Nichts gelernt?
Über Louis und seine Frau Susan habe ich vor einem Jahr ausführlich geschrieben (Tagebucheintrag 11.6.2006, am Schluss des heutigen Eintrags nochmals teilweise eingefügt). Inzwischen sind wir uns nähergekommen, wir telefonieren einander, tauschen Informationen aus und sind enttäuscht über die hiesigen Geschehnisse, besonders in der israelischen Politik, von der wir mehr Mut und mehr positive Entscheidungen erwarten und von der wir oft enttäuscht worden sind.
Ich fragte Louis, ob vielleicht der Lieberman seine alle paar Tage oder Wochen in der ganzen Welt publizierten rassistischen Sprüche gar nicht ernst meine, sondern nur provozieren wolle. Louis ist überzeugt, dass Lieberman es ernst meint. Es ernst meint, grosse Teile mit Arabern bewohnte Gebiete Israels samt Einwohnern an die PA abzutreten. Sie so auszubürgern, wie es mit uns Juden in Deutschland in den dreissiger Jahren geschehen ist. Gebiete deren israelische Bürger nicht gefragt werden und gefragt oder ungefragt, sich mit Händen und Füssen dagegen wehren. Lieberman meint es ernst mit seiner rassistischen Tirade an der Knesseteröffnung vor einigen Tagen, als er verlangte, sämtliche arabische Knessetabgeordneten als Verräter aufzuhängen. Es ist nicht mehr nur schlechter Geschmack, sondern Liebermans Rassismus ist zu einer ernsthaften Gefahr für alle Israelis geworden, egal zu welchem Volksteil sie gehören. Wie können wir uns erlauben Frankreich wegen Le Pen oder Österreich wegen Jörg Haider zu kritisieren, wenn wir selbst solchen Unrat zu bieten haben und nicht damit umgehen können?
„Der Entscheid des Obersten Gerichts, der die freie Partnerwahl arabischer Israelis fast völlig unterbindet, ist ein moralischer Tiefstpunkt in der israelischen Geschichte“, sagte ich zu Louis und meinte damit den kürzlich erfolgten Gerichtsentscheid. Wieder einmal wird das Sicherheitsargument zu grundsätzlich rassistischer Gesetzgebung missbraucht. „Wir Juden scheinen aus unserer eigenen Geschichte nichts gelernt zu haben“, pflichtete mir Louis bei. Wie er kürzlich von einem Bekannten, der sich mit Sicherheitsfragen befasst, zu hören bekam seien in der gesamten Geschichte Israels bisher 22 arabische Bürger als Spione oder ähnliches für unsere Feinde überführt worden. Durch diesen Gerichtsbeschluss sind etwa 20'000 israelische Bürger betroffen – nur weil sie Araber sind und ohne je etwas Ungesetzliches getan zu haben. Wobei wir nicht vergessen sollten, dass aus ebenso rassistischen, aber nicht aus „Gründen nationaler Sicherheit“, das israelische Rabbinat jüdischen Bürgern das Heiraten erschwert und dabei noch mehr Menschen (diesmal Juden) das Leben verbittert. Denn wenn ein jüdischer Mensch leichtsinnig denkt, er sei Jude, heisst das noch lange nicht, dass die das israelische Zivilrechtssystem beherrschenden Rabbiner und ihre ihnen hörigen Funktionäre der staatlichen Bürokratie, dies auch so sehen.Immerhin hat sich Jacques Ungar in seinem eindeutigen „Tachles“ Editorial (Ausgabe 20/2006) genauso aufgeregt wie Louis und ich. Es geht ja gar nicht darum israelische Araber besonders zu lieben oder zu hassen, denn wir sollten sie einfach als israelische Bürger betrachten, weil wir es uns als Juden dem eigenen Anstand (manche nennen das Ethos) schuldig sind. Mit diesem Heiratsurteil, genau so wie mit Liebermanns Faschismus, ist unsere Gesellschaft gefordert, sich auf jüdischen Anstand zu besinnen (schliesslich sind 80% aller Israelis Juden) und das aus der eigenen Geschichte gelernte diesmal nicht als Opfer, sondern als Täter, nicht zu wiederholen.

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