Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Montag, September 04, 2006

Wunder

30.8.2006 – Wunder

Die heutigen Tage sind Tage der Wunder. Araber kritisieren sich selbst.

Prinz Hassan von Jordanien wird in einem Artikel des Yedioth Ahronot unter dem Titel “Prince Hassan: Die arabische Führung stiehlt Milliarden von ihrem Volk“. Diese Feststellung ist nicht neu, doch wenn bisher aus arabischem Munde kam, dann von jemandem, der nicht in der Region lebt, sondern im sicheren Westen. Der Prinz spricht aus was alle wissen, dass statt in Entwicklung, Wirtschaft, Erziehung und Soziales zu investieren, aufgerüstet wurde und wird. Israel ist dafür die vorgeschobene Ausrede, der Erhalt eigener Macht oder die Furcht vor den eigenen arabischen und muslimischen Nachbarn, ja vor dem eigenen Volk, die sunnitische Furcht vor den Schiiten, die Furcht vor al Kaida und ähnlichem der wirkliche Grund. Geld gibt es in der arabischen Welt mehr als genug, nur ist es sehr ungleich verteilt.

Noch ein Wunder: Der Sprecher der regulären Hamas kritisiert die in Gaza herrschende Gesetzlosigkeit, den Chaos, den gegenseitigen Mord, Entführungen und ähnliches das vor allem den Gaza-Palästinensern das Leben zur Hölle macht. Es sei nicht Israel, sondern „Die Bakterie namens Dummheit“ (gemäss NZZ 30.8.06), von der sich die Palästinenser hätten anstecken lassen. Der Chaos im Gazastreifen sei allein von den Milizen verursacht. Man solle, so die Aufforderung von Ghazi Hamad, auch bei sich selbst und nicht ausschliesslich bei Israel suchen.

Ein weiteres Wunder: Scheich Hassan Nasrallah, Führer der Hisb’allah, hat zugegeben Fehler gemacht zu haben. Er habe sich nicht vorstellen können, dass wegen seiner Entführung von zwei Soldaten Israel so heftig reagieren würde. Auch wenn diese Entführung nur der Auslöser dieses Krieges gewesen ist, zeigt es den Unterschied im Stellenwert eines menschlichen Lebens zwischen westlicher und orientalischer, zumindest jihadischer, Kultur. Das ist vereinfachend gesagt, aber wenn ich mich an Leserbriefe in der Schweizer Presse entsinne, haben sich verschiedentlich Schreiber buchhalterisch darüber aufgeregt, dass Israel nur wegen zwei Soldaten einen Krieg angefangen hat. Diese Feststellung stimmt grundsätzlich nicht, denn den Casus Belli lieferten die Hisb’allah und die Entführung war bestenfalls der prominenteste Grund dafür, dass Israel zurückschlug. Mit Menschenleben Buchhaltung zu führen erinnert mich zu sehr an das Dritte Reich. Nasrallahs Feststellung scheint darauf hinzuweisen, dass er und seine Leute einen weit schlimmeren Schlag in diesem Krieg erlitten haben, als er die Welt durch sein Schweigen glauben machen will. Auch scheint er zu merken, dass er vielleicht vom tumben arabischen Volk und seiner mehrheitlich hysterischen Elite zur Zeit geliebt und verehrt wird, doch die Regierenden ihn gar nicht mögen, repräsentiert er doch alles, vor dem sie sich fürchten.

