Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Samstag, Oktober 14, 2006

Ueber den wunderlichen Judenhass der islamischen Welt

13.10.2006 – Über den wunderlichen Judenhass der islamischen Welt

Im November 2003 wollte der Journalist Salah Uddin Shoaib Choudhury im Flughafen von Dhaka in Bangladesh ein Flugzeug besteigen um nach Israel zu fliegen. Dabei wurde er verhaftet, sass viele Monate im Gefängnis und wurde erst nach Intervention einiger amerikanischer Kongressabgeordneter wieder freigelassen. Aus dem Gefängnis hatte er Briefe über seine Behandlung und seine schlechte Gesundheit geschrieben. Inzwischen ist er angeklagt der Aufhetzung zur Aufruhr und der versuchten Ausreise nach Israel, etwas das verboten ist. Auf das erste Vergehen steht die Todesstrafe durch Erhängen.

Choudhury war einer der ersten Bangladeshi, der vor dem islamischen Radikalismus warnte, welcher in Religionsschulen, den Madrassas, hochgezüchtet wurde und wird, genau so wie in den meisten muslimischen Ländern. Auch wollte er auf eine Öffnung Bangladeshs zu Israel hinwirken, auf Dialog und diplomatische Beziehungen. Die arabische Welt produzierte prompt Gerüchte über Choudhury, den israelischen Mossadagenten. Er wurde schon überfallen, zusammengeschlagen, auf seine Zeitung wurde ein Brandanschlag ausgeführt. Die Polizei arbeitet gegen ihn, der leitende Beamte war bestochen worden, die Gerichte liessen die Schläger und Brandstifter frei und Choudhury musste sich bis heute verstecken, denn sein Leben ist nicht nur durch ein Gerichtsurteil, sondern auch durch die Verfolgung radikaler Islamisten in Gefahr.

Menschen der freien Welt senden Briefe an den Premierminister, an den Innenminister von Bangladesh und andere Politiker dieses Landes, ebenso an Human Rights Watch und Amnesty Internation, die hier einen wirklichen und bösartigen Fall zu betreuen hätten. Wenn meine Leser sich hier beteiligen würde, wäre ich dankbar.

Warnung vor Terror und Extremismus sowie das Befürworten mit Israel normale Beziehungen einzugehen sind in Bangladesh todeswürdige Vergehen. Auch Salah Uddin Shoaib Choudhury wollte erst nicht glauben, in was er sich hier eingelassen hatte, er war überzeugt, diese von ihm als lächerlich eingestufte Anklage würde eingestellt. Doch vor drei Tagen hat der Prozess begonnen.

Der Grund warum ich über Salah Uddin Shoaib Choudhury und seine Probleme schreibe ist der, dass Choudhury’s Fall den extremen, aber dennoch wunderlichen und rational nicht zu erklärenden Hass der muslimischen Welt auf Israel und alles Jüdische demonstriert. Lassen wir den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern auf der Seite. Er ist ein legitimer Disput, dessen Gründe wir kennen und auch verstehen können. Wir können auch verstehen, warum uns Palästinenser nicht immer mögen.

Aber die andern? Deren Hass ist unverständlich, künstlich und irrational. Was ein talentierter Mensch wie Hassan Nasrallah mit Israel zu tun hat, warum widmen er und seine Anhänger ihre ganze Existenz und ihr ganzes Lebensziel der Zerstörung Israels, einem Land, das sie nicht kennen und mit dem sie grundsätzlich nichts zu tun haben – so lange sie es nicht angreifen.

Warum verbrennen iranische Kinder, die nicht einmal wissen wie man Israel auf der Weltkarte findet, israelische Fahnen auf der Strasse und bieten sich an im Krieg gegen Israel zu sterben. Warum rufen ägyptische und jordanische Intellektuelle die unwissenden Massen ihrer Länder gegen Frieden mit Israel auf, wohl wissend, dass dies ihre Länder politisch, wirtschaftlich und sogar kulturell mehr als zwanzig Jahre zurückwerfen würde. Warum bleibt Syrien ein deprimierendes Drittweltland für das zweifelhafte Recht Terror finanzieren zu dürfen, der es am Ende selbst in Gefahr bringen wird? Darüber machte sich vor einigen Monaten Yair Lapid im Yedioth Ahronot Gedanken. Ich gebe Teile davon, zusammen mit meinen Gedanken, hier wieder.

