Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Mittwoch, Januar 03, 2007

Olmerts Weihnachtsgabe

26.12.2006 – Olmerts Weihnachtsgabe
Weihnachtsstimmung bemerkt man als Jude in Israel vor allem durch die Medien. Christliche Freunde haben wir hier fast keine, wir selbst feiern natürlich Chanukka, zünden, wo immer wir gerade sind, acht Tage lange abendlich Kerzen an und freuen uns ganz besonders, wenn wir es mit unseren Enkeln tun können.
Nicht ganz neu, aber dafür immer wieder sonderbar, wenn nicht pervers, ist die in dieser festlichen Zeit jährlich wiederkehrende Behauptung Jesus sei Palästinenser gewesen – was insofern stimmt, dass zur Zeit der Römer alle Juden im römischen Palästina, Bürger Palästinas waren. Die römischen Gesetze waren so. Dass sich aber die arabischen Palästinenser der heutigen Tage als die damaligen jüdischen Palästinenser sehen und behaupten Jesus sei Palästinenser gewesen, fügt sich nahtlos an den modernen Irrwitz an, der von der modernen arabischen Welt in die Welt gesetzt und begeistert geglaubt wird. Geschichtlich unhaltbar, aber vor allem ethisch gesehen die wohl grösste Chutzpa (Frechheit) aus dieser verlogenen Welt. Einen sanftmütigen Rabbi als Palästinenser! Mich Schalom Ben-Chorins Meinung anschliessend, dass Jesus lebte, stelle ich hier nur zwei Punkte zur Diskussion. Der eine ist die Tatsache, dass Jesus ein Mann des Friedens, ein sanfter Mensch war, der seine Mitmenschen liebte und mit dem Todeskult und der Gewalttätigkeit des heutigen Jihadismus in keiner Weise in Verbindung gebracht werden kann, denn sie schliessen sich gegenseitig aus. Zwar hat sich das Christentum im Laufe seiner Geschichte keineswegs als Jünger der friedfertigen Lehren Jesu gezeigt. Spuren davon sind heute noch unter anderem bei jenen wenigen arabischen Christen zu finden, die im Libanon, der Westbank und einzelne in Israel sich mit den Jihadisten und der Hisbullah verbinden, genau nach alten Schweizer Motto „Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber“, auch wenn es bestimmt und vor allem, von mangelnder Zivilcourage zeugt. Sich gegen Israel zu stellen, so lange nicht geschossen wird, ist ungefährlich, sich gegen fanatisierte Islamisten zu stellen, kann den Kopf kosten. In der amerikanischen Zeitung „Independent“ ist ein Artikel zu finden, der sich mit der Mutmassung befasst – die Eingebung des Autors ist jedes Jahr um Weihnachten irgendwo zu lesen – wie wohl Josef mit seiner schwangeren Maria auf ihrem Weg nach Bethlehem durch die vielen Strassensperren gekommen, ja ob sie überhaupt durchgelassen worden wären. Der Autor suggeriert, dass man sie heute nicht durchgelassen hätte, Schwangerschaft hin oder her. Ich denke man hätte sie nach Bethlehem ziehen lassen, das vor zweitausend Jahren noch von Juden und nicht von zu achtzig Prozent Moslems (in der Zeit vor ihrer Heimsuchung durch Arafat, war die Bevölkerung Bethlehems zu achtzig Prozent christlich und zwanzig Prozent islamisch, heute ist es umgekehrt). Er zieht es vor zu unterschlagen, dass in Ambulanzen und unter den Röcken schwangerer und nicht schwangerer Frauen auch schon Sprengstoff entdeckt worden war. Womit ich beim zweiten Punkt wäre: weder Josef oder Maria und schon gar nicht Jesus hätten sich als Terroristen missbrauchen lassen, ob wohl es solche auch schon vor zweitausend Jahren gab.
Womit ich nahtlos beim nächsten Thema bin: der Olmert hat den Abbas bei sich zu Hause zu einem Gespräch mit Diner eingeladen. Abbas hat sich mit saurem Gesicht küssen lassen, es war ihm sichtlich peinlich. Arafat hätte solches genossen und Olmert wohl einen Zungenkuss verpasst, einem Vergehen wegen dem zurzeit Chaim Ramon den Kalender voller Gerichtstermine hat. Die Reportage in Olmerts Residenz erinnerte mich an die Szene auf dem Rasen im Weissen Haus anlässlich der Unterzeichnung des Oslo-Vertrages, als Rabin mit grösster und der ganzen Welt sichtbarer Überwindung Arafat die Hand reichte – ich denke, dass Bill Clinton küssen untersagt hatte.
Trotz Kuss und der folgenden Pressediskussionen darüber, wird die Regierung doch sechzig Strassensperren aufheben, obwohl die Armee nicht glücklich darüber ist. Zudem sollen Gefangene entlassen werden, vor allem Kinder und Frauen, wie es heisst. Bald wird sich zeigen, ob die Palästinenser dieses Vertrauen verdienen oder ob die Terroristen unter ihnen dieses bisschen mehr Bewegungsfreiheit missbrauchen werden. Auf jeden Fall bin ich stolz, dass Olmert seinen inneren Schweinehund überwunden hat und, ein wenig spät zwar, versucht den als gemässigt angesehenen Machmud Abbas in seinem politischen Überlebenskampf zu unterstützen. Viele Israelis trauen ihm nicht, mein Freund Howard schrieb Olmert eine E-Mail (mit Kopie an mich) und forderte ihn auf zurückzutreten. Ich bin mit Howards Sicht der Dinge nicht einverstanden und schrieb ihm dies zurück (ohne Kopie an Olmert). Doch kann ich Howard gut verstehen, als Überlebender des Terroranschlages in der Pizzeria Sbarro in Jerusalem, dessen Nichte noch immer im Koma liegt und er einen Gehörschaden und Stresssyndrome davongetragen hat, ist es seine Art, damit umzugehen. Er betreibt damit Psychohygiene und akzeptiert meine Diagnose widerspruchslos. Zwar ist es ein Thema für sich, doch möchte ich erwähnen, dass Überlebende und Familien von Terroropfern ganz verschieden mit ihren Erfahrungen umgehen – es gibt Parallelen mit Holocaustüberlebenden. Die einen hassen sämtliche Araber und werden zu aggressiven Nationalisten, während andere sich mit Familien palästinensischer Opfer verbinden, sich mit den Hintergründen dieser Untaten auseinandersetzen und alles tun, um Verständnis werben und alles tun um diese Gewalt zu neutralisieren. Vor diesen Menschen habe ich grossen Respekt. Sie sehen ihr Schicksal als Teil der Tragödie dieser Region, und nicht allein als persönliches Unglück. Es ist so viel einfacher rachsüchtig zu sein und zu hassen, als sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und versuchen sie durch positive Arbeit zu beeinflussen oder wenigstens die Überlebenden nicht zu hasserfüllten Menschen verkommen zu lassen. Vergessen wir nicht, dass palästinensische Opfer nicht nur zufällig bei einem Terrorattentat anwesende Araber sind, sondern auch durch Unfälle und Irrtümer der israelischen Armee „produziert“ werden. Für deren Familien gilt die oben beschriebene Problematik genau so, wie für jüdische Familien, ob sie durch einen gezielten Terrorakt oder eine militärische Fehlleistung ausgelöst worden ist.