Vielleicht läuten diese überraschenden Stellungsnahmen eine neue Zeit arabischer Selbstbesinnung und sogar der Bereitschaft zur Übernahme eigener Verantwortung ein. Auf jeden Fall ist zu hoffen, dass diese Fälle von Vernunft nicht Einzelfälle bleiben und in wenigen Tagen von der Bildfläche verschwinden, sondern zu einer gedanklichen Öffnung in diesen Kreisen führt. Dieser Schimmer von Einsicht, die wirklichen Probleme unserer Region zu akzeptieren, sollte, so hoffe ich, den Weg zur Lösung erleichtern. Er wäre eine gedankliche Revolution in arabischen Köpfen und könnte, Weichen neu stellen. Ein wichtiger Schritt wäre es nun, dass sich die arabische Führung dem eigenen Volk diese Einsicht weiter vermittelt, dass dieses den ohnmächtigen Hass auf alles westliche langsam abstreift und selbst zu denken und zu informieren beginnt. Das würde auch viel Wind aus den Segeln des israelischen Volkes nehmen, das in den vergangenen Jahren zum Teil politisch weit nach rechts gerutscht ist, verunsichert und abgestossen vom Hass, der ihnen aus der arabischen Welt entgegenschlägt und dem sie nichts entgegenzusetzen haben. Zu viele Israelis sind durch die Angst und das vollständig fehlende Vertrauen in arabische und vor allem palästinensische Partner in die Arme eines Rechtsextremismus getrieben worden, der jedem demokratischen Bürger Sorgen machen muss. Vorerst ist diese noch minimale Öffnung von arabischer Seite ein träumerisches Zeichen der Hoffnung – aber wie der alte David Ben Gurion schon mit seinem bestbekannten Bon Mot sagte: „Um in Israel Realist zu sein, muss man an Wunder glauben“.

Die Schweizer Armee, Streumunition und das Recht zur Rückkehr

26.8.2006 – Die Schweizer Armee, Streumunition und das Recht zur Rückkehr

Am 22.8.06 schrieb ich recht ausführlich über den Vorwurf an Israel Streubomben zu verwenden. Jetzt habe ich in der Website des „Center of Contemporary Conflict“ entdeckt, dass die Schweizer Armee selbst entwickelte Streumunition „anwendet“ (das englische Wort „use“ wird benutzt), die statt den normalen 10% Blindgängern nur deren 2% hinterlässt, da diese Schweizer Munition, wenn sie nicht explodiert, sich mittels einem Mechanismus als Blindgänger selbst zerstört. In obigem Link ist darüber im Abschnitt „How to Effectively Reduce the Amount of ERW“ zu lesen. Ich schlage vor, dem Bundesrat zu raten, die humanitäre Tradition der Schweiz in der Praxis anzuwenden und dieses Schweizer Qualitätserzeugnis Israel zu einem Vorzugspreis zu offerieren. Das wäre gut für die Schweizer Wirtschaft und würde einigen von Israels Feinden das Leben retten. Zudem muss ich unbedingt wissen, gegen welchen Feind die Schweiz zur Zeit diese Streumunition anwendet.

Zu einem anderen Thema. Die Existenz Israels wird in der letzten Zeit in Frage gestellt und entsprechend diskutiert. Besonders das Recht, dass sich Israel als jüdischer Staat definiert und das auch bleiben will, wird ihm abgesprochen, obwohl es dabei die im Land lebenden Minderheiten nicht diskriminiert und diese in demokratischer Facon an (fast) allem teilhaben lässt. Es geht um „das Recht zur Rückkehr“ des jüdischen Volkes.

Über dieses Thema hat der Jurist Professor David Bernstein der George Mason University School of Law, im Wall Street Journal unter dem Titel „Hat Japan das Recht als japanischer Staat zu existieren?“ einen Essay geschrieben. Einen Link dazu kann ich leider nicht offerieren, denn ich habe kein Internet Abo für diese Zeitung. Aber der Artikel hat zu Diskussionen geführt und eine der Fragen war, ob es noch andere Länder mit ähnlicher Gesetzgebung zur Förderung der Rück- oder Einwanderung des eigenen Volkes gibt. Für die meisten, die diese Frage stellen ist das Judentum nur Religion (viele Diaspora-Juden teilen diese für sie bequeme Ansicht, der Schweizer oder Deutsche „mosaischen Glaubens“ kommt mir da in den Sinn), mit Rasse hat das Judentum gar nichts mehr zu tun, was jeder Besuch in Israel innert kürzester Zeit beweist.
Bernstein gibt eine ganze Reihe von Ländern an, die solche Bestimmung besitzen. Das israelische Recht zur Rückkehr bestimmt, dass jeder, der einen jüdischen Grosselterteil hat, von diesem Recht Gebrauch machen kann. Hier einige ähnliche Beispiele aus anderen Ländern:

