Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Donnerstag, Juli 20, 2006

Verkehrte Welt

10.7.2006

Am vergangenen Samstag wurde am palästinensischen Fernsehen ein 2003 hergestellter Werbefilm gesendet, in dem der kleine Mohammed Al-Dura, in einer Schiesserei ums Leben gekommen, im Himmel friedlich spielend, palästinensische Kinder aufruft ihm zu folgen, an ihm ein Beispiel zu nehmen, Schahidim (Märtyrer) zu werden, den Weg des Selbstmords zu suchen und dabei möglichst viele Juden mitzunehmen. Der kleine Mohammed wird somit noch heute für arabische Perversitäten missbraucht, deren Opfer er wurde. (Ob er durch palästinensische oder israelische Kugeln starb ist bis heute noch umstritten. Diese Frage wurde zum Glaubensartikel der jeweiligen Konfliktseite. Die arabische Sängerin Aida begleitet den Film mit einem Song, in dem sie singt: „Wie angenehm ist der Duft der Erde, deren Durst durch das Blut junger Körper gestillt wird“. Wie gesagt, pervers. Es wird berichtet, dass drei unabhängige Umfragen ergaben, dass als Resultat einer Fernsehkampagne in den Jahren 2000 – 2003 siebzig bis achtzig Prozent aller palästinensischer Kinder eine Karriere als Schahidim erstreben. Wo sind die Eltern dieser kranken Gesellschaft?

Auch wird zur Zeit diskutiert, warum trotz barbarischem Benehmen, wie oben demonstriert, Morde an eigenen Leuten, an Juden, Christen und gelegentlich an anderen Fremden, an der bisher gezeigten Unfähigkeit einen eigenen Staat oder nur ein eigenes funktionierendes Gemeinwesen aufzubauen und eine eigene Wirtschaft zu erarbeiten, das Ansehen des palästinensischen Volkes, das zur arabischen Welt gehört, nicht grösseren Schaden genommen hat. Israel ist das Hauptziel der meisten Angriffe in jeder Form, ob propagandistisch, terroristisch oder militärisch ist, sich dagegen zur Wehr setzt und dafür weltweit schief angesehen wird. Vielen meiner Freunde können sich das nicht erklären. Der schon bald hundert Jahre alte Konflikt zwischen Juden und heute zu Palästinensern mutierten Arabern hat in Schärfe zugenommen. Besonders nach Ausbruch der zweiten Intifada ist vielen bisher toleranten Israelis die Sicherung durchgebrannt – viele sind an einer friedlichen Regelung des Konflikts weniger interessiert, sie geben die Hoffnung auf und klinkten sich aus der Politik aus oder sie verfielen einer Abneigung gegen alles arabische, die sich sogar gegen unsere eigenen arabischen Bürger richtet, die das – Ausnahmen soll’s geben – nicht verdienen. Diese „Abneigung“ hat in einigen Kreisen schon ein Niveau vergleichbar mit arabischem Hass gegen uns angenommen. Das Resultat davon ist unter anderem, dass sich faschistische Politiker wie Lieberman oder die Kahanisten Gehör verschaffen und manche ihrer fatalen Ideen tatsächlich Unterstützung finden. Oder der Zaun (von Polemikern „Mauer“ genannt), der zwar sehr nützlich ist und es weiterhin sein wird (was auch von unseren arabischen Israelis im Stillen erkannt worden ist), aber die Versuchung nahe legt, nach seiner Fertigstellung den Schlüssel wegzuwerfen und die Palästinenser schmoren zu lassen, auch wenn sie sich nicht nur gegenseitig umbringen, sondern auch Raketen nach Israel schiessen, die gelegentlich Leute töten und verletzen. Von psychischen Schäden und den existenziellen Ängsten der Bürger von Aschkelon und Sderot wollen gar nicht erst reden.

Von den Palästinensern wird gesagt, sie seien von allen Arabern die klügsten und am besten ausgebildetsten. Auf jeden Fall füllen sie innerhalb der arabischen Welt viele anspruchsvolle Arbeitsstellen. Mein Freund Said freut sich, wenn ich das ins Gespräch bringe – an ihm gemessen stimmt diese Feststellung auf jeden Fall. Doch wenn es so ist, warum konzentrieren sich ihre Politiker sich nicht um das Wohlergehen ihres Volkes, sondern verjubeln ihre Talente und das wenige Geld in ihrem Besitz um Waffen, lächerliche Uniformen und ähnlich anzuschaffen, um dann der Welt vorzuheulen, sie seien am verhungern. Israel wird dann als Watschenmann benutzt, lässt sich das aber nicht gefallen und wehrt sich.