Er schrieb, dass andere Mächte in der Vergangenheit islamische Völker beherrscht haben, Mongolen, Griechen und Römer, Engländer, Holländer, Franzosen und andere. Sie hatten islamische Länder erobert und plünderten sie. Wir Juden und Israel, sogar wenn es gewollt oder gar gekonnt hätte, waren nie dort. Wir haben es nicht einmal versucht. Israel bedroht keinen einzigen islamischen Staat – solange dieser es in seinem irrationalen Hass nicht bedroht. Wo ist die vielbeschwörte Identifikation der islamischen Welt mit seinen palästinensischen Brüdern? Wo sind die Traktoren aus Saudiarabien in den von Israel evakuierten Territorien, wo ist die von Indonesien zugesagte Schule in Gaza, wo sind die Aerzte aus Kuwait mit ihrer modernen Ausrüstung?

Wieso soll Israel das Hauptproblem der muslimischen Welt sein? In der muslimischen Welt herrscht Hunger, Ignoranz und Krieg von Darfur, Irak, Afghanistan bis Kashmir und Indonesien. Da soll Israel das Hauptproblem sein?

Wo sind die Gedanken der islamischen Welt, ihre Hoffnungen, ihre Ambitionen, ihre Zuneigung und ihre Träume für ihre Kinder? Sind sie wirklich damit zufrieden, ihre Kinder in den Tod zu schicken und zu sagen es habe sich gelohnt? Nur weil sie uns so sehr hassen?

Besetzung non-stopp

8.10.2006 – Besetzung non-stopp

Eine hochinteressante Kreation ist die hier aus dem Internet herunterzuladende „Imperiale Karte des Mittleren Ostens“, in der in neunzig Sekunden die vergangenen 5000 Jahre vorbeijagen. Man kann, und ich empfehle das mit Nachdruck, den Lauf unterbrechen und Einzelheiten genauer anschauen. Man kann ebenfalls die diskret eingesetzten modernen Landesgrenzen ausblenden und verändert damit den Gesamteindruck nachhaltig. Angefangen von den alten Ägyptern bis heute sieht man, die wechselnden „Besetzer“ der Region, manchmal von England und Spanien bis zum Persischen Golf reichend. Man kann sich über Einzelheiten streiten, aber um einen Punkt kommt man nicht herum: das Land der Juden war in all den Jahrtausenden gerade mal runde 200 Jahre ohne fremde Herrschaft (ca. 920 – 720 v.Chr.. Das sind 4% Prozent dieser 5000 Jahre - wenn man unseren heutigen Staat Israel dazu zählt, kommen wir auf etwa 5%. In der Bibel dargestellte Vorgänge über die Könige Saul, David und Salomon sind archäologisch nicht belegt und werden deshalb ausgelassen, archäologisch belegte Geschichte des Heiligen Landes fängt ungefähr bei König Omri an - in der Wikipedia ist darüber interessantes zu lesen (allfällige Fehler darin sind nicht von mir). Etwas Bescheidenheit über unsere eigene Geschichte ist angebracht. Diese Fakten waren mir bekannt, doch so schön und unverkrampft dargestellt habe ich sie nie gesehen. Den heutigen Anspruch auf das Land vermindert das nicht, die Juden waren ja da und machten Geschichte, andere auch, aber alle eben vorwiegend unter fremder Herrschaft.