· Japanisches Bürgerrecht basiert auf Jus sanguinis (Recht des Blutes). Anderssprachige Minderheiten leben in Japan seit Generationen ohne japanische Bürger zu sein.
· In Irland genügt es im Ausland geboren zu sein und einen der Grosseltern als irischen Bürger zu haben, zur irischen Bürgerschaft berechtigt.
· Armenien: „Menschen armenischen Ursprungs werden in der Republik Armenien in einem vereinfachten Verfahren eingebürgert.“
· Bulgarien: „Jede Person ... deren Vorfahren bulgarische Bürger waren und das von einem Gericht bestätigt worden ist, ist bulgarischer Bürger“
· Finnland: Alle Personen finnischen Ursprungs erhalten permanente Niederlassung.
· Deutschland: Deutsches Recht erlaubt Personen deutschen Ursprungs aus Osteuropas nach Deutschland zurückzukehren und deutsche Bürgerschaft zu erhalten.
· Griechenland: Ausländische Personen griechischen Ursprungs, die nicht in Griechenland wohnen oder nicht griechische Bürger sind oder nicht in Griechenland geboren wurden können griechische Bürger werden, wenn sie in die griechischen Armee eintreten.

Soweit der internationale Vergleich zum israelischen Gesetz „Recht zur Rückkehr“. Israel hat allerdings ein zusätzliches Problem, nämlich das der Palästinenser, die in 1948 flohen und heute den Anspruch stellen bis zur vierten Generation das selbe „Recht zur Rückkehr“ zu haben.

Eines muss klargestellt werden: Israel ist alles andere als ein ausschliesslich religiöser Staat, wie es von Leuten, die sich nicht auskennen, angesehen wird. Es ist anzunehmen, dass der Ausdruck „von Gott auserwähltes Volk“, der oft zu Missverständnissen und Manipulationen führt, daran schuld ist. Israel ist keine Ausnahme in seiner Einwanderungs- und Bürgerrechtspolitik, wenn sie ethnisches und kulturelles Erbe in den Vordergrund stellt.

Eine Begegnung und zurück zur Politik

24.8.2006 – Eine Begegnung und zurück zur Politik

In den ersten Jahren meines Tagebuches schrieb ich viel über Erlebnisse und Menschen, die ich kenne oder gerade kennen gelernt habe. In den letzten zwei bis drei Jahren sind diese Themen etwas zu kurz gekommen. Eines meiner Vergnügen ist der Umgang mit interessanten Menschen und davon mangelt es in Israel nicht.

Heute früh wachten wir als Schweizerbürger auf, zogen uns schön an und fuhren nach Tel Aviv zur Botschaft. Dazu waren wir von der „Schweizer Revue“, dem Hausblatt jedes Auslandschweizers, aufgefordert worden, denn unsere roten Pässe mussten erneuert werden.

Damit es alle wissen, digitale, das heisst selbst am Computer gedruckte Passföteli werden von Frau Calmi-Rey, die offenbar auch von Fotografie nichts versteht, nicht akzeptiert, obwohl wenigstens in unserem Fall meine Bilder unendlich viel besser waren, als die billigen gebleichten Helgen, die professionell vom Fotografen auf einer Polaroid Kamera im Dreiminutentakt hergestellt werden. Aus diesem Grund marschierten wir von der Schweizer Botschaft an der Yarkonstrasse zum Mograbiplatz, wo es Fotostudios gibt und das, wie man in Englisch sagt, „made my day“.

Die Geschichte Israels, vor und nach der Staatsgründung, ist von wenigen Fotografen dokumentiert worden. Wenn ich hier Namen nenne, dann sind das Photojournalisten, die sich vor allem mit der Dokumentation politischer Prozesse und Persönlichkeiten befasst haben. Dass sie gelegentlich auch künstlerisch wertvolle Bilder produzierten, sei ihnen unbenommen. Einer von ihnen ist Nachum Gutman (nicht zu verwechseln mit dem israelischen Maler gleichen Namens, der auch fotografierte), ein anderer war Rudi Weissenstein. Beide Läden sind an der Allenbystrasse am Mograbiplatz zu finden, fünfzig Meter voneinander entfernt. Nachum verkauft Occasionkameras und andere fotografische Hardware, in einem Laden, in dem es gerade einen Quadratmeter Platz für Kunden gibt, während Rudis Geschäft ein Fotostudio ist. Beide Geschäfte sind alt, staubig und verstopft – kurz, romantisch. Bei Nachum waren Lea und ich schon verschiedene Male, jetzt war Rudi Weissenstein an der Reihe.

