Rabbiner Tovia Ben Chorin in der NZZ
Endlich äussert sich jemand aus der jüdischen Prominenz über den Krieg Israels gegen die Hisb’allah. Dass es mein lieber Freund Rabbiner Tovia Ben-Chorin ist verwundert mich nicht und ich bin ihm unendlich dankbar für seinen Essay in der NZZ am Sonntag von gestern.
Die Überschrift sagt pointiert die Essenz in zwei Sätzen:
„Wenn dich jemand töten will, so komme ihm zuvor“
Israel bekämpft in Libanon den islamistischen Extremismus. Scheitert dies, dann wird sich dieser Kampf auf Europa ausdehnen.
In diesem ruhigen aber beunruhigenden Essay zeugt Tovia von seinem auf Wissen beruhender Durchsicht der Probleme Israels und der Welt mit dem Islam und deren Hintergründe, sowie die Bösartigkeit der Projektion auf nichtislamische Kulturen, besonders aufs Judentum und aus Christentum. Tovia, ein sehr versöhnlicher Mensch, der Purzelbäume schlägt um einen Dialog zu erreichen, hat, wenigsten in bezug auf die Hisb’allah, den versöhnlichen Weg aufgegeben.
Nur in zwei Dingen habe ich kleine Vorbehalte und bin mit ihm nicht ganz einverstanden. Das eine ist sein Verständnis für arabische „Ehre“. Zum Wiedererlangen der ägyptischen Ehre in 1973 wurden 2700 israelische Tote und weit mehr Verletzte geopfert. Dieses fast ausschliessliche und krankhafte Beschäftigtsein der islamischen Welt mit „Ehre“ darf nicht auf Kosten der westlichen Welt akzeptiert werden. Nicht nur Israel, sondern alle, die mit islamischem Krieg und Terror „beehrt“ werden und nicht weniger die unzähligen Frauen, die aus Gründen dieser perversen „Ehre“ ermordet werden, sind zu deren Opfer geworden. Es ist gut den Faktor Ehre in der arabische Gesellschaft zu kennen, zu analysieren und zu verstehen, aber verstehen darf nicht zu Akzeptanz führen. Das wäre die Aufgabe einer unserer eigenen kulturellen Errungenschaft.
Der zweite Punkt ist Tovias Beschreibung der Absichten von Hisb’allah gegenüber Israel und den Juden. Er bringt das als „Understatement“. Ziel von Hisb’allah ist es nicht, das Leben der Israel unerträglich zu machen, sondern den Staat Israel zu zerstören und seine Juden zu vernichten, ganz im Sinne Irans und dessen Präsidenten Ahmedinejad. Diese Tatsache ist in den vergangenen Monaten und Wochen mehr als genügend dokumentiert worden.
Beide meiner Einwände mindern den Wert von Tovia Ben-Chorins Aussage um nichts. Nun hat sich ein Schweizer Jude von Rang (eigentlich müsste man schreiben: ein Jude in der Schweiz von Rang) gemeldet, der etwas zu sagen hat und tut das auch in seinem unnachahmlichen sympathischen und sachlichen Stil.
Toda, Tovia.
NZZ am Sonntag, 20.08.2006, Nr. 34, S. 17
Meinungen
AA Auswärtige Autoren
"Wenn dich jemand töten will, so komme ihm zuvor"
Israel bekämpft in Libanon den islamistischen
Extremismus. Scheitert dies, dann wird sich dieser
Kampf auf
Europa ausdehnen, schreibt Rabbiner Tovia Ben-Chorin
Zwei Tendenzen lassen sich ausmachen im Nahen Osten: ein westlicher Einfluss, der sich
im Nationalismus äussert, und das Gefühl der islamischen Einheit.
Die zionistische Bewegung entstand als eine Antwort auf den europäischen
Antisemitismus und forderte die Rückkehr der Juden ins Land Israel und die Errichtung
eines jüdischen Staates. Die Juden hatten inmitten der westlichen Kultur gelebt und
schufen einen Nationalismus, der auf die Bibel gründete und welchen sie im Land Israel
verwirklichten. Dort hatten seit der Zeit des Erzvaters Abraham bis in unsere Zeit Juden
gelebt - unabhängig oder unter fremder Herrschaft.
Der Nationalismus der Araber schöpfte nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches
demgegenüber aus französischem und englischem Gedankengut. Der europäische
Kolonialismus unterstützte dabei zum einen traditionelle lokale Herrschaftsformen
(reiche Familien, Notabeln und Könige); andererseits versuchte er, der Region die
westliche Demokratie "einzupflanzen". Natürlich führte die wirtschaftliche Ausbeutung
durch den Westen zu Korruption, und in islamischen Kreisen entwickelte sich Widerstand
gegen den Einfluss von aussen, der sich im Land Israel zudem gegen die Rückkehr der
Juden richtete.
