Eine Begegnung und zurück zur Politik
In den ersten Jahren meines Tagebuches schrieb ich viel über Erlebnisse und Menschen, die ich kenne oder gerade kennen gelernt habe. In den letzten zwei bis drei Jahren sind diese Themen etwas zu kurz gekommen. Eines meiner Vergnügen ist der Umgang mit interessanten Menschen und davon mangelt es in Israel nicht.
Heute früh wachten wir als Schweizerbürger auf, zogen uns schön an und fuhren nach Tel Aviv zur Botschaft. Dazu waren wir von der „Schweizer Revue“, dem Hausblatt jedes Auslandschweizers, aufgefordert worden, denn unsere roten Pässe mussten erneuert werden.
Damit es alle wissen, digitale, das heisst selbst am Computer gedruckte Passföteli werden von Frau Calmi-Rey, die offenbar auch von Fotografie nichts versteht, nicht akzeptiert, obwohl wenigstens in unserem Fall meine Bilder unendlich viel besser waren, als die billigen gebleichten Helgen, die professionell vom Fotografen auf einer Polaroid Kamera im Dreiminutentakt hergestellt werden. Aus diesem Grund marschierten wir von der Schweizer Botschaft an der Yarkonstrasse zum Mograbiplatz, wo es Fotostudios gibt und das, wie man in Englisch sagt, „made my day“.
Die Geschichte Israels, vor und nach der Staatsgründung, ist von wenigen Fotografen dokumentiert worden. Wenn ich hier Namen nenne, dann sind das Photojournalisten, die sich vor allem mit der Dokumentation politischer Prozesse und Persönlichkeiten befasst haben. Dass sie gelegentlich auch künstlerisch wertvolle Bilder produzierten, sei ihnen unbenommen. Einer von ihnen ist Nachum Gutman (nicht zu verwechseln mit dem israelischen Maler gleichen Namens, der auch fotografierte), ein anderer war Rudi Weissenstein. Beide Läden sind an der Allenbystrasse am Mograbiplatz zu finden, fünfzig Meter voneinander entfernt. Nachum verkauft Occasionkameras und andere fotografische Hardware, in einem Laden, in dem es gerade einen Quadratmeter Platz für Kunden gibt, während Rudis Geschäft ein Fotostudio ist. Beide Geschäfte sind alt, staubig und verstopft – kurz, romantisch. Bei Nachum waren Lea und ich schon verschiedene Male, jetzt war Rudi Weissenstein an der Reihe.
Rudi lebt nicht mehr. Als wir sein Geschäft betraten um die Passfotos machen zu lassen, wurden wir von einer jungen Philippinin empfangen, die Fotos schoss jemand mit einem russischen Akzent. An einem uralten Schreibtisch sass eine ältere Dame. An den Wänden und Schränken hingen grossformatige Fotos von Israels vergangenen Grössen, vor allem aus Politik und intellektuellen Kreisen. Einige kannte ich, den David Ben Gurion, Menachem Begin, Haim Herzog, Martin Buber sollte ein Israeli meines Alters sofort erkennen (die heutige Jugend hat, wenn gefragt, meist noch nie von Ben Gurion gehört und denkt Dayan sei eine Kaugummisorte). Aber viele kannte ich nicht und fragte die alte Dame. Es stellte sich heraus, dass sie nicht nur Hebräisch, sondern auch Deutsch der besten Sorte spricht, dass sie Miriam, die Witwe des Rudi Weissensteins ist und erst 93 Jahre alt sei. Miriam leitet nun das Studio, zusammen mit einem Fotografen (der mit dem russischen Akzent) und der hübschen Philippinin, die ihr, wie vielen Israelis ihrer Altergruppe, als Pflegerin dient. Seit dem Tod ihres Mannes Rudi, führt Miriam das Studio und hütet seine Negative.
