19.7.2006
Ich stelle fest, dass sich unter vielen Israelis eine gewisse Angst entwickelt. Nicht wegen Katjuschas, Raketen oder den persönlichen Gefahren, sondern vor der Möglichkeit, dass sich die Regierung zwingen lässt, die Aktion gegen Hamas und Hisballah zu früh abzubrechen, statt ihr Ziel der völligen Ausschaltung dieser Banden zu erreichen. Das würde, so verstehe ich, sämtliche bisherigen Erfolge wertlos machen und die Gefahr der Hisballah wäre innert kürzester Zeit wieder da wie sie war. Zwar geben sich Olmert und Peretz selbstsicher und scheinen darauf zu bauen, diesen Feldzug wie geplant zu Ende zu bringen. Wie mir erklärt worden ist, wolle man dieses Ziel so schnell wie möglich erreichen, bevor grössere Unfälle oder Missgeschicke geschehen, wie das meist in einer solchen Situationfast unausweichlich erfolge. Damit gemeint seien durch Hisballahraketen verursachte Grossschäden mit grossen Opferzahlen, ein Missgeschick der israelischen Armee, das einer grossen Zahl unbeteiligter Libanesen das Leben kosten könnte sowie den Einsatz einer Landoffensive zu vermeiden. Deshalb ist das Ziel der Armee, ihren Plan vollständig aber möglichst schnell durchzuführen, um dann das Feld den Politikern zu überlassen. Heute steht in der Zeitung, die Armee brauche noch zehn bis vierzehn Tage um die Kampagne abzuschliessen. Da Condy Rice’s Besuch in Israel erst nächste Woche angesagt ist, könnte es sein, dass die amerikanische Regierung diesen Plan unterstützt und Israel hilft Zeit zu schinden, um den Job pflichtbewusst zu erledigen.
Eines meiner ständigen Diskussionsthemen mit arabischen und drusischen Freunden ist das Thema „Steuern“. Da immer wieder behauptet wird, dass Minderheiten in Israel vom Staat finanziell nicht gleich unterstützt werden, könnten ein paar Zeilen zu diesem Thema nützlich sein. Ganz besonders, seit sich in diesen Tagen herausgestellt hat, dass arabische Orte keine oder nicht genügend Luftschutzräume haben. Warum ist das so? Gehen wir in ordentlicher Art und Weise vor:
Sämtliche Munizipalitäten in Israel haben für ihre Arbeit zwei verschiedene Finanzquellen zur Verfügung. Für Dinge, die in der Verantwortung der Landesregierung stehen, wie Erziehung und Löhne erhalten sie das nötige Budget vom Staat. Für anderes, wie lokaler Strassenbau, Abfall- und Abwasserentsorgung, Hochbau, öffentlicher Gartenbau, Wasserversorgung und ähnlichem sind sie auf die Einkünfte der „Arnona“ angewiesen. Arnona ist die Lokalsteuer, die von den Bürgern der Wohngemeinde auf Grund der Grösse seines Hauses oder Wohnung bezahlt wird. Das sind keine Bagatelleträge – wir bezahlen, als Beispiel, für unsere 150 m2 Wohnfläche monatlich rund 500 Schekel, wobei Wasserkosten und anderes nicht eingerechnet sind. Das ist in Zichron Ya’akov, so denke ich, ein Durchschnittswert.
Die vom Staat übernommenen Kosten werden budgetiert, aber besonders im Schulwesen werden arabische Schulen unterdotiert. Von Seham Abu-Shakra, Direktorin einer grossen Primarschule in Umm El-Fahm weiss ich, dass solche Diskrepanzen ausgebügelt werden, sobald in der Öffentlichkeit darüber reklamiert wird. Das ist zwar nicht die korrekte Art mit solchem umzugehen, doch vergessen wir nicht: wir sind im Orient und haben dessen Traditionen in Israel noch nicht völlig verwestlicht (als ob im Westen alles perfekt und sauber zugeht).
Wie mir Hana Hasisi, mein guter drusischer Freund aus Daliat-Al-Carmel, der politisiert und Mitglied des Zentralkommittees der Arbeitspartei ist (durch ihn lernte ich Itzchak Herzog und Ephraim Sneh recht gut kennen) versichert, werden über die budgetäre Benachteiligung israelischer Minderheiten (Hanis Drusen gehören auch dazu) durch den Staat, stark übertriebene Klagen laut, vor allem um die eigene Verantwortung dafür zu verbergen.