Dieser Widerstand erreichte seinen Höhepunkt nach dem Holocaust in Europa, als die
Völkergemeinschaft mit der Entscheidung der Uno vom 29. 11. 1949 das Recht der
Juden auf das Land Israel an der Seite eines arabischen Staates anerkannte. Während
die Juden den Teilungsplan annahmen, kämpften die Palästinenser dagegen. Seither
folgt ein Krieg auf den anderen.
Die schiitische Revolution, die unter der Führung Khomeinys 1979 gegen das korrupte
Regime des Schahs und gegen den amerikanischen Einfluss gerichtet war, kämpft heute
gegen die gesamte christlich geprägte westliche Kultur. Um ihre Ziele zu erreichen,
arbeiten die Iraner an der Entwicklung einer Atombombe. Im Irak stellen die Schiiten,
die nur zehn Prozent der islamischen Weltbevölkerung ausmachen, die Mehrheit. In
Libanon bilden sie eine starke Minderheit, die durch ihre Miliz, den Hizbullah ("Partei
Gottes") - Kommandotruppen, die von Iran ausgebildet und bewaffnet wurden -, die
Macht im Süden Libanons an sich gerissen hat. Ironischerweise haben sie Anteil an der
"libanesischen Demokratie", da sie im Beiruter Parlament und in der Regierung
vertreten sind. Die libanesische Regierung hat ihnen nachgegeben - in der Hoffnung, auf
diese Weise inneren Frieden zu bewahren.
Der Staat Israel ist in den Augen der Iraner eine Filiale des amerikanischen
Imperialismus im Nahen Osten. Daher unterstützen sie die Hamas und den Hizbullah,
um den Staat Israel zu eliminieren. Der iranische Präsident Ahmadinejad redet einerseits
immer wieder von einem Waffenstillstand, andererseits aber von der Notwendigkeit,
Israel zu vernichten. So bekämpft Israel mit den Schiiten im Süden Libanons zugleich
den islamischen Fundamentalismus. Sollten wir dort scheitern, wird der Kampf sich auf
Europa und andere Regionen der Welt ausweiten. In diesem Krieg geht es um die
Befreiung Libanons von der schiitischen Umklammerung und in der Hauptsache um das
Recht der Bürger des Staates Israel (Juden, Muslime, Christen, Drusen und andere), in
Frieden zu leben.
Die Kämpfe brachen aus nach der Entführung zweier Soldaten und einer Reihe von
Provokationen gegenüber Israel, obwohl Israel sich längst aus Libanon zurückgezogen
hatte. Leider wurde dieser Rückzug nicht mit der libanesischen Regierung abgestimmt,
so wie der Rückzug aus dem Gazastreifen im vergangenen Jahr nicht mit der
palästinensischen Behörde koordiniert war. In beiden Fällen wurde der leere Raum durch
radikale Kräfte ausgefüllt, die nur am Terror gegen die Zivilbevölkerung und keinesfalls
an einer Verständigung interessiert sind. Sie wollen das Image des militärisch "starken
Israel" brechen, wie im Oktoberkrieg 1973, als Israel hohe Verluste durch die Ägypter
hinnehmen musste. So wie dieses Ereignis zu einem Frieden mit Ägypten und dem
Königreich Jordanien beitrug, so könnte heute nun ebenso in Libanon eine
Neuorientierung gegenüber Israel in Gang kommen. In beiden Fällen haben die Araber
nach vorherigen Niederlagen ihre Ehre wiedererlangt.
Wenn Menschen sich als Opfer des westlichen Kolonialismus sehen und sie die Neigung
haben, andere für sich "die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen" - etwa im
Hinblick auf den Kampf gegen Korruption und Armut -, so bleibt ihnen nur ihre
persönliche Ehre. Wir sind im Westen, auch in Israel, nicht sensibel für Fragen des
Ehrgefühls, die bei den Palästinensern mit ihrer Katastrophe ("Nakba") des Jahres 1948
und dem Flüchtlingsproblem zu tun haben. Es geht zunächst darum, die Existenz eines
Problems anzuerkennen, für das man danach eine Lösung finden kann.
Was den Hizbullah anbelangt, so gehe ich von dem jüdischen Grundsatz aus, welcher
lautet: "Wenn dich jemand töten will, so komme ihm zuvor, und töte ihn"
(babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 72a). In keinem der vorherigen Kriege wurden
so viele Raketen auf die Bürger des Staates Israel abgefeuert wie in dem gegenwärtigen
durch den Hizbullah. Das Ziel des Hizbullah ist es, das Leben der Israeli unerträglich zu
machen. Unser Verhältnis zu den Palästinensern sieht anders aus. Es wird ein
palästinensischer Staat an unserer Seite entstehen, und zwangsläufig werden beide
Staaten voneinander abhängig sein. Hier suche ich Zuflucht bei einem anderen jüdischen
Grundsatz: "Wer ist weise? Wer seinen Feind zu seinem Freund machen kann" (Avot de
Rabbi Nathan, 23a).
Aus dem Hebräischen von Matthias Morgenstern.
928028, NZZ , 20.08.06; Words: 860, NO: EDW5D
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