Drei Berichte
Wie ich schon nach unserer Ankunft in Israel im Jahre 2000 feststellte, wird an Jom Kippur von den einen gefastet und gebetet und von den anderen Velo gefahren. Jom Kippur ist zum wirklichen Volksfeiertag geworden. Als Reformjuden in Zürich begaben wir uns per Auto oder Tram zur Synagoge. Hier in Israel, wo es kein Tram gibt, ist an diesem Feiertag das Autofahren gefährlich und inoffiziell verboten. Besonders für Lea ist das ein Problem. Wir lösten es, in dem sie in ihrem Elektromobil in die Synagoge fuhr, was von Religionsfanatikern offenbar akzeptiert wird (nicht von allen, es sind anderswo schon Ambulanzen attackiert worden). Ich ging zu Fuss. Vor wenigen Wochen stellte ich fest, dass Fahrräder schon für weniger als dreihundert Schekel zu kaufen sind, mit fast allen Schikanen –zum, wie mir scheint, einmal jährlichen Gebrauch an Jom Kippur. Velofahren ist in Israel nicht sehr verbreitet, manche tun es als Sport (auch, zusammen mit Eselwagen, auf der Autobahn), aber allgemein gesehen scheint mir und anderen diese Art der Fortbewegung im israelischen Verkehrsterror zu gefährlich. Tatsächlich sind am meisten Fahrräder in den Kibbuzim zu finden, denn nur dort gibt es wirkliche Fahrradwege. Auf jeden Fall, die Strassen Zichron Ya’akovs waren verstopft mit Velos. Am schlimmsten war es vor der grossen Synagoge Ohel Ya’akov, als Fussgänger war ich gefährdet und kam nur langsam vorwärts. Es war so voll von Fahrrädern, dass ihre Besitzer nicht mehr fahren konnten, sondern sich mit dem diskutieren ihrer Fahrradmarken und deren technischen Einzelheiten begnügten. Diese Jom Kippursche Velomanie ist keine Spezialität unserer Stadt, sondern in ganz Israel zu finden.
Bei der Frühstückslektüre meiner Leibzeitung Haaretz las ich mit Freude über eine Pro-Israeli-Kundgebung, die am 30. September in Bern stattgefunden hat. Endlich, dachte ich, haben die Schweizer Juden den Finger herausgenommen und tun öffentlich etwas Solidarisches. Erst beim Nachsehen in der NZZ entdeckte ich, dass diese Demo ein christliches Unterfangen gewesen war, mit dem Motto „Christen zeigen Flagge“ unter massgeblicher Teilnahme der EDU, einer für mich in früheren Zeiten nicht ganz so appetitlichen reaktionären Partei. Wie schön wäre es zu lesen, eine solche Demo von ebenfalls 3000 (oder mehr) Teilnehmern unter dem Motto „Juden zeigen Flagge“ wäre auf dem Bundesplatz abgehalten worden und statt einem EDU-Politiker hätte ein jüdischer Politiker, sagen wir mal, meine Freundin Nicole Poëll von der FDP, der Schweizer Öffentlichkeit und ihrer Regierung starke Worte entgegengeschleudert. Der israelische Botschafter habe an der real stattgefundenen Demonstration Freude gehabt. Was dort, gemäss NZZ, gesagt worden ist, ist zu unterstützen und so lange sich Schweizer Juden dem Thema verweigern, haben sie kein Recht christliche Sympathiebezeugungen und deren Motivation zu kritisieren. Ich bin überzeugt, das christliche Organisationskomitee hätte bei entsprechender Anfrage den Anlass bestimmt vom Schabbat auf den Sonntag verschoben.
Noch etwas aus der Presse. Die Schweiz ist neuerdings Nummer Eins in wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit – so hat der entsprechende Index des Davoser WEF entschieden. Die Schweiz hat damit die USA abgelöst. Weiter habe ich erfahren, dass Israel heute vom dreiundzwanzigsten auf den fünfzehnten Platz vorgerückt ist und Staaten wie Kanada, Österreich, Frankreich, Australien, Belgien und sogar das von Wirtschaftsliberalen so hochgepriesene Irland hinter sich lässt. Israel habe das vor allem seiner Hightech Branche zu verdanken, die siebzig Prozent des industriellen Exports ausmacht. Ich hoffe, dass vom daraus resultierenden Mehrgewinn nicht alles beim Kapital und, vor allem, in den obersten Etagen hängen bleibt.

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