Hochzeitstag
Lea und ich sind heute 47 Jahre lang verheiratet. Lea sorgt dafür, dass ich es nie vergesse. In diesen paar Jahren ist viel passiert und wir haben Erfahrungen gesammelt, Kriege überstanden, viele Freunde gewonnen, die Welt gesehen und, sehr wichtig, die Familie vergrössert. Aus drei Kindern neun Enkel zu produzieren ist, so denke wenigstens ich, eine stolze Leistung. Es mag altmodisch klingen dies zu erwähnen, aber die jüdische Linie der Russaks ist nach uns für weitere zwei Generationen gesichert, die Schwägerschaft kann sich sehen lassen.
Soweit zum persönlichen Glück der Familie.
Zur Entwicklung des Waffenstillstandes gibt es nur eine treffende Bezeichnung: Scheisse! Die im allgemeinen negative Sicht der Dinge im Volk teile ich, auch wenn die Regierung sich bemüht, dass Gegenteil zu behaupten. Die Vorstellung, die noch vor zwei Tage existierte, dass wenigstens Teile des Kriegsziels realisiert worden sind, wird kontinuierlich illusorischer. Dabei waren diese Ziele sehr klar, aber der Weg diese zu erreichen war das nicht. Keiner versteht warum grosse Teile der Armee abgezogen werden bevor europäischer Ersatz eintrifft. Heute wurde bekannt, dass die Hisb’allah wieder im Süden des Libanons sind, bewaffnet wie zuvor – nur dürfen sie Waffen, gemäss einem Abkommen mit der libanesischen Regierung, in der Öffentlichkeit nicht auf sich haben. Wer’s glaubt wird selig. Die internationale Truppe, von der wir sowieso wenig halten, brauche noch Monate der Vorbereitung. Aber steht noch nicht fest, von welchen Ländern und ob überhaupt, diese Truppen gesendet werden sollen. Alles ist in der Luft, niemand begreift warum das Ganze so eine Wendung genommen hat. Man ist sich mehrheitlich einig, dass die Regierung keine vernünftigen Weisungen an die Armee gegeben hat, das klare militärische Ziel durch die Armee nicht mit genügend Kraft durchsetzen liess, obwohl dies ohne weiteres möglich gewesen wäre. Colin Powell sagte in 1991 “[Militärische] Macht, falls angewendet, muss überwältigend und unverhältnismässig sein im Vergleich zur [militärischen] Macht des Feindes” (the force, when used, should be overwhelming and disproportionate to the force used by the enemy). Daran hat sich Israel überhaupt nicht gehalten, auch wenn einige Gutmenschen das genaue Gegenteil behaupten.
Kurz und gut, wir denken, alles wird bald wieder von vorne anfangen.
Said Abu-Shakra, ein enger Freund und Leiter der Galerie für moderne Kunst in Umm El-Fahm hat mir über Jahre hinweg verschiedentlich versichert, dass israelische Araber, von den Palästinensern der Westbank und Gaza genannten „Araber von 1948“, von diesen gehasst werden. Diese Feststellung hat mich immer von neuem überrascht und ich zweifelte daran, denn ich dachte, dass verwandtschaftliche Beziehungen und gemeinsame Vergangenheit, so etwas einfach nicht möglich machen. Nun habe ich die Bestätigung für Saids Aussage gefunden. Gestern las ich in der Zeitung „Yediot Ahronot“ über von arabischen Raketenflüchtlingen aus Haifa gemachte Erfahrungen in Bethlehem, Ramallah und Ostjerusalem. Sie wurden beschimpft, ihre Kinder geschlagen, sie wurden betrogen und ihnen gesagt, sie seien schlimmer als die Juden. Israelische Araber, durchschnittlich weit wohlhabender als Araber in den um Israel liegenden Ländern, spenden Geld für Wohltätigkeit in den besetzten Gebieten. Viele haben dafür einen ständigen Bankauftrag bei ihrer Bank, die monatlich eine Summe an palästinensische Wohltätigkeitsfonds überweisen, ähnlich uns Juden, die aus dem Ausland Gelder an zionistische Fonds, Schulen, Spitäler und soziale Einrichtungen überweisen und so ihre Solidarität kundtun. (Es scheint allerdings schon passiert zu sein (Beweise habe ich keine gesehen), dass arabische Gelder vom unwissenden Spender auf Konti der Hamas und ähnlichen Terrorinstitutionen gelandet sind, was dann von rechtsextremen jüdischen Kreisen mit den Worten „wir haben’s ja immer gesagt“ zur Delegitimierung arabischer Israeli missbraucht wird). Auf jeden Fall, diese arabischen Familien flohen nach wenigen Tagen wieder ins heimatliche Haifa zurück. Ein Familienvater sagte, er werde keinen müden Schekel mehr für die Palästinenser spenden.
In diesem Zusammenhang soll festgestellt werden, dass analog zu 1948, auch in diesem Krieg die Araber Israel aufgefordert wurden Haifa zu verlassen, damit Hisb’allah in Ruhe die dortigen Juden abschlachten könne. Allerdings soll der Prozentsatz jüdischer Flüchtlinge weit grösser gewesen sein, als die paar arabischen Familien, die von Haifa in südlichere Ferien reisten.

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