Rudi lebt nicht mehr. Als wir sein Geschäft betraten um die Passfotos machen zu lassen, wurden wir von einer jungen Philippinin empfangen, die Fotos schoss jemand mit einem russischen Akzent. An einem uralten Schreibtisch sass eine ältere Dame. An den Wänden und Schränken hingen grossformatige Fotos von Israels vergangenen Grössen, vor allem aus Politik und intellektuellen Kreisen. Einige kannte ich, den David Ben Gurion, Menachem Begin, Haim Herzog, Martin Buber sollte ein Israeli meines Alters sofort erkennen (die heutige Jugend hat, wenn gefragt, meist noch nie von Ben Gurion gehört und denkt Dayan sei eine Kaugummisorte). Aber viele kannte ich nicht und fragte die alte Dame. Es stellte sich heraus, dass sie nicht nur Hebräisch, sondern auch Deutsch der besten Sorte spricht, dass sie Miriam, die Witwe des Rudi Weissensteins ist und erst 93 Jahre alt sei. Miriam leitet nun das Studio, zusammen mit einem Fotografen (der mit dem russischen Akzent) und der hübschen Philippinin, die ihr, wie vielen Israelis ihrer Altergruppe, als Pflegerin dient. Seit dem Tod ihres Mannes Rudi, führt Miriam das Studio und hütet seine Negative.

1940 2006

Sie war es, die auf einem Bild als Turnerin zu sehen war – heute hat sie’s in den Knien und stehen tut ihr weh. Sie zeigte uns einen Sammelband von Rudis fotografischem Werk, 2002 herausgekommen und wir waren begeistert und kauften es auf der Stelle. Miriam bestand darauf eine Widmung für Lea und Uri hineinzuschreiben, was ziemlich viel Zeit brauchte, denn erst schrieb sie einen Entwurf, las ihn uns vor und fragte, ob wir damit einverstanden seien und dann erst trug sie es in das Buch ein. Wir redeten viel, sie führte uns durch das Buch in dem Teile der dreissiger Jahre gezeigt sind, sie konnte sich jeder Einzelheit erinnern. Miriam erzählte über ihr ärztliches Problem mit den Knien, da konnte Lea mitreden. Beide waren beim selben Professor der Orthopädie, der gerne operieren möchte. Aber Miriams Sohn, selbst Arzt, findet, dass eine 93-jährige Dame das wohl kaum überleben würde, auch wenn es ihr sonst blendend geht. Es bedrückt sie, die schönen Turnübungen und Luftsprünge, die sie als Gymnastiklehrerin anderen beigebrachte hatte, nicht mehr selbst ausführen zu können. Schön war es mit ihr Deutsch zu sprechen, ohne Akzent, in der Art der alten Jeckes, für die ich so viel übrig habe und von denen es kontinuierlich weniger gibt.

Solche Begegnungen liebe ich. Weit mehr, als Politik.

Deshalb zurück zur Politik.

Man muss Netanjahu und seine Politik nicht mögen, aber er hat Köpfchen und redet überzeugender als sämtliche seiner Berufskollegen. Sich mit ihm anzulegen kann blamabel sein. Hier eine kurze und wahre Geschichte:

Ein britischer Journalist interviewte Netanjahu: „Wie kommt es, dass viel mehr Libanesen als Israelis in diesem Krieg getötet wurden?“

Netanjahu: „Sind sie sicher, dass sie darauf eine Antwort wollen?“

Der Journalist stolperte in die Falle: „Warum nicht?“

Netanjahu: „Im Zweiten Weltkrieg kamen mehr Deutsche ums Leben als Briten und Amerikaner zusammen, aber niemand zweifelt, dass dieser Krieg durch deutsche Aggression verursacht worden ist. Als Antwort auf den deutschen Blitz auf London radierten die Briten die gesamte Stadt Dresden aus und es verbrannten dort mehr deutsche Zivilisten als in Hiroshima durch die Atombombe den Tod fanden. Zudem will ich sie daran erinnern, dass in 1944 die [britische] RAF versuchte das Gestapo Hauptquartier in Kopenhagen zu bombardieren, wobei einige Bomben das Ziel verfehlten und auf ein dänisches Kinderspital fielen und dabei 83 kleine Kinder töteten.