Drei Berichte

2.10.2006 – Drei Berichte

Wie ich schon nach unserer Ankunft in Israel im Jahre 2000 feststellte, wird an Jom Kippur von den einen gefastet und gebetet und von den anderen Velo gefahren. Jom Kippur ist zum wirklichen Volksfeiertag geworden. Als Reformjuden in Zürich begaben wir uns per Auto oder Tram zur Synagoge. Hier in Israel, wo es kein Tram gibt, ist an diesem Feiertag das Autofahren gefährlich und inoffiziell verboten. Besonders für Lea ist das ein Problem. Wir lösten es, in dem sie in ihrem Elektromobil in die Synagoge fuhr, was von Religionsfanatikern offenbar akzeptiert wird (nicht von allen, es sind anderswo schon Ambulanzen attackiert worden). Ich ging zu Fuss. Vor wenigen Wochen stellte ich fest, dass Fahrräder schon für weniger als dreihundert Schekel zu kaufen sind, mit fast allen Schikanen –zum, wie mir scheint, einmal jährlichen Gebrauch an Jom Kippur. Velofahren ist in Israel nicht sehr verbreitet, manche tun es als Sport (auch, zusammen mit Eselwagen, auf der Autobahn), aber allgemein gesehen scheint mir und anderen diese Art der Fortbewegung im israelischen Verkehrsterror zu gefährlich. Tatsächlich sind am meisten Fahrräder in den Kibbuzim zu finden, denn nur dort gibt es wirkliche Fahrradwege. Auf jeden Fall, die Strassen Zichron Ya’akovs waren verstopft mit Velos. Am schlimmsten war es vor der grossen Synagoge Ohel Ya’akov, als Fussgänger war ich gefährdet und kam nur langsam vorwärts. Es war so voll von Fahrrädern, dass ihre Besitzer nicht mehr fahren konnten, sondern sich mit dem diskutieren ihrer Fahrradmarken und deren technischen Einzelheiten begnügten. Diese Jom Kippursche Velomanie ist keine Spezialität unserer Stadt, sondern in ganz Israel zu finden.

Bei der Frühstückslektüre meiner Leibzeitung Haaretz las ich mit Freude über eine Pro-Israeli-Kundgebung, die am 30. September in Bern stattgefunden hat. Endlich, dachte ich, haben die Schweizer Juden den Finger herausgenommen und tun öffentlich etwas Solidarisches. Erst beim Nachsehen in der NZZ entdeckte ich, dass diese Demo ein christliches Unterfangen gewesen war, mit dem Motto „Christen zeigen Flagge“ unter massgeblicher Teilnahme der EDU, einer für mich in früheren Zeiten nicht ganz so appetitlichen reaktionären Partei. Wie schön wäre es zu lesen, eine solche Demo von ebenfalls 3000 (oder mehr) Teilnehmern unter dem Motto „Juden zeigen Flagge“ wäre auf dem Bundesplatz abgehalten worden und statt einem EDU-Politiker hätte ein jüdischer Politiker, sagen wir mal, meine Freundin Nicole Poëll von der FDP, der Schweizer Öffentlichkeit und ihrer Regierung starke Worte entgegengeschleudert. Der israelische Botschafter habe an der real stattgefundenen Demonstration Freude gehabt. Was dort, gemäss NZZ, gesagt worden ist, ist zu unterstützen und so lange sich Schweizer Juden dem Thema verweigern, haben sie kein Recht christliche Sympathiebezeugungen und deren Motivation zu kritisieren. Ich bin überzeugt, das christliche Organisationskomitee hätte bei entsprechender Anfrage den Anlass bestimmt vom Schabbat auf den Sonntag verschoben.

Noch etwas aus der Presse. Die Schweiz ist neuerdings Nummer Eins in wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit – so hat der entsprechende Index des Davoser WEF entschieden. Die Schweiz hat damit die USA abgelöst. Weiter habe ich erfahren, dass Israel heute vom dreiundzwanzigsten auf den fünfzehnten Platz vorgerückt ist und Staaten wie Kanada, Österreich, Frankreich, Australien, Belgien und sogar das von Wirtschaftsliberalen so hochgepriesene Irland hinter sich lässt. Israel habe das vor allem seiner Hightech Branche zu verdanken, die siebzig Prozent des industriellen Exports ausmacht. Ich hoffe, dass vom daraus resultierenden Mehrgewinn nicht alles beim Kapital und, vor allem, in den obersten Etagen hängen bleibt.

