Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Donnerstag, Juli 20, 2006

„Neighborhood Bully“ von Bob Dylan

15.7.2006

Ein Bekannter mit Namen Baruch, der in der Nähe Naharias wohnt, erzählte mir, dass die Bewohner von Majd-al-Krums, das ein muslimisch-arabisches Dorf ohne Drusen sei, ich hatte fälschlicherweise geschrieben arabisch-drusisch, offiziell bekannt gegeben hätten, die Rakete, die bei ihnen niedergegangen war, sei eigentlich für Carmiel bestimmt gewesen, die Hisballahs hätten sich bloss geirrt. Als dann tatsächlich Raketen in Carmiel landeten und Schäden anrichteten, seien in Majd-al-Krums Bonbons verteilt worden. Damit habe ich ein Problem. Es ist bekannt, dass Majd-al-Krums ein Raumproblem für seinen Nachwuchs hat und durch legalistische Manöver einiger Regierungsstellen behindert wird und deswegen frustriert ist. Aber „Feinderfolge“ zu feiern ist eine Reaktion, für die es keinerlei Verständnis gibt. Mit dieser Reaktion macht sich weder dieses Dorf noch die arabische Minderheit in Israel Freunde, auch wohlwollende Juden im Land sind empört. Trotzdem, ein grosses ABER: es gibt jüdische Israelis, die jede Gelegenheit nutzen, um unsere arabischen Bürger zu delegitimisieren und deshalb sind solche Aussagen, besonders die über die Bonbons, mit einer Prise Salz zu geniessen.

Robert Zimmerman, besser bekannt als Bob Dylan, der ganz Grosse und eine lebende Legende der Folk- und Rockszene, befasst sich ganz selten mit Israel und dessen Problem mit seinen Nachbarn. 1983 schrieb er ein Lied, das sich mit der jüdischen Geschichte allgemein und der Stellung Israels im besonderen befasst. Gestern wurde der Text wieder publiziert, wohl zu Ehren eines aktuellen Anlasses. Es heisst „The neighborhood bully“ – Bully ist die unschöne Bezeichnung eines Raufbolds, der in diesem Gedicht, eigentlich nur überleben und Gutes tun will aber von seiner Nachbarschaft abgelehnt und bekämpft wird. Das Lied wird bis heute von der politischen Linken, besonders von deren Gutmenschen, die schnell begriffen hatten um was es sich handelt und wie politisch inkorrekt es ist, angegriffen. Der „Bully“ wird von ihnen negativ ausgelegt. Dylan unterstütze darin die rassistische Politik Israels, ethnische Reinigung und andere Lügen, in deren Licht unser Staat von politisch korrekten Kreisen gerne gesehen wird. Ich weiss nicht, wie Bob Dylan heute zu Israel steht, er ist Jude und da ist vieles möglich. Heute könnte er selbsthassender Jude wie Chomsky oder progressiver Zionist wie Albert Einstein sein, der Israel unterstützte, aber die Welt als seine Bühne betrachtete und deshalb nicht Staatspräsident werden wollte. In 1983 allerdings besass Dylan den Mut, sich gegen den damals aufkommenden und immer stärker werdenden hysterischen und antisemitischen Antiisraelismus der extremen Linken zu stellen. Im August wird in England ein Kongress stattfinden, speziell einberufen um Dylans Liedertexte zu analysieren. Das beweist einerseits wie wichtig diese Texte geworden sind und andererseits wie wenig Bob Dylan sich selbst erklärt. Er hat einen Hang zur Religiosität, war für eine kurze Zeit evangelikaler Christ, lief dann aber er den Lubawitscher Hassidim in die Hände. In dieser relativ langen Periode schrieb er den „Neighborhood bully“. Er ist, so scheint mir, ein Sucher, der Antworten sucht, dem aber die Fragen nie ausgehen. Daher, so denke ich, hat er keine Geduld für überrissene Ideologie und Religion. Es wird erzählt, dass er gerne an jüdischen Festen und Gottesdiensten teilnimmt. Er sei, so las ich, einmal in seinem üblichen Aufzug, in Jeans, T-Shirt, Turnschuhen, wildem Bart und zerdrücktem Hut in einer fremden Synagoge zum Gottesdienst erschienen. Der Rabbiner erkannte ihn und lud ihn ein, den „Aron Thora“, den Thoraschrank, zu öffnen. Die Gemeindemitglieder regten sich auf: „Warum wird dieser Landstreicher geehrt?“