Das palästinensische Volk (ich gehöre nicht zu denen, die ihnen diese Bezeichnung absprechen, heute sind sie Palästinenser) ist kein Volk von Mördern, ebenso wenig wie andere Vorurteile, die pauschal über viele Völker vorgebracht werden und mich jedes Mal, wenn ich damit konfrontiert werde, ärgern. Die Schweizer seien kaltherzig und berechnend, die Deutschen alle Nazis, die Franzosen und die Polen alle Antisemiten, die Amerikaner alle dumm und ungebildet und ähnliche Dümmlichkeiten, um Beispiele zu nennen. Es ist das „die“, das solche Aussagen dummer und vor allem denkfauler Menschen so ärgerlich macht. Nur eben, Neid ist ein Teil des Problems. Die palästinensische Welt sieht Israel, ein blühendes fortschrittliches Land, entstanden durch Eigeninitiative und Solidarität, harte organisatorische und physische Arbeit, den Zusammenschluss des jüdischen Volkes durch den Zionismus und vor allem durch in der eigenen Geschichte gemachten Erfahrungen und kann sich damit nicht abfinden. Und, vor allem, kann sie sich nicht aufraffen ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, nicht mit Gewalt und Todeskult, sondern friedlich mit dem Aufbau eines eigenen Staatswesens. Durch Terrorbanden, vorgeschobene Religion und einer kulturellen Bagage, gegen die sie sich nicht wehrt, hindern sie sich selbst, aus dem eigenen Sumpf herauszusteigen und hadern statt dessen mit ihrem Schicksal, perfektionieren ihre Opferrolle und schieben die Schuld auf andere. Selbstverantwortung scheint ein Fremdwort zu sein.

Diese Betrachtungen lassen uns Israelis nicht aus dem Schneider. Wir Juden dürfen uns nicht zu einem ähnlichen Hass, wie dem arabischen Hass auf uns, hinreissen lassen. Der Hinweis auf unsere Bibel kann nicht genügen, Rechte anderer, die davon berührt werden, einfach zu ignorieren oder gar abzulehnen. Denn damit verhalten wir uns völlig unjüdisch. Von ultra-orthodoxer Seite habe ich schon verschiedentlich gelesen, dass Rabbi Hillel's „Was dir unliebsam ist, das tu auch deinem Nächsten nicht. Dies ist die ganze Tora; das andere ist Auslegung. Gehe hin und lerne das.“ (Judaica Schabbat 31a), dem Vorgänger des als christlich hingestellten „Liebe deinen Nächsten, so wie du auch dich lieben sollst.“ (Lev. 19,18b), nur für Juden gelte, für Nichtjuden sei diese Sicht der Rücksichtsnahme ganz und gar nicht am Platz. Ich weiss nicht, seit wann diese Auslegung verbreitet ist, doch in ein modernes demokratisches Staatswesen gehört sie nicht. Das gilt auch für einen Staat, der versucht jüdisch und demokratisch zu sein, obwohl ich dieses Oxymoron ablehne. Demokratie mit Religion zu verwässern ist ein wichtiges Tabu jeder Demokratie. Theokratien gibt es in unserer Ecke der Welt mehr als genug, es gibt aber nur eine Demokratie und die soll es für alle seine Bürger bleiben.

Abschliessend will ich folgendes feststellen:

Israel ist eine freie Gesellschaft, in der beispielsweise Parlamentarier sogar die Interessen unserer Feinde vertreten können, ohne dass sie dafür als Kollaborateure umgebracht werden, wie es bei unseren Nachbarn wiederholt geschieht.

Wir sind im Krieg – zwar „nur“ ein sogenannter low-level conflict – und in jedem Krieg passieren Dinge, die nicht passieren dürfen. Vor wenigen Tagen wurde ein Soldat versehentlich durch sogenanntes „friendly fire“ getötet. Das war ein Unfall. Ähnliche Unfälle haben schon vielen unschuldigen palästinensischen Menschen das Leben gekostet. Durch andere Betriebsunfälle, wie die Explosion von Bomben und Raketen wegen fahrlässiger Behandlung durch palästinensische Terroristen ebenfalls. Solange wir im Krieg leben, werden Unfälle dieser Art geschehen. Auch deswegen müssen wir dafür sorgen, dass dieser Krieg endlich ein Ende findet. Grundsätzlich wissen alle, wie das zu geschehen hat, nur mit der Ausführung klappt es nicht.

Im Gegensatz dazu, diese Tatsache kann nie genug betont werden, sind palästinensische Terroranschläge und Raketen, die Zivilisten töten oder zu lebenslangen Krüppeln machen keine Unfälle, sondern geplante und liebevoll, wenn auch oft (aber nicht oft genug) inkompetent ausgeführte Aktionen, durch die eine möglichst hohe Zahl von Israelis umgebracht werden sollen. Wenn dabei immer wieder arabische Israelis betroffen werden, dann, so bestätigen die Terroristen, dürfen diese ungewollt glücklich sein als Märtyrer Karriere gemacht zu haben. Das weltweite Gutmenschentum will das bisher nicht begreifen. Israelische Verteidigungsaktionen und arabischer Terror werden nicht nur gleichgesetzt, sondern das Recht Israels, sich zu verteidigen wird abgelehnt.

Das ist die verkehrte Welt, Titel dieses Tagebucheintrags.