1940 2006
Sie war es, die auf einem Bild als Turnerin zu sehen war – heute hat sie’s in den Knien und stehen tut ihr weh. Sie zeigte uns einen Sammelband von Rudis fotografischem Werk, 2002 herausgekommen und wir waren begeistert und kauften es auf der Stelle. Miriam bestand darauf eine Widmung für Lea und Uri hineinzuschreiben, was ziemlich viel Zeit brauchte, denn erst schrieb sie einen Entwurf, las ihn uns vor und fragte, ob wir damit einverstanden seien und dann erst trug sie es in das Buch ein. Wir redeten viel, sie führte uns durch das Buch in dem Teile der dreissiger Jahre gezeigt sind, sie konnte sich jeder Einzelheit erinnern. Miriam erzählte über ihr ärztliches Problem mit den Knien, da konnte Lea mitreden. Beide waren beim selben Professor der Orthopädie, der gerne operieren möchte. Aber Miriams Sohn, selbst Arzt, findet, dass eine 93-jährige Dame das wohl kaum überleben würde, auch wenn es ihr sonst blendend geht. Es bedrückt sie, die schönen Turnübungen und Luftsprünge, die sie als Gymnastiklehrerin anderen beigebrachte hatte, nicht mehr selbst ausführen zu können. Schön war es mit ihr Deutsch zu sprechen, ohne Akzent, in der Art der alten Jeckes, für die ich so viel übrig habe und von denen es kontinuierlich weniger gibt.
Solche Begegnungen liebe ich. Weit mehr, als Politik.
Deshalb zurück zur Politik.
Man muss Netanjahu und seine Politik nicht mögen, aber er hat Köpfchen und redet überzeugender als sämtliche seiner Berufskollegen. Sich mit ihm anzulegen kann blamabel sein. Hier eine kurze und wahre Geschichte:
Ein britischer Journalist interviewte Netanjahu: „Wie kommt es, dass viel mehr Libanesen als Israelis in diesem Krieg getötet wurden?“
Netanjahu: „Sind sie sicher, dass sie darauf eine Antwort wollen?“
Der Journalist stolperte in die Falle: „Warum nicht?“
Netanjahu: „Im Zweiten Weltkrieg kamen mehr Deutsche ums Leben als Briten und Amerikaner zusammen, aber niemand zweifelt, dass dieser Krieg durch deutsche Aggression verursacht worden ist. Als Antwort auf den deutschen Blitz auf London radierten die Briten die gesamte Stadt Dresden aus und es verbrannten dort mehr deutsche Zivilisten als in Hiroshima durch die Atombombe den Tod fanden. Zudem will ich sie daran erinnern, dass in 1944 die [britische] RAF versuchte das Gestapo Hauptquartier in Kopenhagen zu bombardieren, wobei einige Bomben das Ziel verfehlten und auf ein dänisches Kinderspital fielen und dabei 83 kleine Kinder töteten.
Haben sie noch eine Frage?“, schloss Netanjahu.
(übersetzt aus dem Englischen von Uri Russak)
Zum Abschluss ein interessanter Artikel von Uri Dromi aus der Herald Tribune vom 22. August mit den Titel „Die vielen Fehler der Hisb’allah“ (Hisbollah’s many mistakes), Im Unterschied zu anderen Meinungen denkt er, dass die Hisb’allah in diesem Krieg sehr viel verloren und das israelische Publikum es nicht gemerkt hat. Ich selbst kann mich zu Dromis Ansicht nicht aufraffen, zu vieles ist schiefgelaufen und falls es positives gibt, dann, so denke ich, trotz und nicht wegen der Politik unserer Regierung. Nur eine seiner Fakten akzeptiere ich und es könnte vielleicht sein hauptsächliches Argument sein: die 4000 Raketen, mit ihren Schrapnellköpfen, haben dem Durchhaltevermögen und der geistigen Stärke keinerlei Schaden verursacht, ja diesen sogar noch verstärkt. Aber lesenwert ist dieser Artikel auf jeden Fall, vor allem weil es schädlich ist ausschliesslich die eigene Meinung bestätigendes zu lesen.

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