Leben in Israel - Uris Tagebuch

Uri Russak schreibt Persönliches. Er schreibt über Politik, angewandten Zionismus und über seine Freunde - Juden, Araber, Drusen, Christen in Israel und ausserhalb. Er selbst sieht sich als Realist, kann Exremisten jeder Art nicht ausstehen. In Israel wird er oft Linksextremist genannt, im Ausland, besonders in der Schweiz, wo er geboren wurde, wird er als Rechter beschimpft. Das gefällt ihm.

Name:
Standort: Zichron Ya'akov, Israel

Das Leben in Israel ist nie langweilig. Von vielen gehasst und von vielen respektiert ist unser Land das erfolgreichste Projekt seit dem zweiten Weltkrieg, was natürlich nicht von allen gern gehört wird aber dennoch stimmt. Ich lebe und atme dieses Land, kritisiere viel und bin täglich wieder beeindruckt über die Energie und die Kreativität der Israelis und ihrer ans Anarchische grenzende Demokratie. Ich bin Aktivist für Koexistenz mit den arabischen Mitbürgern, gelte hier als politisch Linker, während ich in der Schweiz, wo mein Zielpublikum mehrheitlich lebt, bei einigen als Rechtsextremist verschrien bin, womit ich ganz gut leben kann.

Mittwoch, März 29, 2006

Die Alten kommen

Gestern spät in der Nacht war in der rollenden Wahlreportage des Fernsehens ein alter kleiner Herr zu sehen, der vor Freude kaum noch reden konnte, von hören anscheinend überhaupt keine Rede mehr. Er heisst Rafael Eitan und ist die Nummer Eins der Parteiliste der „Rentnerpartei“, die an den Wahlen von gestern sieben Sitze eroberten. Sie kamen aus dem Nichts und sind nun da. Rafi Eitan hatte offenbar Hörschwierigkeiten und rief wiederholt: „ich kann nichts hören“. Dann wurde berichtet, er müsse sich ausruhen und habe sich zu einem Schläfchen zurückgezogen. Rafi Eitan könnte einer der Minister der neuen Regierung werden. Ich muss gestehen, dass ich von der Rentnerpartei bis anhin kaum Kenntnis genommen hatte. Sie ist, so denke ich, durch Amir Peretz der Arbeitspartei, der endlich soziale Themen in den Wahlkampf einbrachte, dadurch indirekt unterstützt worden.
Ich predigte in der Vergangenheit verschiedentlich, dass, wenn die Wirtschaft nur auf Kosten des Volkes saniert werde, die Armut in Israel weiter wachsen, das Bildungssystem zusammenkrachen und das Gesundheitswesen auf Drittweltniveau sinken werde. Diese Gefahr ist dadurch entstanden, dass bisher sämtliche Ministerpräsidenten Israels ihre Aufmerksamkeit ausschliesslich der Aussen- und Sicherheitspolitik widmeten und kaum Interesse an der Lebensqualität der Bürger zeigten. Mein Mantra war und ist noch immer: Wenn wir nicht unserem Volk Sorge tragen, werden wir eines Tages aufwachen und feststellen, dass das Land es nicht mehr wert ist, verteidigt zu werden. Im Gegensatz zu arabischen Ländern, darf und kann die israelische Regierung nicht alle internen Schwierigkeiten auf andere abschieben, statt Sündenböcke zu suchen, muss sie eigene Lösungen finden. Amir Peretz hat das nun zum Thema gemacht, die anderen Parteien sind auf diesen Zug aufgesprungen, doch glaubwürdig blieb nur Peretz, der standhaft seine Berater abwimmelte und bei seinem Wahlthema blieb. Die Rentnerpartei hat wohl der Arbeitspartei Stimmen abgeworben, doch wird sie sich, so denke ich, exklusiv bei den sozialen Themen, wie Renten und Gesundheitswesen abonnieren. Interessant ist, dass viele junge Menschen für die Rentnerpartei gestimmt haben, unsere Pflegerin Michal, ist eine davon. Durch ihre Arbeit bei Alten hat sie gemerkt was los und wo in der Altern- und Krankenpflege Änderungen dringend notwendig sind. Mich wundert’s, ob der alte Rafi Eitan Gesundheitsminister werden wird. Er könnte es eigentlich nur besser als die Bisherigen machen. Weder Scharon noch Peres, die beide Eitan’s Alter sogar noch übertreffen, waren je auf die Idee gekommen, exklusiv die Partikularinteressen ihrer Altersgruppe zu vertreten. Für Scharon ist es zu spät, Peres könnte das noch schaffen, doch fehlt ihm dazu Bescheidenheit.
Nach diesen Wahlen sind die Aktienkurse auf der Tel Aviver Börse leicht gesunken. Das verwundert nicht, denn nur schon der Absturz der Likud Bewegung unter Nethanyahu und das unerwartet schlechte Abschneiden von Kadima unter Olmert sind meines Erachtens die Folge einer Revolte des kleinen Mannes, der sich für die wirtschaftlichen Massnahmen dieser Zwei (vor allem Nethanyahu’s) auf seine Kosten an der Urne rächen konnte.
Unter dem Schlussstrich vermerke ich positiv, dass das extremistische nationale Lager der Siedler und der Nationalreligiösen heute mit abgesägten Hosen dasteht. Wo Liebermann hingehört verstehe ich nicht ganz – er ist zwar ein höchst unsympathischer Nationalist mit rassistischen Untertönen und Absichten, was jedch seine soziale Ader betrifft weiss anscheinend niemand, wo diese hingehört oder ob sie überhaupt zu finden ist. Im ganzen hat Israel mit diesem Wahlresultat eine radikale nationalistische Phase überwunden, beide grossen Parteien begrüssen den wie auch immer gestalteten Abzug aus der Westbank – wie wird die Realität der nahen Zukunft aussehen?