In einer ordentlich geführten Stadt wird die Arnona regelmässig bezahlt. Der Staat wacht darüber und Korruptionsfälle werden meist (aber nicht immer) entdeckt. Hingegen wird mit der Arnona wird in arabischen Städten und Dörfern oft Politik, d.h. Stimmenfang, betrieben. Lokalpolitiker kaufen bei Wahlen Stimmen, in dem sie Grossfamilien das Erlassen der Arnona versprechen, falls diese für sie stimmen würden. Auch wenn die Armut in der arabischen Gemeinschaft Israels stärker verbreitet ist, als unter den Juden, wohnt der durchschnittliche arabische Israeli in weit grösseren Häusern und Wohnungen, als der jüdische Israeli. Das geht ins grosse Geld, das dann in der Stadtkasse fehlt und in einigen arabischen Munizipalitäten in der Infrastruktur riesige Lücken verursacht. Es fehlt an Abwasserkanalisation, am Strassenbau und, eben, an Luftschutzkellern. Womit wir dort sind, wo ich hinsteuern wollte, nämlich zur Klage in Israel hätten arabischen Bürger keine Luftschutzkeller. Erstens ist das nur in wenigen Dörfern wirklich der Fall, und wenn, dann aus obengenannten Gründen. Der Staat ist insofern mitschuldig, dass er, so scheint es mir, keine Kontrolle darüber ausübte, ob die gesetzlich vorgeschriebenen Luftschutzkeller überhaupt gebaut worden sind.
Verhältnismässigkeit ist ein Wort auf das ich allergisch geworden bin. Israel verhalte sich gegenüber Terroristen, die seine Bürger ermorden und das Land zerstören wollen mit unverhältnismässiger Gegengewalt. Je länger ich diesen Unsinn höre, umso weniger verstehe ich was damit gemeint ist. Soll auf jeden in die Luft gesprengten israelischen Autobus ein arabischer Autobus mit genau gleich viel Insassen zerstört werden? Soll auf jede Entführung oder Ermordung eines Israelis ein Palästinenser oder Libanese entführt oder ermordet werden? Oder sollen wir gar all die Tausenden von Raketen, die aus dem Gazastreifen von der Hamas und aus dem Libanon von Hisballah abgeschossen werden zählen, um die genau gleiche Anzahl zurückzuschiessen? Genau so unsinnig wie diese ironischen Vorschläge, sind die Klagen über die Unverhältnismässigkeit der israelischen Kriegsführung gegen Feinde, die nicht über einen Grenzverlauf oder irgend eine Bagatelle feilschen, sondern schlicht und einfach Israel und alle seine Bewohner auslöschen wollen. Sogar unter Berücksichtigung dieser Tatsache benimmt sich die israelische Armee noch immer zurückhaltend, weit zu zurückhaltend für viele unserer Bürger.
Heute Abend, etwa um sechs Uhr, heulten in Zichron Ya’akov die Sirenen. Wir setzten uns brav im Schutzraum vor den Fernsehapparat. Dieser Alarm war ein Flop und soll irrtümlicherweise ausgeben worden sein. Aber weiter im Norden, in der Gegend unserer Kinder und Freunde krachts und brennts. Unser Sohn Jehoschua und unser Schwiegersohn Motti sind dort geblieben, sie arbeiten und wollen im eigenen Bett schlafen, unser zweitältester Enkel auch, denn er weigert sich zu seinen Grosseltern zu ziehen, trotz Ferien und Gefahren. Doch ich möchte wiederholen: Panik ist kaum zu finden, die Israelis, egal welcher Herkunft, verhalten sich vernünftig und sehr hilfsbereit. Es herrscht eine Atmosphäre, die mich stark an die Tage des Sechstagekrieges (1967) und des Jom-Kippurkrieges (1973) erinnern, in denen Lea sich mit den Nachbarinnen um Haus und Kinder kümmerte und wiederholt in den Luftschutzkeller eilen musste, während ich anderswo kriegerisch tätig war. Trotz den gesellschaftlichen Schwierigkeiten, durch die relativ neuen grossen sozialen Unterschiede, kommen heute vergessen geglaubte Qualitäten zum Vorschein, die mich positiv überraschen. Nur schade, dass es dazu Krisen braucht.