Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Donnerstag, Juli 20, 2006

Hanni Zweigs eigene Meinung

16.7.2006
Zu meinem täglichen Termin im Rambam Spital in Haifa verliess ich unser Haus eine Stunde früher als normal in der Meinung mit Staus und Strassensperren rechnen zu müssen. Ich nahm sogar meine Kamera mit, hoffend vielleicht eine Rakete im Flug oder sonst etwas sensationelles fotografieren zu können. Ich wurde enttäuscht. Die Küstenautobahn und die Strassen Haifas sind leer, ausgestorben. Die Leute bleiben zu Hause. Auch im Spital waren alle gelassen und ruhig, leere Parkplätze in Hülle und Fülle. Die paar Haifaer Bürger mit mir im Onkologiewartezimmer schienen gelassen, nur einer, in einem Anflug von Temperament, wünschte Hassan Nasrallah und seinen lieben Terroristen die Pest an den Hals.

Auf meinen Tagebucheintrag von heute früh erhielt ich innert kurzer Zeit Reaktionen – erstaunlicherweise beschimpfte mich niemand und bis jetzt stimmt man mir durchs Band bei.

Viele von Euch kennen meine langjährige Freundin Hanna Zweig. Sie schrieb vor einigen Jahren ein hochinteressantes Buch über den Farbstein. Sie muss ein gute Ärztin gewesen sein, keiner ihrer Patienten in der Pathologie beklagten sich, meines Wissens wenigstens, über ihre Arbeit. Jetzt ist sie Historikerin und alles, das sie schreibt und beschreibt ist fundiert und beruht auf dokumentierten Fakten.

Hanni und ich haben in vielem, aber noch lange nicht allem, das Heu auf der selben Bühne. Sie ist eine Frau, die sich gegen politische Korrektheit wehrt und deshalb oft (wenn nicht sogar immer) mit dem politisch korrekten Establishment kollidiert, jenen, die ausschliesslich nach dem Motto „das sagt man nicht, nur keine Wellen erzeugen, Stellungsnahmen vermeiden“ und ähnlichem funktionieren. Die mögen Hanna Zweig nicht. Hanni hat nicht nur Mut, sie hat Zivilcourage, spricht Schweizerdeutsch und hat einen roten Schweizerpass ohne ihre Identität diskret zu minimieren. Manchmal macht sie mich wütend, sie hat mich auch schon in Verlegenheit gebracht und wir haben dann lange nicht mehr miteinander gesprochen, manchmal überzeugt sie mich, aber sie ist immer ehrlich.

Heute früh schrieb ich über den altbekannten Mangel an öffentlicher Solidarität zu Israels Existenz unter Schweizer Juden. Ich habe Hanni auf ihre Reaktion hin gebeten, mir ihre Meinung darüber zu schreiben, um sie in Uris Tagebuch zu veröffentlichen. Es ist ihre Meinung und sie steht dahinter. Allzu unähnlich zu der meinen ist sie nicht.

Wo bleibt unsere Stellungsnahme?

Am 4. Juli 2006 konnte man in Haaretz eine kommentierte Meldung der “Associated Press” über die Haltung des EDA zur Kenntnis nehmen: "A number of actions by the Israel Defense Forces in their offensive against the Gaza Strip have violated the principle of proportionality and are to be seen as forms of collective punishment, which is forbidden," the Swiss Foreign Ministry said in a statement, "There is no doubt that Israel has not taken the precautions required of it in international law to protect the civilian population and infrastructure," it said.

"They have criticized us even though we are showing restraint," Aviv Shir-On, Israel's ambassador in Bern, told The Associated Press. We are disappointed that the Swiss government did not issue such statements when Israel's civilian population was constantly under attack from the Gaza Strip."

In der Verlautbarung des EDA war die Rede von "obligations of occupying powers toward the civilian population under their control”. Offenbar hatte Bern den Rückzug Israels aus dem Gaza Streifen übersehen, oder aber, was wahrscheinlicher ist, nach dem alten Zitat “Tut nichts, der Jude wird verbrannt” spielt es keine Rolle, ob Israel sich zurückzieht oder nicht, am Elend der palästinensischen Bevölkerung, die mit europäischem Geld lieber Raketen als Lebensmittel erwirbt, sind die Juden schuld.

Wo blieb die Reaktion der Schweizer Juden, der „offiziellen“ wie der inoffiziellen? Die „Offiziellen“ liessen sich von einer „Inoffiziellen“ immerhin zu einem Brief an die Aussenministerin animieren, der SIG Präsident meldete sich im welschen Radio zu Wort, was in der Deutschschweiz nicht zur Kenntnis genommen wurde und das war es dann auch.

Nach den Vorfällen an Israels Nordgrenze wird zwar ausführlich über die Aktionen der Israelischen Armee berichtet, über die Vorgeschichte musste man sich vorerst in ausländischen Medien informieren, es sei denn Radio DRS liess ein seltenes Mal nicht die eigene Korrespondentin im Nahen Osten sondern diejenige der „Zeit“ zu Wort kommen. Dem Bild des hochgerüsteten Bösewichts Israel, der sich bemüht, ein ganzes Land ausser Gefecht zu setzen, indem er strategische Ziele und eben nicht Zivilisten angreift, wird nicht das Bild eines Gegners, der sich die Vernichtung der Juden, nota bene auch Zivilisten, auf die Fahnen schreibt entgegengesetzt, nicht eine (libanesische) Regierung, die den Raketenbeschuss Israels nicht verhindert, nicht die unheilige Allianz der Terroristen unterschiedlichster Provenienz.

Und jetzt, wo bleibt jetzt die öffentlich hörbare Stimme der Juden in der Schweiz ? Wo bleibt die angeblich professionell geführte Medienabteilung des SIG ? Brauchen wir wirklich Leserbriefe aus Israel in den Schweizer Zeitungen um „auch“ gehört zu werden ? Müssen wir uns effektiv vom Israelischen Botschafter daran erinnern lassen, dass es so etwas wie Selbstbewusstsein gibt ?

Hanna Zweig/16. Juli 2006

Wie schon verschiedentlich geschrieben, stehen im Tachles, dem jüdischen Wochenmagazin der Schweiz besonders in den letzten zwei Ausgaben prima Editorials, Artikel und Interviews von Yves Kugelmann und Jacques Ungar. Ein Interview mit Henryk M. Broder, dessen Fan ich schon sei Jahren bin, ist mir besonders eingefahren. Es heisst „Wir sind alle traumatisiert“ und steht im allerletzten Internet Website von Tachles. Ich möchte hier den Link dazu für jene Freunde wiedergeben, die kein Abo fürs Tachles besitzen.