Die tägliche Hitparade des Hasses

16.9.2006 – Die tägliche Hitparade des Hasses und Freude in der Galerie

In Gaza und Nablus werden anglikanische und griechisch-orthodoxe Kirchen angezündet, weil der Papst, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche den byzantinischen Kaiser Manuel II zitiert hat. Dieser Manuel soll der bedeutungsloseste aller byzantinischer Kaiser gewesen sein, wenige Jahre nach seinem Tod wurde das Reich von den muslimischen Türken erobert und Byzanz existierte nicht mehr. Der offizielle Islam und der inoffizielle Jihadismus hat nun eine neue und ganz feine Ausrede gegen das Christentum und die Juden zu demonstrieren, sie zu beschimpfen und all das zu tun, dessen sie Papst Benedikt XVI anklagen. Dass wir Juden und Christen dauernd und seit Jahrzehnten als Schweine und Affen bezeichnet werden, scheint rechtens zu sein in den Augen dieser Demonstranten Allahs, von denen die Mehrheit keine Ahnung hat was und wer der Papst ist, nur schon aus der Tatsache heraus, dass eine Vielzahl von ihnen gar nicht lesen kann. Sie lassen sich für jeden Unfug spontan zu blutigen Demonstrationen organisieren – um was es geht ist Nebensache, solange es gegen Christen und Juden geht. Ganz wie bei den dänischen Karikaturen, ganz wie bei der tödlichen Fatwa gegen Salman Rushtie wegen dessen Buch „Satanische Verse“, das keiner je gelesen hat.

Dem Papst wird formell vorgeworfen, er habe das Zitat, ohne es zu relativieren, mit dem heutigen Islam verglichen, ohne abweichende Meinungen des zeitgenössischen Islams zu berücksichtigen. Mag sein. Doch da ich von Herrn Ahmedinejad und anderen ihm verwandten Geistern, alle paar Tage (zusammen mit allen Juden und Christen dieser Welt) beschimpft werde und alle unsere Werte in den Dreck gezogen werden, ohne das dies von ihm noch anderen relativiert wird ist, ist mir dieser Vorwurf egal. Ich rege mich über die mir verliehene Auszeichnung des iranischen Präsidenten nicht auf, rufe mir aber die Regel in Erinnerung, nach der Menschen, die verbale Gewalt austeilen, diese nicht einstecken können.

Dieses islamische Phänomen der heutigen Tage könnte recht kurz zusammengefasst werden. Vor allem die heutige arabisch-islamische Welt ist, im ganzen gesehen, eine Welt des Versagens, des Nichtskönnens, der bigotten Frömmelei, eine Welt, die mit dem Rest der Welt nicht mithalten kann und dies gar nicht erst versucht. Das steht in völligem Gegensatz zum Anspruch dieser Welt, die einzig gültige Wahrheit zu besitzen und zu vertreten – den eng gesehenen Islam der Gegenwart. Diesen Anspruch, der durch die Realität widerlegt ist und sich durch nichts stützen lässt, zu vertreten, ist frustrierend. Gestützt auf die tatsächliche Überlegenheit in eigentlich allen Gebieten menschlichen Fortschritts und Wohlfahrt, macht man sich mit diesem Anspruch unglaubwürdig. Damit kann die islamische Welt nicht umgehen und greift zur Gewalt, dem einzigen Weg, der ohne Logik und ohne Dialog möglich bleibt. So wird auf alles, sogar auf ein Zitat aus dem Mittelalter und einiger läppischer Zeichnungen mit Feuer und Tod reagiert. Ironisch ist die ganze Affäre, weil die Reaktion der muslimischen Welt, einer Welt der Ignoranz und Gewalt, das Zitat aus dem christlichen Mittelalter, ebenfalls geprägt von Ignoranz und Gewalt, bestätigt.

Ich bin sicher, dass der echte, der ethische Islam damit nichts zu tun hat. Doch so lange Vertreter dieses echten Islams gegen den politischen Islam, den Jihadismus, nicht selbst Stellung beziehen und bekämpfen, ist dem Rest der Welt die Sicht darauf verbaut und er wird nicht wahrgenommen.