The neighborhood bully von Bob Dylan, 1983

Well, the neighborhood bully, he's just one man,
His enemies say he's on their land.
They got him outnumbered about a million to one,
He got no place to escape to, no place to run.
He's the neighborhood bully.

The neighborhood bully just lives to survive,
He's criticized and condemned for being alive.
He's not supposed to fight back, he's supposed to have thick skin,
He's supposed to lay down and die when his door is kicked in.
He's the neighborhood bully.

The neighborhood bully been driven out of every land,
He's wandered the earth an exiled man.
Seen his family scattered, his people hounded and torn,
He's always on trial for just being born.
He's the neighborhood bully.

Well, he knocked out a lynch mob, he was criticized,
Old women condemned him, said he should apologize.
Then he destroyed a bomb factory, nobody was glad.
The bombs were meant for him.
He was supposed to feel bad.
He's the neighborhood bully.

Well, the chances are against it and the odds are slim
That he'll live by the rules that the world makes for him,
'Cause there's a noose at his neck and a gun at his back
And a license to kill him is given out to every maniac.
He's the neighborhood bully.

He got no allies to really speak of.
What he gets he must pay for, he don't get it out of love.
He buys obsolete weapons and he won't be denied
But no one sends flesh and blood to fight by his side.
He's the neighborhood bully.

Well, he's surrounded by pacifists who all want peace,
They pray for it nightly that the bloodshed must cease.
Now, they wouldn't hurt a fly.
To hurt one they would weep.
They lay and they wait for this bully to fall asleep.
He's the neighborhood bully.

Every empire that's enslaved him is gone,
Egypt and Rome, even the great Babylon.
He's made a garden of paradise in the desert sand,
In bed with nobody, under no one's command.
He's the neighborhood bully.

Now his holiest books have been trampled upon,
No contract he signed was worth what it was written on.
He took the crumbs of the world and he turned it into wealth,
Took sickness and disease and he turned it into health.
He's the neighborhood bully.

What's anybody indebted to him for?
Nothin', they say.
He just likes to cause war.
Pride and prejudice and superstition indeed,
They wait for this bully like a dog waits to feed.
He's the neighborhood bully.

What has he done to wear so many scars?
Does he change the course of rivers?
Does he pollute the moon and stars?
Neighborhood bully, standing on the hill,
Running out the clock, time standing still,
Neighborhood bully.

Dieses Lied beschreibt die heutige Situation hervorragend. Wie genau wird die Umgebung des Bully beschrieben, der herrschende Hass und die Vorurteile, das für alles andere als eigene Vorurteilen abgeschottete Hirn und die Anstrengung des Opfers (des Bullys) das richtige zu tun, das Land unter dem Himmel in ein Paradies zu verwandeln und die Reaktion der Nachbarschaft (neighborhood) dazu – das alles war schon 1983, als es geschrieben wurde, passend, doch heute ist es der Abklatsch unserer Wirklichkeit.

Bis zu uns nach Zichron Ya’akov sind noch keine Raketen geflogen. In den Nachrichten wird erzählt, dass der Scheich Nasrallah nach Syrien geflohen sei, da er gemerkt hätte, dass seine Pläne in die Hosen gehen. Alles Spekulationen. Gestern wurde bei einer Pressekonferenz des Generalstabchefs von einem Kommentator mitgeteilt, der Nasrallah sei in seinem Beiruter Haus umgekommen. Es blieb dem Generalstabchef überlassen, das richtig zu stellen und der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass der liebe Nasrallah wohlauf sei und lebe. Soweit zur Verlässlichkeit der Medien.