Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Sonntag, Juni 11, 2006

Nichts gelernt?

„All das will der Lieberman an den palästinensischen Staat abschieben“, sagte mein Freund Louis Loewenthal, als wir heute auf der Terrasse „unserer“ Kunstgalerie Umm El-Fahm standen und die Stadt im späten Nachmittagslicht betrachteten. Das weiche Licht, eine Spezialität der Länder ums Mittelmeer, brachte die vielen Einzelheiten dieser an einem steilen Hügel gelegenen Stadt dreidimensional in ausgewogenen Farben zur Geltung. Die goldenen Dächer der Moscheen glänzten und reflektierten das Sonnenlicht, die Häuser, viele in einer Ockerfarbe, die man nur in eben diesem Licht zu sehen bekommt, wiedergeben eine eigentlich kaum bestehende Ruhe, an der man erst zu zweifeln beginnt, wenn sich der Verkehrslärm der steilen Hauptstrasse Umm El-Fahms durchsetzt. Umm El-Fahm ist an einem steilen Hügel gelegen, die obersten Häuser bilden den Horizont, hinter dem, von unten nicht sichtbar, der israelische Trenn- und Sicherheitszaun durchführt.

Über Louis und seine Frau Susan habe ich vor einem Jahr ausführlich geschrieben (Tagebucheintrag 11.6.2006, am Schluss des heutigen Eintrags nochmals teilweise eingefügt). Inzwischen sind wir uns nähergekommen, wir telefonieren einander, tauschen Informationen aus und sind enttäuscht über die hiesigen Geschehnisse, besonders in der israelischen Politik, von der wir mehr Mut und mehr positive Entscheidungen erwarten und von der wir oft enttäuscht worden sind.

Ich fragte Louis, ob vielleicht der Lieberman seine alle paar Tage oder Wochen in der ganzen Welt publizierten rassistischen Sprüche gar nicht ernst meine, sondern nur provozieren wolle. Louis ist überzeugt, dass Lieberman es ernst meint. Es ernst meint, grosse Teile mit Arabern bewohnte Gebiete Israels samt Einwohnern an die PA abzutreten. Sie so auszubürgern, wie es mit uns Juden in Deutschland in den dreissiger Jahren geschehen ist. Gebiete deren israelische Bürger nicht gefragt werden und gefragt oder ungefragt, sich mit Händen und Füssen dagegen wehren. Lieberman meint es ernst mit seiner rassistischen Tirade an der Knesseteröffnung vor einigen Tagen, als er verlangte, sämtliche arabische Knessetabgeordneten als Verräter aufzuhängen. Es ist nicht mehr nur schlechter Geschmack, sondern Liebermans Rassismus ist zu einer ernsthaften Gefahr für alle Israelis geworden, egal zu welchem Volksteil sie gehören. Wie können wir uns erlauben Frankreich wegen Le Pen oder Österreich wegen Jörg Haider zu kritisieren, wenn wir selbst solchen Unrat zu bieten haben und nicht damit umgehen können?
„Der Entscheid des Obersten Gerichts, der die freie Partnerwahl arabischer Israelis fast völlig unterbindet, ist ein moralischer Tiefstpunkt in der israelischen Geschichte“, sagte ich zu Louis und meinte damit den kürzlich erfolgten Gerichtsentscheid. Wieder einmal wird das Sicherheitsargument zu grundsätzlich rassistischer Gesetzgebung missbraucht. „Wir Juden scheinen aus unserer eigenen Geschichte nichts gelernt zu haben“, pflichtete mir Louis bei. Wie er kürzlich von einem Bekannten, der sich mit Sicherheitsfragen befasst, zu hören bekam seien in der gesamten Geschichte Israels bisher 22 arabische Bürger als Spione oder ähnliches für unsere Feinde überführt worden. Durch diesen Gerichtsbeschluss sind etwa 20'000 israelische Bürger betroffen – nur weil sie Araber sind und ohne je etwas Ungesetzliches getan zu haben. Wobei wir nicht vergessen sollten, dass aus ebenso rassistischen, aber nicht aus „Gründen nationaler Sicherheit“, das israelische Rabbinat jüdischen Bürgern das Heiraten erschwert und dabei noch mehr Menschen (diesmal Juden) das Leben verbittert. Denn wenn ein jüdischer Mensch leichtsinnig denkt, er sei Jude, heisst das noch lange nicht, dass die das israelische Zivilrechtssystem beherrschenden Rabbiner und ihre ihnen hörigen Funktionäre der staatlichen Bürokratie, dies auch so sehen.Immerhin hat sich Jacques Ungar in seinem eindeutigen „Tachles“ Editorial (Ausgabe 20/2006) genauso aufgeregt wie Louis und ich. Es geht ja gar nicht darum israelische Araber besonders zu lieben oder zu hassen, denn wir sollten sie einfach als israelische Bürger betrachten, weil wir es uns als Juden dem eigenen Anstand (manche nennen das Ethos) schuldig sind. Mit diesem Heiratsurteil, genau so wie mit Liebermanns Faschismus, ist unsere Gesellschaft gefordert, sich auf jüdischen Anstand zu besinnen (schliesslich sind 80% aller Israelis Juden) und das aus der eigenen Geschichte gelernte diesmal nicht als Opfer, sondern als Täter, nicht zu wiederholen.