Adam geht in die Rekrutenschule
Vorhin sass ich mit Howard im Café Mokka. Die Alarmsirenen fingen zu heulen an und wir begaben uns alle in die Küche, in der es am sichersten sei. Die Kellnerin, ein blutjunges Mädchen, begann zu zittern und zu weinen, eine extreme Panik hatte sie ergriffen. Wir hielten sie, redeten ihr gut zu, gaben ihr zu trinken – ihr Alptraum hielt an, bis der Alarm vorbei war. Sie nahm die Arbeit wieder auf, doch noch weinte sie.
Etwas später vernahmen wir, dass der Süden Haifas beschossen worden war und sicherheitshalber auch die Sirenen in Zichron Ya’akov eingeschaltet wurden. Die Tochter des Cafébesitzers, die rassige Keren, teilte uns mit die Konsumation sei frei, „on the house“.
Unser Enkel Adam, wohnhaft in Koranit im westlichen Galiläa, dort wo Raketen fliegen, geht morgen zur Armee. Gerade heute, wo im Süden und im Norden Israels Krieg herrscht. Wir sind gar nicht glücklich, seine Eltern auch nicht – wie er selber denkt, wissen wir nicht. Er schweigt. Ich könnte an dieser Stelle den üblichen Stuss über Vaterland, Pflicht, Überleben und ähnliches schreiben, tue es aber besser nicht. Es liegt mir nicht. Ich glaube nicht, dass er sich freut, Angst scheint er nicht zu haben. Sein Vater, beide Grossväter, die Onkel und viele der Familie sind da auch hindurch, haben in Kriegen mitgekämpft, viel gesehen und getan, was getan werden musste – geschadet hat es keinem. Keiner von uns ist in einen superpatriotischen Rechtsextremismus abgerutscht. Im Gegenteil – Kriegserfahrungen und das Leben in Israel überhaupt, haben uns eine bessere Durchsicht regionaler Politik und Verhaltensmuster vermittelt. Es ist nicht, wie es manchen aus der Ferne des Auslands erscheint. Nicht ohne Grund sind viele Friedensorganisationen Israels, meist während Kriegen, in der Armee entstanden. Man denke an „Frieden jetzt“ und die Verweigerer des Militärdienstes in den besetzten Gebieten und ähnlichen, absolut zionistischen und ehrenhaften Gruppierungen, deren Eigenheit ganz besonders augenfällig auch in dem besteht, dass es etwas auch nur entfernt ähnliches in der arabischen Welt nicht gibt. Das ist der Grund, dass es dort nur Demonstrationen des Hasses gegen alles israelische und jüdische gibt. Das kann nicht genug betont werden, in der Hoffnung es werde endlich vom westlichen Gutmenschentum verstanden.
Ich muss hier einen Abschnitt aus dem letzten Tagebucheintrag (21.7.2006) nochmals bringen, da er in der ersten Fassung einen sinnentstellenden Fehler enthielt. Ich bitte um Entschuldigung.
Allen voran marschiert Bundesrätin Calmy-Rey mit ihrer neuesten Selbstverwirklichungsaktion. Es scheint, dass sie und viele andere Schweizer, in Politik und Medien, sich auf Kosten Israels profilieren wollen. Die Genfer Konvention scheint nur für den Libanon und den Gazastreifen zu gelten. In Israel landen ja keine Raketen, werden keine Leute getötet und verwundet scheinen sie zu denken. Diese Blindheit auf dem israelischen Auge ist zum Kotzen. Natürlich gibt es einen Unterschied, der jedem Nachrichtenkonsumenten nicht klarer sein könnte: Hamas und Hisb’allah schiessen um möglichst viele Zivilisten zu töten, die israelische Armee schiesst zur Ausschaltung der Hisb’allah und der Hamas, die sich hinter den Rockschössen von Frauen und Kindern verstecken und so möglichst viele Opfer ihres eigenen Volkes provozieren wollen. Neu ist das gar nicht, es ist ein alter aber noch immer erfolgreicher Trick um eine positive Presse zu gewinnen. Auch das ist selbstgefertigte Munition gegen Israel – will die Welt darauf hereinfallen? Wenn ich es aus Informationen der Presse und von Freunden richtig verstehe, sind es vor allem bürgerliche Schweizer Politiker, die den Kopf bewahren und eine Steigerung in den antiisraelischen Wahnsinn verhindern.
Wo sind die Alternativen?
Es ist peinlich, den vorgeschobenen oder bestenfalls vermeintlichen Humanismus einiger Politiker und Anhänger der politisch linken Seite zu beobachten. Sie sehen nur die Verwüstungen, die Israel anrichtet – dass sie schlimm sind, ist nicht abzustreiten. Es interessiert sie nicht, dass es mit Verwüstungen und Übergriffen der Hisb’allah und der Hamas begann, unprovoziert in Israel morden und entführen. Es interessiert sie nicht, dass diese Terroristen ihre eigenen Landsleute zu Geiseln nehmen, um sie als Kollateralschaden zu verheizen. Ich gebe zu, „unprovoziert“ gilt für diese gottesfürchtigen Verbrecher und den grossen Teil der arabischen Welt nicht, schon die Existenz Israels allein ist für sie die Mutter aller Provokationen. Wer ist nicht für Frieden, Liebe und Eierkuchen? Ich gehöre auch dazu. Nur werden von diesen Friedensaposteln keine Alternativen angeboten, ausser Dialog. Wer ist nicht für Dialog. Wenn gesprochen wird, heisst es, werde nicht geschossen. Die Realität ist aber anders: es wird geredet, gesprengt und geschossen. In einen Dialog mit jemandem, der mich umbringen will zu treten, will leuchtet mir nicht ein. Über was soll verhandelt werden? Über das Abschlachten der Juden? Deshalb ist unglücklicherweise Dialog mit fanatisierten Feinden, deren alleiniger Lebensinhalt es ist Juden und Israel zu zerstören und eine Steinzeitkultur zu vertreten, die dem wirklichen Islam, wie mir von israelischen Muslimen erklärt worden ist, diametral entgegen steht, sinnlos. Trotzdem hoffe ich weiterhin, dass Alternativen zu Hass, Krieg und gegenseitige Ausgrenzung gefunden werden, um diese durch gegenseitigen Respekt, produktive Arbeit und Kooperation abzulösen. Vorläufig ist das noch ein Traum. Auch Israel begann als Traum.

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