Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Montag, August 14, 2006

Eine Erinnerung und heutiges

12.8.2006 – Eine Erinnerung und heutiges

Vor ungefähr dreissig Jahren besuchte ich einen älteren Arzt in seiner Praxis an der Bahnhofstrasse in Zürich. Er erzählte mir, er sei Mitglied der Schweizer Ärztedelegation in Polen gewesen und habe auch mehrere Male das Warschauer Ghetto besucht. Gemäss meinen Recherchen hat diese Ärztedelegation, geleitet vom Nazisympathisanten Oberstdivisionär Bircher, keine Juden behandelt. Er verstehe schon, dass die Deutschen auf die Juden dort zurückgeschossen hätten, denn diese Juden hätten ja auf die deutschen Soldaten gefeuert und überhaupt viel Unruhe verursacht. Ich will den Namen dieses Arztes nicht nennen, ich bezweifle, dass dieser Neurologe noch unter uns weilt. Aber ich hatte nicht den Eindruck, er sei ein Antisemit gewesen, dazu war er zu unschuldig. Er war ein Mensch, der einfach nichts hinterfragte. Oder er hat mich hinters Licht geführt. Was er eindeutig nicht besass, war ein Minimum von Empathie, ein heute wieder anzutreffender Mangel – doch ist mir weit wohler in diesen Tagen (1943 war ich noch keine sechs Jahre alt), in denen ich fast täglich mit vorwiegend nichtjüdischen Freunden in Kontakt stehe. Das ist für mich nicht ganz selbstverständlich, sollte es aber sein.

Die Welt ist voll von Filmen und Fotos der von Israel angerichteten Schäden im Libanon. Die bisher 3000 Hisb’allah Raketen haben in Israel auch Schäden an Menschen und Besitz angerichtet, von denen aber kaum Kenntnis genommen wird. Ein klein wenig will ich mit diesen als Attachment mit einer mir geschickten Diashow dieses Manko ausgleichen. Im Gegensatz zu „einigen“ Fotografien aus dem Libanon, sind sie weder arrangiert noch gefälscht. Einige der Schäden in der Nähe des Rambamspitals in Haifa habe ich selbst besucht und gesehen.

Ich bin seit langem nicht mehr im Norden Israels gewesen, mein nördlichster Besuch galt Haifa. Dort herrscht Geisterstadt-Stimmung, noch schlimmer soll es in den Städten und Dörfern in Galiläa sein. Nur mein Sohn Jehoschua ist in Koranit geblieben, er liebt sein eigenes Bett und hat zu arbeiten. Frau und Kinder sind unter der Familie verteilt, die alle im Süden wohnen. Dasselbe gilt für unser Tochter Dvorith, deren Kinder bei uns sind oder in speziellen Sommerlager für Kinder aus dem Kriegsgebiet teilnehmen. Sie sind Flüchtlinge, es kommt ihnen aber nicht in den Sinn, sich als Opfer darzustellen, sie haben genügend stolz und Rückhalt bei der gesamten Familie, um sich nicht heulend vor den Medien zu präsentieren. Das hat nichts mit der zusätzlichen Tatsache zu tun, dass sich Medien kaum für jüdische „Opfer“ interessieren.

Inzwischen habe ich festgestellt, wie verschieden Israelis reagieren. Hier in Zichron Ya’akov, wo bisher sechs Mal die Sirenen geheult haben, gibt es kaum „Flüchtlinge“, aber nicht alle meine Freund trauen sich aus dem Haus. Einer will deswegen nicht mehr ins Kaffeehaus, ein anderer schleppt immer ein Radio herum und alle wissen die Telefonnummer (1207) des Zivilschutzes der Armee.

Ebenso ist inzwischen klar geworden, dass hauptsächlich jene Nordisraelis, die weder Familie im Süden noch finanzielle Mittel besitzen, in ihren Häusern und Wohnungen ausharren. Die Regierung, auf Vorwürfe reagierend, will das ändern und diesen Leuten helfen, die verbleibenden Kriegstage (wie viele noch?) im sicheren Süden zu verbringen. Wie sie das anstellen will, ist mir unklar.