Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Donnerstag, Juli 20, 2006

Der Mut Stellung zu nehmen

18.7.2006

Ich empfehle jedem, dem es in der Schweiz langweilig geworden ist, für ein paar Tage oder Wochen nach Israel zu kommen. Da läuft was.

Südlich von Haifa sind, entgegen bisheriger Ankündigung, keine Raketen gefallen. Da ich jedoch jeden Tag nach Haifa fahre, bin ich involviert, wie gestern, als ich zweihundert Meter vom Spital entfernt war, die Sirenen losheulten. Ich schaffte es bis zum Parkplatz, rannte so schnell als es mein Gewicht erlaubt, in den sicheren Spital hinein. Da die Onkologie und die Bestrahlungsabteilung in einem fast bunkerähnlichen Erdgeschoss eingeschlossen ist, ist man dort sicher. Es hat aber den Nachteil, dass man keine Geräusche von aussen hört und deshalb entging mir und meinen Bestrahlungskollegen der Einschlag einer Rakete weniger als zweihundert Meter weit entfernt in ein Haus, das teilweise einstürzte. Gerade an diesem Tag hatte ich meine Kamera zu Hause gelassen. Da man mich noch nicht aus dem Spitalgebäude liess, es war noch nicht entwarnt, ging ich mit meinem Freund Howard ins spitalinterne Café Aroma, in dem ein riesiger flacher Fernsehapparat an der Wand hängt. Darauf war das zerstörte Haus zu sehen. Plötzlich schrie jemand: „Das ist mein Haus!“. Es war ein junger Mann, vielleicht siebzehn Jahre alt, der einen Moment lang hysterisch wurde, sich aber mit Hilfe seiner Freunde schnell wieder fasste und begann auf seinem Handy seine Familie zu suchen. Aus diesem Haus wurden sechs Verwundete geborgen, zwei davon schwer verletzt.

Selbstverständlich gibt es nun, hauptsächlich im Ausland, Kritik an Israel. Die letztendlich selbstverursachten Schäden im Libanon werden einfühlsam beschrieben. Über Tote und Verletzte Israelis hört oder liest man wenig. Trotzdem, die vielen E-Mails und Anrufe vermitteln mir das Gefühl, dass es Menschen gibt, die an uns denken.

Mir ist eine Parallele aufgefallen. Hassan Nasrallah, Führer der Hisballah, haust, so entnimmt man den News, im Bunker, tief unter den inzwischen von der israelischen Air Force zertrümmerten Häusern seiner Fangemeinde in Beirut. Verbrachte nicht sein Guru und Vorbild mit Namen Adolf seine letzten Tage in einem Bunker, wenn auch, im wirklich zusammengebombten Berlin?

Es gibt ein noch lange nicht abgedroschenes Thema, das mich beschäftigt, beschämt und ärgert. Es ist das Verhalten des offiziellen Schweizer Judentums in den heutigen Zeiten. Mein Freund Roman Rosenstein, der sich sehr für Israel einsetzt, Leserbriefe schreibt und tut was er kann, sandte mir einen Leserbrief an den Tages-Anzeiger, der nicht veröffentlicht worden ist. Diesen ausgezeichneten Brief drucke ich hier ab (mit Romans Einverständnis, versteht sich), damit er nicht unbeachtet und umsonst geschrieben worden ist:

Sehr geehrter Herr Ferrari

Claudia Kühner empfiehlt Israel, die eigene Politik radikal zu überdenken, ohne den Scharfmachern bei Hamas und Hizbollah vor Augen zu führen, welches Leid deren realitätsfremden Forderungen und Versprechen der eigenen Bevölkerung nun seit Jahren beschert. Hat Israel mit der Räumung der Siedlungen im Gaza-Streifen und Teilen der Westbank nicht gezeigt, dass es eine neue, auf Ausgleich bedachte Politik betreiben will? Tragen nun die Palästinenser oder die Israeli die Verantwortung, dass die Nachrichten aus Gaza anstatt von sozialem Frieden und wirtschaftlicher Entwicklung von Kassam-Raketen und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fatah und Hamas beherrscht sind?

In Israel sind grosse Bevölkerungsteile der Meinung, dass der Abzug aus Gaza auch im Westjordan­land Schule machen sollte. Während erklärbar ist, dass nur dies langfristig den jüdischen Charakter des Staates Israel sichert, akzeptiert kaum ein Israeli eine Politik die tatenlos zusieht, wenn das Nachbar-Territorium in einen Sumpf unkontrollierter, schiesswütiger Banden absinkt und von dort täglich Raketen in Richtung israelischer Kindergärten, Schulen und Spitäler losgehen.

Der Schlüssel zu einer Änderung der tragischen Situation liegt derzeit nicht in Israel, sondern bei denjenigen, die Hamas, Hizbollah, islamischer Jihad etc. kontinuierlich mit Waffen und Geld versorgen und unaufhörlich Hass predigen lassen!

Es ist befremdend und bar jedem Realitätssinn, nach der wiederholten Entführung israelischer Soldaten die legitime Machtdemonstration Israels zu kritisieren. Ein militärisch passives resp. unentschlossenes Israel wird zwar kaum je von Palästinensern erobert und ins Meer geworfen, aber diejenigen, welche nun schon seit Jahrzehnten die Palästinenser als Spielball missbrauchen, würden dadurch ermutigt, die ganze Region noch länger nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Dagegen wird und muss sich jede israelische Regierung – auch im Interesse der palästinensischen Bevölkerung – zur Wehr setzen, mit und ohne Kühner-Zensuren!

Mit freundlichen Grüssen
Rosenstein Unternehmungsberatung

Roman A. Rosenstein
lic.oec. HSG

Abgesehen von einzelnen Privatpersonen wie Roman, Yves Kugelmann und sehr wenigen anderen – wo ist die öffentliche Solidarität der SIG, der ICZ, der JLG, der IRG und anderen Organisationen des Schweizer Judentums, die vorgeben, dieses zu repräsentieren. Bisher nirgends zu finden, mit Ausnahme des schüchternen Briefes der SIG Geschäftsleitung, den zu schreiben diese fast mit Gewalt gezwungen werden musste.

Es ist eine Schande, dass wir diese Arbeit unseren nicht-jüdischen Freunden überlassen. Dass sich diese für uns einsetzen ist wunderbar und ich nehme das mit grossem Dank an, doch darf es nicht jüdischen Einsatz ersetzen. Dass Leute wie Prof. Stegemann, Harthmut Attenhofer, Präsident des Zürcher Kantonsrates, Reinhard Meier der NZZ, die SVP (nicht gerade unsere Lieblingspartei, aber was soll's), Gisela Dachs oder gelegentlich sogar Claudia Kühner vom Tages-Anzeiger oder Frank A. Meyer uns vertreten, sollen wir dankbar anerkennen, aber dahinter verstecken dürfen wir uns nicht. Also, ihr offiziellen Schweizer Juden, überwindet eure Angst Stellung zu beziehen, atmet tief ein und stellt euch vor das jüdische Volk in seiner Gesamtheit, denn auch ihr in der Schweiz seid Teil davon - ob es euch passt oder nicht!