Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Freitag, Juni 30, 2006

Ueber den "Glauben"

Ich will hier nicht Geschichte wiederkäuen und Geschehnisse wie die „Schlacht“ von Jenin, das Märtyrertum des kleinen Mohammed Al-Dura und nun als neustes dieser unvollständigen Aufzählung den Tod einer Familie am Strand von Gaza breitschlagen. Wenn so etwas passiert wird als erstes von Armeesprechern gestottert, dann entschuldigt man sich eiligst und erst nachdem die ganze Welt sich mit Israel böse gibt, werden die Fakten untersucht. In den drei hier genannten Beispielen haben die Palästinenser die Welt an der Nase herumgeführt, die Presse ist sofort darauf hereingefallen und hat in diesem Sinne berichtet. Wenige haben die Angelegenheit selbst hinterfragt, eine Ausnahme dafür ist ein selbst recherchierter Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 16. Juni 2006. Schlussendlich bleibt es jedem selbst überlassen, wem zu glauben sei: der israelischen Armee, den Palästinensern oder der Süddeutschen Zeitung. Nur eines ist bewiesen: alles zwischen Israel und der muslimischen Welt geschehende, ist zur Glaubensfrage geworden. Es kann noch so abstrus sein, es muss nicht einmal stattgefunden haben – entweder man glaubt es oder man glaubt es nicht – unbesehen der Beweislage, Realität und allfälligem Wissen über Hintergründe, die dazu geführt haben könnten.

Deshalb bin ich enttäuscht mit der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, die am 2. Juli 2006 mit einer Veranstaltung unter dem Motto „Jüdischer Staat – demokratischer Staat?“ voraussichtlich ein Hassfest auf die Öffentlichkeit loslässt. Warum gibt sie sich dazu her? Israel ist so demokratisch wie die Schweiz, seine Probleme sind anders aber in vielem wiederum die selben. Die Finanzwelt bestimmt soziales, beide Länder schlagen sich mit Fremdarbeiter- und Flüchtlingsproblemen herum, die praktisch identisch sind in Ausmass und Hintergrund. Zwia Greenfield, eine fabelhafte und mutige Frau, die es fertig bringt Feminismus und Friedenspolitik mit ihrem haredischen Lebensstil zu vereinen, soll, so scheint mir, von antizionistischen jüdischen Elementen verbraten werden. Sie wird als „Aufhänger“ missbraucht. Zwia, die ich persönlich kennen gelernt habe, ist sich dessen wohl kaum bewusst. Wenn ich die Namen weiterer Teilnehmer dieses Anlasses ansehe, könnte meine Theorie stimmen: Idith Zertal und Shelly Berlowitz der famosen Gruppierung „Jüdinnen und Juden für einen gerechten Frieden“ – jüdische Gutmenschen, die Hass sähen und es, wie Jochi Weil, nicht merken. Wie mir gesagt wurde, soll der Abend den Dialog zwischen Israel und Hamas fördern. Ich hoffe es bleibt beim Dialog zwischen den „Juden und Jüdinnen“ und Hamas, denn ich sehe keine Möglichkeit und keinen Zweck mit einer vollkommen rassistischen und reaktionären Bewegung wie diese über irgendwelche Abkommen zu sprechen. Nur schon die Idee mit jemandem zu verhandeln, dessen erklärtes Ziel es ist, mich umzubringen, verstehe ich nicht.

Einige meiner Zürcher Freunde regen sich nicht einmal mehr auf, sie werden einfach nicht teilnehmen. Das wiederum ist schade, wenn auch verständlich. Aus eigener Zürcher Erfahrung weiss ich, dass an solchen „Hassfesten“ unangenehm Auffallende einfach niedergeschrieen, bestenfalls übersehen und nicht zu Wort gelassen werden. Zudem sind Kreise, wie die oben genannten, mit Ausnahme von Zwia, schädlich für die Gesundheit.

Ich denke, dass diese Art von Anlässen in der Schweiz mit der Israelmüdigkeit zu tun haben, von der Teile der Schweizer Judenheit befallen sind. Israel wird für sie zum Hindernis, sich als Schweizer zu sehen und zu fühlen, als Jude gerät man in einen eigentlich überflüssigen Erklärungsnotstand. Israel ist heute für viele Schweizer Juden ein Stein am Bein. Eine Schlüsselfrage dazu wird und wurde vielen Schweizer Juden, so auch mir, recht oft im Kontext eines real existierenden Wissensdursts im Zusammenhang mit Israel gestellt und direkt mit dem jüdischen Gefragten in Verbindung gebracht. Nämlich die berühmte und variantenreiche Frage über „Euer“ Land, die oft unschuldig, wenn auch gedankenlos gestellt wird und einen währschaften Schweizer Juden innerlich kochen lässt. Ich muss gestehen, dass ein ähnliches Phänomen auch in Israel besteht, wenn ein Jude, ebenso gedankenlos im Gespräch, mit „Israelis“ nur jüdische Israelis meint und arabische Bürger Israelis mit „Araber“ bezeichnet – eine grundsätzlich noch fatalere Bemerkung, die ich jedem, der sie ausspricht, sofort korrigiere und meist ein verlegenes Lächeln und gelegentlich eine Entschuldigung ernte.