frau wurde vorgeworfen, sie sei zu individualistisch, ihrem Mann fehle soziale Kompetenz (im Haaretz wurde die hebräische Begründung mit „lacks sufficient interpersonal sophistication“). Sophistication heisst auf Deutsch „Kultiviertheit“ oder „hoher Entwicklungstand“. Wie sich das mit dem Entscheid diese Komitees verträgt, kann jeder selbst urteilen.
Im Gush Segev wohnen unsere Kinder, also rief ich meinen Schwiegersohn Motti an, dessen beträchtliche analytische Ader ich nutzen wollte. Was steckt hinter einem Skandal mit offensichtlich rassistischem Hintergrund? Umso mehr, als die Juden im Gush Segev als ideologisch progressive Menschen gelten, die den Kontakt zu den arabischen Mitbürgern suchen und viel von Koexistenz reden. Die eine jüdisch-arabische Schule errichteten, um diese Koexistenz zu fördern. Einmal mehr, schien mir, dass Liberalität nur so lange ausgeübt wird, so lange sie nicht persönliche Verpflichtung fordert und der Andere, Nachbar nicht im entfernten Dorf, sondern im Haus daneben wäre. Was könnte dahinter stecken?
Es gibt Gründe dafür. Akzeptabel sind sie nicht. Noch sitzt den jüdischen Bewohnern des Gush Segev die arabische Revolte im Oktober 2000 im Nacken. Auch wenn sich seitdem das Verhältnis mit den arabischen Nachbarn gebessert hat, sind die Steine und die Gewalt der Araber von Sakhnin und Arabe nicht vergessen. Sie haben das Verhältnis zwischen den zwei Bevölkerungsgruppen bis heute getrübt. Der wirtschaftliche Schaden für arabische Dörfer und Städte hat sich gelindert, aber Vorbehalte sind geblieben. Auch hilft es nicht, wenn in den Einkaufszentren von Carmiel, der „Hauptstadt“ dieser Region, sich arabische Jugendliche Freiheiten gegenüber jüdischen Mädchen nehmen, die sie in ihrer eigenen geschlossenen Gesellschaft mit ihrem mittelalterlichen Ehrenkodex nicht auszuüben wagen würden.
Auch wenn die oben erwähnte arabisch-jüdische Schule Erfolge vorweisen kann, ist sie für ein Zusammenleben ohne Vorbehalte nicht genug. Die arabischen Kinder dieser Schule, werden von ihren Eltern dorthin geschickt, um ihnen eine bessere Integration in die israelische Gesellschaft zu ermöglich. Sie lernen Hebräisch ohne Akzent, sie lernen die jüdische Mentalität und Umgangsformen verstehen und sich einer modernen offenen Gesellschaft anpassen, etwas, das nicht erst und zu spät an der Universität gelernt werden kann. Das ist positiv. Das gilt natürlich auch im umgekehrten Sinn für jüdische Schüler an dieser Schule. Jüdische Kinder werden von ihren Eltern aus ideologischen Gründen gesandt, um zu lernen Kindern einer anderen Kultur zu verstehen und als Freunde zu gewinnen und, natürlich, Arabisch zu lernen. Es scheint, dass diese Schule und kommerzielle Kontakte zwischen Arabern und Juden noch nicht genügen, mehr muss zur gegenseitigen Integration und Akzeptanz getan werden – von beiden Seiten.
Es ist anzunehmen, dass das Auswahl-Komitee, einer meines Wissens illegale Institution, seinen Entscheid vor Gericht wird verantworten müssen. Doch fragt es sich, ob sich jemand, dessen Anwesenheit nicht erwünscht ist, es über sich bringen würde, neben Nachbarn zu leben, die ihn grundsätzlich nicht neben sich haben wollen. Da nützen die besten Gerichtsentscheide nicht, denn Abneigung und Vorurteile können sie nicht wegurteilen.
Apartheid ist das alles nicht. Es ist der Ausdruck fehlender Empathie und seelischer Rohheit weniger, der bestimmt den israelischen Gesetzen zuwiderläuft. So wie der in der Schweiz bestehende Rassismus Einzelner und Gruppen gegenüber Fremden und Juden gerichtlich verfolgt werden kann, auch wenn sich Vertreter öffentlicher Verbohrtheit (Dummheit schreibe ich unter keinen Umständen, auch wenn es zutrifft) aus den Rängen rechtsradikaler Parteien gegen dieses Gesetz sträuben.

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