| Vor zwei Tagen war ich mit Lea an der Hebräischen Universität auf dem Mount Scopus. Prof. Henry Steiner, Menschenrechtsjurist der Harvard Universität, hielt einen interessanten Vortrag vor kleinem Kreis. Unter anderem sprach er über den Dialog, der mit Staaten in denen schwere Menschrechtsverletzungen zum Alltag gehören, geführt werden müsse. Also Staaten, in denen nicht Demokratie und Freiheit sondern Angst, Hass und Gewalt herrschen und deren Bürger keine Ahnung haben, wie sich Freiheit eigentlich anfühlt, wie es sich als freier Mensch lebt. Wie die Mehrheit der arabischen und viele der muslimischen Länder - um das anschaulichste Beispiel zu nennen, das sich heute anbietet.Über Menschenrechte gibt es nichts zu diskutieren. Jeder Bürger der freien Welt weiss was damit gemeint ist – um die Definition geht es schon lange nicht mehr – ausser natürlich in den Ländern, denen das Gewähren von Menschenrechten die Herrschaft der Mächtigen untergraben würde und deshalb durch das Vorschieben religiöser und kultureller Gründe erfolgreich abgewehrt werden. Aber Professor Steiner ist es klar, dass Menschenrechte nur auf Grund eines immerwährenden Dialogs mit diktatorischen und antidemokratischen Regimen und ihren Völkern langsam, nach dem alten Motto „Ein steter Tropfen höhlt den Stein“, schmackhaft gemacht werden können.Denkt er! Ein solcher Dialog der Kulturen und Religionen gleicht dem Dialog, den die deutschen Juden mit dem deutschen Volk meinten geführt zu haben – bis sie spätestens 1939 merkten, dass sie einer Illusion aufgesessen waren. Gerschom Scholem nannte den Vorgang ein „jüdisches Selbstgespräch“, das auf die Einstellung der Deutschen zu den Juden völlig wirkungslos blieb (Hendryk M. Broder).Dialog ist das heutige Wundermittel, welches Huntington’s Zusammenprall der Zivilisationen verhindern soll. Dabei fehlt jedoch völlig der Respekt der muslimischen Seite für die unsere, die westliche. Solange geredet wird, werde nicht geschossen, hörte ich einen Radiokommentator vor langer Zeit sagen. Im Fall des Zusammenpralls westlicher Kultur mit der muslimischen stimmt das nicht – es gilt das sowohl als auch: es wird geredet und geschossen, gepredigt und gemordet.Massgeblich für diesen Dialogfimmels ist die Furcht für sich und seine eigenen Werte einzustehen. Dabei ist dieser „Zusammenprall der Zivilisationen“ im Endeffekt vor allem ein „Zusammenprall der Werte“. Werte sind ein Produkt von Religion und Kultur. Werte bestimmen die Beziehung zwischen uns selbst und zu Völkern, deren Werte eben anders sind, was nicht eine „Wertung der Werte“ zu sein braucht. Unsere Werte sind eine offene Gesellschaft ohne Angst, freie Meinungsäusserung, Gleichstellung von Mann und Frau, demokratische Regierungsformen, eine Minderheitenpolitik des Anstandes, Freiheit von Religionen und Freiheit der Religionen, um einige dieser Werte zu nennen. Wobei in der westlichen Welt, inklusive Israel oder die Schweiz, noch lange nicht alles ideal ist – das müssen wir ehrlicherweise eingestehen.Dialog verlangt gegenseitigen Respekt. Der Westen wird von den Islamisten nicht nur nicht repektiert, sondern wegen „moralischer Degeneriertheit“ (das steht pauschal für das westliche Wertesystem) gehasst, seine Technologien werden missbraucht um diesen Hass zu verbreiten. Mit Kolonialismus hat das schon lange nichts mehr zu tun – der wird vorgeschoben, weil wirkliche Argumente fehlen.Auf der anderen Seite frage ich mich, wieweit wir die heutigen muslimischen Werte respektieren können. Wie können wir die kulturelle Identität islamischer Länder achten? Um nochmals Broder zu zitieren, der fragt: Indem wir das schöne Ritual des freitagnächmittäglichen Handabhackens auch bei uns einführen? Indem wir unsere Frauen zuerst genital verstümmeln und dann unter Burkas und Tschadors verstecken? Indem wir Homosexuelle öffentlich hängen und Ehebrecherinnen steinigen? Sollen wir eine Liste der Themen aufstellen, die nicht behandelt werden dürfen, weder gezeichnet oder beschrieben? Sollen wir auf unsere eigene freiheitliche und offene Gesellschaft verzichten und den grossen Schritt zurück ins Mittelalter vollziehen, in dem die muslimische Welt mehrheitlich noch immer festsitzt?Ein Dialog dieser Art kann nur im Kleinen stattfinden. Indem wir mit unseren muslimischen Nachbarn Umgang pflegen, indem wir deren kulturelle Eigenheiten den unseren gleichstellen, solange sie diese nicht bedrohen, in dem wir arabische Hände, die uns in Freundschaft angeboten werden, in Freundschaft ergreifen und den Umgang mit diesen Freunden „auf gleicher Augenhöhe“ pflegen, wie mein Freund Said Abu-Shakra aus Umm El-Fahm zu sagen liebt, weil er, trotz gelegentlichen Frustrationen, es schätzt, in einer freien Gesellschaft zu leben, zu der neunzig Prozent der muslimisch-arabischen Welt keinen Zugang hat.Ein Dialog dieser Art darf aber nur stattfinden, wenn wir Grenzen setzen – die Grenze die uns vom eigenen Selbstrespekt vorgegeben werden sollte. |
0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
<< Home