Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Freitag, April 14, 2006

FIFA und die Politik durchlöcherter Fussballplätze

Am 7. April, also vor einer Woche, schrieb ich, verärgert über die Reaktion der FIFA zu einem Loch auf dem Rasen des Fussballplatzes in Gaza, einen Brief an Sepp Blatter, dem Präsidenten dieser Organisation. In der NZZ schrieb George Szpiro ähnliches in gekonnt kürzerer Form. Dieser Druck aus der Feder von Russak und Szpiro scheint gewirkt zu haben denke ich jetzt gerne, auch wenn Selbstüberschätzung bei Israelis inhärent ist. FIFA hat bekannt gegeben, die Rasenreparatur bezahlen zu wollen. Meinem Schwager, der aus dem Kibbuz Sikkim stammt, riet ich die Kibbuzleitung zu veranlassen, der FIFA die Rechnung für die Instandstellung ihres eigenen Fussballrasens zu senden. Denn auf dem dortigen Fussballfeld verursachte eine palästinensische Rakete ein Loch, das ebenfalls repariert werden sollte.
Hier also mein persönlicher Brief an Sepp, der Welt oberster Fussballfunktionär:

Lieber Sepp,
Als Zürcher, der seit sechs Jahren in Israel wohnt, möchte ich Dir mein Erstaunen über den Unsinn von Sanktionen gegen Israel wegen einem Artilleriegeschoss, dass bestimmt ungeplant auf dem Fussballplatz von Gaza gelandet ist und Schaden am Rasen angerichtet hat, ausdrücken. Dieser Schaden war am Fernsehen zu besichtigen – ein imponierendes Loch.

Fussballplätze scheinen in dieser Region als Landeorte für Geschosse in Mode zu kommen. Eine palästinensische Rakete explodierte vor kurzem auf dem Fussballplatz des Kibbuz Carmia und hat dort ähnlichen Schaden angerichtet. Beide Male sind, Gott sei Dank, keine Menschen zu Schaden gekommen. Die Tschutter von Carmia nehmen allerdings nicht an internationalen Tournieren teil.

Ich bitte Dich, die FIFA aus der Politik herauszuhalten. Sonst müsste sie Kriterien bestimmen und das wäre nun ausgesprochen schwierig, wenn nicht unmöglich. Niemand würde gewinnen, alle verlieren – am meisten die FIFA.

Als ehemaliger FCZ-Fan, bin ich nun, da in Israel, Anhänger des arabischen Fussballklubs Sakhnin, in dem zwar auch Juden spielen, aber als arabisch-israelischer Fussballklub und Cupsieger schon im UEFA-Cup mitgespielt hat. Es gibt in Israel eine beträchtliche Anzahl von arabischen Fussballern, die auch in „jüdischen“ Klubs der Topliga mitspielen und sogar in der Nationalmannschaft vertreten sind. Diese Spieler werden leider gelegentlich von rassistischen Fans angepöbelt, worüber ich mich schäme. Ähnliches ist Dir bestimmt auch aus anderen Ländern bekannt.

Ich bin alles andere als ein politisch rechtsstehender nationalistischer Idiot, bestenfalls ein linker Trottel, der aktiv Verständigung zwischen Arabern und Juden in Israel sucht. Die Angelegenheit mit dem Gaza Fussplatz hat mit Sport gar nichts zu tun und war schlimmstenfalls eine ungewollte Fehlleistung der israelischen Armee.

Wenn ich schon dabei bin: obwohl ich nicht weiss, ob Du beim kürzlich stattgefundenen Spiel Barcelona – Israel/Palästina in Spanien, das vom Shimon Peres Friedensinstitute gesponsert worden war, involviert warst, möchte ich mich dafür bedanken, denn das ist der richtige Weg, wenn man schon in diesem Konflikt mitmischen will.

Ich hoffe im Herbst wieder bei Jacky Donatz, den ich noch von meiner Zeit als PR-Chef einer ABB Firma gut kenne, speisen zu können. Suppenfleisch wie das seine kriegt man hier nicht. Falls ich das schaffe, darfst Du mich zu einem Drink einladen.

Mit herzlichen Grüssen

Paul Uri Russak
7.4.2006