Haben sie noch eine Frage?“, schloss Netanjahu.
(übersetzt aus dem Englischen von Uri Russak)

Zum Abschluss ein interessanter Artikel von Uri Dromi aus der Herald Tribune vom 22. August mit den Titel „Die vielen Fehler der Hisb’allah“ (Hisbollah’s many mistakes), Im Unterschied zu anderen Meinungen denkt er, dass die Hisb’allah in diesem Krieg sehr viel verloren und das israelische Publikum es nicht gemerkt hat. Ich selbst kann mich zu Dromis Ansicht nicht aufraffen, zu vieles ist schiefgelaufen und falls es positives gibt, dann, so denke ich, trotz und nicht wegen der Politik unserer Regierung. Nur eine seiner Fakten akzeptiere ich und es könnte vielleicht sein hauptsächliches Argument sein: die 4000 Raketen, mit ihren Schrapnellköpfen, haben dem Durchhaltevermögen und der geistigen Stärke keinerlei Schaden verursacht, ja diesen sogar noch verstärkt. Aber lesenwert ist dieser Artikel auf jeden Fall, vor allem weil es schädlich ist ausschliesslich die eigene Meinung bestätigendes zu lesen.

Die Mär der Streubomben und der Sex

22.8.2006 – die Mär der Streubomben und der Sex

Streubomben (in Englisch Cluster Bombs) sind eine amerikanische Erfindung und werden ausschliesslich in den USA hergestellt. Die Waffe, die anzuwenden Israel nun angeklagt wird, sind Artilleriegeschosse (nicht, wie viele meinen, Bomben aus Flugzeugen), die mit diesen amerikanischen Bomben nicht viel zu tun haben. Diese Geschosse, so mein Berater, ein pensionierter Oberst, sind weit weniger gefährlich als eine Handgranate, streuen in einem kleinen Umkreis und töten nicht, sondern verwunden „nur“. Sie sind nicht geächtet, wie die grossen echten Streubomben, die aus Flugzeugen abgeworfen werden und eine Art Minen streuen, die grauenhafte Schäden anrichten können. Bei beiden soll es etwa 10% Blindgänger geben.

Das ist insofern interessant, als diese Artilleriegeschosse gemäss internationalem Recht und im Gegensatz zu den Cluster Bombs nicht verboten sind. Diese Streubomben sind nun das neueste Argument krankhaft antiisraelischer Kreise, die das im Zusammenhang mit dem soeben unterbrochenen Libanonkrieg in die Diskussion einbringen. Es war ausschliesslich die Organisation Human Rights Watch, die das festgestellt haben will und auf die sich alle anderen berufen. Human Rights Watch hat durch das Verwechseln zweier verschiedenartiger Munitionsarten „Munition“ für Israelkritiker geliefert.

Ähnlich, aber weit gefährlicher sind die von der Hisb’allah nach Israel abgeschossenen 3500 Katjushas und andere Raketen, die alle mit Schrapnell und Schrottkugeln vollgestopft waren. Diese Raketen dienen dem ausschliesslichen Ziel, möglichst viele Zivilisten zu töten. Militärisch sind sie wertlos, da sie nicht gezielt eingesetzt werden können. Ihren Effekt konnte die ganze Welt beobachten, bisher hat sich noch keine Menschenrechts-organisation beklagt. Diese Raketen mit ihrem streuenden und tödlichen Inhalt sind noch recht neu und vielleicht deshalb noch nicht in der Liste geächteter Waffen. Im übrigen wurde mitgeteilt, das im ganzen Galiläa einige Hundert Blindgänger liegen. Das Publikum wurde gewarnt, diese nicht zu berühren und sofort zu melden.

Ich habe mich umgehört, neben Louis und Amos noch mit einigen anderen Sachkundigen gesprochen, darunter keine Apologeten oder „Colonel Blimps“, und bin zum Schluss gekommen, dass die israelische Armee im Libanon keine Streubomben benutzt hat. Dafür gibt es einleuchtende Argumente:

· Ich sprach auch mit meinem Freund Louis Loewenthal über das Thema. Louis, in England geboren und schon fast fünfzig Jahre in Israel, wohnt im arabischen Quartier Jaffas, politisiert dort (sehr links) und ist Publizist und Übersetzer. Im ersten Libanonkrieg von 1982 war er, der ehemalige Fallschirmspringer, wegen seinen Englischkenntnissen bei der Pressestelle der Armee tätig. Im ersten Libanonkrieg befasste er sich mit dem Vorwurf, Israel habe Streubomben eingesetzt. Die Situation war fast identisch. Auch in 1982 wurde Israel der Einsatz von Streubomben vorgeworden, doch musste dieser Vorwurf zurückgezogen werden.

