Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Montag, Juli 31, 2006

Israel, der Krieg und seine arabischen Bürger

21.7.2006
Wir haben in Zichron Ya’akov zahlreiche Bürger aus England. Einer meinte zum Thema ausgewogenem militärischem Verhaltens, auch Verhältnismässigkeit genannt: Natürlich ist Israels Verhalten gegenüber den Angriffen und Morden der Hisb’allah und der Hamas höchst unausgewogen. Wäre es ausgewogen, müsste sich Israel der Vernichtung der muslimischen Staaten widmen, Selbstmordterroristen in palästinensische Kaffeehäuser und Märkte senden, in der ganzen Welt Moscheen angreifen und eine massive und beleidigende Lügenkampagne durchführen, in der Muslims für alles, das in der Welt falsch läuft, verantwortlich gemacht werden. Schön sind diese Worte sicher nicht, sie sind aber wahr und entsprechen der tatsächlichen, für alle sichtbaren Situation. Es zeigt auch den grundlegenden Unterschied zwischen Israel und seinen Nachbarn – wir tun so etwas einfach nicht.
Allen voran marschiert Bundesrätin Calmy-Rey mit ihrer neuesten Selbstverwirklichungsaktion. Es scheint, dass sie und viele andere Schweizer, in Politik und Medien, sich auf Kosten Israels profilieren wollen. Die Genfer Konvention scheint nur für den Libanon und den Gazastreifen zu gelten. In Israel landen ja keine Raketen, werden keine Leute getötet und verwundet. Diese Blindheit auf dem israelischen Auge ist zum Kotzen. Natürlich gibt es einen Unterschied, der jedem Nachrichtenkonsumenten nicht klarer sein könnte: Hamas und Hisb’allah schiessen um möglichst viele Zivilisten zu töten, die israelische Armee schiesst zur Ausschaltung der Hisb’allah und der Hamas, die sich hinter den Rockschössen von Frauen und Kindern verstecken und so möglichst viele Opfer ihres eigenen Volkes provozieren wollen. Neu ist das gar nicht, es ist eine alte aber noch immer erfolgreicher Trick eine positive Presse zu gewinnen. Auch das ist selbstgefertigte Munition gegen Israel – will die Welt darauf hereinfallen? Wenn ich es aus Informationen der Presse und von Freunden richtig verstehe, sind es vor allem bürgerliche Schweizer Politiker, die den Kopf bewahren und eine Steigerung in den antiisraelischen Wahnsinn verhindern.
Neu ist es nicht, aber noch nie war die Reaktion arabischer Bürger Israels so besorgniserregend. Für ihren Aufstand im September 2000 hatte ich weitgehend Verständnis, heute nimmt dieses Verständnis ab. Ein arabisch-christlicher Knessetabgeordneter unterstützt öffentlich Nasrallah und dessen Hisb’allah und schiebt die Schuld für den gegenwärtigen Krieg voll auf die israelische Regierung. In Nazareth wird der Tod zweier Kleinkinder ebenso Israel belastet, ähnliches ist in Akko und Haifa zu hören, beides Städte, in denen es eigentlich, so müsste man meinen, ein verträgliches Zusammenleben zwischen Arabern und Juden geben müsste. Das sind schon keine einzelne Phänomene mehr, das scheint System zu haben und ist, eben, besorgniserregend.
In einem interessanten Artikel in seiner Website, schreibt Joseph Farah, ein aus dem Libanon stammender Amerikaner, Israels Feinde sollten dankbar sein, dass nicht er die israelische Politik bestimme. Israel finde sich in dieser Krise, weil es sich zu sehr von Vertretern der Beschwichtigungspolitik beeinflussen lasse. Ob er die Frau Bundesrätin Calmy-Rey kennt?
