Wunder
Die heutigen Tage sind Tage der Wunder. Araber kritisieren sich selbst.
Prinz Hassan von Jordanien wird in einem Artikel des Yedioth Ahronot unter dem Titel “Prince Hassan: Die arabische Führung stiehlt Milliarden von ihrem Volk“. Diese Feststellung ist nicht neu, doch wenn bisher aus arabischem Munde kam, dann von jemandem, der nicht in der Region lebt, sondern im sicheren Westen. Der Prinz spricht aus was alle wissen, dass statt in Entwicklung, Wirtschaft, Erziehung und Soziales zu investieren, aufgerüstet wurde und wird. Israel ist dafür die vorgeschobene Ausrede, der Erhalt eigener Macht oder die Furcht vor den eigenen arabischen und muslimischen Nachbarn, ja vor dem eigenen Volk, die sunnitische Furcht vor den Schiiten, die Furcht vor al Kaida und ähnlichem der wirkliche Grund. Geld gibt es in der arabischen Welt mehr als genug, nur ist es sehr ungleich verteilt.
Noch ein Wunder: Der Sprecher der regulären Hamas kritisiert die in Gaza herrschende Gesetzlosigkeit, den Chaos, den gegenseitigen Mord, Entführungen und ähnliches das vor allem den Gaza-Palästinensern das Leben zur Hölle macht. Es sei nicht Israel, sondern „Die Bakterie namens Dummheit“ (gemäss NZZ 30.8.06), von der sich die Palästinenser hätten anstecken lassen. Der Chaos im Gazastreifen sei allein von den Milizen verursacht. Man solle, so die Aufforderung von Ghazi Hamad, auch bei sich selbst und nicht ausschliesslich bei Israel suchen.
Ein weiteres Wunder: Scheich Hassan Nasrallah, Führer der Hisb’allah, hat zugegeben Fehler gemacht zu haben. Er habe sich nicht vorstellen können, dass wegen seiner Entführung von zwei Soldaten Israel so heftig reagieren würde. Auch wenn diese Entführung nur der Auslöser dieses Krieges gewesen ist, zeigt es den Unterschied im Stellenwert eines menschlichen Lebens zwischen westlicher und orientalischer, zumindest jihadischer, Kultur. Das ist vereinfachend gesagt, aber wenn ich mich an Leserbriefe in der Schweizer Presse entsinne, haben sich verschiedentlich Schreiber buchhalterisch darüber aufgeregt, dass Israel nur wegen zwei Soldaten einen Krieg angefangen hat. Diese Feststellung stimmt grundsätzlich nicht, denn den Casus Belli lieferten die Hisb’allah und die Entführung war bestenfalls der prominenteste Grund dafür, dass Israel zurückschlug. Mit Menschenleben Buchhaltung zu führen erinnert mich zu sehr an das Dritte Reich. Nasrallahs Feststellung scheint darauf hinzuweisen, dass er und seine Leute einen weit schlimmeren Schlag in diesem Krieg erlitten haben, als er die Welt durch sein Schweigen glauben machen will. Auch scheint er zu merken, dass er vielleicht vom tumben arabischen Volk und seiner mehrheitlich hysterischen Elite zur Zeit geliebt und verehrt wird, doch die Regierenden ihn gar nicht mögen, repräsentiert er doch alles, vor dem sie sich fürchten.
Vielleicht läuten diese überraschenden Stellungsnahmen eine neue Zeit arabischer Selbstbesinnung und sogar der Bereitschaft zur Übernahme eigener Verantwortung ein. Auf jeden Fall ist zu hoffen, dass diese Fälle von Vernunft nicht Einzelfälle bleiben und in wenigen Tagen von der Bildfläche verschwinden, sondern zu einer gedanklichen Öffnung in diesen Kreisen führt. Dieser Schimmer von Einsicht, die wirklichen Probleme unserer Region zu akzeptieren, sollte, so hoffe ich, den Weg zur Lösung erleichtern. Er wäre eine gedankliche Revolution in arabischen Köpfen und könnte, Weichen neu stellen. Ein wichtiger Schritt wäre es nun, dass sich die arabische Führung dem eigenen Volk diese Einsicht weiter vermittelt, dass dieses den ohnmächtigen Hass auf alles westliche langsam abstreift und selbst zu denken und zu informieren beginnt. Das würde auch viel Wind aus den Segeln des israelischen Volkes nehmen, das in den vergangenen Jahren zum Teil politisch weit nach rechts gerutscht ist, verunsichert und abgestossen vom Hass, der ihnen aus der arabischen Welt entgegenschlägt und dem sie nichts entgegenzusetzen haben. Zu viele Israelis sind durch die Angst und das vollständig fehlende Vertrauen in arabische und vor allem palästinensische Partner in die Arme eines Rechtsextremismus getrieben worden, der jedem demokratischen Bürger Sorgen machen muss. Vorerst ist diese noch minimale Öffnung von arabischer Seite ein träumerisches Zeichen der Hoffnung – aber wie der alte David Ben Gurion schon mit seinem bestbekannten Bon Mot sagte: „Um in Israel Realist zu sein, muss man an Wunder glauben“.