· Die Anwendung von Streubomben wurde während dem Krieg von der überall anwesenden internationalen und nationalen Presse nie erwähnt. Da es heute praktisch keine Pressezensur mehr gibt (die Satellitensysteme der Geheimdienste und der Medien haben dafür gesorgt), kann man sich darauf verlassen. Sogar ein extrem israelkritischer Reporter wie der seit Jahren im Mittleren Osten tätige englische Journalist Robert Fisk, der nicht nur Schreibtischjournalismus betreibt, sondern mutig von der Front wirkt, hat diese verbotene Waffe nicht erwähnt. Ebenso wäre es ausgesprochen lächerlich zu behaupten, die israelische Armee würde vor den überall gegenwärtigen UNIFIL-Beobachtern eine solche Waffe einsetzen.
· Beim Suchen im Internet über dieses Thema fand ich ausschliesslich Hinweise über Streubomben in den Websites politisch extremer Organisationen oder Hinweise, die aus diesen Kreisen übernommenen worden sind.

Ein weiteres Thema, das angeschnitten werden sollte sind die von Israel erlittenen Verluste und Schäden an Menschen und Besitz. Man liest und hört eigentlich wenig darüber und ich denke, der eine Grund ist, dass Israel, nicht wie seine arabischen Gegner, sich als „Nebbische“ (aus dem Jiddischen: Schlappschwanz, weinerlicher Schwächling oder „professionelles“ ebenso weinerliches Opfer) darstellen wollen. Dem israelischen Macho liegt das nicht. Der zweite Grund ist, so denke ich, der, dass Israel den durch den Krieg geschwächten Tourismus und andere Branchen der Wirtschaft nicht durch Klagen über Schäden der Infrastruktur schwächen wollen.

Was mich an dieser Diskussion – falls sie überhaupt eine ist – ärgert, ist die Tatsache, dass Israel über den erfundenen Gebrauch nicht legaler Waffen gegen einen Gegner, der sich hinter dafür hinter festgehaltenen zivilen Menschen versteckt, angeklagt wird, während wegen den rund 3500 arabischen Raketen, die ausschliesslich gegen israelische Zivilisten eingesetzt worden sind, sich niemand für die toten Israelis einsetzt. Jene, die den Feinden Israels unreflektiert jede Lüge abkaufen, sollten sich dies überlegen. Aber nochmals, wir Israelis wollen nicht als Nebbische angesehen werden. Das ist auch etwas wert.

All das ändert gar nichts an der Tatsache, dass unsere Regierung und Militärführung für diesen äusserst schlecht geführten Krieg zur Kasse gebeten werden müssen. Es gibt schon ganze Volksbewegungen zusammengesetzt aus Politikern, Journalisten, Reservesoldaten die sich verheizt vorkommen, die heute demonstrieren und den Rücktritt oder gar Rauswurf von Olmert, Peretz und Halutz fordern.

Weit interessanter finde ich die sexuellen Eskapaden unserer Politiker. Justizminister Ramon ist zurückgetreten und Staatspräsident Katzav, der es mit drei Mädchen getrieben haben soll, wird unter fröhlicher Anteilnahme aller Bürger polizeilich verhört. Sogar seinen Computer habe die Polizei konfisziert – was dieser mit seinen Tändeleien zu tun haben kann, weiss ich nicht. Vielleicht hat er im Internet nach Sex gesurft. Ramon und Katzav führen die Tradition früherer Prominenter weiter, die zum Teil sogar für solche Delikte verurteilt worden sind, wie der ehemalige General und Verteidigungsminister Mordechai. Jetzt bleibt es der Polizei überlassen, die noch nicht geouteten politischen Prominenten-Casanovas zu finden. Ohne eine extrem ausgeprägte Libido kann in Israel ganz offensichtlich niemand in hohe Ämter einsteigen. Wie schön waren die Zeiten mit Golda Meir.