Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Samstag, Oktober 14, 2006

Die tägliche Hitparade des Hasses

16.9.2006 – Die tägliche Hitparade des Hasses und Freude in der Galerie

In Gaza und Nablus werden anglikanische und griechisch-orthodoxe Kirchen angezündet, weil der Papst, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche den byzantinischen Kaiser Manuel II zitiert hat. Dieser Manuel soll der bedeutungsloseste aller byzantinischer Kaiser gewesen sein, wenige Jahre nach seinem Tod wurde das Reich von den muslimischen Türken erobert und Byzanz existierte nicht mehr. Der offizielle Islam und der inoffizielle Jihadismus hat nun eine neue und ganz feine Ausrede gegen das Christentum und die Juden zu demonstrieren, sie zu beschimpfen und all das zu tun, dessen sie Papst Benedikt XVI anklagen. Dass wir Juden und Christen dauernd und seit Jahrzehnten als Schweine und Affen bezeichnet werden, scheint rechtens zu sein in den Augen dieser Demonstranten Allahs, von denen die Mehrheit keine Ahnung hat was und wer der Papst ist, nur schon aus der Tatsache heraus, dass eine Vielzahl von ihnen gar nicht lesen kann. Sie lassen sich für jeden Unfug spontan zu blutigen Demonstrationen organisieren – um was es geht ist Nebensache, solange es gegen Christen und Juden geht. Ganz wie bei den dänischen Karikaturen, ganz wie bei der tödlichen Fatwa gegen Salman Rushtie wegen dessen Buch „Satanische Verse“, das keiner je gelesen hat.

Dem Papst wird formell vorgeworfen, er habe das Zitat, ohne es zu relativieren, mit dem heutigen Islam verglichen, ohne abweichende Meinungen des zeitgenössischen Islams zu berücksichtigen. Mag sein. Doch da ich von Herrn Ahmedinejad und anderen ihm verwandten Geistern, alle paar Tage (zusammen mit allen Juden und Christen dieser Welt) beschimpft werde und alle unsere Werte in den Dreck gezogen werden, ohne das dies von ihm noch anderen relativiert wird ist, ist mir dieser Vorwurf egal. Ich rege mich über die mir verliehene Auszeichnung des iranischen Präsidenten nicht auf, rufe mir aber die Regel in Erinnerung, nach der Menschen, die verbale Gewalt austeilen, diese nicht einstecken können.

Dieses islamische Phänomen der heutigen Tage könnte recht kurz zusammengefasst werden. Vor allem die heutige arabisch-islamische Welt ist, im ganzen gesehen, eine Welt des Versagens, des Nichtskönnens, der bigotten Frömmelei, eine Welt, die mit dem Rest der Welt nicht mithalten kann und dies gar nicht erst versucht. Das steht in völligem Gegensatz zum Anspruch dieser Welt, die einzig gültige Wahrheit zu besitzen und zu vertreten – den eng gesehenen Islam der Gegenwart. Diesen Anspruch, der durch die Realität widerlegt ist und sich durch nichts stützen lässt, zu vertreten, ist frustrierend. Gestützt auf die tatsächliche Überlegenheit in eigentlich allen Gebieten menschlichen Fortschritts und Wohlfahrt, macht man sich mit diesem Anspruch unglaubwürdig. Damit kann die islamische Welt nicht umgehen und greift zur Gewalt, dem einzigen Weg, der ohne Logik und ohne Dialog möglich bleibt. So wird auf alles, sogar auf ein Zitat aus dem Mittelalter und einiger läppischer Zeichnungen mit Feuer und Tod reagiert. Ironisch ist die ganze Affäre, weil die Reaktion der muslimischen Welt, einer Welt der Ignoranz und Gewalt, das Zitat aus dem christlichen Mittelalter, ebenfalls geprägt von Ignoranz und Gewalt, bestätigt.

Ich bin sicher, dass der echte, der ethische Islam damit nichts zu tun hat. Doch so lange Vertreter dieses echten Islams gegen den politischen Islam, den Jihadismus, nicht selbst Stellung beziehen und bekämpfen, ist dem Rest der Welt die Sicht darauf verbaut und er wird nicht wahrgenommen.

Ein französisches Sprichwort lautet: „Nur die Wahrheit beleidigt“ – im vorliegenden Fall scheint es voll zuzutreffen. Im übrigen denke ich, dass der Papst wirkliche Grösse bewiesen hat, als er sich heute bei der muslimischen Welt entschuldigte. Chapeau!

Wenn wir schon in diesen Themen weilen: Said Abu-Shakras Cousin, der bekannte Scheich Ra’ed Salah, von dem man alle paar Monate ein Bon Mot hört – wenn er das Gefühl hat, sich bemerkbar machen zu müssen – hat heute an einer Demonstration in Umm El-Fahm verkündet, das kommende Khalifat werde sein Zentrum in Jerusalem haben. Für das Khalifat kämpfen die Jihadisten oder geben das wenigsten vor. Jetzt wird es ein paar Wellen geben, Israels Araberhasser werden sich bestätigt fühlen und sagen: „Ich habe es ja immer gesagt“ und dann wird Scheich Salah wieder für einige Monate in der Versenkung verschwinden. Bis er wieder einen Drang verspürt.

Scheich Salah wohnt in Umm El-Fahm. Dort war ich heute mit Lea und zwei Freunden. Die Demonstration des Scheichs haben wir verpasst, aber glaubt mir, sie war nicht der Grund unseres Besuches. Nicht um den Scheich zu stören, sondern an der Vernissage einer sehr schönen Keramikausstellung in Saids Kunstgalerie teilzunehmen waren wir gekommen. Wir trafen, wie immer, Freunde und alte und neue Bekannte, sahen uns die Exponate an und nahmen an der Begeisterung teil, die von Besuchern, die das erste Mal in der Galerie waren, ganz besonders zu spüren war.