Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Mittwoch, Januar 03, 2007

Nach zwei Monaten Schweiz

11.12.2006 – Zurück
Wir sind wieder zu Hause, in Zichron Ya’akov an der Negbastrasse 1. Wegen einer leichten Krankheit ein paar Tage später als vorgesehen, das kann vorkommen und mindert den Wert unserer siebenwöchigen Schweizerferien um nichts. Wir hatten es schön.
Neben Enkeln und Familie traf ich viele Freunde und Bekannte, alte und auch neue. Ich rührte die Werbetrommel für unsere Galerie in Umm El-Fahm und macht „Hasbara“ (Öffentlichkeitsarbeit) für Israel. Nicht alle konnte ich sehen, mein Programm wuchs mir über den Kopf und ich bitte jene Freunde um Entschuldigung, die mit mir sein wollten und ich es nicht schaffte, diesem Wunsch zu entsprechen. Hoffentlich klappt es das nächste Mal. Als Alternative biete ich einen Besuch bei uns in Zichron Ya’akov an.
Zurück in Israel konnte ich feststellen, dass ich von der Schweiz aus vieles gar nicht mitbekommen habe – ich war viel zu beschäftigt um Zeitung zu lesen oder fernzusehen. Ge- und besprochen hatte ich vor allem Allgemeines, israelische Skandale und Übles aus der islamischen Welt bekam ich nur am Rande mit. Entsprechend wurde ich nun mit verschiedenen Aussagen konfrontiert, deren Inhalte mir missfallen:
· In Israel wird im Hochsommer Krieg erwartet. Gegen Hamas und Hisbullah, Stellvertreter Irans. Von der Regierung Israel wird das energisch bestritten und sie warnt vor sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.
· Die Korruption in Israel habe neue Rekorde erreicht, als einziger prominenter Angeklagter unter ihnen wird Haim Ramon, der einer Offizierin einen Zungenkuss gegeben haben soll, als Opfer einer politischen Verschwörung dargestellt, da Olmert jeden Politiker, der ihm gefährlich werden könnte, auf irgend eine Art ins Abseits befördere. Alle anderen werden vom Volk als schuldig angesehen. Diese byzantinischen Theorien wurden mir von einigen nationalistisch und rechtsradikal gefärbten Freunden aufgetischt, die heute Olmert mehr zu hassen scheinen, als Mitglieder des linken Friedenslagers.
In diesem Zusammenhang erhielt ich einen ekelerregenden Website aus der rechten jüdischen Hassszene, in der über die „Smolanim“ (die Linken) hergezogen wird. All jene Israelis nach der Gründergeneration, wie Rabin, Dayan, Peres, Yael Dayan, Sharon, sogar Olmert ist dabei. Yossi Beilin wird Neo-Nazi genannt. Der Graben zwischen den Irren der extremen israelischen Rechten und den islamischen Jihadisten wird immer kleiner, sie werden sich immer ähnlicher.
In der Schweiz werden sich bestimmt einige finden, welche die Holocaust Konferenz in Teheran als etwas lächerliches abtun. Es nehmen schliesslich sogar Juden teil – und was für prachtvolle Exemplare aus Brooklyn:
Ich weiss nicht, wie diese antisemitische Konferenz, die nur dem Ziel dient alle Juden und den Staat Israel zu delegitimieren und so (hoffnungsvoll) einen weiteren Pflock zur Zerstörung Israels einzuschlagen. Vor allem finde ich diesen Anlass eine tiefe Beleidigung der Opfer des Holocausts, dessen Überlebende heute sehr alt sind und sich mit dieser perfiden Hasskampagne auseinandersetzen müssen. Das schweizerische Wort „gruusig“ ist wohl die treffendste Bezeichnung dafür. Zudem ist es eine Demonstration krankhaften Judenhasses. Zu erwähnen ist, dass ein arabischer Israeli, der an dieser Konferenz teilnehmen wollte um die wirkliche Wirklichkeit zu erläutern, nicht zugelassen worden ist.
Es gibt auch schöneres zu berichten. Israel nahm diesen Sommer etwa zweihundert sudanesische Flüchtlinge auf, wusste nicht was mit ihnen anzufangen sei und steckte sie ins Gefängnis. Menschenrechtsaktivisten, darunter auch Elie Wiesel, protestierten und gingen vor Gericht. Die Flüchtlinge seien frei gekommen wurde mir gesagt, eine Bestätigung dafür konnte ich allerdings noch nicht finden.
Neu wäre das nicht, Ministerpräsident Begin selbst entschied nach Ende des Vietnamkrieges einige Hundert Vietnamesen (Boat People, wer sich erinnern kann) aufzunehmen – diese sind inzwischen gut in Israel integriert. Sie wurden Küche heute so populär im Lande ist – gelegentlich sogar koscher.
In diesem Zusammenhang habe ich erfahren, dass in Kanada im Sommer auf Initiative einer sudanesischen Frau, Taraji Mustafa, einer sudanesischen Menschenrechtsaktivistin, eine jüdisch-sudanesische Freundschaftsgruppe gegründet worden sei. Wie weit diese gediehen ist, ist mir unbekannt, doch Nachrichten über diese Bekanntmachung in der arabischen Presse sind auch weiterhin zu finden. Es ist interessant festzustellen, dass viele versöhnliche Ouvertüren zu uns Juden von muslimischer Seite von Frauen stammen. Ich denke da an die Saudin Wafa Sultan, die Libanesin Brigitte Gabriel (es lohnt sich alle Teile ihrer Ansprache zu hören) und die Pakistanin Irshad Manji, denen allerdings eines gemeinsam ist: sie wohnen alle in der freien westlichen Gesellschaft. Nicht nur sind sie dort frei sondern haben auch Zugang zu Informationen, die ihnen in der arabischen und islamischen Welt verwehrt bleiben. Zudem gehören sie nicht zu den fast 50% aller arabischen Frauen, die nie zur Schule gegangen sind, weder lesen noch schreiben können und von ihrer Gesellschaft unterdrückt werden.
Zum Schluss noch eine wundervolle Nachricht: Wir pflückten heute unseren grossen Zitronenbaum (es gibt auch einen kleinen) leer. Es ergab rund 30 Kilo, nachdem während unserer Abwesenheit, sich einige Freunde schon bedient hatten. Wir hatten sie darum gebeten.