Krieg
13.7.2006 - Krieg
Wo immer man heute geht, auch im Café Mokka, in dem ich vorhin mit Baruch Eiskaffee trank, läuft der Radio auf voller Lautstärke. Sogar gestern und heute Nachmittag, im Wartezimmer der Onkologie im Rambam Spital in Haifa, wurde kaum geredet sondern Nachrichten am Fernsehapparat verfolgt. So schlimm wie in 1967 oder gar 1973 ist es bei weitem nicht, aber der gestern begonnene Krieg an der Grenze mit dem Libanon beschäftigt uns alle. Die Hisballah hat Israel den Krieg erklärt – wohl ohne die libanesische Regierung zu fragen, aber dafür mit vollem Einverständnis der syrischen Regierung und den iranischen Irren. Doch da Hisballah Teil der libanesischen Regierung ist, hat Olmert recht, diesen Casus Belli dieser Regierung anzulasten. Sich um Verantwortung zu drücken ist eine bestbekannte Angewohnheit unserer Nachbarn – immer sind es die anderen. Meines Wissens hat es bisher 9 israelische Tote gegeben, weit über hundert Verletzte und beträchtliche Sachschäden.
Ich sprach mit Dany Däster, der im Kibbuz Malkiya auf der Grenze zum Libanon wohnt, einem guten Freund, der seit Jahrzehnten in diesem Ort lebt, die Umgebung auf beiden Seiten des Grenzzauns kennt – denn erstens herrschten früher freundschaftliche Kontakte zu den libanesischen Dörflern der dortigen Region, bis die Hisballah ihnen das Leben zur Hölle machten und dieser Zaun errichtet werden musste. Zweitens ist Dany Rinderzüchter und seine Herden weiden über weite Flächen, viele Kilometer dem Grenzzaun entlang und müssen beaufsichtigt und von einem Ort zum anderen getrieben werden – eine perfekte Art das Gebiet kennen zu lernen. Zudem hat sich Dany während seiner Karriere als Soldat, militärisches Beurteilungsvermögen angeeignet, das ihm in seinen Beurteilungen nützlich ist.
Ich will mich hier nur ganz kurz fassen, denn was Dany zu sagen hat, verdient weit mehr Platz und Zeit, als mir hier zur Verfügung steht. Katjuschas fliegen in Scharen über den Kibbuz, um weiter im Inneren des Landes Schaden anzurichten. Um den Kibbuz herum finden auch israelische Einsätze gegen Stellungen der Hisballah statt. Ein schnelles Ende wird nicht erwartet, es sei denn, dass schnelle israelische Erfolge ausländische Mächte zu Friedensaufrufen treiben lässt, um die arabische Ehre zu retten. All das wie schon gehabt – vielleicht aber kann es sich Israel diesmal leisten, solche Aufrufe zu überhören, bis die Armee ihren Job wirklich abgeschlossen hat.
Sorge machen wir uns über die Tatsache, dass Carmiel im westlichen Galiläa, schon in Reichweite der Hisballahraketen steht. Das arabisch-drusische Dorf Madj-al-Krums neben dieser Stadt wurde heute getroffen, wie auch einige jüdische Dörfer der Umgebung. Bei unserer Tochter Dvorith in Eshchar, auf einem Hügel über Carmiel gelegen, werden die Luftschutzkeller ausgeräumt und es herrscht Alarmbereitschaft. Bei unserem Sohn wenige Kilometer weiter südlich regt sich niemand auf und keine Vorsichtsmassnahmen wurden getroffen. Aber alle Sommerlager der Kinder und andere Aktivitäten wurden annulliert.
Es ist dies das dritte Mal, dass Lea, ich und unsere Kinder vor einem Kriegsausbruch in Israel stehen. Im Sechstagekrieg, 1967, war ich noch jung und selbst an der Front und liess Lea allein mit den Kindern, im Jom Kippurkrieg, 1973, war ich ebenfalls für fast zwei Monate dabei (ich verpasste deshalb den WK in der Schweiz und kam vors Divisionsgericht 6, wurde aber freigesprochen). Etwas Sorge machen wir uns schon. Ich habe mir ausgerechnet, dass, falls palästinensische Jihadisten in der Westbank in den Besitz von Katjuschas kämen, wir in Zichron Ya’akov auch unter Beschuss kommen könnten. Die Luftlinie zwischen unserer Stadt und der Westbank beträgt keine zwanzig Kilometer. So schmal ist unser Land.
Soeben sind auch in Haifa Katjuschas explodiert – ohne Schäden an Menschen. Die Katjuschas sind bei der Stella Maris gelandet, einem wunderschönen Karmeliterkloster und Besuchsrot christlicher Touristen. Ob das wohl eine symbolische Bedeutung hat? Christen werden ja von fanatischen Muslims fast ebenso gehasst wie wir Juden. Die Hisballahs behaupten, dass diese Raketen nicht von ihnen abgefeuert worden seien. Bestimmt ist das gelogen, denn es wurde deutlich von der israelischen Regierung angekündigt, dass in einem solchen Fall auch Bodentruppen im Libanon eingesetzt würden. Jetzt weigern sich die Hisballahs wie ihre Regierung, wie nicht anders zu erwarten, Verantwortung für eigenes Tun zu übernehmen.
Im übrigen zeigt sich hier kristallklar der Unterschied zwischen dem Verhalten Israels und muslimischer Extremisten. Während die israelische Armee strategische Ziele wie Brücken, Hauptquartiere und Stellungen der Hisballah sucht und trifft, bei denen es zivile Opfer gibt, weil sich die Terroristen hinter diesen mutig verbergen, treffen die Katjuschas ausschliesslich zivile Ziele.
Alles ist zur Zeit im Fluss. Warten wir ab. Ich werde bestimmt sehr gut
schlafen.

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