Auch Uri Avneri meldet sich. Er, der aus Deutschland stammt und ein wunderschönes Deutsch und ein schreckliches Englisch spricht, ist in der Schweiz und in Deutschland sehr populär. Schön für ihn. Uri (Avneri) hat sich eine schöne Theorie zurechtgelegt – Israel wolle im Libanon ein eigenes Puppenregime errichten, so wie Scharon in 1982 versuchte den dortigen Christen schmackhaft zu machen. Dabei sind diese Christen, zusammen mit den Drusen, selbst an einem friedlichen Libanon interessiert, in dem keine Raketen auf Israel geschossen oder Israelis entführt werden. Offen zu sagen wagen sie es kaum, denn dann würden Raketen auch bei ihnen fallen. Genau so wie Israel, möchten sie ihren Geschäften nachgehen und das Land ohne religiöse Zwängereien zum blühen bringen. Sie wurden von den Fanatikern der Hisb’allah zu Geiseln genommen, warum das geschehen ist müssen sie selbst wissen und verantworten. Warum sich Uri Avneri heute in Gesellschaft arabischer Knessetabgeordneter befindet, die uns Israelis zum Sündenbock bestimmen, ist mir ein völliges Rätsel. Uri Avneri wird in Israel tatsächlich nicht sehr ernst genommen, in der Schweiz und in Deutschland dagegen sehr wohl. Das ist, nehme ich an, der Grund, dass, als ich dies vor wenigen Jahren behauptete, mir ein sehr prominenter Schweizer Jude namens Phillippe ausrichten liess, ich sei ein Rechtsextremer(!) und der Uri Avneri sei in Israel sehr wohl respektiert und ein anständiger Mensch. Dass er ein anständiger Mensch ist, habe ich nie bestritten, aber auch ein anständiger Mensch kann sich irren. Mit seinem Gush Shalom kann ich schlicht nichts anfangen. Uris Menschenkenntnis, die von dieser Organisation, so scheint mir, kritiklos akzeptiert wird, hat ihn wiederholt getäuscht, ganz besonders in seinem Einsatz für Jassir Arafat, der ihn um den Finger gewickelt hatte. Trotzdem ist mir Uri Avneri sympathisch, denn er hat Mut, das für ihn richtige zu tun, auch wenn es in meinen Augen falsch ist. Denn, im Gegensatz zu Juden im Ausland, die ähnlich denken und agieren, aber das aus einer ganz anderen Motivation heraus tun, trägt er die Folgen seines Tuns selbst, denn er fühlt sich dafür verantwortlich. Im Gegensatz zu den Extremaktivisten in der Schweiz (als Beispiel gemeint), tut er das nicht aus sicherer Ferne und frei von Verantwortung auf Kosten unschuldiger israelischer Bürger.
Heute vormittag war ich mit Hani Hasisi in Majunkas Kaffeehaus, draussen im Schatten unter den Bäumen. Hani macht sich Sorgen. Nachdem das Volk im Fernsehen gehört hatte, dass die israelische Air Force nur 20% ihrer Möglichkeiten nutze, schüttelt er verstört den Kopf. „Sie müssten 120% ihre Kräfte einsetzen und statt brav gegenüber der Welt zu sein, die das nicht versteht oder wahrnehmen will, ein für alle Mal dem Spuk der Hisb’allah und der Hamas ein Ende bereiten. Da sich diese Terroristen hinter der Zivilbevölkerung verstecken, seien diese schrecklichen Verlusten unbeteiligter vorprogrammiert. Womit er recht hat.
Die Armee hat erstaunliches gefunden – alles nahe der israelisch-libanesischen Grenze. Ausgedehnte unterirdische Bunkeranlagen mit Lagerräumen, Tunnelgängen, grosse Waffenarsenale, all das in bis zu vierzig Meter Tiefe. Diese Erkenntnisse sind noch sehr neu und viel darüber ist noch nicht bekannt.
Haifa ist noch immer ein Geisterstadt. Fast alle Geschäft sind geschlossen, die Strassen leer – gestern wurde mir unheimlich, als ich vom relativ geschäftigen Zichron Ya’akov in die sonst hektische Hafenstadt fuhr. Sogar im Einkaufszentrum des Rambamspitals sind die meisten Geschäfte geschlossen. Aber die dortigen Kaffeehäuser, das McDonald und ähnliches sind voll und scheinen gute Geschäfte zu machen.
Ich muss gestehen, ein wenig Krieg und das Hirn kommt auf Touren. Man ist gedanklich immer damit beschäftigt, auch wenn man sich persönlich nicht in Gefahr fühlt.