Ein französisches Sprichwort lautet: „Nur die Wahrheit beleidigt“ – im vorliegenden Fall scheint es voll zuzutreffen. Im übrigen denke ich, dass der Papst wirkliche Grösse bewiesen hat, als er sich heute bei der muslimischen Welt entschuldigte. Chapeau!

Wenn wir schon in diesen Themen weilen: Said Abu-Shakras Cousin, der bekannte Scheich Ra’ed Salah, von dem man alle paar Monate ein Bon Mot hört – wenn er das Gefühl hat, sich bemerkbar machen zu müssen – hat heute an einer Demonstration in Umm El-Fahm verkündet, das kommende Khalifat werde sein Zentrum in Jerusalem haben. Für das Khalifat kämpfen die Jihadisten oder geben das wenigsten vor. Jetzt wird es ein paar Wellen geben, Israels Araberhasser werden sich bestätigt fühlen und sagen: „Ich habe es ja immer gesagt“ und dann wird Scheich Salah wieder für einige Monate in der Versenkung verschwinden. Bis er wieder einen Drang verspürt.

Scheich Salah wohnt in Umm El-Fahm. Dort war ich heute mit Lea und zwei Freunden. Die Demonstration des Scheichs haben wir verpasst, aber glaubt mir, sie war nicht der Grund unseres Besuches. Nicht um den Scheich zu stören, sondern an der Vernissage einer sehr schönen Keramikausstellung in Saids Kunstgalerie teilzunehmen waren wir gekommen. Wir trafen, wie immer, Freunde und alte und neue Bekannte, sahen uns die Exponate an und nahmen an der Begeisterung teil, die von Besuchern, die das erste Mal in der Galerie waren, ganz besonders zu spüren war.

Löcher und Irrlehren

11.9.2006 – Löcher und Irrlehren

Falls sich jemand für Kriegsschäden in Nordisrael und deren Hintergründe und Technologien interessiert, ist dieses Link ein gefundenes Fressen. Ein Kommentar erübrigt sich, denn dieser Bericht ist textlich und bildlich detailliert. Nur noch ein Wort zum immer wiederkehrenden Thema der Splitterbomben, die keine sind. Gerade in der letzten Wochenendausgabe von Haaretz wird wieder darüber geschrieben und über „Bomben“ berichtet. Falls wirklich solche Bomben, von denen Israel keine besitzt, eingesetzt worden, wären die Schäden ursprünglicher Flugzeugangriffe ungleich grösser und die Schäden der Blindgänger ebenso. Beim Betrachten der Bilder in diesem Link ist unschwer zu verstehen, warum überall wo Menschen ungeschützt von islamischen Raketen getroffen worden waren, man denke an die zwölf toten Reservisten im Hinterland Israel, die Zahl der Toten und Schwerverletzten sehr hoch war. Dass die Zahl israelischer Toter (53) und Verwundeter (2250, davon 250 schwer) Zivilisten „relativ„ niedrig war, ist ausschliesslich den Schutzräumen und Luftschutzbunkern zu verdanken, in denen sich die nordisraelische Bevölkerung zum Teil tagelang oder bei Aufforderung durch Sirenenalarm aufgehalten hatte. Zurück zu den Blindgängern: mehrmals täglich wird in den elektronischen Medien auf die vielen nicht explodierten hisb’allischen Raketen hingewiesen, die im Norden Israels noch immer herumliegen und eine grosse Gefahr für jeden, der ihnen zu nahe kommt oder sie gar berührt, bilden. Schäden, die diese Raketen anrichten können sind in folgendem Beispiel überzeugend zu sehen.


