Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Samstag, Oktober 14, 2006

Löcher und Irrlehren

11.9.2006 – Löcher und Irrlehren

Falls sich jemand für Kriegsschäden in Nordisrael und deren Hintergründe und Technologien interessiert, ist dieses Link ein gefundenes Fressen. Ein Kommentar erübrigt sich, denn dieser Bericht ist textlich und bildlich detailliert. Nur noch ein Wort zum immer wiederkehrenden Thema der Splitterbomben, die keine sind. Gerade in der letzten Wochenendausgabe von Haaretz wird wieder darüber geschrieben und über „Bomben“ berichtet. Falls wirklich solche Bomben, von denen Israel keine besitzt, eingesetzt worden, wären die Schäden ursprünglicher Flugzeugangriffe ungleich grösser und die Schäden der Blindgänger ebenso. Beim Betrachten der Bilder in diesem Link ist unschwer zu verstehen, warum überall wo Menschen ungeschützt von islamischen Raketen getroffen worden waren, man denke an die zwölf toten Reservisten im Hinterland Israel, die Zahl der Toten und Schwerverletzten sehr hoch war. Dass die Zahl israelischer Toter (53) und Verwundeter (2250, davon 250 schwer) Zivilisten „relativ„ niedrig war, ist ausschliesslich den Schutzräumen und Luftschutzbunkern zu verdanken, in denen sich die nordisraelische Bevölkerung zum Teil tagelang oder bei Aufforderung durch Sirenenalarm aufgehalten hatte. Zurück zu den Blindgängern: mehrmals täglich wird in den elektronischen Medien auf die vielen nicht explodierten hisb’allischen Raketen hingewiesen, die im Norden Israels noch immer herumliegen und eine grosse Gefahr für jeden, der ihnen zu nahe kommt oder sie gar berührt, bilden. Schäden, die diese Raketen anrichten können sind in folgendem Beispiel überzeugend zu sehen.


Mit dem Satz „Die Empörung vieler Empörter empört mich“ fängt André Glucksmann seinen Artikel „Zweierlei Mass“ im der Zeitschrift Cicero (Schwarze September 2006 Ausgabe) an. Darin schreibt er über den Surrealismus der heutigen Welt, vor allem der westlichen Welt, in der die tagtäglichen fünfzig und mehr Toten in Bagdad auf einer Hinterseite der Presse abgehackt wird, während die achtundzwanzig Toten im libanesischen Dorf Kana zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit empor stilisiert worden sind. Es ist wie das alte und bestbekannte Phänomen der doppelten Moral, die mit an Bigotterie grenzender Inbrünstigkeit derart von Medien verbreitet und von willigen Nachrichtenkonsumenten als Bestätigung ihrer eigenen gut gepflegten Vorurteile aufgenommen und gepflegt werden. Er stellt die Darstellung des palästinensisch-israelischen Konflikts als alleinige Quelle aller Probleme des Nahen Ostens und des muslimischen Terrors als unsinnige Lüge dar, als heuchlerische Geopolitik, die den Nahen Osten zum Grundpfeiler der, wie Glucksmann schreibt, der Weltordnung „weiht“. Mich wundert’s, warum diese so offensichtlich falsche Sicht der Dinge bis heute überlebt, sich sogar verstärkt hat. Vor einem Jahr schrieb ich folgende wahre Geschichte ins Tagebuch:
An der berühmten Harvard Universität in Boston herrschte in den Zwanziger Jahren der Präsident A. Lawrence Lowell, der einen Numerus Clausus für Juden einführen wollte, mit der Begründung, dass zu viele jüdischen Studenten den Antisemitismus in Harvard fördern würde und deshalb die Anzahl Juden in Harvard zu ihrem eigenen Schutz beschränkt sein müsste. Die alte Masche, Juden für den Judenhass selbst verantwortlich zu machen. Auch wird über Lowell erzählt, er habe sich generell und laut gegen jüdische Studenten ausgesprochen, weil sie bei Prüfungen betrügen würden und überhaupt unübliche Eigenschaften besitzen. Auf den Einwand, dass alle Studenten ähnliches täten und statistisch Studenten nichtjüdischer Herkunft teilweise wesentlich unehrlicheres praktizierten, habe er gesagt: „Lenkt nicht ab, wir reden von Juden“. Im übrigen ist der heutige Präsident von Harvard, wie auch die Mehrheit der Präsidenten der acht amerikanischen Eliteuniversitäten, heute Juden.
Die Worte: „Lenkt nicht ab, wir reden von Juden“, könnten ein Schlüssel zur oben gestellten Frage sein.
Leider kann ich Glucksmanns Artikel nicht durch ein Link aktivieren, doch empfehle ich diese September-Ausgabe des Ciceros zu kaufen – es steht in diesen dicken zwei Heften noch anderes lesenswertes drin. Cicero ist der einzige Luxus, den ich mir aus dem Ausland leiste.

In der politischen Szene Israels gibt es zur Zeit neben den aussterbenden humanistischen Linken einige gar nicht humane Rechtsextremisten. Der bekannteste darunter ist Avigdor Lieberman, dessen Theorie der Ausbürgerung israelischer Araber durch innovative Grenzziehung an Anhängern gewinnt. Ein anderer ist Effi Eitam, ein Choser Be'Tschuwa (ein Wiedergeborener), ehemaliger Kommandeur der Givati Brigade unter dem unser Sohn Jehoschua gedient hatte und in der (ohne Eitam) Enkel Adam gerade seine Rekrutenschule absolviert. Eitam ist nun Knessetmitglied der Nationalreligiösen-Nationale Union, mit omelettgrosser gehäckelter Kippa und Vollbart und scheint Araber nicht zu mögen. Heute hat er sogar Lieberman rechts überholt. An einer Gedächtnisfeier für gefallene Soldaten des kürzlichen Libanonkrieges, forderte er die Ausweisung der Mehrheit arabischer Einwohner der Westbank. Zudem will er den israelischen Arabern ihre politischen Rechte wegnehmen, denn sie seien eine Fünfte Kolonne im Staat. Der arabische Abgeordnete Achmed Tibi, nicht gerade mein Favorit in der politischen Landschaft, meine dazu, Eitams Worte hätten in deutscher Sprache authentischer geklungen. So unrecht hat Tibi nicht, tut damit aber dem heutigen Deutschland Unrecht.

Der israelische Generalstaatsanwalt wurde schon aufgefordert, Effi Eitam wegen Aufhetzung zum Rassismus vor Gericht anzuklagen. Ich sorge mich nicht so sehr vor arabischen Angriffen, doch vor diesem um sich greifenden jüdischen Faschismus habe ich Angst.