Mit dem Satz „Die Empörung vieler Empörter empört mich“ fängt André Glucksmann seinen Artikel „Zweierlei Mass“ im der Zeitschrift Cicero (Schwarze September 2006 Ausgabe) an. Darin schreibt er über den Surrealismus der heutigen Welt, vor allem der westlichen Welt, in der die tagtäglichen fünfzig und mehr Toten in Bagdad auf einer Hinterseite der Presse abgehackt wird, während die achtundzwanzig Toten im libanesischen Dorf Kana zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit empor stilisiert worden sind. Es ist wie das alte und bestbekannte Phänomen der doppelten Moral, die mit an Bigotterie grenzender Inbrünstigkeit derart von Medien verbreitet und von willigen Nachrichtenkonsumenten als Bestätigung ihrer eigenen gut gepflegten Vorurteile aufgenommen und gepflegt werden. Er stellt die Darstellung des palästinensisch-israelischen Konflikts als alleinige Quelle aller Probleme des Nahen Ostens und des muslimischen Terrors als unsinnige Lüge dar, als heuchlerische Geopolitik, die den Nahen Osten zum Grundpfeiler der, wie Glucksmann schreibt, der Weltordnung „weiht“. Mich wundert’s, warum diese so offensichtlich falsche Sicht der Dinge bis heute überlebt, sich sogar verstärkt hat. Vor einem Jahr schrieb ich folgende wahre Geschichte ins Tagebuch:
An der berühmten Harvard Universität in Boston herrschte in den Zwanziger Jahren der Präsident A. Lawrence Lowell, der einen Numerus Clausus für Juden einführen wollte, mit der Begründung, dass zu viele jüdischen Studenten den Antisemitismus in Harvard fördern würde und deshalb die Anzahl Juden in Harvard zu ihrem eigenen Schutz beschränkt sein müsste. Die alte Masche, Juden für den Judenhass selbst verantwortlich zu machen. Auch wird über Lowell erzählt, er habe sich generell und laut gegen jüdische Studenten ausgesprochen, weil sie bei Prüfungen betrügen würden und überhaupt unübliche Eigenschaften besitzen. Auf den Einwand, dass alle Studenten ähnliches täten und statistisch Studenten nichtjüdischer Herkunft teilweise wesentlich unehrlicheres praktizierten, habe er gesagt: „Lenkt nicht ab, wir reden von Juden“. Im übrigen ist der heutige Präsident von Harvard, wie auch die Mehrheit der Präsidenten der acht amerikanischen Eliteuniversitäten, heute Juden.
Die Worte: „Lenkt nicht ab, wir reden von Juden“, könnten ein Schlüssel zur oben gestellten Frage sein.
Leider kann ich Glucksmanns Artikel nicht durch ein Link aktivieren, doch empfehle ich diese September-Ausgabe des Ciceros zu kaufen – es steht in diesen dicken zwei Heften noch anderes lesenswertes drin. Cicero ist der einzige Luxus, den ich mir aus dem Ausland leiste.

In der politischen Szene Israels gibt es zur Zeit neben den aussterbenden humanistischen Linken einige gar nicht humane Rechtsextremisten. Der bekannteste darunter ist Avigdor Lieberman, dessen Theorie der Ausbürgerung israelischer Araber durch innovative Grenzziehung an Anhängern gewinnt. Ein anderer ist Effi Eitam, ein Choser Be'Tschuwa (ein Wiedergeborener), ehemaliger Kommandeur der Givati Brigade unter dem unser Sohn Jehoschua gedient hatte und in der (ohne Eitam) Enkel Adam gerade seine Rekrutenschule absolviert. Eitam ist nun Knessetmitglied der Nationalreligiösen-Nationale Union, mit omelettgrosser gehäckelter Kippa und Vollbart und scheint Araber nicht zu mögen. Heute hat er sogar Lieberman rechts überholt. An einer Gedächtnisfeier für gefallene Soldaten des kürzlichen Libanonkrieges, forderte er die Ausweisung der Mehrheit arabischer Einwohner der Westbank. Zudem will er den israelischen Arabern ihre politischen Rechte wegnehmen, denn sie seien eine Fünfte Kolonne im Staat. Der arabische Abgeordnete Achmed Tibi, nicht gerade mein Favorit in der politischen Landschaft, meine dazu, Eitams Worte hätten in deutscher Sprache authentischer geklungen. So unrecht hat Tibi nicht, tut damit aber dem heutigen Deutschland Unrecht.

Der israelische Generalstaatsanwalt wurde schon aufgefordert, Effi Eitam wegen Aufhetzung zum Rassismus vor Gericht anzuklagen. Ich sorge mich nicht so sehr vor arabischen Angriffen, doch vor diesem um sich greifenden jüdischen Faschismus habe ich Angst.